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Pharmakonzern Bayer will bei neuartigen Zelltherapien führend werden

Der Konzern setzt auf neue Technologien – und übernimmt deshalb Bluerock Therapeutics. Deren Hauptprojekt ist eine neuartige Parkinson-Therapie.
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Bayer will bei neuartigen Zelltherapien führend werden Quelle: dpa
Zellkulturen

Bayer setzt auf neuartige Zelltherapien.

(Foto: dpa)

Frankfurt Bayer sieht riesige Chancen für neuartige Zelltherapien, etwa bei der Behandlung von Krankheiten wie Parkinson oder Herzversagen. Der Konzern will in diesem Bereich eine Führungsposition einnehmen und verstärkt sein Engagement nun durch die Komplett-Übernahme des US-amerikanischen Biotechunternehmens Bluerock Therapeutics, an dem er bereits zu 40,8 Prozent beteiligt war. Dem bisherigen Mitgesellschafter Versant Ventures zahlt Bayer dafür 240 Millionen US-Dollar direkt und weitere bis zu 360 Millionen Dollar abhängig von bestimmten Forschungs- und Entwicklungserfolgen.

Bayer und Versant hatten das Unternehmen 2015 in Kooperation mit namhaften Stammzellforschern gegründet und in einer anfänglichen Finanzierungsrunde mit 225 Millionen Dollar ausgestattet. Gemessen an den nun vereinbarten Konditionen der Komplettübernahme durch Bayer hat sich der Wert von Bluerock seither mehr als vervierfacht – auf bis zu eine Milliarde Euro.

Bayer-Pharmachef Stefan Oelrich sieht in dem Engagement die Chance, eine neue Technologieplattform zu etablieren, die grundlegende Fortschritte für die Therapien diverser Krankheiten bringen könnte. „Der Zukauf ist ein Meilenstein auf unserem Weg zu einer führenden Position im Bereich der Zelltherapie“, so Oelrich.

Die in Boston ansässige Biotechfirma arbeitet mit rund 130 Mitarbeitern an neuartigen Therapien auf Basis so genannter induzierter pluripotenter Stammzellen (iPSC). Dabei handelt es sich um Stammzellen, die aus ausgereiften Körperzellen durch Reprogrammierung gewonnen werden und damit praktisch unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Diese Stammzellen können anschließend gezielt in spezifische Zelltypen ausdifferenziert werden, die dann theoretisch im Rahmen von regenerativen Therapien gegen eine Vielzahl von Krankheiten eingesetzt werden könnten. Bluerock sieht sich auf diesem Gebiet als Technologieführer. Bayer will das Unternehmen auch in Zukunft als eigenständige Tochterfirma weiterführen und nach den Worten Oelrichs den „Biotech-Spirit“ möglichst erhalten.

Am weitesten fortgeschritten ist ein Bluerock-Projekt zur Behandlung von Parkinson – eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die zu schweren Bewegungsstörungen und Demenz führt. Die Forscher von Bluerock haben dazu aus iPSC bestimmte Hirnzellen gezüchtet, die Patienten injiziert werden sollen, um degenerierte Zellen im Gehirn zu ersetzen und die bei Parkinson-Patienten fehlende Versorgung mit dem Botenstoff Dopamin wiederherzustellen.

„Wir glauben, dass das ein echter Durchbruch sein kann, weil wir an der Kreuzung zwischen Zell- und Gentechnologie operieren und zum ersten Mal überhaupt im Bereich Parkinson regenerative Zelltechnologien einsetzen werden, um Neuronenzellen neu zu schaffen und dabei möglicherweise einen Heilungsansatz zu finden“, so Oelrich im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Bisher nur Tierversuche

Ob das wirklich gelingt, müssen allerdings noch umfangreiche klinische Studien zeigen. Bisher hat Bluerock die Zelltherapie nur in Tierversuchen getestet. Dort allerdings hat sie nach den Worten des Bayer-Pharma-Chefs hervorragend funktioniert. Bluerock will nun noch im laufenden Jahr die Genehmigung für einen ersten Test an Menschen beantragen. Die geplante Phase-I-Studie mit zehn Probanden dürfte etwa ein Jahr dauern und auch bereits erste Hinweise über die Wirksamkeit liefern.

Die längerfristigen Ambitionen reichen indessen weit über Parkinson hinaus. So arbeitet Bluerock auch an Zelltherapien gegen andere neurodegenerative Erkrankungen sowie an Therapien gegen Herzversagen und verschiedene Immunologische Erkrankungen. Oelrich sieht daher die Chance, dass Bayer und Bluerock mittelfristig eine führende Position mit einer völlig neuen und auch kommerziell hochinteressanten Technologie-Plattform etablieren können.

Denn Bluerock setzt auf allogene Stammzellen, nicht auf patienteneigene Zellen. Anders als etwa bei den Car-T-Zelltherapien gegen Krebs, die in den vergangenen beiden Jahren für Furore sorgten, müssen die potenziellen Zelltherapien von Bluerock daher nicht für jeden Patienten individuell entwickelt werden. Sie können vielmehr auf Basis einer einheitlichen Zelllinie industriell gefertigt werden und damit theoretisch auch zu deutlich niedrigeren Kosten.

Die Zelltherapie ist im Grundsatz seit Langem in der Medizin etabliert – vor allem bei der Transplantation von Knochenmarks-Stammzellen zur Behandlung von Leukämien. Darüber hinaus erlebte die Technologie in den vergangenen Jahren einen Durchbruch mit den ersten Zulassungen für die Car-T-Therapien gegen Krebs. Dabei werden Immunzellen von Patienten im Labor gentechnisch modifiziert und anschließend wieder zurückinjiziert.

Der Einsatz von standardisierten Zelltherapien gegen degenerative Erkrankungen dagegen erwies sich bisher als schwierig und weitgehend erfolglos. Zu den Herausforderungen gehört es unter anderem, sicherzustellen, dass sich derartige Zellen nicht ungewollt im Patienten vermehren. Gleichzeitig müssen sie gegen Abstoßungsreaktionen des Immunsystems der Patienten geschützt sein.

Die Forscher von Bluerock gehen davon aus, dass sie diese Hürden überwinden können. Mit Blick auf die Parkinsontherapie geht Bayer zudem davon aus, dass in diesem Fall die Blut-Hirn-Schranke dafür sorgt, dass die zur Behandlung eingesetzten Neuronenzellen nicht von Immunzellen angegriffen werden können.

Bei anderen Einsatzfeldern, etwa im Herzkreislauf-Bereich, könnte es dagegen schwieriger werden, wie Oelrich einräumt. „Aber entscheidend ist es für uns, dass wir hier eine Durchbruchs-Technologie in unser Portfolio aufnehmen und wir davon ausgehen, dass wir damit hoffentlich eine breite Anzahl von Anwendungen und Indikationsgebieten bearbeiten können.“

Zudem unterstreicht Bayer mit der Komplett-Übernahme von Bluerock seine Strategie, stärker in völlig neue und noch unerprobte Technologien zu investieren. Bereits vor drei Jahren etablierte der Konzern dazu die Einheit „Leaps by Bayer“, die seither eine Reihe ähnlicher Allianzen oder Joint-Ventures vereinbarte.

Dazu gehört etwa das Gemeinschaftsunternehmen Casebia Therapeutics, das Bayer im Rahmen einer Allianz mit dem Gen-Editing-Spezialisten Crispr Therapeutics gründete. Anfang Juli investierte der Leverkusener Konzern 215 Millionen Dollar in die US-Biotechfirma Century Therapeutics, die an speziellen Zelltherapien gegen Krebs arbeitet.

Bluerock ist unter diesen Engagements dasjenige, das nach den Worten Oelrichs am schnellsten vorangekommen ist. „Vor drei Jahren war das noch gar nicht absehbar. Das ist eine Plattform, die deutlich stärker gereift ist als andere“, so der Bayer-Pharmachef.

Mittelfristig geht es für den Leverkusener Konzern darum, sein 17 Milliarden Euro großes Pharmageschäft abzusichern, das bisher vor allem von Blockbustern wie dem Gerinnungshemmer Xarelto und dem Augenmedikament Eylea getragen wird.

Deren Patente laufen im kommenden Jahrzehnt aus. Doch will Oelrich die neuen Zelltherapien keineswegs als konkrete Nachfolgeprodukte für die heutigen Bestseller verstanden wissen. Vielmehr gehe es darum, eine langfristige Führungsposition in einer neuen vielversprechenden Technologie zu etablieren.

Mehr: Bayer und Lanxess verkaufen ihre Anteile an Currenta an den weltweit größten Infrastrukturfonds. Bayer kann mit dem Deal seine Nettoverschuldung weiter reduzieren.

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