Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Geparkte VW-Diesel in den USA

Mehr Flächenbedarf – diesmal in Deutschland.

(Foto: dpa)

Probleme mit Testzyklus WLTP Volkswagen will vorproduzierte Autos am BER zwischenparken

Der Autokonzern hadert mit den neuen Zulassungsstandards und muss Autos vorproduzieren. Die müssen zwischengeparkt werden – zum Beispiel am Pannenflughafen BER.
Kommentieren

Düsseldorf In den USA hat Volkswagen bereits Erfahrungen gesammelt mit riesigen Parkplätzen, auf denen Zehntausende manipulierter Dieselfahrzeuge abgestellt worden sind. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich jetzt auch in Deutschland ab: Am geplanten Berliner Großflughafen BER hat der VW-Konzern bereits die ersten Parkflächen angemietet.

In Deutschland geht es allerdings nicht um manipulierte Dieselautos. Hierzulande hat Volkswagen große Probleme mit dem neuen Zulassungsstandard WLTP. Vom 1. September an dürfen in der EU nur noch Autos verkauft werden, die diesen schärferen Zertifizierungsbedingungen für die Straßenzulassung genügen. Volkswagen läuft die Zeit weg, zum Stichtag im September werden wahrscheinlich nicht alle Modelle das neue Zulassungsverfahren hinter sich haben.

Damit nach dem 1. September überhaupt Autos in ausreichender Zahl mit WLTP-Zertifizierung verkauft werden können, hat Volkswagen die Produktion von Autos erhöht und vorgezogen – nämlich von den wenigen Typen, die den WLTP-Test schon hinter sich haben. Tausende dieser Autos müssen jetzt zwischengelagert werden, wie eben am Berliner Flughafen.

Ein einziger Großparkplatz in Deutschland wird wahrscheinlich nicht reichen. „Wir prüfen weitere Flächen“, bestätigte ein VW-Sprecher. Vorproduzierte Fahrzeuge sollen auf jeden Fall auch auf dem konzerneigenen Testgelände nördlich von Wolfsburg abgestellt werden. Im Gespräch sind zudem weitere Flughäfen wie Münster/Osnabrück und Hannover sowie der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven und verschiedene Kasernengelände.

Mit einer Entspannung der Lage rechnet Volkswagen erst im Herbst, wenn tatsächlich mehr Modelle die Prüfbescheinigung nach WLTP-Standard bekommen. Das dürfte Anfang September der Fall sein – dann sollen drei Viertel aller VW-Typen den neuen, begehrten WLTP-Schein erhalten haben.

Im Unterschied zu den deutschen Konkurrenten Daimler und BMW sind die WLTP-Nöte beim Wolfsburger Volkswagen-Konzern am größten. Die beiden süddeutschen Premiumhersteller haben schon deutlich mehr Typen nach den neuen Abgasstandards zertifizieren lassen. Volkswagen hat erst einen kleinen Teil dessen geschafft, was die beiden anderen deutschen Autokonzerne bereits umgesetzt haben.

Wie weit der VW-Konzern seinen Wettbewerbern hinterherhinkt, zeigt ein Vergleich des ADAC. Deutschlands größter Automobilclub zeichnet seit Herbst 2017 in einer eigenen Aufstellung nach, welche Autos in Deutschland bereits die neuesten Abgasstandards erfüllen.

Der ADAC führt eine Liste der Modelle, die bereits den Vorgaben von „Euro-6d-TEMP“ entsprechen. Dieser Standard tritt teilweise ebenfalls zum 1. September in Kraft, was die Autohersteller zu zusätzlichen Anstrengungen antreibt.

Für den Volkswagen-Konzern fällt der ADAC-Vergleich ernüchternd aus. Gut 600 Modelle erfüllen demnach bereits heute die neuesten Abgasstandards. Im gesamten Volkswagen-Konzern sind es nach aktuellem Stand gerade einmal neun Modelle, die auf der ADAC-Liste stehen (VW: drei, Audi: sechs, Porsche: null).

Die beiden süddeutschen Hersteller sind deutlich weiter. Für Mercedes und BMW hat der ADAC jeweils mehr als 120 Modelle gezählt, die den neuesten Normen entsprechen. Auch Opel (rund 70) und Ford (45) sind deutlich weiter als der größte Automobilhersteller der Welt aus Wolfsburg. Ausländische Konzerne sind ebenfalls besser gerüstet als Volkswagen: Volvo kommt auf 43 Typen, bei Jaguar hat der ADAC 40 Modelle gezählt.

Überlastete Entwicklungsabteilung

Volkswagen macht für die Verspätung vor allem die selbst verschuldeten Dieselmanipulationen verantwortlich. In den zurückliegenden zwei Jahren sei die Entwicklungsabteilung permanent überlastet gewesen – weil die VW-Entwickler neue Steuerungsprogramme für die Dieselmodelle mit verdächtiger Software schreiben und zertifizieren lassen mussten, erklärte ein Konzernsprecher.

Zudem gebe es in keinem anderen Unternehmen eine ähnliche Modellvielfalt. Bei der WLTP-Prüfung müssten die Werte für mehr als 260 verschiedene Motor-Getriebe-Varianten ermittelt werden.

Zudem würden in der Prüfung auch die verschiedenen Sonderausstattungen berücksichtigt, allein beim Golf gebe es etwa zwei Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Schließlich leide nicht nur Volkswagen unter Engpässen: Auch die behördlichen Prüfer, die die Zertifizierung für die Straßenzulassung abnehmen müssen, seien an Grenzen gestoßen.

WLTP sorgt zusätzlich für interne Probleme im Konzern. Der neue Audi-Chef Bram Schot ruft in einem Mitarbeiterschreiben dazu auf, sich den Problemen bei der Einführung der neuen Zulassungsstandards zu stellen. „Auch beim Übergang auf WLTP werden wir gemeinsam gegensteuern – gegen Lieferengpässe und Auslastungsprobleme“, schreibt Schot an die Audi-Belegschaft.

Die deutschen Volkswagen- und Audi-Werke steuern unwiderruflich auf mehrere Schließtage im Frühherbst nach den Werksferien zu. Die Produktion wird tageweise ruhen, weil dann noch nicht alle Modelle der neuen WLTP-Norm entsprechen und deshalb nicht alle Typen gefertigt werden können.

Der VW-Konzern hofft, dass im vierten Quartal wieder einigermaßen normal gearbeitet wird. Möglicherweise werden dann auch Schichten nachgeholt, die im Frühherbst ausfallen. Volkswagen hatte auch die Einführung von Kurzarbeit geprüft. Da die Bundesagentur für Arbeit dafür wahrscheinlich keine Genehmigung erteilt hätte, hat VW darauf verzichtet. Kurzarbeit kann in der Regel nur bei konjunkturellen Problemen angesetzt werden.

Bei VW wehrt sich der Betriebsrat dagegen, dass die Belegschaft zum Teil auch die finanziellen Folgen des WLTP-Engpasses übernehmen soll. Die Zwangspausen in der Produktion gingen ausschließlich auf das Konto des Unternehmens und nicht der Mitarbeiter, verlautete dazu aus Wolfsburger Betriebsratskreisen.

Am Dienstag hat sich der Konzern mit dem Betriebsrat auf die Zahl der Schließtage verständigt. Im August und im September wird die Arbeit in Wolfsburg an ein bis zwei Tagen in der Woche ruhen. Auch in Emden und in Zwickau wird tageweise nicht gearbeitet. In Komponentenwerken wie Kassel und Salzgitter wird es ebenfalls zu Ausfällen kommen.

Startseite

Mehr zu: Probleme mit Testzyklus WLTP - Volkswagen will vorproduzierte Autos am BER zwischenparken

0 Kommentare zu "Probleme mit Testzyklus WLTP: Volkswagen will vorproduzierte Autos am BER zwischenparken"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote