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PharmaindustrieFDA erteilt neuem Alzheimer-Medikament vorläufige Zulassung

Ein Wirkstoff von Eisai und Biogen überzeugt die US-Behörde mit positiven Daten. Die Zulassung in Europa wollen die beiden Hersteller in den kommenden Monaten beantragen.Siegfried Hofmann 06.01.2023 - 22:56 Uhr Artikel anhören

Die US-Arzneibehörde FDA hat eine beschleunigte Zulassung für ein Antikörper-Medikament vergeben, das ein Fortschreiten von Alzheimer im frühen Stadium verlangsamen soll.

Foto: dpa

Frankfurt. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat am Freitagabend dem neuen Alzheimer-Wirkstoff Lecanemab eine vorläufige Zulassung erteilt und damit Hoffnungen auf weitere Fortschritte im Kampf gegen die Demenzerkrankung gestärkt.

Die japanische Firma Eisai und der US-Biotech-Konzern Biogen, die den Wirkstoff gemeinsam entwickelten, wollen das Medikament nun unter dem Namen Leqembi zu Jahrestherapiekosten von 26.500 Dollar auf den US-Markt bringen und in den nächsten Monaten auch eine Zulassung in Europa beantragen. Die Aktie von Eisai legte nach der Bekanntgabe der FDA im US-Handel rund vier Prozent zu, der Aktienkurs von Biogen stieg um rund drei Prozent.

Der Wirkstoff Lecanemab gilt als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung von Alzheimer-Medikamenten. Das Mittel ist allerdings noch weit davon entfernt, die Krankheit zu heilen, und zudem auch mit einigen Nebenwirkungen verbunden. Zugleich ist es jedoch der erste Wirkstoff, der in einer zulassungsrelevanten klinischen Studie zeigen konnte, dass er das Voranschreiten der Alzheimer-Erkrankung bremsen kann.

Die FDA sprach daher von einem „bedeutenden Fortschritt im Kampf um effektive Behandlung der Alzheimer-Erkrankung“. Wie Eisai und Biogen bereits im September bekannt gaben, konnte Lecanemab in einer großen Phase-3-Studie den kognitiven Verfall bei den behandelten Patienten gegenüber der Vergleichsgruppe um 27 Prozent reduzieren. Phase-3-Studien sind die letzte Phase im Entwicklungsprozess eines Medikaments. Dabei wird es an einer größeren Gruppe Patienten erprobt. Jeweils die Hälfte der rund 1800 Studienteilnehmenden erhielt dabei entweder Lecanemab oder ein Scheinmedikament.

Verabreicht wurde das Mittel dabei als Infusion über einen Zeitraum von 18 Monaten im Abstand von jeweils zwei Wochen. Die geistigen Fähigkeiten der Teilnehmenden wurden dabei anhand des Clinical Dementia Ratings (CDR), einem etablierten System zur Messung von Demenzsymptomen, erfasst.

Die nun erteilte vorläufige Zulassung basiert auf einer vorangegangenen kleineren Studie. Doch wollen Eisai und Biogen auf Grundlage der inzwischen publizierten größeren Studie auch eine reguläre Zulassung beantragen.

Auftrieb für die Amyloid-Hypothese

Bei Lecanemab handelt es sich um einen Antikörper, der gegen bestimmte Proteinablagerungen in den Hirnzellen, sogenannte Beta-Amyloide, gerichtet ist. Er repräsentiert nach Einschätzung von Fachleuten damit auch die erste maßgebliche Bestätigung für die zuletzt eher umstrittene Amyloid-Hypothese. Sie besagt, dass Alzheimer durch die Amyloide ausgelöst wird und folglich eine Beseitigung dieser Ablagerung mithilfe von Medikamenten der Schädigung von Gehirnzellen entgegenwirken kann.

Zahlreiche getestete Wirkstoffe, die sich an diesem Konzept orientierten, waren zuvor in klinischen Studien gescheitert. So zuletzt auch der Wirkstoff Gantenerumab, den der Baseler Roche-Konzern in Kooperation mit dem Münchener Unternehmen Morphosys entwickelte. Das ebenfalls von Biogen und Eisai entwickelte Medikament Aducanumab wurde 2020 zwar von der FDA gegen den Rat eines Expertengremiums zugelassen, die klinischen Studien hatten in diesem Fall jedoch ebenfalls keine statistisch eindeutigen Resultate geliefert.

US-Krankenkassen lehnten daher eine Erstattung des Mittels ab, in Europa musste Biogen den Zulassungsantrag wieder zurückziehen. Das umstrittene Medikament, das Biogen und Eisai anfänglich für 56.000 Dollar pro Jahr anboten, entpuppte sich daher als kommerzieller Flop für die beiden Firmen.

Mit Lecanemab erhalten sie nun eine zweite Chance. Denn die klinischen Testresultate gelten in diesem Fall als wesentlich valider und aussagefähiger. Jörg Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der RWTH Aachen, etwa sprach im Vorfeld der FDA-Entscheidung von Daten, die „über alle Endpunkte und Untersuchungsergebnisse konsistent und überzeugend“ seien. Der Münchener Medizinprofessor und Leiter der Abteilung für neurodegenerative Erkrankungen an der Ludwig-Maximilians-Universität, Christian Haas, bewertete die Testresultate als eine „Zeitenwende“ . Sie machten prinzipiell Hoffnung auf eine Zulassung als Medikament.

Die FDA bezeichnete das Medikament als „bedeutenden Fortschritt im Kampf um effektive Behandlung der Alzheimer-Erkrankung“.

Foto: AP

Für erfolgreiche Alzheimer-Medikamente bietet sich theoretisch ein enormes Marktpotenzial. Weltweit sind nach Schätzung der WHO etwa 55 Millionen Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen, etwa zwei Drittel davon dürften an Alzheimer leiden. In den USA gilt die Krankheit als sechsthäufigste Todesursache. Die Zahl der Alzheimer-Patienten wird dort auf rund 6,5 Millionen geschätzt, in Deutschland auf mehr als 1,5 Millionen.

Die Neuentwicklung von Eisai und Biogen wird vorerst aber nur für einen Bruchteil der Alzheimer-Patienten infrage kommen. Denn das Mittel wurde nur bei Patienten im Frühstadium der Erkrankung getestet und soll laut Vorgabe der FDA zunächst auch nur solchen Patienten verordnet werden können. Zudem ist bislang nicht klar, unter welchen Bedingungen die staatlichen amerikanischen Versicherer die Kosten erstatten werden. Aktuelle Regeln besagen, dass sie Alzheimer-Medikamente nur erstatten, wenn sie im Rahmen von klinischen Studien verordnet worden sind.

Diskussionen über die Nutzen-Risiko-Balance

Auch im Falle des Wirkstoffs Lecanemab dürfte es intensive Debatten darüber geben, wie viel medizinischen Nutzen das Mittel wirklich bietet. Die Behandlung muss mit einer relativ intensiven Begleitdiagnostik einhergehen, da bei der Behandlung, ähnlich wie bei anderen Amyloid-Blockern, relativ häufig Fälle von Schwellungen und Mikroblutungen im Gehirn beobachtet wurden.

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Zusätzlich befeuert wurde die Diskussion um das Nutzen-Risiko-Verhältnis durch drei Todesfälle, die möglicherweise mit dem Wirkstoff im Zusammenhang stehen. Sie deuten darauf hin, dass das Medikament in Verbindung mit gängigen Blutverdünnern ein erhöhtes Risiko für gefährliche Blutungen bergen könnte.

Dessen ungeachtet sehen Analystinnen und Analysten angesichts des enormen Therapiebedarfs von Alzheimer ein sehr großes Potenzial in dem Produkt. Die britische Analysefirma Evaluate Pharma, die Marktdaten und Analystenschätzungen aggregiert, sieht das Medikament als potenziell umsatzträchtigste Neueinführung des laufenden Jahres. Bis 2028 könnte der Jahresumsatz danach auf drei Milliarden Dollar steigen.

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