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Next47-Chef Ananth

Der Inder mit US-Pass war früher bei HP.

(Foto: Siemens)

Neue Geschäftseinheit Siemens sucht das nächste große Ding

Die Risikokapitalsparte Next47 von Siemens hat in etwa zwei Dutzend Start-ups investiert. Deutsche Firmen sind nicht darunter. Das ruft Kritiker auf den Plan.
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MünchenEine Pleite ist für jeden Unternehmer schmerzhaft. „Die Insolvenz ist mir sehr nahegegangen, ich hatte viele schlaflose Nächte“, erinnert sich Markus Brehler. Der Gründer der auf virtuelle Stromspeichernetzwerke spezialisierten Firma Caterva ist noch heute überzeugt, dass die Abspaltung des Industriekonzerns Siemens gute Perspektiven hat. Die Geschäftsidee passe in die Zeit. Unter einem schwedischen Eigentümer, der Caterva schließlich aus der Insolvenz herauskaufte, entwickle sich der Betrieb bislang recht gut.

Dass die Firma überhaupt pleiteging, hatte aus Brehlers Sicht einen anderen Anlass: Großinvestor Siemens, der das Konzept ursprünglich in seiner zentralen Technologieabteilung entwickelt hatte, wollte kein Kapital mehr zuschießen. Wenn der einzige große Anteilseigner nicht mitzieht, ist es für fast jede Firma schwierig, andere Geldgeber zu finden. Dieses Dilemma führte nach Einschätzung von Beobachtern schließlich zur Insolvenz von Caterva.

Scheitern gehört in der Welt der Start-ups dazu. Doch fügt sich der Fall ein wenig ins Bild. Siemens hatte vor zwei Jahren mit großem Pomp den Beginn seiner neuen Start-up-Einheit Next47 gefeiert. Der Name soll an die Anfänge des Konzerns 1847 erinnern. Next47 sollte den Gründergeist von damals ins 21. Jahrhundert bringen. Binnen fünf  Jahren werde Siemens eine Milliarde Euro investieren, kündigte Vorstandschef Joe Kaeser an. Eine Menge Geld: In den 20 Jahren zuvor hatte Siemens nur gut 800 Millionen Euro in rund 180 Start-ups gesteckt.

Doch gerade in der deutschen Start-up-Szene sehen viele die erste Phase eher kritisch. Siemens investiere unter Next47-Chef Lak Ananth vor allem im Silicon Valley, wo der Ingenieur lebt. Noch hat sich Next47 an keiner deutschen Firma beteiligt.

„Wir sehen alle mit Erstaunen, dass Deutschland überhaupt keine Rolle spielt“, sagt ein hochrangiger Kenner der Szene. Kompetente Ansprechpartner seien ausgetauscht worden. Zudem trete Siemens nun vor allem als Co-Investor bei kleineren Beteiligungen auf, statt wie früher als führender Partner in größeren Deals. Auf genau diesen Strategiewechsel führt Caterva-Gründer Brehler die Insolvenz seiner Firma zurück.

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Next47-Chef Ananth jedoch ist mit dem Start seiner Einheit zufrieden. Mit öffentlichen Äußerungen hat er sich bislang zurückgehalten. Per Videoschalte aus dem Silicon Valley stand der ehemalige Hewlett-Packard-Manager dem Handelsblatt erstmals Rede und Antwort. In den vergangenen beiden Jahren habe Siemens 20 bis 30 Investments getätigt und einen dreistelligen Millionenbetrag ausgegeben, berichtete er.

Damit nannte Ananth erstmals zumindest ungefähre Zahlen. Dass sich die neue Division an keinem deutschen Start-up beteiligt habe, sei Zufall. „Wir gehen an die Orte, wo die besten Ideen sind. Wir waren immer global.“ Next47 wolle Siemens helfen herauszufinden, wohin die Welt der Innovationen sich bewege.

Alex von Frankenberg, Geschäftsführer beim High-Tech Gründerfonds (HTGF), bedauert, dass sich Siemens nicht mehr so stark in Deutschland engagiert. „Es ist schade, wenn sich ein bedeutender Venture-Capital-Player aus dem deutschen Markt zurückzieht.“ An Gelegenheiten mangele es sicher nicht. „Wenn Apple-Chef Tim Cook nach Berlin kommt, um sich Start-ups anzusehen, macht er das sicher nicht, weil ihm langweilig ist.“

Die einen kaufen Start-ups, die anderen kooperieren lieber

Alle großen Konzerne sind heiß auf das Thema. Die einen kaufen junge Firmen dazu, andere setzen auf Kooperationen. Mal sind die Start-up-Aktivitäten im Konzern aufgehängt, mal als Satellit außerhalb. Das Thema sei bei großen Konzernen populär, sagt Carsten Rudolph, Geschäftsführer des Investorennetzwerks BayStartup. „Da ist aber auch viel Marketing dabei.“ Dabei sei es nicht unbedingt nötig, in Start-ups zu investieren. Oft sei es erfolgreicher und schneller, mit jungen Firmen zu kooperieren oder ihre Technologien probeweise in eigenen Werken einzusetzen.

Siemens verfolgt mit Next47 einen neuen Ansatz. Die Truppe sucht Distanz zur Konzernmutter und ist in den Münchener Norden gezogen. Was hier passiert, ist ein Experiment. Bislang habe Siemens klassisches „Corporate Venture Capital“ gegeben, sagt der Inder mit US-Pass.

Die Investments seien nah am operativen Geschäft gewesen, stets in enger Abstimmung mit den Bereichen. Next47 hingegen sei ein echter Venture-Capital-Geber mit weitem Radar. „Wir schauen sehr weit voraus, auch in Gebiete, für die es heute bei Siemens noch gar keine Division oder Business-Unit gibt.“

Dabei sichere sich Next47 Minderheitsanteile und nehme gern erfahrene Investoren ins Boot. „Wir kennen uns nicht überall am besten aus.“ An Start-ups wie Caterva oder dem erfolgreichen Roboterbauer Magazino hatte sich Siemens einst mit 49 Prozent beteiligt, was weitere Finanzierungsrunden schwierig machte. Ananth erwirbt indes auch kleinere Anteile an reiferen Unternehmen.

Die Strategie, als ganz gewöhnlicher Risikokapitalgeber anzutreten, sei legitim, meint HTGF-Geschäftsführer Frankenberg. Doch sei die Frage, welche technologischen Impulse das Siemens im Kerngeschäft bringen solle, wenn Next47 so weit vom Konzern abrücke. Mit der neuen Strategie tritt Siemens zudem in Konkurrenz mit klassischen Venture-Capital-Investoren.

Das allerdings ist schwierig: Es ist nicht so, dass gute Start-ups verzweifelt auf Kapitalgeber warten. Vielmehr können sie sich die Investoren aussuchen. „Der Markt für gute Start-ups ist overfunded“, drückt es Daniel Kirchleitner aus, der zu Ananths Investmentteam gehört. Ein neuer Spieler müsse mehr bieten als nur Geld.

Hier kommt bei Next47 die Einheit „Catalyst“ ins Spiel. „Next47 kann den Start-ups helfen, global zu wachsen“, sagt Partner Robert Hardt. Next47 nutze das globale Netzwerk von Siemens und könne so Kunden- und Marktzugänge vermitteln.

Der Konzern setze die Technologien der Start-ups auch selbst ein. Dies sei ein Argument für die eigenen Kunden, dem Beispiel zu folgen. „Wir bieten den schnellen Innovationstransfer von den Start-ups hinein in Siemens, aber auch zu den vielen Kunden weltweit.“ Next47 könne so einen Mehrwert bieten für alle Beteiligten. Als Beispiele nennt er das Start-up Markforged, dessen 3D-Druck-Technologie in Siemens-Werken zum Einsatz kommt, und den israelischen Cybersicherheitsspezialisten Claroty.

Siemens-Mitarbeiter sollen eigene Start-ups gründen

Drittes Standbein von Next47 ist Create. Siemens-Mitarbeiter, die eine gute Idee haben, sollen einfach ihr eigenes Start-up ausgründen. Bislang sind vier solcher sogenannter Spin-offs entstanden. Ananth findet das durchaus eine Menge. Doch sollen noch mehr Ideen aus dem Unternehmen heraus getestet werden. Gerade gestartet ist daher der sogenannte Accelerator. Beschäftigte sollen ermutigt werden, in einem zwölfwöchigen Programm neue Konzepte zu entwickeln. Den Arbeitsvertrag müssen sie dafür nicht aufgeben.

Start-up-Investments seien eine Langstrecken-Veranstaltung, so Ananth. In fünf bis zehn Jahren könne man beurteilen, ob der Siemens-Ansatz erfolgreich sei. Und die Pleite von Caterva? „Willkommen in der Wirklichkeit“, sagt der Manager.

Wenn ein Start-up scheitere, liege das nie nur daran, dass ein Investor nicht mitziehe. Es gebe viele weitere Faktoren, zum Beispiel Produkt und Marktentwicklung sowie Stärke des Teams. Und: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Siemens auch in deutsche Start- ups investiere.

Caterva-Gründer Brehler ist skeptisch. Siemens habe sich nicht als ehrbarer Kaufmann verhalten: „Ich habe Zweifel, ob ein Start-up in München in den nächsten Jahren Lust hat, sich auf Siemens einzulassen.“

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1 Kommentar zu "Neue Geschäftseinheit: Siemens sucht das nächste große Ding"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "Die Risikokapitalsparte Next47 ..."

    Apropos "Risiko":

    "Sicher" ist in heutigen Zeiten, in denen unaufhaltsam immer schneller für immer mehr Menschen nichts mehr ist "wie es schon immer war", gar nichts mehr.

    Das gilt auch für die Definition des Begriffs "riskant":

    Jede Investition, von der, falls sie sich wie vorgesehen entwickelt die Gesellschaft als Ganzes (und nicht nur einige bzw. ein Teil davon) profitieren, ist nicht länger "riskant", sondern dringend (überlebens-)notwendig.

    Hier gilt heute denn je: Versuch macht klug, und: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

    Weiter im Leittext der Schlagzeile dieser Meldung:

    "... von Siemens hat in etwa zwei Dutzend Start-ups investiert. Deutsche Firmen sind nicht darunter".

    Dafür gibt es Gründe. Welche, lässt sich sicher am einfachsten herausfinden, wenn man die Investoren einfach mal danach fragt (dies zu "Das ruft Kritiker auf den Plan").

    Der Begriff "Geld" im Allgemeinen und die "Werte", die anhand der von diesem vorgegebenen "Maßstäben" (den Preisen) bestimmt und darüber gehandelt werden dürfte nämlich in nicht allzu ferner Zukunft völlig anders als heute noch definiert werden, da er sich dann weit mehr als heute an demokratischen Prinzipien - im Sinne von als den von einem Teil oder der Mehrheit der (aller!!!) Erdbewohner als als "angemessen" erachtet ermittelten (und damit den faktischen, realen "Preis" abbildenden Wert - orientieren wird.

    Wovon logischerweise auch alle gleichermaßen profitieren würden. Also: Je schneller das geht, desto besser.

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