Nach Verkauf der Aufzugsparte: Bei Thyssen-Krupp beginnt ein schmerzhafter Umbau
Bald unter neuem Namen erhältlich.
Foto: ArtistDüsseldorf. Wer die Eingangshalle der Essener Zentrale von Thyssen-Krupp betritt, bemerkt als Erstes die beiden gläsernen Aufzüge, die sich an einer Wand im Inneren des Gebäudes nahezu geräuschlos auf und ab bewegen. Die Sparte stand über viele Jahre für die Zukunft des Konzerns: ertragreich, technologisch anspruchsvoll, in einem wachsenden Markt unterwegs.
Damit ist es nun auf absehbare Zeit vorbei. Der Ruhrkonzern hat angekündigt, sein profitabelstes Geschäft für 17,2 Milliarden Euro an ein Konsortium bestehend aus den Finanzinvestoren Advent, Cinven und der Essener RAG-Stiftung zu verkaufen. Zwar bleibt Thyssen-Krupp mit einer Rückbeteiligung von 1,25 Milliarden Euro am Aufzugsgeschäft beteiligt. Doch der Name Thyssen-Krupp Elevator wird auf lange Sicht schwinden.
„Mit dem Erwerber ist vereinbart, dass er die Marke Thyssen-Krupp Elevator für eine Übergangsphase nutzen kann“, erklärte M&A-Chef Volkmar Dinstuhl am Freitag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. „Im Anschluss daran soll eine neue Marke eingeführt werden.“
Mit dem Verkauf geht Vorstandschefin Martina Merz ein schmerzhaftes Opfer ein, um die verbleibenden Konzernteile bilanziell zu sanieren. Thyssen-Krupp saß zuletzt auf Nettofinanzschulden in Höhe von 7,2 Milliarden Euro sowie Pensionsverpflichtungen von neun Milliarden Euro.
Eigenkapital ist praktisch nicht vorhanden. So lag das Gearing, also das Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital zuletzt bei bedrohlichen 370 Prozent. Die Ratingagentur Moody’s stufte die Anleihen des Unternehmens vor wenigen Wochen als „hochspekulativ“ ein. Das bedeutet übersetzt: Verschlechtert sich die Lage des Unternehmens, wird ein Zahlungsausfall wahrscheinlich.
Erlös soll Löcher in der Bilanz stopfen
Mit dem Erlös aus der Elevator-Transaktion kann Merz die Löcher in der Bilanz aber endgültig stopfen. Den Großteil der Pensionsverpflichtungen will die Managerin in einem Treuhandfonds ausfinanzieren, in den auch die Rückbeteiligung am Aufzugsgeschäft eingebracht wird. Schätzungen zufolge beläuft sich deren Höhe auf rund 15 Prozent. Damit könnten die Pensionäre, gemessen am Ebit des vergangenen Jahres, auf einen Gewinnanteil von mehr als 110 Millionen Euro hoffen.
Bislang gibt der Ruhrkonzern jährlich rund 500 Millionen Euro aus, um seine Pensionsverpflichtungen zu bedienen. Dieser Wert dürfte sich nun durch den Zufluss aus dem Verkauf auf absehbare Zeit drastisch reduzieren. Auch das Ausscheiden von gut 50.000 Mitarbeitern in der Aufzugsparte wirkt sich positiv auf die Belastung aus – wobei der Effekt mit rund 0,4 Milliarden Euro eher gering ausfällt.
Für die übrigen Sparten beginnt ein schmerzhafter Umbau. Im Fokus steht dabei zunächst vor allem die Stahlsparte, in der die IG Metall derzeit mit dem Management über einen Tarifvertrag für die Transformation verhandelt. Dabei geht es vor allem um die neue Strategie für die Sparte, die bislang den Abbau von 2.800 Arbeitsplätzen sowie zusätzliche Investitionen in Höhe von 800 Millionen Euro vorsieht, die über mehrere Jahre verteilt werden sollen.
Merz betonte nun erneut, dass sie Thyssen-Krupp zur Firmengruppe weiterentwickeln will, deren Geschäfte unabhängig nebeneinander, unterhalb einer schlanken Zentrale stehen, die die Arbeit der Tochterunternehmen koordiniert. Doch sie weiß auch, dass der Stahl dabei wohl eine dominante Rolle einnehmen wird.
„Ich kann mir gut vorstellen, dass man in einem Unternehmen wie Thyssen-Krupp durchaus Geschäfte hat, wo man selbst der beste, hundertprozentige Eigentümer ist“, sagte die Vorstandschefin. „Es gibt aber auch Geschäfte, da ist eine Zusammenarbeit mit einem Spezialisten für unsere Mitarbeiter und alle übrigen Stakeholder das Beste.“
Anlagebau und Grobblechsparte stehen zur Disposition
Für seinen Anlagenbau erwägt der Konzern bereits einen Verkauf. Auch die Grobblech-Sparte soll an einen anderen Eigentümer gehen – findet sich keiner, droht im Juni die Schließung. Ähnliche Szenarien wurden für Teile der Autozuliefersparte entworfen. Übrig blieben demnach im Extremfall nur der Werkstoffhandel, die Industriekomponenten und der Stahl. Dabei steht die Branche angesichts der immer strengeren Regulierung beim Klimaschutz vor riesigen Herausforderungen.
Bis zu zehn Milliarden Euro könnte der Umstieg auf die klimaneutrale Produktion allein Thyssen-Krupp in den nächsten 30 Jahren kosten. Denn ein kompletter Austausch der Anlagen ist notwendig, um die Kohle im Produktionsprozess durch Wasserstoff zu ersetzen.
Angesichts des hohen Schuldenbergs können die Stahlkocher dabei nicht auf Geld aus der Elevator-Transaktion hoffen. Dem Konzern als Ganzes verschafft die Finanzspritze aber immerhin eine Atempause.