Prozessbeginn nach 4 Jahren Mannesmann-Übernahme: Die Stunden der Entscheidung

Am Mittag des 3. Februar 2000 ist es noch nicht viel mehr als ein Gerücht. Es zieht durch das Düsseldorfer Mannesmann- Hochhaus, und niemand kann es stoppen, auch nicht das halbe Dutzend kräftiger Sicherheitsleute im Foyer. Langsam schwebt es mit dem Lift bis in den 22. Stock und wieder runter. Vieles deutet darauf hin, dass es an diesem windigen Donnerstag so weit ist: Ein britischer Telekommunikationsriese – Vodafone – schluckt eine deutsche Industrielegende. Die Mehrheit der Aktionäre, so heißt es, wolle den Briten ihre Anteile verkaufen.
  • Peter Brors und Michael Freitag

Vodafone-Chef Chris Gent ist zu diesem Zeitpunkt schon seit Stunden in der Stadt. Er hat sich mit Mannesmann-Lenker Klaus Esser getroffen, ein TV-Interview gegeben und wieder mit Esser diskutiert. Offenbar geht es nur noch um Details. Am späten Nachmittag kommt dann der Mannesmann-Aufsichtsrat in der Zentrale unweit des Rheins zusammen. Doch es gibt neue Schwierigkeiten, eine zunächst für 17 Uhr angekündigte Pressekonferenz wird auf unbestimmte Zeit verschoben, Zuarbeiter formulieren, wie später bekannt wird, gar schon an einer Mitteilung unter dem Titel: „Die Verhandlungen wurden heute ergebnislos abgebrochen“.

Verteilt wird das Papier an die fast 100 im Foyer wartenden Journalisten aber nie. Stunden später ist klar, warum: Gent und Esser treten kurz vor Mitternacht lächelnd und die Hände schüttelnd vor die Medien. Sie machen aus dem Gerücht eine Nachricht: Für rund 180 Milliarden Euro kaufen die Briten die Mannesmann AG, das Top-Management um Esser hat sich überzeugen lassen, dass ein weiterer Widerstand gegen den seit Wochen laufenden Übernahmeversuch zwecklos ist.

Es sind vor allem jene Stunden des 3. Februar 2000 und des darauf folgenden Freitags, die ab morgen im Mannesmann-Prozess das Düsseldorfer Landgericht beschäftigen werden. Die folgende Chronik zeichnet die wichtigsten Momente nach, soweit der Ablauf anhand der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Äußerungen der Beteiligten rekonstruierbar ist:

3.2.2000, 2.43 Uhr: Die Mannesmann-Mannschaft präsentiert die erste Version des „Term Sheets“. Dieses Vertragswerk legt die Voraussetzungen dafür fest, dass der Mannesmann-Vorstand der Übernahme zustimmt. Am Abend zuvor haben sich Esser und Gent in mehreren Gesprächen angenähert. Canning Fok, Managing Director der Hongkonger Telekommunikationsfirma Hutchison Whampoa und Mitglied des Mannesmann-Aufsichtsrats, schlägt Esser in einer Gesprächspause einen „Appreciation Award“ vor, eine Art „Anerkennungsprämie“ in Höhe von zehn Millionen Pfund – mehr als das Zwanzigfache von Essers Jahresgehalt. Esser erwidert, er könne eine solche Prämie nur von seinem Arbeitgeber annehmen – und er wolle sie mit seinem Telekommunikationsteam teilen. Fok verdoppelt das Angebot, Esser und seine Mannschaft sollen je zehn Millionen Euro bekommen. Hutchison Whampoa ist mit etwa zehn Prozent an Mannesmann beteiligt – und damit einer der Hauptprofiteure des Kursanstiegs.

9.00 Uhr: Chris Gent trifft sich mit seinen Beratern auf der anderen Rheinseite im Stadtteil Oberkassel in den Mannesmann-Büros in der Prinzenallee. Gleichzeitig kommt der Mannesmann-Vorstand in der Zentrale zusammen. Esser informiert die Kollegen über den letzten Stand der Verhandlungen.

15.25 Uhr: Noch immer gibt es keinen fertigen Übernahmevertrag. Der Aufsichtsrat tagt. Esser empfiehlt, einer Übernahme zuzustimmen.

16.30 Uhr: Die Sitzung wird unterbrochen, da die Arbeitnehmervertreter der Übernahme nicht zustimmen wollen. Sie fürchten vor allem eine Zerschlagung des Bereichs Engineering & Automotive. Alles scheint wieder in Frage gestellt.

18.10 Uhr: Ende der Aufsichtsratstagung. Die Arbeitnehmer-Vertreter verlassen die Sitzung, die dadurch nicht mehr beschlussfähig ist. Eine ursprünglich für den frühen Abend geplante Pressekonferenz fällt aus. Im Foyer des Mannesmann-Hochhauses spekulieren die Journalisten über das Ende der Verhandlungen. Esser und Gent aber verhandeln weiter und feilen an einem neuen „Term Sheet“. Im Hintergrund besänftigen Berater wichtige Aufsichtsräte vor allem der Arbeitnehmerseite.

22.00 Uhr: Esser und Gent einigen sich doch noch, weitgehend zu Gents Bedingungen. Sie unterzeichnen ein teilweise neu formuliertes „Term Sheet“. Der Mannesmann-Vorstand verpflichtet sich, die Übernahme zu unterstützen – unter dem Vorbehalt, dass auch der Aufsichtsrat zustimmt. Kurz vor Mitternacht informieren Esser und Gent die Öffentlichkeit über die Einigung.

4.2.2000, 9.45 Uhr: Der Mannesmann-Vorstand konferiert. Es geht unter anderem um die Bildung eines Integrationsteams.

12.00 Uhr: Das für Vorstandsangelegenheiten zuständige Mannes- mann-Präsidium kommt zusammen: Es geht um die Prämien. Dem Gremium gehören der Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Funk an, der heutige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der damalige IG-Metall- Lenker Klaus Zwickel und der Konzernbetriebsratsvorsitzende Jürgen Ladberg. Persönlich anwesend sind nur Funk und Ackermann, Zwickel ist in Wolfsburg, Ladberg sei krank, heißt es. Später wird er sagen, sein Name fehle unter den Beschlüssen nicht krankheitsbedingt: „Ich habe die Unterschrift verweigert.“ Kurz vor der Sitzung hat Esser auf Funks Bitte hin eine Beschlussvorlage zu den Prämien verfasst.

Funk informiert Ackermann über Foks Vorschlag und äußert den Wunsch, selbst eine Prämie zu erhalten. Funk und Ackermann einigen sich, drei Millionen Pfund seien angemessen. Funk holt Fok in die Sitzung. Der ist einverstanden. Daraufhin rufen Funk und Ackermann Präsidiumsmitglied Zwickel an. Der sagt Ackermann zufolge, es handele sich um „sehr viel Geld“, er habe damit aber im Ergebnis „kein Problem“. Zwickel sagt, er könne sich an diese Worte nicht mehr erinnern. Sollte er sie gesagt haben, habe er der Prämie damit aber noch nicht zugestimmt.

Funk und Ackermann unterschreiben das Protokoll. Ackermann unterzeichnet auch für Zwickel, mit „gez. Zwickel, 04/02/2000“. Die Staatsanwaltschaft ist indes der Ansicht, Funk und Ackermann hätten erst am 11.2. unterschrieben. Die Prämie für Funk wird im April 2000 auf zwei Millionen Pfund reduziert.

12.30 Uhr: Der Aufsichtsrat trifft sich in der Zentrale. Esser kündigt an, als Vorstand zum 31.7.2000 abzutreten. Um kurz vor 13.30 Uhr stimmt das Gremium der Vereinbarung zu.

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