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Neue Erkenntnisse VW-Affäre geht weiter: Die frechen Tricks mit der Automatik

VW hat in den USA wegen falscher Verbrauchswerte eine Millionenstrafe gezahlt. Unterlagen und Zeugenaussagen legen nun nahe: Auch in Europa wurde systematisch manipuliert.
Update: 29.09.2019 - 18:49 Uhr Kommentieren
VW: Wie Volkswagen mit der Automatik trickste Quelle: dpa
VW-Diesel unter Verdacht

VW soll bei vielen Autos auch mit den Automatikgetrieben getrickst haben.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Friedrich Eichler war in Plauderlaune. Freimütig schilderte der führende VW-Ingenieur im November 2017 in seiner Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig, was man so alles am Getriebe machen konnte.

Eichler wird im Dieselskandal beschuldigt, für millionenfachen Kundenbetrug mitverantwortlich zu sein. Er soll daran mitgewirkt haben, dass Fahrzeuge nur auf dem Prüfstand die Abgaswerte einhielten, nicht aber auf der Straße.

Eichler, der seine Schuld bestreitet, zeigte sich an den zwei Vernehmungstagen im Norden äußerst fachkundig. Nicht nur der Katalysator sei geeignet gewesen, um an den Abgaswerten zu drehen, bekannte er. Eigentlich hatten die Automatikgetriebe seines Konzerns viel mehr drauf.

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Ob Diesel- oder Benzinermotor: Je nach Schaltverhalten ließen sich auf dem Prüfstand bessere CO2- und Stickoxidwerte präsentieren – und zusätzlich konnte sogar der Verbrauch der Fahrzeuge geschönt werden. Eine Software ermöglichte es, bei den Benzinern einfach möglichst schnell in einen möglichst hohen Gang zu gelangen, erklärte Eichler freimütig. Beim Diesel funktionierte der Trick umgekehrt. So habe man den Spritverbrauch und auch die Abgase niedrig gehalten.

Die Bekenntnisse des Friedrich Eichler – dessen Anwalt wegen des laufenden Verfahrens für seinen Mandanten nicht Stellung nehmen will – könnten seinem Arbeitgeber neue Probleme bereiten. Bislang dürfte Volkswagen gehofft haben, das Problem mit dem Schalttrick losgeworden zu sein.

Die US-Umweltbehörde Epa hatte im Jahr 2016 Veränderungen in der Getriebefunktion entdeckt und den Trick als Verbrauchs- und Abgasschummelei bei Benzinern eingestuft. Ende August dieses Jahres hatte das Unternehmen daraufhin in den USA in einem Vergleich rund 100 Millionen Dollar Entschädigung an 98 000 Benzinerkunden gezahlt. Der Vergleich sei kein Schuldeingeständnis und ein reines US-Thema, so der Konzern.

Die Aussage von Eichler sowie weitere interne Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, legen nun nahe, dass der Trick mit der Schaltung offensichtlich auch in Europa angewendet wurde – und das in einem größeren Ausmaß als bislang bekannt: So wurden offenbar die Automatikgetriebe einer ganzen Reihe von Benzin- und Dieselmodellen von VW systematisch manipuliert.

Eichler ist zudem nicht der Einzige in den Akten der ermittelnden Staatsanwaltschaften, der die Automatik-Manipulationen schildert. Auch ein führender Audi-Ingenieur bestätigte den Trick gegenüber der für Audi zuständigen Staatsanwaltschaft München II.

Benziner und Diesel

Die Enthüllungen kommen für den Autobauer zum einem besonders schlechten Zeitpunkt: In Braunschweig startet am kommenden Montag die Verhandlung der Musterfeststellungsklage gegen Volkswagen. Damit soll festgestellt werden, ob VW seine Kunden vorsätzlich sittenwidrig schädigte und deshalb schadenersatzpflichtig ist. Das Unternehmen wehrt sich juristisch gegen jegliche Manipulationsvorwürfe.

Eichlers Schilderungen klingen dagegen nach System. Laut seiner Aussage ging es im Fall der Automatikgetriebe darum, auf dem Prüfstand andere Werte zu erzielen als im realen Fahrbetrieb. Und das bei den Bestsellern des Unternehmens – auch in Europa und Deutschland.

Der Schalttrick sei im Tiguan, Passat, Touareg, bevorzugt auch Allrad-Antriebe, zum Einsatz gekommen – und dort etwa in den Automatikgetrieben AL 1000, oder DQ500 und DQ250, so Eichler. Immer dort, wo ein schweres Fahrzeug in Bezug auf CO2 und NOx verbessert werden konnte. NOx sind die giftigen Stickoxide der Diesel-Motoren.

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Bei Dieselfahrzeugen funktionierte der Trick offenbar umgekehrt zum Benziner: Während beim Benziner auf dem Prüfstand die Gänge unnatürlich früh hochgeschaltet wurden, um den Wagen untertourig zu fahren, führte beim Diesel eine hohe Drehzahl in kleinen Gängen zu einer Veränderung des Kraftstoffs-Mix – mit der Folge, dass früher mit der Abgasreinigung im Katalysator begonnen werden konnte.

Auf diese Weise wurden die NOx-Werte anscheinend bis zu 20 Prozent geschönt, wie ein internes Dokument aus der Technischen Entwicklung von Volkswagen vom 12. Februar 2016 belegt. Es betrifft den im Mittelpunkt der Abgas-Manipulationen stehenden Motor EA 189, und zwar mit dem Doppelkupplungsgetriebe DQ500.

Im Juni 2015 hatten laut Dokument beim TÜV-Essen Abgasfeldmessungen der schwedischen Behörden stattgefunden. Dabei wurden vier von fünf Fahrzeugen auffällig. Als die Schweden selber das Beschleunigen von 100 km/h auf 120 km/h durchführten, und das früher in einem höheren Gang als im Test, erhöhten sich die NOx-Emissionen plötzlich um rund 20 Prozent. Als Grund nannten die VW-Techniker in ihrem Papier ein „optimales Schaltprogramm“ während des „Warmlaufs“.

Dass das Ganze offenbar kein reines US-Problem war, zeigt ein weiterer interner Vermerk, diesmal aus der Rechtsabteilung des Wolfsburger Autobauers. Die von VW dort als „Warmlaufprogramm Automatikgetriebe“ bezeichnete Software sei bei Diesel- und Otto-Motoren zum Einsatz gekommen, heißt es dort – und zwar „in US und RoW“. RoW – offenbar auch im „Rest of the World“.

Weiter vorn in dem Papier ist vom „Sachverhalt EU“ die Rede, bei dem es um „höhere Schaltpunkte“ geht, deren Ergebnis niedrige NOx- und CO2-Werte seien. Und zwar immer dann, wenn das Lenkrad nicht eingeschlagen wurde.

Auch diese Lenkwinkel-Erkennung erläuterte Eichler den Braunschweiger Ermittlern. Durch eine Längs- und Querbeschleunigung habe eine Software erkannt, dass die Fahrzeuge nicht auf dem Prüfstand, sondern auf der Straße fuhren, so der Ingenieur. Diese Beschleunigung komme nur auf der Straße vor, etwa in Kurven, bei Anstiegen oder durch Lenkbewegungen. 

Bestätigt wird der Vorgang von einem führenden Motorenentwickler von Audi, der ebenfalls mittlerweile Beschuldigter im Dieselskandal ist. Er hatte noch als Zeuge der Staatsanwaltschaft München II eine Liste mit Punkten übergeben, die er als „kritischen Themen“ ausgemacht hatte, darunter der „Getriebebereich bei VW, Porsche und Audi“.

Dort heißt es: „Das AL 1000 – großes Automatikgetriebe des VW Konzerns – und das DL 502 (Doppelkupplungsgetriebe) nutzen zur Optimierung des Verbrauchs die Testerkennung und passen in Abhängigkeit vom Lenkwinkel bzw. von der Querbeschleunigung die Getriebe-Schaltkennlinie optimal an. Bei höheren Kurvengeschwindigkeiten bzw. größerem Lenkwinkel wird diese verbrauchsoptimale Bedatung abgeworfen.“

Getriebe-Trick 2016 entfernt?

Welchen Zweck aber hatte das, wenn nicht, um bei den Emissionen zu tricksen? Bei Volkswagen gibt es auf diese Frage Antworten vor allem in Bezug auf CO2. Auf die giftigen Stickoxide geht das Unternehmen erst auf weitere Nachfrage ein. Vermutlich, weil die Tricksereien beim Diesel kaum bestreitbar sind – und womöglich umfassender als bekannt.

Eichler spricht von Manipulationen auch an Tiguan, Passat und Touareg. Bei VW heißt es dagegen, es habe sich lediglich um 24.800 Fahrzeuge der Modelle A7, A8 von Audi gehandelt. Es habe sich zudem nicht um eine unzulässige Abschalteinrichtung gehandelt. „Vielmehr liegt eine bloße technische Non-Konformität vor.“

Die Aussage des Bundesverkehrsministeriums lässt daran zweifeln. „Aufgrund von NOx-Überschreitungen“ habe das KBA angeordnet, die Lenkwinkel-abhängige Getriebewarmlauf-Funktionalität zu entfernen, so das Ministerium. Und zwar in einem „verpflichtenden Rückruf“. 

Zu den Benzinern teilt VW mit: „Es gibt weder in Deutschland noch generell in der EU von einer Regulierungsbehörde beanstandete CO2-Abweichungen (…), die mit den regulatorischen Fragen und Bewertungen in den USA vergleichbar sind.“ 

Übersetzt dürfte das heißen: Es gab CO2-Abweichungen. Aber diese wurden vom KBA womöglich anders bewertet als von den US-Behörden. Das KBA schweigt dazu. Das Verkehrsministerium gibt hingegen Kenntnisse von CO2-Abweichungen zu. Das KBA habe aber keine Auffälligkeiten hinsichtlich der Verwendung „unzulässiger Strategien“ festgestellt.

Bei den Diesel-Fahrzeugen führte der Rückruf jedenfalls laut VW 2017 zu einem Entfernen der entsprechenden Getriebe-Funktion. Auch das klingt bei Eichler anders: Danach sei der Schalt-Trick schon „im Modelljahr 2016 eliminiert“ worden. Ab Mai 2016 sei kein Fahrzeug mit dieser Funktion mehr zugelassen worden, so Eichler. 

Bei bereits zugelassenen Fahrzeugen habe man bei VW beschlossen, diese rückwirkend, sobald sie wieder zu einer „Service-Aktion“ in die Werkstatt kamen, „umzuflashen“, so Eichler. Wussten die Besitzer der Automatik-Wagen, was da passierte? Laut VW seien Kunden über eine „Anpassung von Getriebeschaltpunktsteuerungen“ in den Werkstätten informiert worden.

Dabei hatte der Konzern offenbar die Sorge, dass mancher Kunde danach eine Veränderung in der Akustik oder des Schaltverhaltens bemerken könnte und sich beschweren würde. Trotzdem habe er die Aktion letztlich befürwortet, berichtete Eichler. „Ich habe es selber Probe gefahren und habe gesagt: ‚Okay, man merkt es, aber ich würde das Risiko jetzt eingehen‘. Kriegen wir halt ein paar Kundenbeschwerden.“

Mehr:  VW und die angeklagten Manager blenden in ihrer Verteidigung manches Argument aus, findet Kapitalmarktrechtler Klaus Ulrich Schmolke.

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