PFAS-Debatte: Industrie warnt vor Verbot von „Ewigkeitschemikalien“
Die Umweltschutzbehörde EPA vermutet selbst in geringen PFAS-Werten eine Gefahr für die menschliche Gesundheit.
Foto: APDüsseldorf. Die EU-Kommission plant ein umfassendes Verbot sogenannter PFAS-Chemikalien, wegen ihrer langen Haltbarkeit auch „Ewigkeitschemikalien“ genannt. Das sei aus technologischer Sicht gefährlich, kritisiert die Industrie. Denn PFAS kommen nicht nur in Kosmetik oder Verpackungen zum Einsatz, sondern auch in Technologien, die für die industrielle Produktion und die grüne Transformation maßgeblich sind.
So sind die Ewigkeitschemikalien entscheidende Stoffe für Lithiumbatterien, Windräder, Brennstoffzellen und Computerchips. Das Problem: Für PFAS gibt es bislang zumindest in den Hightech-Anwendungen keine Alternative. Am Mittwoch warnte der Maschinenbauverband VDMA in einem Positionspapier vor den Folgen eines solchen Verbots. Chiphersteller sehen die Ambitionen Europas in Gefahr, die EU wieder zum neuen Produktionszentrum von Halbleitern zu machen.
„Wir sehen bereits durch die Diskussion über ein mögliches PFAS-Verbot Verwerfungen im Markt wie zurückgestellte Investitionen und Austritt von wichtigen Lieferanten“, sagt Sebastian Goldner, Technikvorstand des Brennstoffzellenherstellers Proton Motor Fuel Cell aus Puchheim bei München. „Dies ist für uns eine potenziell existenzbedrohende Situation.“
PFAS kommen in vielen Industrieprozessen zum Einsatz
Die EU-Kommission plant ein nahezu vollständiges Verbot von PFAS. Federführend haben dazu Umweltbehörden aus mehreren Einzelstaaten im Frühjahr einen Vorschlag eingereicht. 2025 soll die dann amtierende Kommission über ein Verbot entscheiden.
Bei PFAS – die Abkürzung steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – handelt es sich um äußerst stabile Stoffe, die robust gegen Wasser und Schmutz sind. Sie finden sich einerseits etwa in Outdoor-Produkten, Geschirr, Kosmetik oder Nahrungsmittelverpackungen.
PFAS kommen aber auch bei einer Vielzahl von Industrieprozessen zum Einsatz, in Schläuchen und Dichtungen, aber auch in Kältemitteln oder Wasserstoff-Elektrolyseuren. Dort werden die Chemikalien eingesetzt, um die Baubestandteile resistent gegen Hitze, Druck und Abrieb zu machen.
Die technisch wichtigen Stoffe haben eine Schattenseite: Die gut 10.000 Verbindungen können nur sehr schwer oder gar nicht abgebaut werden und reichern sich in der Natur an. So gelangen sie in Nahrungsketten und den Wasserkreislauf. Die US-Umweltschutzbehörde EPA vermutet selbst in geringen PFAS-Werten eine Gefahr für die menschliche Gesundheit – und möglicherweise einen Auslöser für Krebserkrankungen.
Umweltbehörden pochen auf Vorsorgeprinzip
Umweltbehörden wollen nicht darauf warten, bis eine mögliche Giftigkeit für alle Stoffe nachgewiesen ist. „Welche Schäden die langlebigen PFAS in der Umwelt auf Dauer anrichten können, ist häufig noch unerforscht“, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, das an der Empfehlung für ein Verbot in der EU beteiligt war. „Wir versuchen daher mit dem nun veröffentlichten Vorschlag, diese Stoffe in der EU so weit wie möglich zu verbieten. Dies ist aus Vorsorgegründen der richtige Schritt.“
Deswegen sieht der Vorschlag nur wenige Ausnahmen vor, etwa für den Einsatz in Medikamenten und Pflanzenschutzmitteln. Für einzelne Anwendungen sollen es feste Übergangsfristen geben, teilweise von mehr als zehn Jahren. Das Problem dabei: Für wichtige Anwendungen gibt es nach heutigem Stand keine Alternativen. Deren Entwicklung könnte Jahrzehnte dauern.
Die Industrie sieht in dem Vorgehen ein „undifferenziertes Generalverbot“. „Es führt dazu, dass wir in Europa sämtliche zukunftsweisenden Schlüsseltechnologien verlieren“, sagt Ingrid Hunger, geschäftsführende Gesellschafterin des Dichtungsherstellers Hunger DFE aus Würzburg. „Viele vor allem mittelständische Betriebe werden vor dem Aus stehen und die damit verbundenen Arbeitsplätze verloren gehen.“
Die Industrie fordert deshalb Ausnahmen für PFAS-Stoffe, die in Maschinen stecken und somit nicht mit der Umwelt in Berührung kommen. Zudem sei die Schädlichkeit bestimmter Untergruppen gering, sagt Gunther Kegel, Chef des Automatisierungsunternehmens Pepperl + Fuchs aus Mannheim. Tatsächlich stuft die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Reihe von PFAS als „polymers of low concern“ ein, also als ungefährlich für die Umwelt.
Nichtregierungsorganisationen sehen die Lobbyarbeit, die die Industrie derzeit gegen ein mögliches PFAS-Verbot verstärkt, kritisch. So habe es die Industrie und speziell die Chemie immer wieder geschafft, neue Schutzvorschriften für Gesundheit und Umwelt aufzuweichen, heißt es in einem Blogbeitrag des Corporate Europe Observatory, das die Lobbyarbeit in Brüssel beobachtet.
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Unternehmer Kegel, der auch Präsident des Elektro- und Digitalindustrie-Verbands ZVEI ist, hält dagegen. „Die Industrie wird mit einem weitreichenden Verbot vor die unlösbare Aufgabe gestellt, eine Alternative zu entwickeln, um die grüne Transformation nicht zu hemmen“, sagt er.
Alternativen zu PFAS gibt es meist nur in einzelnen und einfachen Anwendungen. So hat der Konsumgüterproduzent Werner & Mertz (Marke „Frosch“) einen Wasserschutz für Funktionskleidung entwickelt, der ohne PFAS auskommt. Für durchschnittliche Outdoorfans sei dies ausreichend, erklärt das Mainzer Unternehmen, allerdings nicht für die Ausrüstung von Feuerwehrleuten zum Schutz vor Öl und Hitze.
Ungleichgewicht für europäische Wirtschaft
Vor allem die Halbleiterindustrie wäre stark von einem Verbot betroffen. „Die generelle Beschränkung von PFAS gefährdet die Halbleiterindustrie in Europa und die Ziele des European Chips Acts“, warnte der ZVEI. Denn die Verwendung vieler PFAS sind in der Chipproduktion unerlässlich.
Zwar schreiben sich die großen Chiphersteller auf die Fahne, dass sie nach Alternativen suchen. Die aber sind nicht in Sicht. „Eine Chipherstellung ohne den sicheren Einsatz von PFAS ist derzeit definitiv nicht möglich, da es derzeit keine chemischen Stoffe gibt, die in gleicher Weise geeignet wären, die notwendigen chemischen Prozesse auszuführen,“ heißt es in dem Papier.
Die Halbleiterbranche kommt ohne PFAS-Stoffe nicht aus.
Foto: dpaEin Verbot würde auch die Hersteller von Wärmepumpen treffen: Sogenannte F-Gase in den Kältemitteln der Geräte werden der Stoffgruppe zugerechnet. Zumindest dabei ist aber eine Alternative vorhanden: Es sind erste Geräte auf dem Markt, die Propangas nutzen. Die Heizungsbranche entwickelt bereits weitere alternative Kältemittel – doch auch sie fordert bei der Regulierung von PFAS durch die EU längere Übergangsfristen.