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Pandemie Profite durch Corona-Tests: Der schmale Grat des Diagnostik-Booms

Covid-19 beschert vielen Diagnostikfirmen satte Zuwachsraten. Aber das aktuelle Hoch könnte schnell vorbei sein, wenn die Impfstoffe massenhaft verfügbar sind.
03.12.2020 - 15:51 Uhr Kommentieren
Die Corona-Pandemie beschert vielen Diagnostikunternehmen zweistellige Wachstumsraten. Quelle: Qiagen
Mitarbeiterin bei Qiagen in Hilden

Die Corona-Pandemie beschert vielen Diagnostikunternehmen zweistellige Wachstumsraten.

(Foto: Qiagen)

Frankfurt Nur wenige Branchen haben kommerziell von der Corona-Pandemie so deutlich profitiert wie die Hersteller von Labordiagnostika. Die starke Nachfrage nach Tests zum Nachweis der Sars-CoV-2-Infektionen bescherte ihnen ab März einen ungeahnten Aufschwung. Erstmals seit Langem werden die Umsätze mit Diagnostika im laufenden Jahr zweistellig zulegen und damit signifikant stärker wachsen als der Pharmamarkt.

Doch der aktuelle Aufschwung, so die Befürchtung von Branchenkennern, könnte sich als ein fragiler Boom entpuppen. Der Höhenflug könnte jäh beendet werden, wenn die Pandemie im kommenden Jahr durch erfolgreiche Impfstoffe eingedämmt werden sollte.

Wie sensibel Investoren auf die Wechselbeziehungen zwischen Impfstoffen und Diagnostika-Nachfrage reagieren, zeigte sich bereits Anfang November, als Biontech und Pfizer erstmals über die positiven Resultate ihrer großen Impfstoff-Studie berichteten. Diagnostika-Aktien verbuchten an diesem Tag durchweg deutliche Kursverluste, die deutsche Qiagen und das US-Unternehmen Quidel mussten sogar Einbußen von zehn Prozent und mehr verkraften.

Auch Manager aus der Branche bemühen sich schon, die Euphorie zu dämpfen. Alexandre Mérieux, der Chef des französischen Diagnostikaherstellers Biomerieux, verwies bei Vorlage des jüngsten Quartalsberichts ungeachtet starker Zahlen auf „jüngere Entwicklungen im Pandemiebereich, die uns dazu veranlassen, vorsichtig im Performance-Ausblick zu sein“. Man könne die aktuelle Entwicklung nicht über 2020 hinaus projizieren.

Die Gegenwart ist aber rosig: 2020 wird für die Diagnostika-Industrie, die etwa 60 Milliarden Dollar umsetzt, ein enorm starkes Jahr werden. Und zumindest auch für die erste Jahreshälfte 2021 sieht es sehr gut aus.

Im abgelaufenen dritten Quartal 2020 verzeichneten die führenden zehn Diagnostika-Anbieter ein Umsatzwachstum von durchschnittlich rund 17 Prozent. In den ersten neun Monaten des Jahres waren es rund 13 Prozent. Insbesondere die starke Nachfrage nach sogenannten PCR-Tests, bei denen ausführliche Blutuntersuchungen im Labor gemacht werden, für die Covid-Diagnostik hat zunächst das Geschäft getrieben.

Boom ließ Qiagen-Übernahme platzen

Inzwischen kommen die schnelleren Antigentests hinzu, bei denen die Ergebnisse nach Abstrichen in wenigen Minuten vorliegen. Vor allem jene Akteure, die in diesen Produktsegmenten stark vertreten sind, legen derzeit überdurchschnittlich zu.

Besonders steil kletterten dabei die amerikanischen Diagnostikafirmen Hologic und Quidel, die ihre Umsätze in den ersten neun Monaten verdoppelten. Deutlich überdurchschnittliches Wachstum verbuchten aber auch Firmen wie Thermo Fisher, Biomerieux und der deutsche Biotech- und Diagnostika-Konzern Qiagen, der sowohl mit eigenen PCR- und Antigentests als auch als Lieferant aktiv ist.

Im Falle Qiagen brachte der unvermittelte Corona-Boom sogar die geplante Übernahme des Hildener Konzerns durch den US-Konkurrenten Thermo Fisher zu Fall. Angesichts der stark verbesserten Perspektiven lehnten zu viele Investoren die Offerte der Amerikaner ab. Qiagen konnte damit dank Corona eigenständig bleiben.

Für das Gesamtjahr stellt das Unternehmen inzwischen ein Umsatzwachstum von 20 Prozent und eine Steigerung des bereinigten Gewinns je Aktie auf 2,07 bis 2,09 Dollar in Aussicht. Das entspricht einem Plus von etwa 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Ähnlich sehen die Prognosen bei Thermo Fisher aus. Die US-Firma Hologic, die ihr Geschäftsjahr 2020 bereits Ende September abgeschlossen hat, stellt für das erste Quartal des nächsten Geschäftsjahres ein organisches Wachstum von bis zu 80 Prozent in Aussicht.

Verlierer unter den großen Diagnostika-Anbietern ist dagegen der Siemens-Ableger Healthineers, der im dritten Quartal im Geschäft mit Diagnostika einen Umsatzeinbruch von 16 Prozent verbuchte und in den ersten neun Monaten auf Dollar-Basis fünf Prozent weniger umsetzte. Siemens Healthineers ist im Bereich Molekulardiagnostik, zu dem die PCR-Tests gehören, sehr klein. Ein höherer Umsatz dank Covid-19-Tests konnte deshalb nach Unternehmensangaben nicht die Einbußen bei Tests für Routine-Untersuchungen wettmachen.

Healthineers zeigt damit besonders deutlich, wie gespalten die Entwicklung im Diagnostikgeschäft ist. Auch andere Hersteller wie Roche, Abbott oder Biomerieux verbuchten Einbußen im angestammten Geschäft mit Routinediagnostika, weil viele Untersuchungen eben verschoben wurden. Die anderen Unternehmen konnten diesen Effekt aber meist durch umfangreiche Lieferungen von Covid-Tests überkompensieren.

Neue Schnelltests sind gefragt

Einen weiteren Schub erhält das Diagnostikgeschäft aktuell durch die sogenannten Antigentests. Sie ermöglichen den relativ schnellen Nachweis einer akuten Sars-CoV-2 Infektion, sind aber weniger sensibel als die PCR-Tests, bei denen jeweils zunächst genetisches Material des Virus vervielfältigt werden muss.

Die Nachfrage für die neuen Schnelltests ist groß, vor allem seit das Bundesgesundheitsministeriums Mitte Oktober den Einsatz von Antigentests für eine breite Testung in medizinischen Einrichtungen empfohlen hat. Mit der neuen Teststrategie will das Bundesgesundheitsministerium vor allem verhindern, dass sich alte und kranke Menschen anstecken. Für sie ist die Gefahr von schwerwiegenden Folgen einer Infektion am größten, wie das Ministerium erklärte.

Aber nicht nur bei Bewohnern und Personal in Altenheimen sind die Tests im Einsatz, auch Arztpraxen und viele Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter testen. In den deutschen Apotheken ist der Absatz von Schnelltests jedenfalls sprunghaft angestiegen, wie Daten des Marktforschungsinstituts Insight Health zeigen. Wurden in den Ferienmonaten Juli und August über deutsche Apotheken gerade mal 800 und 900 Schnelltests verkauft, stieg die Zahl im Oktober mit der neuen Teststrategie deutlich an: auf mehr als 26.000 Tests.

Anfangs war nur eine Handvoll Antigentests in Deutschland verfügbar, mittlerweile sind es aber weit über hundert. Die Zahl der Anbieter nimmt rapide zu und damit auch der Konkurrenzkampf in der Branche. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet aktuell mehr als 200 Antigentests zum direkten Erregernachweis des Coronavirus auf, die nach der neuen Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums erstattet werden können.

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Viele Anbieter verkaufen ihre Tests im Direktvertrieb, ansonsten geht der Weg über Pharmagroßhandel und Apotheken. Pharmagroßhändler Noweda berichtet, dass es insbesondere bei den namhafteren Herstellern der neuen Antigentests aufgrund der besonders hohen Nachfrage temporär zu Engpässen komme. Generell seien die Schnelltests aber verfügbar, heißt es bei Noweda.

Zu den Anbietern dieser neuen Testkategorie gehören neben vielen kleinen Unternehmen auch die großen Player der Diagnostika-Branche wie Roche, Abbott und Siemens Healthineers. Roche etwa hat die Produktion von Antigentests im Oktober mit einer monatlichen Kapazität von 40 Millionen Einheiten aufgenommen und will die Kapazität in den nächsten Monaten massiv ausbauen. Man baue so viel Kapazität wie man nur könne und bewege sich dabei am absoluten Limit, sagte Firmenchef Severin Schwan jüngst.

Für die Testanbieter lockt allein in Deutschland ein Multimillionenmarkt. Die Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums sieht beim Einsatz in medizinischen Einrichtungen eine Erstattung von sieben Euro pro Test vor. Für die Arbeit des medizinischen Personals, das den Test durchführt, werden 15 Euro erstattet.

Der private Verbraucher kann diese neuen Tests zum Einsatz zu Hause nicht nutzen: Das Infektionsschutzgesetz erlaubt eine Abgabe nur an medizinisch geschultes Personal, damit sichergestellt ist, dass der Test richtig durchgeführt wird.

Antigentests liefern häufig falsche Resultate

Im Gegensatz zu Antikörpertests, die im Blut eine zurückliegende Infektion nachweisen, können Antigentests anhand eines Abstrichs aus der Nase eine akute Sars-CoV-2-Infektion nachweisen. Und zwar binnen weniger Minuten und überall, wenn sie in der Variante eines mobilen Schnelltests angeboten werden, der ähnlich wie ein Schwangerschaftstests aussieht. Antigentests können damit schneller durchgeführt werden als der als Goldstandard geltende Test mit der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) im Labor.

Allerdings stehen Antigen-Schnelltests auch in der Kritik, weil sie weniger akkurat sind als PCR-Tests – also mehr falsche Resultate liefern. „Antigen-Schnelltests sind nicht für Massentests gemacht“, sagte Mathieu Floreani, CEO des Laborkonzerns Synlab, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Viele Infizierte würden dabei nicht entdeckt, und es werde einige geben, die falsch „positiv“ getestet werden. Vor allem sei es problematisch, wenn so vermeintlich negativ getesteten Menschen eine Unbedenklichkeit bescheinigt würde.

Einige Forscher wiederum argumentieren, dass in manchen Fällen ein schnelles Ergebnis wichtiger als die Genauigkeit sei, wenn es etwa darum gehe, hochinfektiöse Personen schnell zu isolieren und ihre Kontaktpersonen zu informieren.

Einige Forscher argumentieren, dass in manchen Fällen ein schnelles Ergebnis wichtiger als die Genauigkeit sei. Quelle: dpa
Corona-Schnelltest

Einige Forscher argumentieren, dass in manchen Fällen ein schnelles Ergebnis wichtiger als die Genauigkeit sei.

(Foto: dpa)

Mittlerweile gibt es auch Antigentests für den Einsatz im Labor. Der italienische Diagnostikkonzern Diasorin bietet einen solchen an. Und auch der Schweizer Roche-Konzern plant, in den nächsten Wochen einen eigenen laborbasierten Antigentest für seine Labor-Analysegeräte auf den Markt zu bringen.

„Antigentests sind gut geeignet, um Spitzen im Labor abzufangen. Ihr Einsatz ist abhängig von den verfügbaren PCR-Kapazitäten“, sagt Thorsten Hilbich, Geschäftsführer für Deutschland, Österreich, Schweiz und Polen bei Diasorin. „Sie könnten auch kostengünstiger als PCR-Tests eingesetzt werden, wenn bestimmte Personengruppen gescreent werden sollen. Etwa die Schüler einer Schulklasse, in der eine Infektion aufgetreten ist.“

Nach Angaben von Michael Müller, Vorstandsvorsitzender des Vereins der Akkreditierten Labore in der Medizin, wenden derzeit erste Labore mit einer niedrigen vierstelligen Zahl pro Woche die Antigentests in den Laboren an. Da die Tests erst in den Markt eingeführt werden, werden sie im Rahmen des laborinternen Qualitätsmanagements noch dahingehend untersucht, ob sie die vom Hersteller angegebenen Leistungsdaten bei klinischen Proben erfüllen.

Wenig Nachfrage nach Antikörpertests

Ruhig geworden ist es dagegen um die Antikörpertests, die Hinweise auf eine zurückliegende Sars-CoV-2-Erkrankung geben könnten. Noch im Frühjahr lagen viele Hoffnungen auf diesen Tests, in der Branche herrschte Aufbruchstimmung und die Produktion wurde angekurbelt.

So hatte Roche beispielsweise Anfang Mai mit einem großen, medienwirksamen Event im Beisein von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder die Antikörpertestproduktion im bayerischen Penzberg gestartet. An die Bundesregierung sollten zunächst drei und später jeweils fünf Millionen dieser Tests geliefert werden, hieß es damals.

Doch die Tests wurden vom Ministerium nicht abgerufen, wie es jetzt dem Handelsblatt auf Nachfrage bestätigte. Denn die nationale Teststrategie setzt auf PCR und Antigentests, Antikörpertests seien nach derzeitigem Kenntnisstand auch für die Akutdiagnostik nicht empfohlen, sagte eine Sprecherin dem Handelsblatt.

Bei Menschen, die nicht wissen, ob sie bereits eine – weil symptomlose – Covid-19-Erkrankung hinter sich haben, könnte theoretisch mit einem Antikörpertest abgeklärt werden, ob noch eine Impfung notwendig ist.

Dass die große Stunde der Antikörpertests im nächsten Jahr mit den Sars-CoV-2-Impfungen kommt, glaubt Diasorin-Manager Hilbich indes nicht: „Ich vermute, dass es zu aufwendig sein wird, die Bevölkerung im großen Stil vor einer Impfung dahingehend zu testen, wer bereits immun ist“, sagt er.

„Und die Frage, inwieweit eine Impfung erfolgreich war und eine ausreichende Immunantwort ausgelöst hat, wird auch nicht in der breiten Bevölkerung ermittelt, sondern in wissenschaftlichen Untersuchungen mit begrenzten Kohorten.“

Mitarbeit: Hans-Jürgen Jakobs

Mehr: Synlab-Chef : „Corona-Schnelltests werden falsch eingesetzt“

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