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Pharmabranche In diesen Sparten hat Bayer die größten Probleme

Mit einem heftigen Sparprogramm will Bayer-Chef Werner Baumann seine beiden Gesundheitssparten voranbringen. Er muss dabei vor allem Altlasten aus der Ära Dekkers abbauen.
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Bayer muss die Pharma-Sparte umbauen und vor allem Fehlentscheidungen aus der Vergangenenheit beheben. Quelle: dpa
Konzernumbau

Bayer muss die Pharma-Sparte umbauen und vor allem Fehlentscheidungen aus der Vergangenenheit beheben.

(Foto: dpa)

Frankfurt Es gehört zur erprobten Routine im Management, radikale Einschnitte als Offensive für die Zukunft zu verkaufen. Diesem Rezept folgt auch Bayer mit dem radikalen Spar- und Umbauprogramm.

In seinen beiden Gesundheitssparten rechnet der Konzern mit hohen Abschreibungen und plant für den Consumer-Bereich und die Pharmaforschung eine Neuausrichtung des Geschäfts und einen umfangreichen Personalabbau.

Alles in allem will Bayer 8000 Arbeitsplätze im Gesundheitsgeschäft abbauen und rund 1,6 Milliarden Euro an laufenden Kosten einsparen.

Man schaffe damit die Voraussetzungen, um Performance und Ertragskraft von Bayer nachhaltig zu steigern, versicherte Bayer-Chef Werner Baumann. Indirekt räumt er damit aber auch strategische und operative Schwächen im Gesundheitsgeschäft ein.

Das Grundproblem lässt sich in etwa wie folgt beschreiben: Bayer konnte zwar in den zurückliegenden Jahren das operative Geschäft mit großem Erfolg vorantreiben. Es gelang dem Management des Leverkusener Konzerns aber nicht, die Grundlagen für weiteres Wachstum im nächsten Jahrzehnt zu legen.

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Fast alle größeren Zukunftsinvestitionen aus der Ära des vorherigen CEOs Marijn Dekkers, der den Konzern von 2010 bis 2016 führte, entpuppten sich inzwischen vielmehr als Fehlinvestments, die man jetzt mit großem Aufwand und radikalen Einschnitten korrigieren muss.

Baustelle Consumer Health

Besonders eklatant offenbaren sich die Schwächen in der Consumer-Health-Sparte, die das Bayer-Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten umfasst. Der Konzern machte hier 2014 mit der rund elf Milliarden Euro teuren Übernahme der Selbstmedikationssparte des US-Konzerns Merck & Co im Prinzip einen großen Sprung nach vorne.

Inzwischen stellt sich jedoch heraus, dass sich Bayer damit auch erhebliche operative Probleme eingekauft hat. Das Consumer-Health-Geschäft entwickelte sich insbesondere in den USA generell schwächer als erwartet, etliche Marken aus dem Portfolio von Merck & Co offenbarten darüber hinaus zusätzliche Schwächen. Von zwei wichtigen Produktlinien, der Sonnenschutzlinie Coppertone und der Fußpflege-Marke Dr. Scholl’s, will sich Bayer nun komplett trennen.

Mit außerplanmäßigen Abschreibungen von 2,7 Milliarden Euro auf Marken und Goodwill-Positionen räumt Bayer nun ein, dass man für das Merck-Consumer-Geschäft bei weitem zu viel gezahlt hat. Mit enthalten sind dabei auch Abschreibungen auf die weitaus kleinere chinesische Firma Dihon, ebenfalls eine Akquisition aus der Dekkers-Ära. Für sie zahlte Bayer damals rund 450 Millionen Euro.

Wie enttäuschend die Entwicklung der Bayer-Consumer-Sparte ist, zeigt ein Blick auf die längerfristigen Daten: Für 2013, das letzte Jahr vor der Übernahme der Merck & Co-Sparte, wies Bayer bei 7,7 Milliarden Euro Umsatz einen bereinigten Betriebsgewinn vor Sondereinflüssen (Ebitda) von gut 1,8 Milliarden Euro aus.

Ein Drittel davon dürfte damals auf die Bereiche Tiermedizin und Medical Care (Diagnostika, Kontrastmittel) entfallen sein, die inzwischen umgegliedert oder verkauft wurden. Klammert man diese Bereiche aus, errechnet sich für 2013 ein Ebitda von etwa 1,2 Milliarden Euro für das Consumer-Geschäft in heutiger Struktur.

Im laufenden Jahr dagegen dürfte Bayer in der Sparte auf ein bereinigtes Ebitda von nur noch etwas mehr als eine Milliarde Euro zusteuern. Das heißt, selbst auf bereinigter Basis verdient Bayer in dem Geschäft derzeit weniger als 2013, obwohl man in der Zwischenzeit mehr als elf Milliarden Euro für die Übernahmen von Merck & Co Consumer Health, Dihon und Steigerwald ausgegeben hat.

Die Ebitda-Marge verschlechterte sich in der Zeit von 31 Prozent auf rund 19 Prozent. Die Ebit-Rendite nach Sondereinflüssen sank von etwa 21 Prozent auf zuletzt 13 Prozent.

Dabei hatte die Merck & Co-Sparte zum Zeitpunkt der Übernahme nach damaligen Angaben mehr als 500 Millionen Euro Ebitda erzielt, weitere knapp 500 Millionen Euro wollte Bayer an Synergien herausholen.

Baustelle Pharma

Ein etwas anderes Bild zeigt sich für das Bayer-Pharmageschäft. Die Sparte ist nach wie vor eine tragende Säule und zeigte in den letzten Jahren eine solide Performance mit überdurchschnittlichem Wachstum und steigenden Renditen.

Allerdings hat sie in jüngerer Zeit ebenfalls an Dynamik verloren. Für die ersten neun Monate 2018 weist sie einen leichten Umsatzrückgang auf 12,4 Milliarden Euro aus, bei nahezu stabilem Betriebsgewinn (Ebit) von 3,5 Milliarden Euro. Klammert man Währungseffekte aus, legte das Bayer-Pharmageschäft nach Berechnung des Unternehmens noch um 3,6 Prozent zu, während es 2016 zum Beispiel noch um knapp neun Prozent gewachsen war.

Mit 29 Prozent Ebitda-Rendite bewegt sich Bayer immerhin auf dem Niveau von Sanofi, liegt aber gegenüber anderen Big-Pharma-Konkurrenten wie Novartis, Roche oder Pfizer ertragsmäßig noch deutlich zurück.

Die Leverkusener haben dabei solide Chancen, auch in den nächsten Jahren im Pharmabereich noch zu wachsen. Dafür sorgen vor allem die beiden Bestseller Xarelto (zur Schlaganfall-Prophylaxe) und das Augenmittel Eylea.

Zugleich erwächst daraus aber auch eine große Herausforderung für die kommenden zehn Jahre. Das Wachstum hat sich zuletzt immer stärker auf diese beiden Produkte konzentriert. Die Patente auf Xarelto und Eylea werden allerdings ab 2023 nach und nach auslaufen. Es droht dann eine Umsatzlücke von womöglich mehr als sechs Milliarden Euro.

Gleichzeitig zeigt der Rest des Bayer-Pharma-Portfolios Schwächen: Das relativ umfangreiche Sortiment mit älteren Produkten verbuchte in den ersten neun Monaten 2018 rund acht Prozent Umsatzrückgang. Mit den Krebsmitteln Stivarga und Xofigo verbuchten auch zwei der fünf Medikamente, die Bayer eigentlich als „Hauptwachstumsprodukte“ einstuft, rückläufige Erlöse.

Das aktuelle Produktsortiment der Pharmasparte verspricht damit insgesamt wenig Potenzial für die schwierige Phase ab 2023. Auch in der Pharmasparte zeigt sich damit mehr und mehr, dass die Investitionen der zurückliegenden Jahre nicht liefern.

Als Totalausfall entpuppte sich zum Beispiel die 850 Millionen Euro Übernahme der US-Firma Conceptus, mit der Bayer 2013 sein Verhütungsgeschäft stärken wollte. Das Hauptprodukt Essure, ein Implantat, das in die Eileiter eingesetzt wurde, geriet wegen gravierender Nebenwirkungen in die Schlagzeilen und wurde von Bayer inzwischen komplett vom Markt genommen. Geblieben sind rund 18.000 Schadensersatzklagen von betroffenen US-Patientinnen.

Als fragwürdig entpuppt sich inzwischen auch die ebenfalls 2014 vollzogene Übernahme des norwegischen Unternehmens Algeta, aus dessen Forschung das Bayer-Medikament Xofigo stammt. Bayer zahlte damals rund 2,1 Milliarden Euro. Das Mittel gegen Prostatakrebs, bei dem eine radioaktive Komponente angekoppelt ist, konnte zunächst auch mit Erfolg auf den Markt gebracht werden.

Nachdem eine Vergleichsstudie mit einem etablierten Präparat zuletzt aber ungünstige Daten lieferte, gerät das Geschäft zusehends unter Druck. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA schränkte den Einsatz ein. Die Umsätze schrumpften zuletzt um zwölf Prozent.

Als bitteres Fehlinvestment aus der Zeit Dekkers entpuppt sich zudem auch das wohl größte Sachinvestitionsprojekt der Bayer-Pharmasparte, der Bau einer neuen, mehr als 500 Millionen Euro teuren Biotech-Anlage für das Blutermedikament Kogenate und die davon abgeleiteten Nachfolgeprodukte.

Bayer gehörte noch bis vor wenigen Jahren zu den führenden Anbietern von Blutermedikamenten, wurde inzwischen aber von der Konkurrenz überrundet, die mit neuartigen Wirkstoffen auftrumpften.

Dazu gehört insbesondere Roche und die inzwischen von Sanofi übernommene US-Firma Bioverativ. Angesichts rückläufiger Absatzperspektiven muss Bayer nun die nagelneue Kogenate-Fabrik aufgeben und 600 Millionen Euro abschreiben.

Was die Produktentwicklung angeht, konnte Bayer im Pharmabereich immerhin einen wichtigen Erfolg mit der US-Zulassung für das neuartige Krebsmittel Larotrectinib verbuchen. Für diesen Wirkstoff, der sich gegen eine spezielle Mutation in Tumorzellen richtet, hatte Bayer erst 2017 im Rahmen einer Allianz mit der US-Firma Loxo Oncology die Rechte übernommen.

Was die übrige Pharmaforschung angeht, kann der Konzern bislang dagegen nur mit mäßigen Erfolgen aufwarten. Die Pipeline erscheint zu schwach, um die Patentabläufe im nächsten Jahrzehnt aufzufangen.

Bisher stellte Bayer sechs Pipeline-Projekte heraus, die ab 2019 auf den Markt kommen könnten und zusammen gut sechs Milliarden Euro Umsatzpotenzial repräsentieren. Alleine ein Drittel davon entfällt allerdings auf das potenzielle Krebsmittel Anetumab, das in einer ersten größeren Studie im vergangenen Jahr gegen Brustfellkrebs enttäuschende Daten lieferte.

Das Projekt ist damit zwar noch nicht komplett erledigt. Es laufen weitere Studien. Aber das Produkt dürfte selbst im Erfolgsfall später auf den Markt gelangen als geplant.

Insgesamt zeigt sich, dass die Bayer-Pharmastrategen in den vergangenen Jahren einige wichtige Trends verpasst haben. Im boomenden Feld der Krebsimmuntherapie zum Beispiel hat der Konzern bisher kaum etwas zu bieten. Gleichzeitig verlieren alle drei Krebsmittel von Bayer inzwischen an Umsatz.

Auch bei Autoimmunkrankheiten, einem weiteren Boom-Sektor der Pharmabranche, spielt Bayer heute praktisch keine Rolle mehr, obwohl man einst mit Betaferon zu den führenden Anbietern von Medikamenten gegen Multiple Sklerose gehörte. Die Entwicklung legt nahe, dass Bayer in der Pharmaforschung insgesamt zu wenig Flexibilität und Beweglichkeit zeigte, um auf neue wissenschaftliche Entwicklungen und Chancen zu reagieren.

Das versucht Baumann nun offenbar zu korrigieren, in dem er die frühe Pharmaforschung von Bayer stärker auf externe Innovationen und Partnerschaften ausrichtet. Um die drohende Umsatzlücke im nächsten Jahrzehnt zu kompensieren, dürfte er aber zusätzlich auch noch weitere Deals für marktnahe Produkte benötigen.

Die erfolgreiche Loxo-Allianz, die bereits ein Jahr nach Abschluss zu einer Zulassung führte, ist dafür ein gutes Vorbild. Solche zulassungsreifen Projekte sind in der Pharmawelt allerdings nicht leicht zu haben – und in der Regel auch sehr teuer.

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