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Pharmaindustrie Neue Analysen zu Covid-19-Therapien fallen ernüchternd aus

Die Malariamittel Hydroxychloroquin und Chloroquin erhöhen laut Analysen die Sterblichkeit. Remdesivir zeigt zwar Wirkung, aber nur bei einem Teil der Patienten.
25.05.2020 - 12:29 Uhr 1 Kommentar
Das Mittel galt bislang als Hoffnungsträger zur Therapie von Covid-19. Quelle: dpa
Forschung zu Remdesivir

Das Mittel galt bislang als Hoffnungsträger zur Therapie von Covid-19.

(Foto: dpa)

Frankfurt Bei der Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 galten Hydroxychloroquin und Remdesivir bislang als Hoffnungsträger. Doch die jüngsten klinischen Analysen der Wirkstoffe machen deutlich, wie schwierig es für Forscher ist, Therapien gegen die Krankheit zu finden.

Besonders enttäuschend sind die neu veröffentlichten Daten zu den Malariawirkstoffen Chloroquin und dem davon abgeleiteten Hydroxychloroquin, das viele Kliniken einsetzen und auf das vor allem US-Präsident Donald Trump große Hoffnungen setzt. Nach eigenen Angaben nimmt er das Mittel selbst vorsorglich.

Bei Covid-19-Patienten richtet der Wirkstoff offenbar mehr Schaden als Nutzen an. Darauf deutet zumindest eine umfangreiche Auswertung von Patientendaten hin, die eine Forschergruppe um den Medizinprofessor Mandeep Mehra von der Harvard Medical School vor wenigen Tagen in der angesehenen Fachzeitschrift „The Lancet“ publizierte.

Ihr Fazit ist ernüchternd: Sie seien nicht in der Lage gewesen, einen Vorteil für Hydroxychloroquin oder Chloroquin als Einzelanwendung oder in Kombination mit einem Macrolid, einer speziellen Klasse von Antibiotika, nachzuweisen. „Jede dieser Behandlungsformen war mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen und einem erhöhten Todesfall-Risiko für hospitalisierte Patienten verbunden“, schreiben die Wissenschaftler.

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    Ihre Schlussfolgerungen basieren auf einer sehr großen Beobachtungsstudie, in die Mehra und Kollegen die Daten von insgesamt rund 96.000 stationär behandelten Patienten in weltweit 671 Kliniken einbezogen. Knapp 15.000 Patienten wurden mit Chloroquin oder Hydroxychloroquin behandelt. Die Analyse stellt damit nach Einschätzung der Autoren die bislang robusteste auf realen Daten basierende Evidenz für die Wirkstoffe dar.

    Deutlich höhere Mortalität

    Weil sie lange als Hoffnungsträger galten, wirken diese Resultate verheerend: So sind laut Forschern 16,4 Prozent der mit Chloroquin behandelten Patienten und 23,8 Prozent der Studienteilnehmer, die Hydroxychloroquin in Kombination mit Macrolid erhielten, verstorben. In der Vergleichsgruppe starben dagegen nur 9,3 Prozent der Covid-19-Patienten.

    Die Mortalität bei den mit chloroquinhaltigen Medikamenten Behandelten war damit nach dieser Analyse im Schnitt gut doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe – und dies, obwohl die Patientengruppen mit Blick auf Vorerkrankungen wie Herzinsuffizienz, Bluthochdruck oder Diabetes durchweg vergleichbar waren.

    Bislang lag in der Forschung vor allem ein großes Augenmerk auf Hydroxychloroquin. Mehrere kleinere Studien hatten dem Wirkstoff in Kombination mit dem Antibiotikum Azithromycin eine hemmende Wirkung auf die Vermehrung des Coronavirus bescheinigt. Die US-Arzneimittelbehörde FDA erteilte dem Mittel Ende März eine Notfallzulassung für die Behandlung schwer erkrankter Covid-19-Patienten. Seither wird das Mittel in vielen Kliniken eingesetzt.

    Der von Bayer entwickelte Wirkstoff ist seit Jahrzehnten bereits als Malariamittel auf dem Markt und wird außerdem zur Behandlung bestimmter rheumatischer Erkrankungen genutzt. Es gehörte damit zu den wenigen potenziellen Covid-Medikamenten, die bereits auf dem Markt verfügbar waren.

    Mehrere Pharmahersteller, darunter Bayer, Novartis und Teva, produzieren das Mittel und haben in Reaktion auf den wachsenden Einsatz in der Covid-19-Behandlung die Produktion gesteigert. Doch dieser Schritt scheint nun zu voreilig gewesen zu sein.

    Randomisierte klinische Studien notwendig

    Unter den Covid-19-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf befinden sich sehr viele mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Als möglichen Grund für die schlechten Ergebnisse sehen die Autoren vor allem die gefährlichen Nebenwirkungen der Medikamente im Herzkreislauf-Bereich, insbesondere ihre Neigung, Herzrhythmusstörungen zu verursachen.

    Denkbar sei, dass diese Patienten auch anfälliger für diese Nebenwirkungen seien. Hinzu kommt, dass auch die Macrolid-Antibiotika mit gewissen Herzrisiken behaftet sind.

    Mehra und seine Kollegen räumen ein, dass Beobachtungsstudien wie diese mit gewisser Vorsicht interpretiert werden müssen und streng genommen noch keine Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge erlauben.

    Umso wichtiger sei eine Überprüfung der Mittel in randomisierten klinischen Studien: Dabei werden vordefinierte Patientengruppen nach dem Zufallsprinzip mit den jeweiligen Wirkstoffen oder Vergleichstherapien behandelt.

    Mehrere solcher Studien initiierten bereits im März unter anderem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das französische Institut Inserm. Sie testen neben Chloroquin und Hydroxychloroquin auch die antiviralen Mittel Remdesivir und Kaletra sowie das Multiple-Sklerose-Mittel Beta-Interferon. Die Analysen dürften in den nächsten Wochen weiteren Aufschluss über mögliche Therapie-Optionen liefern.

    Klar ist aus Sicht der US-Wissenschaftler indessen schon heute, dass es bisher keine Evidenz für den Nutzen von Chloroquin und Hydroxychloroquin gibt, und die Mittel daher wirklich nur im Rahmen solcher Studien eingesetzt werden sollten, und nicht darüber hinaus.

    Begrenzte Wirkung von Remdesivir

    Insgesamt weitaus günstiger sehen dagegen die Daten für den zweiten wichtigen Hoffnungsträger gegen Covid-19, das antivirale Medikament Remdesivir, aus. Eine große, vom amerikanischen Nationalen Institut für Infektionskrankheiten (NIAID) initiierte Studie zeigte, dass Patienten, die mit Remdesivir behandelt wurden, etwa vier Tage schneller genesen waren und das Krankenhaus wieder verlassen konnten als die Vergleichsgruppe.

    Das Sterberisiko wurde in der Studie tendenziell von knapp zwölf auf etwa sieben Prozent reduziert. Die Rate der Nebenwirkungen und Komplikationen war dabei insgesamt nicht höher als in der Vergleichsgruppe.

    Der vom US-Konzern Gilead entwickelte Wirkstoff erhielt daraufhin Ende April ebenfalls eine Notfallzulassung. NIAID-Direktor Anthony Fauci bewertete die Testresultate als Beleg dafür, dass das Mittel grundsätzlich in der Lage ist, Infektionen mit dem Virus einzudämmen. Die Ergebnisse öffneten die Tür für die Entwicklung weiterer Therapiemöglichkeiten.

    Die vor wenigen Tagen publizierten Detailergebnisse der Studie zeigen indessen, dass der Wirkstoff letztlich nur einem Teil der Patienten hilft, nämlich jenen, die zwar stationär behandelt werden müssen, aber noch nicht invasiv beatmet werden.

    Bei besonders schwer erkrankten Patienten dagegen zeigte der Wirkstoff praktisch keine Vorteile. „Die Daten sprechen insgesamt klar für einen Überlebensvorteil. Aber für die schwersten Erkrankungsfälle zeigen sie keinen Nutzen“, kommentierte der US-Kardiologe Eric Topol die Resultate.

    Auch die Autoren der Studie um NIAID-Forschungs-Direktor John Beigel räumen ein, dass Remdesivir zwar gewisse Fortschritte bringt, aber letztlich nur ein Anfangspunkt im Kampf gegen Covid-19 ist. „Angesichts der hohen Mortalität trotz Einsatz des Mittels ist klar, dass die Behandlung mit einem antiviralen Wirkstoff alleine wahrscheinlich nicht ausreichend sein wird“, heißt es in ihrem Fazit.

    „Künftige Strategien sollten die Kombination von antiviralen Medikamenten mit anderen Therapieansätzen sowie Kombinationen von mehreren antiviralen Mitteln prüfen, um die Behandlung von Covid-19 zu verbessern.“

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    1 Kommentar zu "Pharmaindustrie: Neue Analysen zu Covid-19-Therapien fallen ernüchternd aus"

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    • Wichtig zur Beurteilung der Remdesivir-Studie: Behandelt wurden bereits schwer Erkrankte (ca. 40 % mit hohem Sauerstoffbedarf oder Beatmung). Aus anderen Untersuchungen ist bekannt das ca. 50 bis 60% der Beatmeten mit Corona-Infektion versterben. Unter diesen Voraussetzungen bereits eine Reduktion der Sterberate in der Gesamtgruppe zu schaffen finde ich enorm. Ich finde man sollte Remdesivir eben nicht im Endstadium (Beatmung) geben und den Erfolg daran messen. Im Endstadium ist bereits der Zug mit einer ganzen Kaskade von negativen Auswirkungen der Krankheit und weiteren Komplikationen in der Folge abgefahren. Remdesivir früher geben, eben noch vor der Intensivbehandlung ! In dieser Gruppe war die Wirkung auch am Besten ! Dann vermeiden wir Intensivaufnahmen und Tote ! Richtig angewendet könnte Remdesivir so zum Game-Changer werden.

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