Neues Werk in Chattanooga VW und die offene Rechnung in Amerika

VW eröffnet in den USA das wichtigste neue Werk des Konzerns: Chattanooga muss der Aufholjagd auf dem weltgrößten Markt Schwung geben. Obendrein soll die Fabrik die größte Schmach der Konzerngeschichte wettmachen.
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VW-Logo: "Wir glauben an Amerika als eine der führenden Autonationen der Welt". Quelle: dpa

VW-Logo: "Wir glauben an Amerika als eine der führenden Autonationen der Welt".

(Foto: dpa)

New York/ChattanoogaMartin Winterkorns neues, 65. Lebensjahr war erst wenige Stunden alt - da flog er mit dem Firmen-Airbus von Amerikas Ostküste nach Süden, landete 214 Kilometer südöstlich von Nashville, Hauptstadt der Country-Musik und des Bundesstaates Tennessee in Chattanooga.

Den Ort mit gut 160.000 Einwohnern, bekannt durch Glenn Millers Song "Chattanooga Choo Choo", spielt für den Chef von Volkswagen eine Schlüsselrolle bei der Strategie, sich mit VW an die Spitze der Autoindustrie zu setzen.

Nun ist es endlich soweit. Seit Dienstagabend deutscher Zeit schickt sich Europas größter Autobauer Volkswagen vom beschaulichen Chattanooga aus mit aller Macht an, die größte unternehmerische Schmach der mehr als 70-jährigen VW-Geschichte vergessen zu machen.

Mit Winterkorn kam fast der gesamte Vorstand zur Eröffnung des ersten neuen VW-Werks in den USA seit Jahrzehnten in die Stadt am sich romantisch schlängelnden Tennessee River - ein Signal an die Amerikaner, wie wichtig die USA für die Deutschen geworden sind.

Es gibt einiges aufzuarbeiten: Vor 23 Jahren mussten sich die Wolfsburger nach Jahren horrender Verluste aus der Fertigung in den USA zurückziehen, schlossen die Golf-Fabrik in Westmoreland in Pennsylvania. Bis heute hängt Volkswagen diese Niederlage nach: Westmoreland ist das einzige Werk, das der Autobauer mangels Erfolg dicht machen musste.

Was der US-Passat zu bieten hat
A Volkswagen Passat is on display during the press day for the North American International Auto show in Detroit
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Der neue Volkswagen Passat während der North American International Auto Show in Detroit im Januar: Volkswagen hatte in den 1960er Jahren seine Glanzzeiten in den USA. Die Amerikaner liebten Käfer und Bulli. Nun, fünfzig Jahre später, sollen Jetta und Passat die Herzen zurückerobern. Doch die Konkurrenz ist stark ...

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Im neuen VW-Werk in den USA wird nur ein Autotyp produziert: die US-Version der Mittelklasselimousine Passat. Das Auto ist länger und breiter als sein deutscher Namensvetter, sieht aber auf den ersten Blick ähnlich aus: schräge Scheinwerfer, grillförmiger Lufteinlass mit großem VW-Logo. Werbung machte VW für seine Modelloffensive bereits mit einem gelungenen "Darth-Vader"-Spot, der für einiges mediales Aufsehen sorgte.

Der neue Volkswagen PassatVW Passat 2010
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Mit dem US-Passat hat VW zum ersten Mal einen Wagen nur für den amerikanischen Markt konstruiert. Mit 4,9 Meter Länge ist er zehn Zentimeter länger als der klassische Passat und kommt schon fast auf die Größe einer Mercedes E-Klasse.

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Auch bei den Motoren geht es amerikanisch zu: Der kleinste Benzinmotor hat bereits 170 PS, das Topmodell kommt auf 280 PS. Zusammen mit dem aus Mexiko stammenden Jetta sollen die Verkäufe der Marke in diesem Jahr von 257.000 auf 300.000 steigen und bis 2018 auf 800.000. Zusammen mit der Premiummarke Audi sollen es dann eine Million sein. Doch noch schreibt VW in USA rote Zahlen, weil die meisten Modelle zu ungünstigen Wechselkursen eingeführt werden müssen.

Der neue Volkswagen PassatVW Passat 2010
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Während Motor und Karosserie groß ausgelegt sind, bleibt VW bei der Preisvorstellung bescheiden: Um die 20.000 Dollar (rund 15.000 Euro) soll der Wagen kosten und damit auf Augenhöhe mit dem Marktführer Toyota Camry liegen. Der Billigpreis wird möglich durch die vergleichsweise niedrigen Löhne der US-Arbeiter in den Südstaaten von 15 Dollar pro Stunde.

VW veroeffentlicht Details ueber neues US-Mittelklasseauto
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85 Prozent der Teile für den Passat kommen aus dem Dollarraum und bewahren VW vor Wechselkursverlusten. VW unterhielt bereits in den Jahren 1978 bis 1988 ein Werk in den USA, das aber wegen hoher Verluste geschlossen wurde.

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Die Grundversion wird von einem 125 kW / 170 PS starken Fünfzylinder-Benzinmotor angetrieben mit einem Highway-Durchschnittsverbrauch von 7,6 Litern. Der 103 kW / 140 PS Passat TDI kommt auf unter 5,5 Liter. Verfügbar ist zudem ein Sechszylinder-Benziner.

Die Gründe waren vielfältig: Das falsche Produkt - der in Europa populäre Golf, in den USA Rabbit genannt, in europäischer Ausstattung zu teuer angeboten und in lausiger Qualität gebaut - dazu eine ineffiziente Fabrik mit eher schlecht als recht motivierten Mitarbeitern, auf deren Rechte die US-Autogewerkschaft UAW streng achtete.

Die bis dato letzte Produktion in den USA entwickelte sich für die ehrgeizigen Wolfsburger zum Desaster. Unter dem Strich wurde das gelobte Land des Big Business für die Wolfsburger zum Milliardengrab.

Doch so etwas lässt Volkswagens Chefaufseher Ferdinand Piëch nicht auf sich beruhen: Die Rechnung ist noch offen - nun gilt es, sie zu begleichen.

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