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Pharmaindustrie Biogen setzt wieder auf Hoffnungsträger gegen Alzheimer

Der US-Konzern bringt sein Mittel Aducanumab doch noch in die Zulassung. Damit weckt der Konzern neue Hoffnung für die Alzheimer-Forschung.
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Der US-Konzern Biogen bringt sein Mittel Aducanumab doch noch in die Zulassung. Quelle: Biogen
Forscherin im Biogen-Labor

Der US-Konzern Biogen bringt sein Mittel Aducanumab doch noch in die Zulassung.

(Foto: Biogen)

Frankfurt Dieser Fall könnte auf eine der dramatischsten Wendungen in der Geschichte der Pharmaforschung hinauslaufen. Der potenzielle Alzheimer-Wirkstoff Aducanumab galt bereits als prominenter Fehlschlag. Nun bringt ihn die US-Firma Biogen neu ins Rennen und sorgt bei Investoren und Wissenschaftlern gleichermaßen für Verblüffung und Erleichterung.

Biogen hatte im Frühjahr zwei große Studien mit Aducanumab mangels Erfolgsaussichten gestoppt und das Forschungsprogramm mit dem Mittel weitgehend eingestellt. Am Dienstag jedoch überraschte der US-Konzern mit neuen Daten aus den klinischen Studien und der Ankündigung, Aducanumab Anfang des kommenden Jahres doch zur Zulassung in den USA einzureichen.

„Wir glauben, dass das ein Wendepunkt im Kampf gegen Alzheimer ist“, sagte Biogen-Chef Michel Vounatsos im Gespräch mit dem Handelsblatt. Zugleich sieht er in der Entwicklung eine klare Bestätigung für die – zuletzt stark kritisierte – Forschungs-Strategie des Unternehmens.

Der US-amerikanische Biotechnologie-Konzern ist als einziger der etablierten Pharmahersteller voll auf neurologische Erkrankungen fokussiert und leistete sich in den vergangenen Jahren die größten Forschungsinvestitionen im Bereich Alzheimer. Sein Geschäft wird bisher vor allem von Medikamenten gegen Multiple-Sklerose getragen. In den ersten neun Monaten stieg der Umsatz um acht Prozent auf 10,7 Milliarden Dollar. Ein erfolgreiches Alzheimermedikament könnte dem Konzern ein riesiges neues Wachstumspotenzial bringen.

Gibt die US-Arzneimittelbehörde FDA grünes Licht für das Medikament, wäre es die erste Neuzulassung auf dem Gebiet seit fast zwei Jahrzehnten – und das erste Medikament überhaupt, das über die Symptombehandlung hinaus eine echte Verlangsamung der Demenzerkrankung verspricht. Weltweit wird die Zahl der Alzheimer-Patienten auf etwa 40 Millionen geschätzt.

Aktie reagiert positiv

Die Reaktionen sind daher heftig ausgefallen: Die Biogen-Aktie legte am Dienstag um 26 Prozent zu, verbuchte am Mittwoch aber leichte Verluste. Im Frühjahr, nach dem Abbruch der Studien, hatte das Unternehmen noch mehr als ein Drittel an Wert verloren.

Der Wirkstoff Aducanumab hat auch über Biogen hinaus erhebliche Bedeutung. Denn er gilt als maßgeblicher Gradmesser für die Hypothese, dass die Alzheimer-Demenz durch bestimmte Proteinablagerungen im Gehirn, die sogenannten Amyloid-Plaques, ausgelöst wird. Vor allem genetische Untersuchungen haben einen solchen Zusammenhang stark untermauert. Doch nachdem in den letzten Jahren zahlreiche Wirkstoffe, die am Amyloid ansetzten, scheiterten, schien der Zusammenhang massiv in Frage gestellt – aus Sicht mancher Beobachter sogar als widerlegt.

Die neuen Daten und eine mögliche Zulassung von Aducanumab könnten daher auch auf eine dramatische Renaissance für die Amyloid-Hypothese hinauslaufen. Der Münchner Alzheimer-Forscher Christian Haass, der zu den stärksten Verfechtern des Ansatzes zählt, warnt zwar vor voreiligem Optimismus. Er bewertet die neuen Daten von Biogen indessen als „Silberstreif am Horizont“, der neue Perspektiven eröffnen könnte. „Das ist vielleicht noch nicht die Lösung, aber vielleicht ein Zeichen, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet.“

Einfluss auf die Forschung der Konkurrenz

Vor allem diese Aussicht hat am Kapitalmarkt auch anderen Akteuren Auftrieb gegeben, die mit eigenen Entwicklung auf die Amyloid-Bekämpfung zielen. Auch die japanische Eisai und die italienische Biotechfirma AC verbuchten zweistellige Kursgewinne. An einem Wirkstoff gegen Amyloid arbeitet ferner auch der Schweizer Roche-Konzern in Kooperation mit der Münchner Morphosys.

Biogen hatte die Studien mit Aducanumab im März abgebrochen, nachdem eine Zwischen-Analyse auf Basis der Studiendaten bis Dezember 2018 keine Erfolgsaussichten für die Tests signalisierten.

Die überraschende Wende begründet das US-Unternehmen nun vor allem mit zusätzlichen Daten, die von Dezember bis März noch angefallen waren, sowie mit neuen Analysen dieser Daten. Eine der beiden Studien hat danach mit der höchsten Dosierung von Aducanumab den angestrebten Zielpunkt einer statistisch signifikanten Reduktion der Demenzsymptome erreicht. Im Vergleich zu einer Behandlung mit Scheinmedikamenten konnten sie um 23 Prozent gemindert werden.

Die zweite Studie verfehlte das Ziel zwar. Doch hier war, nach Überzeugung des US-Konzerns, die Behandlungsdauer mit der hohen Dosis womöglich zu gering, um einen klinischen Effekt auszulösen.
Mehrere Gespräche mit der US-Arzneimittelbehörde FDA über die Resultate haben Biogen ermutigt, trotz der etwas zwiespältigen Resultate einen Zulassungsantrag in Angriff zu nehmen. Experten gehen davon aus, dass über diesen am Ende wohl ein von der FDA berufenes Expertengremium entscheiden wird.

Mehr: Reihenweise scheitern Forschungsprojekte im Kampf gegen die Demenzkrankheit. Wissenschaftler suchen nach neuen Therapie-Ansätzen – bisher mit wenig Erfolg.

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