Petrochemie-Konzern Sasol Der heimliche Ölkonzern aus Südafrika

1925 haben die deutschen Chemiker Franz Fischer und Hans Tropscher ein Verfahren entwickelt, mit dem Benzin aus Kohle gewonnen werden konnte. Der südafrikanische Petrochemie-Riese Sasol hat das Systen verfeinert – und ist so zu einem Weltunternehmen geworden.
Sasol: Flüssige Kohle. Kenndaten des südafrikanischen Konzerns. Grafik: Handelsblatt

Sasol: Flüssige Kohle. Kenndaten des südafrikanischen Konzerns. Grafik: Handelsblatt

KAPSTADT. Völlig unvermittelt ragt der Wald aus Stahlrohren und Schornsteinen bei Secunda aus dem sonnenverbrannten Highveld. 120 Kilometer östlich von Johannesburg, wo bis vor 30 Jahren Steppengras wucherte, steht ein gigantischer Industriekomplex. Es ist die Zwillingsanlage des südafrikanischen Öl- und Petrochemiekonzerns South African Synthetic Oil Limited – kurz Sasol –, und sie dient der Gewinnung von Mineralöl aus Kohle nach einem 1925 von den Mühlheimer Chemikern Franz Fischer und Hans Tropsch entwickelten Verfahren. Das Ursprungswerk steht in Sasolburg, einer 1954 am Reißbrett entworfenen Industriestadt.

Dass der aufwendige Prozess mit seinen gut ein Dutzend Zwischenstufen nur in Südafrika Anwendung fand, hat historische und geologische Gründe: Kaum ein Land war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts international ähnlich geächtet wie der damalige Apartheidstaat, weil Südafrika von Sanktionen belastet war, versuchte es die weiße Minderheitsregierung mit der wirtschaftlich unrentablen Technik der Kohleverflüssigung und gründete 1952 Sasol. Immerhin gab es den Rohstoff Kohle wohl nirgendwo so billig wie im Osten der Kaprepublik: In nur 200 Metern Tiefe lagern hier mehr als zwei Milliarden Tonnen Kohle in bis zu sechs Meter breiten Flözen.

Heute zahlt sich das aus: Sasol hat das Fischer-Tropsch-Verfahren so weit verfeinert, dass die Produktion profitabel ist, und inzwischen funktioniert sie auch mit Gas. Aus dem einstigen Bollwerk der Apartheid ist ein echter „Global Player“ geworden. Sasol ist Marktführer bei der Umwandlung schwer zugänglicher Gasreserven in leichter verwendbare Energieformen wie Dieselkraftstoff und Benzin. Knapp 40 Prozent der am Kap verkauften Kraftstoffe werden heute von Sasol erzeugt.

Firmenchef Pat Davies verfolgt inzwischen eine globale Strategie. Seit der politischen Öffnung des Landes vor zehn Jahren sind die Auslandsgeschäfte Jahr für Jahr um mehr als 30 Prozent gestiegen und steuern inzwischen die Hälfte zum Gesamtumsatz bei. Bis 2010 will Sasol pro Jahr bis zu 20 Mrd. Rand (2,2 Mrd. Euro) in neue Projekte pumpen. Zehn Mrd. Rand investieren die Südafrikaner derzeit in zwei Anlagen in China, sechs Mrd. Rand in Projekte in Indien.

Kein Wunder, dass Sasol inzwischen ins Visier internationaler Ölkonzerne geraten ist. Nach Meinung von Beobachtern hat das Unternehmen bei der Umwandlung von Gas und Kohle in Öl einen Entwicklungsvorsprung von bis zu vier Jahren gegenüber der Konkurrenz. Wegen seiner strategischen Bedeutung für Südafrika dürfte die Regierung aber eine Übernahme mit allen Mitteln zu verhindern suchen.

Die bislang für die Verflüssigung genutzte Kohle wird immer mehr durch Gas ersetzt, das bei der Erdölförderung oft als Nebenprodukt anfällt. Im arabischen Katar hat Sasol zusammen mit Chevron Texaco eine Anlage in Betrieb genommen, die Partner wollen hier rund 120 000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag produzieren. Bis zu einem Ölpreis von zwölf Dollar pro Barrel sei die Anlage rentabel. Eine Anlage in Nigeria soll ab Anfang 2008 produzieren.

Trotz der Bedeutung des Konzerns für die Rohstoffversorgung Südafrikas bekommt Sasol seit Jahren Gegenwind aus der Regierung. Zunächst beklagten sich die schwarzen Machthaber über den angeblich zu langsamen personellen Umbau des unter der Apartheid groß gewordenen Konzerns. Dabei sind bereits jetzt fast 40 Prozent der Posten im mittleren und höheren Management mit „historisch benachteiligten Südafrikanern“ besetzt, zu denen neben Schwarzen auch weiße Frauen zählen. Zudem versucht Sasol, den chronischen Mangel an Fachkräften durch Ausbildung eigener Leute zu beheben. Kein Unternehmen am Kap verteilt mehr Universitätsstipendien, überwiegend an schwarze Studenten. Inzwischen hat Sasol auch drei Vorstandspositionen mit Schwarzen besetzt.

Jetzt erwägt die ANC-Regierung angesichts der hohen Profite des Unternehmens eine gesonderte Gewinnsteuer für Sasol. Seine Wurzeln in der Frühphase der Apartheid und die zehn Jahre lang vom Apartheid-Staat gezahlten Subventionen dürften der tiefere Grund für solche Angriffe sein. Azar Jammine von der Ideenschmiede Econometrix sieht vor allem ideologische Motive: „Es zeugt von dem großen Misstrauen, das der ANC noch immer gegenüber unternehmerischen Profiten hegt.“

Sasol will die Investitionen am Kap zurückzuschrauben, wenn die Steuer kommt. Allein 2005 hat der Konzern elf Mrd. Rand in den Ausbau seiner heimischen Geschäfte gesteckt; seit 1997 waren es über 70 Mrd. Rand. Seit Jahren gehört das Unternehmen zu den größten Steuerzahlern, 2005 hat es rund vier Mrd. Rand an den Staat abgeführt.

Anderswo in der Welt wird Sasol geradezu hofiert: Katar hat dem Unternehmen für sein Engagement im Land zehn Jahre Steuerfreiheit garantiert.

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