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Pharmaindustrie Astra-Zeneca kauft Alexion für 39 Milliarden Dollar

Mit der Akquisition will der Pharmakonzern seine Position bei seltenen Erkrankungen und in der Immunologie ausbauen. Der Deal wirft indirekt auch ein Schlaglicht auf die Konkurrenz.
12.12.2020 Update: 13.12.2020 - 13:56 Uhr Kommentieren
Mit der Übernahme wird Astra-Zeneca zu einem der führenden Unternehmen in der Behandlung und Erforschung seltener Krankheiten. Quelle: dpa
Astra-Zeneca

Mit der Übernahme wird Astra-Zeneca zu einem der führenden Unternehmen in der Behandlung und Erforschung seltener Krankheiten.

(Foto: dpa)

Frankfurt Im Schatten der Corona-Pandemie setzt der britische Arzneimittelhersteller Astra-Zeneca zu seiner größten Übernahme seit der Firmengründung im Zuge der Fusion von Astra und Zeneca vor über 20 Jahren an. Für 39 Milliarden Dollar will Astra-Zeneca die amerikanische Biotechfirma Alexion Pharmaceuticals übernehmen und damit sein Geschäft im Bereich seltener Erkrankungen und der Immunologie stärken.

Der Kaufpreis von rund 175 Dollar entspricht einem Aufschlag von etwa 45 Prozent gegenüber dem Alexion-Kurs vom Freitag. Relativ zum erwarteten bereinigten Alexion-Gewinn von zwölf Dollar je Aktie im laufenden Jahr bewegt sich die Bewertung jedoch nur im Branchendurchschnitt. Er entspricht einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade mal 15.

Das US-Unternehmen mit Sitz in Boston und rund 2500 Mitarbeitern ist spezialisiert auf Medikamente, die das sogenannte Komplementsystem dämpfen, und damit einen Teil der angeborenen Immunabwehr des Menschen. Der Ansatz hat sich bei einigen sehr seltenen immunologischen Krankheiten als erfolgreich erwiesen und wird zum Beispiel auch von der Jenaer Biotechfirma Inflarx intensiv verfolgt – wenn auch bisher mit weitaus weniger Erfolg als bei Alexion. Sowohl Inflarx als auch Alexion testen ihre Wirkstoffe inzwischen auch in der Behandlung von schweren Covid-Erkrankungen.

Engagiert auf dem Feld sind in gewissem Umfang auch Firmen wie Roche, Novartis und die belgische UCB, die im April die US-Firma Ra Pharmaceuticals für 2,1 Milliarden Dollar übernommen hat. Mit Astra-Zeneca steigt nun ein etablierter Big-Pharma-Konzern erstmals in ganz großem Stil in diesen speziellen Bereich der Immunologie ein.

Der zwischen beiden Unternehmen fest vereinbarte Deal ist die bisher größte Pharmaübernahme des Jahres und die sechstgrößte Übernahme in der Branche in den letzten zehn Jahren. Wie häufig üblich bei solchen Transaktionen in der Pharmaindustrie will Astra-Zeneca dabei nur etwa ein Drittel des Kaufpreises in bar bezahlen, den Rest durch die Ausgabe eigener Aktien. Der Anstieg der Verschuldung hält sich damit in Grenzen. Die bisherigen Alexion-Aktionäre werden nach Vollzug der Transaktion rund 15 Prozent an Astra-Zeneca halten.

Der britische Konzern, der in der Vergangenheit im Gegensatz zu vielen Konkurrenten sehr zurückhaltend bei Akquisitionen agierte und vor allem auf organisches Wachstum setzte, nutzt damit nun seine aktuell hohe Bewertung, um sein Produktportfolio durch einen Zukauf zu verbreitern. Astra-Zeneca wird mit Alexion etwa sechs Milliarden Dollar Umsatz und mehr als zwei Milliarden Dollar operativen Ertrag hinzugewinnen. Mit pro forma etwa 36 Milliarden Dollar Umsatz inklusive Alexion dürfte das Unternehmen zudem wieder in den Kreis der zehn größten Pharmakonzerne zurückkehren.

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Astra-Zeneca ist aktuell bereits einer der wachstumsstärksten und – mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 26 – auch einer der höchstbewerteten Vertreter unter den Big-Pharma-Konzernen. Grundlage dafür ist allerdings nicht etwa das prominente Engagement des Konzerns in der Entwicklung eines Covid-Impfstoffs, sondern sein relativ starkes Produktprogramm im Bereich der Krebs- und der Diabetesmedikamente. Analysten trauen dem Unternehmen daher für die nächsten Jahre mehr als acht Prozent Wachstum pro Jahr zu.

Die Chancen des Covid-Impfstoffs, den Astra-Zeneca in Kooperation mit der Oxford University entwickelt, beurteilen viele Experten dagegen eher zurückhaltend. Er zeigte in einer großen klinischen Studie zwiespältige Resultate und war mit einer Wirksamkeit von durchschnittlich 70 Prozent deutlich weniger effizient als die Impfstoffe von Biontech und Moderna.

Zudem hatte der britische Konzern ohnehin angekündigt, dass er den Impfstoff zunächst zum Selbstkostenpreis vertreiben will, also keine Erträge mit diesem Produkt erwartet. Mit der Übernahme von Alexion demonstriert der britische Konzern nun jedoch erhebliche Ambitionen, sich auf anderen Feldern zu verstärken.

Pionier bei seltenen Krankheiten

Alexion ist einer der Pioniere in der Entwicklung von Medikamenten gegen extrem seltene Erkrankungen. Grundlage sind vor allem Wirkstoffe, die in das sogenannte Komplementsystem eingreifen: eine Gruppe von untereinander vernetzten Proteinen, die eine primäre Abwehr gegen Schadstoffe und Erreger bilden und damit eine zentrale Rolle bei der angeborenen Immunabwehr des Menschen spielen. Eine Überaktivität oder Fehlsteuerung des Komplementsystems kann schwere Autoimmunerkrankungen auslösen.

Top-Produkt von Alexion ist der Wirkstoff Soliris gegen die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH), bei der das Immunsystem aufgrund eines Gendefekts die roten Blutkörperchen angreift. Die Krankheit, an der jährlich nur etwa eine Person von einer Million erkrankt, ist unter anderem durch Blutarmut, Kurzatmigkeit und Thromboseneigung gekennzeichnet.

Ungeachtet der sehr geringen Patientenzahlen gelang es Alexion im Laufe der letzten 15 Jahre, aus Soliris ein Milliardengeschäft aufzubauen. Das Medikament, das inzwischen auch gegen einige weitere extrem seltene Krankheiten zugelassen ist, war zweitweise das teuerste Medikament auf dem Pharmamarkt. Vor Jahren hatte sich auch der Baseler Roche-Konzern schon einmal für Alexion interessiert, schreckte am Ende aber vor der damaligen Bewertung von rund 20 Milliarden Dollar zurück.

Alexion wächst seit Jahren mit Raten von etwa 20 Prozent pro Jahr und erzielte 2019 rund fünf Milliarden Dollar Umsatz und 2,4 Milliarden Dollar Reingewinn. In den ersten neun Monaten 2020 legte das Unternehmen um 24 Prozent zu und dürfte damit auf mehr als sechs Milliarden Dollar Umsatz zusteuern. Die meisten Analysten unterstellen allerdings, dass das Wachstum bald abflacht, was sich auch in der vergleichsweise niedrigen Bewertung von Alexion reflektiert. Der Hedgefonds Elliott des Milliardärs Paul Singer, der 2017 bei Alexion einstieg, drängt das Unternehmen seit Monaten, sich zum Verkauf zu stellen.

Das Astra-Zeneca-Management sieht unterdessen mehr Potenzial in dem US-Unternehmen. Neben Soliris hat Alexion in den letzten Jahren drei weitere Produkte gegen PNH und einige weitere seltene Erkrankungen auf den Markt gebracht. Elf Projekte bearbeitet das Unternehmen in der Forschung und klinischen Entwicklung.

Astra-Zeneca geht davon aus, dass man mit dem Know-how von Alexion im Bereich der Komplement-Biologie eine Technologieplattform erwirbt, aus der zahlreiche weitere Produkte hervorgehen könnten. Dass der britische Konzern dafür nun fast 40 Milliarden Dollar auf den Tisch legt, dürfte auch andere Akteure etwas stärker ins Rampenlicht rücken.

Mehr: Diese Unternehmen profitieren vom Impfboom

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