Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Thales-Chef Patrice Caine

Thales ist trotz 16 Milliarden Euro Umsatz und 65.000 Mitarbeitern in Deutschland nur wenig bekannt.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Patrice Caine „Viele Trümpfe in der Hand“ – Thales-Chef sieht in Digitalisierung große Chancen für Europas Konzerne

Für Thales-Chef Patrice Caine kann Europa bei Digitalisierung und KI ganz vorn mitspielen. Das Unternehmen selbst hat zuletzt starke Zahlen vorgelegt.
Kommentieren

Paris Patrice Caine ist Optimist: Das Jammern über Europas technologischen Rückstand gegenüber den USA hält er für unbegründet. Der Chef des französischen Aeronautik-, Transport- und Rüstungsunternehmens Thales sieht Europa im Gespräch mit dem Handelsblatt vor einem „Rückspiel“. Den Kampf um die Führung bei Software habe man verloren. Doch nun gehe es um die digitalen Technologien, und „da haben wir viele Trümpfe in der Hand“.

Die positive Grundstimmung des Franzosen nährt sich wohl auch aus der Tatsache, dass es Thales im Moment prächtig geht. Nach steigenden Umsätzen und Aufträgen im dritten Quartal hat das Unternehmen den Ausblick für das Jahr etwas nach oben gesetzt. Thales erwartet jetzt ein Ergebnis von rund 1,6 Milliarden Euro, 20 Prozent mehr als 2017.

Durch die Übernahme von Gemalto, Spezialist für die Sicherheit von Software und elektronischen Elementen, Konkurrent von Giesecke und Devrient, will Thales seine Expertise bei der Digitalisierung verbreitern. Sieben von 14 Wettbewerbsbehörden haben ihre Zustimmung gegeben. Die Franzosen hoffen jetzt, den Zukauf im ersten Quartal 2019 abschließen zu können.

Caines optimistische Sicht auf Europas Chancen folgt aus seiner genauen Kenntnis der Materie. Seine Argumentation: Bei der Digitalisierung gehe es fast immer um Technologien, bei denen mehr die Anwendung als die reine Software im Vordergrund steht. Und auf diesem Gebiet seien die Europäer gut.

Bei der künstlichen Intelligenz (KI) etwa, also allen Technologien, die das menschliche Gehirn nachahmen, könne Europa seine Karten ausspielen, „bei der Vernetzung von Maschinen, Flugzeugen, U-Bahnen oder auch Soldaten“. Europa liege dort weder hinter den USA noch hinter China zurück: „Bei Technologien wie der Gesichtserkennung haben wir gesehen, dass Europa einen Sprung nach vorn machen kann.“

Die wichtigsten Anwendungen der KI sieht Caine für Thales selber bei der Verteidigung und in der Luftfahrt. Und nennt ein Beispiel: Zusammen mit dem Flugzeughersteller Airbus arbeitet Thales an einem Cockpit mit nur noch einem Piloten. „Der Flieger der Zukunft wird ein menschliches und ein maschinelles Hirn haben“, prognostiziert Caine. Thales stellt alle Airbus-Cockpits her.

Thales für die Deutsche Bahn einer der wichtigsten Partner

Auch bei U-Bahnen sind ähnliche Technologien im Einsatz. Die Vorteile erläutert der Thales-Chef mit einem plakativen Beispiel: „Steht das Signal auf Grün, fährt die automatische U-Bahn auch dann, wenn eine Person auf den Schienen liegt – die autonome hält.“ Die neue Technik erhöht nicht nur die Sicherheit. Ein autonomes System bietet laut Caine auch Kostenvorteile: Die raffinierte Technik stecke im Zug, man müsse nicht mehr jede Strecke mit Milliardenaufwand modernisieren. „Autonome Züge können so zum Weiterbetrieb wenig frequentierter Strecken beitragen, weil sie nicht so abhängig sind von teuren Signalanlagen.“

Thales ist trotz 16 Milliarden Euro Umsatz und 65.000 Mitarbeitern in Deutschland nur wenig bekannt. Das liegt vor allem daran, dass die Franzosen sich nicht an den Endverbraucher wenden. Doch für die Deutsche Bahn beispielsweise sind sie einer der wichtigsten Partner. Jeder Bahnfahrer zieht sein Ticket an einem Thales-Automaten, und Signaltechnik der Franzosen ist an vielen Strecken präsent. Mittlerweile geht es um noch anspruchsvollere Technik: Thales arbeitet an autonomen Zügen für die Bahn. Die können miteinander kommunizieren, ihren Standort selbstständig bestimmen und ungewöhnliche oder riskante Vorfälle erkennen.

Internet der Dinge, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz (KI) – die Begriffe werden manchmal synonym verwendet. Zwei Länder investieren derzeit weltweit am meisten in den digitalen Wandel: die Vereinigten Staaten und China, wobei die Chinesen führend sind, was die Anzahl der Veröffentlichungen über KI betrifft. Doch Caine zufolge sollten die Europäer deshalb nicht glauben, sie seien abgehängt.

Der Thales-Chef verweist auf das Beispiel Satelliten, wo der Konzern Rivale von Airbus ist. So wollen die Franzosen gemeinsam mit Orange und Eutelsat 2020 „den größten je gebauten zivilen Satelliten starten, der einen großen Teil Europas abdeckt“. Der soll schnelles Internet in Regionen bringen, in denen es nicht verfügbar ist, und damit die digitale Spaltung der Gesellschaft ein Stück zurückdrängen.

Die KI hält Einzug in die Rüstungsindustrie

Das Konzept mit nur einem Satelliten ist konträr zu dem von Airbus. „Airbus und Greg Wyler verlassen sich auf Konstellationen von Hunderten von Satelliten, aber die Frage ist, ob das Wirtschaftsmodell funktioniert“, gibt der Franzose zu bedenken: Die zahlungsfähigen Kunden seien nicht da.

Auch in die Rüstungsindustrie hat KI Einzug gehalten. So können Aufzeichnungsgeräte (Pods) von Kampfflugzeugen Ziele automatisch erkennen, ohne dass ein Soldat die Bilder auswerten muss. Die Bodentruppen wiederum können elektromagnetische Wellen hören und entscheiden, wer dahinter steht, ob es sich um ein Militärradar handelt. „Im Grunde genommen machen diese Geräte das Gleiche wie Shazam mit Musik“, erklärt Caine die Technik.

Dabei ist dem Thales-Chef durchaus bewusst, dass damit digitale Technologie zum Töten eingesetzt wird. Er ist deshalb „überzeugt, dass wir für die elektronische Kriegsführung Kontroll- und Begrenzungsvereinbarungen schließen müssen, die denen für die konventionelle Kriegsführung ähneln.“ Der Standardsatz der Industrie in dieser sensiblen Frage lautet: Der Mensch müsse weiterhin Teil der Entscheidungskette bleiben. Doch das hält Caine nicht für ausreichend, um den Einsatz von KI im Militärbereich zu regeln.

Dass Europa sich beim Thema Digitalisierung zuweilen so schwertut, liegt für den Thales-Chef auch an der Industrie- und Wettbewerbspolitik. Europa müsse sich stärker und anders als bislang um seine Industrie kümmern. Es reiche nicht mehr aus, lediglich auf gemeinsame Normen zu setzen und die Forschung und Entwicklung zu fördern.

Europa muss reagieren

Notwendig sei auch eine angemessene Wettbewerbspolitik. „Die liegt in der Verantwortung der nationalen Kartellbehörden und der Europäischen Kommission, und ich möchte mich nicht einmischen“, so Caine: „Ich halte es jedoch für sinnvoll, nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Arbeitnehmer und ihre Arbeitsplätze im Auge zu behalten.“ Der europäische Bürger habe wenig davon, wenn er zwar besonders günstige Preise erhalte, gleichzeitig aber Europas Industrie erodiere und damit auch die Jobs für die nächste Generation.

Die Größe der Unternehmen sei ein wesentlicher Faktor. „Machen wir uns keine Illusionen: Wenn ein Unternehmen mehr als eine Billion Dollar wert ist wie Apple und Amazon, kann es jede Innovation und jeden potenziellen Herausforderer kaufen.“ Darauf müsse Europa reagieren und die Voraussetzungen dafür verbessern, dass ähnlich starke Unternehmen auch auf dieser Seite des Atlantiks entstehen können. „Europa muss seine Anstrengungen verstärken“, drängt der Thales-Chef.

Die verschiedenen Länder seien zu klein, der gemeinsame Markt sei nicht ausreichend vereint. Die Tatsache, dass die EU über den digitalen Wandel spreche, sei ein Schritt nach vorn. „Aber wir müssen mehr gemeinsame Aktionen erreichen.“ Das gelte auch für die europäische Verteidigung. „Mir fehlt der Wille, eine gemeinsame Industrie aufzubauen, auch durch Fusionen“, kritisiert Caine. Seine Schlussfolgerung: Europa habe alle Voraussetzungen für den Erfolg bei der digitalen Wende, „wenn wir es nicht schaffen, dann liegt es nur an uns selber“.

Startseite

0 Kommentare zu "Patrice Caine: „Viele Trümpfe in der Hand“ – Thales-Chef sieht in Digitalisierung große Chancen für Europas Konzerne"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote