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Onkologie Merck gegen Merck – der Wettbewerb in der Krebsforschung spitzt sich zu

Mit der Übernahme von Tilos erhöht Merck & Co den Druck auf den deutschen Konkurrenten Merck. Der Deal befeuert die Rivalität der Unternehmen.
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Bis auf den Namen hat der US-Pharmariese nichts mehr mit dem deutschen Konkurrenten aus Darmstadt zu tun. Quelle: AP
Merck in den USA

Bis auf den Namen hat der US-Pharmariese nichts mehr mit dem deutschen Konkurrenten aus Darmstadt zu tun.

(Foto: AP)

Frankfurt Mit der Übernahme der kleinen Biotechfirma Tilos baut der US-Konzern Merck & Co seine Krebsforschung aus – und verstärkt zugleich den Konkurrenzdruck auf die deutsche Merck KGaA. Denn Tilos setzt auf das gleiche Wirkprinzip wie einer der wichtigsten Produktkandidaten des Darmstädter Konzerns.

Den Deal dürfte man daher in Darmstadt mit einiger Aufmerksamkeit verfolgen, auch wenn er mit einem Volumen von 773 Millionen Dollar nur zu den kleineren Transaktionen im Pharmasektor zählt. Die Übernahme von Tilos durch Merck & Co ist einerseits eine gewisse Bestätigung für die Strategie der Forschung und Entwicklung der Darmstädter Merck-Gruppe, wird gleichzeitig aber auch die Rivalität der beiden Unternehmen im Bereich der Onkologie verstärken.

Mit dem Forschungsfeld, auf dem die kleine US-Firma arbeitet, verbindet auch die deutsche Merck-Gruppe einige Hoffnungen. Es geht dabei um die Blockade des Botenstoffs TGF-Beta, der für die Steuerung des Immunsystems eine wichtige Rolle spielt. Das potenzielle Krebsmedikament Bintrafusp alfa (M7428), das Merck in mehreren klinischen Studien testet, gilt als einer der interessantesten Hoffnungsträger für das Familienunternehmen.

Merck/Darmstadt und der US-Konzern Merck & Co sind über eine gemeinsame historische Wurzeln miteinander verbunden, rechtlich aber völlig eigenständige und unabhängige Unternehmen. Der US-Konzern Merck & Co entstand vor gut 100 Jahren aus der erzwungenen Abspaltung der damaligen US-Tochter vom deutschen Merck-Konzern während des ersten Weltkriegs.

Zwischen den beiden Unternehmen gibt es seither keine juristischen Verbindungen mehr, sondern allenfalls noch Streit um die Namensrechte im Internet. Der US-Konzern kann unter dem Namen „Merck“ in den USA und Kanada auftreten, die deutsche Merck hält die Rechte im Rest der Welt.

Neben diesem Gerangel hat sich in den letzten Jahren indessen zusehends auch ein Konkurrenzkampf auf dem boomenden Feld der Krebsimmuntherapie entwickelt. Merck-Chef Stefan Oschmann, der einst in den Diensten des US-Konzerns stand, hat das Arbeitsfeld in den letzten Jahren bei Merck in Darmstadt gezielt forciert.

Wie David gegen Goliath

Dabei geht es um eine neue Klasse von Medikamenten, die darauf zielen, Tumorzellen ihre Abwehrmechanismen gegen die körpereigene Immunabwehr zu entziehen. Diese so genannten Checkpoint-Inhibitoren haben in einigen Teilbereichen bereits für erhebliche Furore gesorgt und erzielen inzwischen Milliardenumsätze. Manche Analysten gehen davon aus, dass die Substanzklasse insgesamt in einigen Jahren sogar mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz erzielen könnte.

Im Kampf um diesen Markt tritt die deutsche Merck-Gruppe bisher nur als kleiner Player gegen einen Goliath an. Mit knapp 38 Milliarden Dollar Pharmaumsatz ist Merck & Co im Arzneimittelgeschäft gut fünf mal so groß wie Merck/Darmstadt. Und als einer der beiden führenden Akteure im Krebsimmun-Geschäft erzielt der US-Konzern alleine mit seinem Krebsmedikament Keytruda mehr als sieben Milliarden Dollar Umsatz, fast genau so viel wie die gesamte Pharmasparte der Merck KGaA.

Der Darmstädter Konzern ist mit seinem eigenen Krebsimmun-Medikament Bavencio lediglich in einem Nischenbereich vertreten und erzielte auf dem Gebiet nur knapp 70 Millionen Euro Umsatz.

Allerdings gilt das Potenzial der Krebsimmuntherapie bei weitem noch nicht als ausgereizt. Die bisher zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren brachten zwar insbesondere bei Haut- und Lungenkrebs für einen Teil der Patienten deutliche Therapiefortschritte, aber selbst in diesen Indikationen sprechen letztlich nur etwa 20 bis 40 Prozent der Krebskranken wirklich auf die Therapien an. Bei vielen Krebsarten sind Erfolge ganz ausgeblieben.

Pharmafirmen arbeiten daher intensiv daran, das Wirkspektrum der Immuntherapien durch zusätzliche Wirkstoffe zu verbessern. Ziel ist es dabei, das Mikroumfeld von Tumoren so zu verändern, dass Immunzellen besser angreifen können. Nicht zuletzt an diesem Punkt setzen Wirkstoffe an, die den Botenstoff TGF-Beta blockieren.

Die Deutschen haben einen Vorsprung

Denn vor allem bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen gehört das Signalmolekül zu den Faktoren, die die Immunabwehr hemmen. Merck/Darmstadt genießt dabei mit seinem Produkt Bintrafusp alfa (M7824) einen deutlichen zeitlichen Vorsprung. Er wird bereits seit längerem klinisch getestet, während die Projekte von Tilos so weit offenbar noch nicht gediehen sind. 

Bei dem Wirkstoff der Darmstädter handelt es sich um einen bispezifischen Antikörper, der einerseits ähnlich wirkt wie das bereits zugelassene Medikament Bavencio, gleichzeitig aber auch an TGF-Beta andockt. Merck hofft damit, eine Art Super-Checkpoint-Inhibitor zu entwickeln, der den bisherigen Immunmedikamenten überlegen sein könnte.

Ob sich diese Erwartungen wirklich erfüllen, dürften erst die nächsten Jahre zeigen. Aber zumindest in ersten kleineren Testreihen deuteten sich entsprechende Vorteile an. Und etliche Analysten sehen Potenzial in dem Projekt. Es könnte für Merck „noch eine echte Chance eröffnen, auch in der Erstlinien-Behandlung von Lungenkrebs eine größere Rolle zu spielen“, schätzt etwa Pharmaexperte Daniel Wendorff von der Commerzbank.

Zudem konnte sich der Darmstädter Konzern Anfang des Jahres prominente Unterstützung in Gestalt des britischen Pharmariesen Glaxo-Smithkline sichern, der sich für 300 Millionen Euro in eine Entwicklungspartnerschaft mit Merck für das potenzielle Krebsmittel einkaufte. Abhängig von weiteren Erfolgen in den klinischen Studien und bei einer eventuellen Vermarktung will GSK insgesamt bis zu 3,7 Milliarden an Merck überweisen.

An der führenden Position des amerikanischen Konkurrenten und Namensvetters in der Krebsimmuntherapie indessen dürfte die Darmstädter Merck-Gruppe auf absehbare Zeit kaum rütteln können. Das Topprodukt Keytruda der Amerikaner etabliert sich inzwischen in etlichen Krebsarten als eine Art Standardtherapie und  wird nach Analystenschätzungen schon bald zweistellige Milliardenumsätze erzielen.

Zudem hat der US-Konzern schon in der Vergangenheit bewiesen, dass er Rückstände in der Produktentwicklung aufholen kann. Auch mit Keytruda agierte Merck & Co zunächst nur als Nachzügler im Bereich der Krebsimmuntherapie, hinter dem Pionier Bristol-Myers Squibb. Dank besserer Testresultate und einer geschickteren F+E-Strategie konnte Merck & Co jedoch den Rückstand aufholen und befindet sich nun auf Kurs zum dominierenden Anbieter in diesem Bereich zu werden. Eine ähnliche Strategie dürfte er nun auch mit den Projekten aus der Pipeline der Neuerwerbung Tilos v erfolgen.

Mehr: Der Kampf gegen Krebs entwickelt sich zum wichtigsten Markt für die Pharmabranche. Doch deutsche Anbieter spielen dabei nur eine Nebenrolle. Warum Firmen wie Merck und Bayer noch nicht vom Krebsmittel-Boom profitieren.

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