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Nissan-Renault Carlos Ghosn und die Fallen der Macht

Ein Hinweisgeber aus den eigenen Reihen könnte Nissan-Renault-Chef Ghosn zu Fall bringen. Dabei schien der Konzernchef lange unumstritten.
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Nissan-Renault: Carlos Ghosn und die Fallen der Macht Quelle: AFP
Der Konzernchef und der Whistleblower

Wer Ghosn am Ende anschwärzte, ist nicht bekannt.

(Foto: AFP)

Tokio Auf dem Höhepunkt seiner Macht schien Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn fast unantastbar. Der Mann, der erst Nissan, dann Renault saniert und aus beiden eine globale Allianz geschmiedet hatte, war in seinem Konzern so unangefochten, dass keiner seiner Manager ihn wirklich infrage stellen konnte.

Und doch kamen die Enthüllungen, die den erfahrenen Automanager mit libanesisch-brasilianischen Wurzeln am Ende zu Fall bringen könnten, aus dem eigenen Haus. Ein anonymer Whistleblower soll interne Ermittlungen angestoßen haben, die am Ende belegen könnten, wie sehr der unangefochtene Autoboss seine Macht missbrauchte.

Über Jahre soll Ghosn zum eigenen Vorteil Konzerngelder für private Zwecke verwendet haben. So berichten japanische Medien unter anderem über den Kauf von privat genutzten Luxus-Immobilien durch eine Venture-Firma von Nissan. Weder im Unternehmensbericht, noch in den Steuererklärungen von Ghosn tauchten diese Ausgaben auf. Insgesamt soll sich die Summe der Vorteile auf rund 40 Millionen Euro summieren.

Die Geschichte des Skandals wirft viele Fragen zur Unternehmenskultur der französisch-japanischen Allianz auf. Dass die mutmaßlich heimlichen Aktionen des Chefs und seiner rechten Hand Greg Kelly überhaupt möglich waren, spricht für mangelnde Kontrolle.

„Bei Nissan gab es offensichtlich Probleme mit der Corporate Governance, sonst würde es den Skandal nicht geben“, sagt Gerhard Fasol, Chef des Unternehmensberaters Eurotechnology. Er warnt zwar vor vorschneller Verurteilung. Doch Fasol, der selbst bei japanischen Unternehmen im Vorstand saß, kennt die Firmenkultur des Landes. „Ghosn muss ja wissen, dass gerade er als prominenter Manager unter besonderer Beobachtung steht und viele Feinde hat.“

Ghosn scheine im Rausch der Macht vergessen zu haben, dass er eigentlich ein bezahlter Angestellter und nicht der Eigentümer ist. „Unternehmen, die unheimlich von einer Person dominiert werden wie Nissan, werden oft verletzlich.“

Nicholas Benes, Direktor des japanischen Trainingsinstituts für Vorstandsmitglieder BDTI, beurteilt die jüngsten Enthüllungen ähnlich. „Dies sieht sicherlich wie Gier, schlechte Unternehmensführung und Überkontrolle durch eine Person aus“, sagt der in Japan bekannte Corporate-Governance-Experte. „Die übergroße Machtkonzentration ist seit vielen Jahren offensichtlich, schon durch die Ämterhäufung Ghosns.“

Denn im Büro des Konzernchefs liefen alle Fäden zusammen. Nissan und Renault standen über ein Jahrzehnt unter seiner Kontrolle. Zuletzt integrierte er noch Mitsubishi Motors in die Allianz, übernahm auch hier selbst die Führung. Er baute einen Unternehmensverband mit loyalen und abhängigen Zulieferern, um global billiger einzukaufen. Gleichzeitig löste er durch harte Preisverhandlungen eine Restrukturierungswelle in der japanischen Stahlindustrie aus. Einige Zeit war Nissan unter seiner Führung sogar profitabler als der größere Erzrivale Toyota. Ghosn schien als Mann, dem alles gelingt. Und so einer wird nicht in Frage gestellt.

Mit dem Ausbruch des Skandals versuchen insbesondere die japanischen Marken, sich vom übermächtigen Konzernchef zu emanzipieren. Nissan-Markenchef Saikawa, der 2017 die Nachfolge von Ghosn angetreten hatte, forderte mittlerweile den Rücktritt und räumte ein, dass die Firmenkultur eine Ursache des Skandals sein könnte, „Zuviel Macht war in einer Person konzentriert“, erklärte er auf der eilig einberufenen Pressekonferenz.

„Dies kann leicht zu Selbstbedienung führen“

„Wenn ein so mächtiger und teilweise geradezu verehrter Manager so viele Organisationen beherrscht, gibt es viel Raum für suboptimale Governance und technische Verstöße gegen Compliance“, sagt auch Experte Benes.

Gerade mit seinem hohen Salär hat sich Ghosn in Japan und Frankreich viel Kritik eingehandelt. Mit einem Jahresgehalt von 14,9 Millionen Euro kassierte Ghosn fünf Mal so viel wie Toyota-Chef Akio Toyoda. In Japan sind Gehälter von mehr als umgerechnet einer Million Euro selten.

Erleichternd kam noch hinzu, dass Nissan keinen Vergütungsausschuss besitzt, erklärt der Rechtsanwalt Yoshiaki Yamaguchi in der Zeitung „Asahi“. Es scheine vielmehr, dass Ghosn und Direktoren ihre Gehälter selbst entscheiden konnten. „Dies kann leicht zu Selbstbedienung führen,“ warnt der Anwalt.

Selbst in Frankreich hatte Ghosn Salär im Jahr 2016 zu heftiger Kritik geführt. Emmanuel Macron, damals noch Wirtschaftsminister, hatte den Renault-Chef nur nach langen Debatten überzeugen können, sein Gehalt um 30 Prozent zu reduzieren.

Auch interne Rivalen gab es zuletzt nicht mehr: die einstige Nummer Zwei bei Renault, Carlos Tavares, verließ den Konzern und wechselte zum Konkurrenten Peugeot-Citroën – auch weil er an Ghosn nicht vorbeikam. Und auch der hoffnungsvolle Nachfolgekandidat und Vize Andy Palmer übernahm lieber die Luxusmarke Aston Martin, als bei Nissan auf seinen Sprung an die Konzernspitze zu warten.

Derweil arbeitete Ghosn an der Machtbalance des Konzerns, die zuletzt deutlich zugunsten der französischen Marke ausfiel. Mit einem Anteil von 42,5 Prozent hatte Renault deutlich mehr Anteile an Nissan als umgekehrt. Auch das sorgte in Japan für böses Blut.

So wurde Ghosn zu einem willkommenen Ziel für Staatsanwälte, die der Japan AG zum Wohle der Steuermoral am globalen Spitzenmanager ein Exempel statuieren, unkt ein ehemaliger ausländischer Firmenchef. „Würde er weniger Geld bekommen oder Macht besitzen, hätten sie bei Nissan die Dinge vielleicht intern und stiller behandelt“, mutmaßt auch Compliance-Experte Benes.

Ganz versagt haben die Kontrollmechanismen bei den Japanern aber nicht. Dass die unrühmlichen Details überhaupt bei den Strafverfolgern ankamen, ist schließloch vor allem den Kontrollabteilungen des Konzerns zu verdanken. Die internen Ermittlungen gegen Ghosn wurden über Monate geführt – ohne das Wissen der Aufseher und Markenchefs. Selbst führende Manager von Nissan geben zu, dass sie die Demission des Chefs völlig unerwartet getroffen habe.

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