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Nachruf Fiat-Chrysler trauert um Manager-Legende Sergio Marchionne

Charismatisch, unverblümt, unkonventionell: Top-Manager Sergio Marchionne rettete Fiat und Chrysler – und bekannte sich zu seiner Arbeitssucht.
25.07.2018 - 19:55 Uhr Kommentieren
Sergio Marchionne: Fiat-Chrysler trauert um eine Manager-Legende Quelle: LAURA MCDERMOTT /The New York Ti
Sergio Marchionne

Der Manager starb im Alter von 66 Jahren.

(Foto: LAURA MCDERMOTT /The New York Ti)

New York Der riesige fünfzackige Chrysler-Stern prangt ganz oben auf dem Hauptsitz von Chrysler in Auburn Hills. Jeder Mitarbeiter wusste: direkt darunter sitzen die Chefs. Den Ausblick vom 15. Stock auf die Vorstadt von Detroit genossen unter anderem Wolfgang Bernhard und Dieter Zetsche – damals, als Daimler und Chrysler noch ihre Hochzeit im Himmel feierten.

Die Sitzordnung änderte sich 2009. Sergio Marchionne weigerte sich, dort oben einzuziehen, als Fiat mitten in der Finanzkrise Chrysler übernahm. Der gebürtige Italiener nahm sich ein Büro gegenüber im Technikzentrum, alle anderen Vorstände folgten.

Das Signal war klar: Die Nähe zum Produkt zählt, es geht nicht um Privilegien, sondern um Kompetenz. Marchionne und sein Team beließen es nicht bei der Geste. Das bankrotte Unternehmen Chrysler schwang sich zu neuen Höhen auf. Zahlreiche neue Modelle, smartes Marketing und innovative Vertriebsstrategien belebten den drittgrößten US-Autohersteller. Für Marchionne war es ein Triumph und einer von vielen gelungenen Turnarounds in seiner Karriere. In wenigen Monaten wollte Marchionne in den Ruhestand gehen.

Doch jetzt starb der 66-Jährige in einem Züricher Krankenhaus an Komplikationen, die nach einer Schulteroperation aufgetreten waren. Sein Gesundheitszustand war schon seit Tagen schlecht, bereits am vergangenen Samstag berief Fiat Chrysler mit Mike Manley einen neuen Vorstandschef. „Furchtbarerweise ist eingetreten, was wir befürchtet haben“, sagte John Elkann, Chairman von Fiat Chrysler. „Sergio Marchionne, ein Mensch und Freund, ist von uns gegangen.“

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    Ein Spaziergang durch den Konzernsitz von Chrysler ist eine zeitraubende Sache. Die Flure sind endlos, nur das US-Verteidigungsministerium im Pentagon verfügt über mehr Fläche unter einem Dach. Es gibt auch einen eigenen Friseursalon, in dem Terri Shear viele Jahre die Haare schnitt. 15 Dollar für Männer.

    Wenig Gepäck, immer die gleichen Sachen

    Gut kann sich Terri Shear an Marchionne erinnern, der ganze Salon war voll mit Sicherheitsleuten. Ein netter Mann, in Jeans und Pullover, wie all ihre neuen italienischen Kunden sehr eigen mit seinen Haaren. Ganz anders früher die Deutschen, die keine Ahnung von Haarmode gehabt hätten.

    Marchionne lief immer mit den gleichen Sachen herum. Dunkelblauer Pullover, Hemd und Jeans. Ganz genau 30 Stück hatte er von jedem Teil in jedem seiner drei Häuser in Turin, Michigan und der Schweiz. Damit musste er morgens weniger nachdenken, was er anzieht, wie er einmal erzählte, und nicht immer viel Gepäck mit sich herumschleppen: „Überall habe ich identische Sachen, einschließlich der Socken.“

    Der Manager arbeitete wie besessen. Ständig flog er mit dem Firmenjet zwischen den Hauptmärkten Amerika, Europa und Asien hin und her, schlief oft auf dem Sofa im Flieger. In Krisenzeiten trug er bis zu fünf Handys mit sich herum. Um sich auf Trab zu halten, trank der Fiat-Chrysler-Chef am laufenden Band Espresso und rauchte Kette. Die weiße Packung der italienischen Marke Muratti war immer in Griffnähe, bis er sich vor einem Jahr endlich das Rauchen abgewöhnte.

    Ganz offen gab Marchionne zu, arbeitssüchtig zu sein. Seine erste Ehe ging in die Brüche, seine zwei Kinder sah er selten. Mitarbeiter erhielten zu allen Tages- und Nachtzeiten E-Mails und Anrufe von ihrem Chef. Der verlangte viel, wie Reid Bigland nur zu gut wusste. Er war einer der Schlüsselleute für Marchionne und besetzte lange Zeit gleich mehrere Schlüsselposten bei Chrysler: US-Verkaufschef, Chef der wichtigen Marke Ram und des kanadischen Geschäfts.

    Das war eine Marotte von Marchionne, der Führungskräfte „alle möglichen Hüte“ tragen lässt, wie es Bigland ausdrückt. Die Grundidee: Wer gut ist, kann delegieren – und überlebt. Auch die Titel von Marchionne waren schier endlos: Vorstandschef von Fiat Chrysler, Chairman und Chef von Ferrari und Chairman von CNH Industrial, einem europäischen Hersteller von Traktoren, Lastwagen und Bussen.

    Ein weiteres Grundmerkmal vom Manager Marchionne: Ungeduld und Unverblümtheit. Der Turnaround-Spezialist warf beispielsweise 2004 bei Fiat oder 2009 bei Chrysler massenweise Führungskräfte raus, um sie mit Vertrauten zu ersetzen. Auf Pressekonferenzen drängelten sich die Journalisten um die Plätze, alle wussten: Marchionne redet nicht lange um den heißen Brei herum, gute Zitate waren immer zu holen. Einmal bezeichnete er das eigene Modell Jeep Commander als „nicht geeignet für den menschlichen Gebrauch“.

    Gegen alle Widerstände

    Bisweilen ging Marchionne zu weit. 2011 bezeichnete er die Zinsen der US-Staatskredite für Fiat Chrysler als „gaunerhaft“, am nächsten Tag musste er sich entschuldigen. Als die amerikanischen Umweltbehörden Manipulationen bei Fiat-Chrysler-Dieselfahrzeugen vermuteten, sagte er 2017, man müsse „illegales Material geraucht haben“, um sein Unternehmen mit VW zu vergleichen.

    Der ehemalige Fiat-Chrysler-Chef wuchs in einer kleinen Stadt in Italien auf. Sein Vater war ein Carabinieri. Die Familie wanderte 1966 nach Toronto in Kanada aus, Marchionne war 14 Jahre alt. Dort ging er später zur Universität, studierte Wirtschaft und Jura und fing bei der Unternehmensberatung Deloitte & Touche an.

    In der Schweiz machte er sich bei verschiedenen Industrieunternehmen einen Namen als Firmensanierer. Als er 2004 Chef von Fiat wurde, war das sein erster Job in der Autobranche. Dort setzte er sich gegen Politik, Gewerkschaften und Zweifler durch. Insgesamt stieg der Wert von Fiat unter seiner Führung um das Zehnfache.

    Eigentlich wollte Marchionne 2019 abtreten. Sein Abgang trifft das Unternehmen daher nicht völlig unvorbereitet. Trotzdem hinterlässt Marchionne ein großes Lücke. Es wirkt wie ein Vorbote kommender schwerer Zeiten, dass Fiat Chrysler am Mittwoch wegen enttäuschender Verkaufszahlen in China und eines schwachen zweiten Quartals seine Prognose für das Gesamtjahr nach unten schrauben musste.

    Statt eines Jahresumsatzes in Höhe von 125 Milliarden Euro rechnet der US-italienische Autobauer nur noch mit einem Umsatz zwischen 115 und 118 Millionen Euro. Nach Veröffentlichung der Zahlen brach der Aktienkurs von Fiat an der Mailänder Börse ein. Zwischenzeitlich verloren die Papiere mehr als zehn Prozent.

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