Quartalszahlen Anlagenbausparte verhagelt Thyssen-Krupp das Geschäft – die Blitzanalyse

Der Konzern kann seinen Umsatz steigern, gleichzeitig bricht der Gewinn ein. Thyssen-Krupp legt zudem erstmals Ziele für die kommenden drei Jahre fest.
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Thyssen-Krupp: Die Quartalszahlen in der Blitzanalyse Quelle: Reuters
Thyssen-Krupp

Zum ersten Mal legt der Konzern einen konkreten Zeithorizont für die Ziele der einzelnen Geschäftsbereiche fest.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfWährend der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp nach einem Nachfolger für den zurückgetretenen Chef-Aufseher Ulrich Lehner sucht, läuft das Börsenjahr weiter: Der Essener Industriekonzern hat am Donnerstagmorgen die Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt. Die wichtigsten Fakten.

  • Bei Umsatz und Auftragseingang konnte der Konzern im Vergleich zum Vorjahresquartal ein Wachstum von jeweils sieben Prozent verbuchen, währungsbereinigt sogar um neun beziehungsweise zehn Prozent.
  • Gleichzeitig fiel der Gewinn vor Steuern und Investitionen (Ebit) im gleichen Zeitraum um fast 50 Prozent, von 484 Millionen Euro auf 243 Millionen Euro. Nach Steuern bleibt ein Minus von 114 Millionen Euro. Das liegt vor allem an der Anlagenbau- und Marinesparte Industrial Solutions, die das Quartal mit einem bereits vergangene Woche angekündigten Verlust von 216 Millionen Euro abschließt.
  • Erstmals setzte Thyssen-Krupp am Donnerstag zudem einen konkreten Ausblick auf die kommenden drei Jahre fest: So soll der Free Cashflow vor Verkäufen und Übernahmen (M&A), also der Mittelzufluss aus der operativen Tätigkeit, bis zum Geschäftsjahr 2020/21 von minus 855 Millionen Euro (2016/17) auf mindestens eine Milliarde Euro steigen.

Das fällt positiv auf

Nachdem Vorstandschef Guido Kerkhoff in der vergangenen Woche seine Prognose für das laufende Jahr kürzen musste, traut er sich nun einiges zu: Zum ersten Mal legt der Konzern einen konkreten Zeithorizont für die Ziele der einzelnen Geschäftsbereiche fest.

So soll beispielsweise die Komponenten-Sparte, die unter anderem Autoteile herstellt, bis zum Geschäftsjahr 2020/21 eine bereinigte Ebit-Marge von mehr als sieben Prozent erreichen. Das Aufzugsgeschäft soll bis dahin mindestens eine Milliarde Euro zum bereinigten Konzern-Ebit beitragen, bei einer Marge von 13 Prozent. Für die Werkstoffhandelssparte legt Kerkhoff eine bereinigte Ebit-Marge von drei Prozent fest, für Industrial Solutions sechs Prozent.

Die Werte entsprechen im Wesentlichen dem, was Thyssen-Krupp bereits im vergangenen Geschäftsbericht angekündigt hatte. Vereinzelt wurden sie konkretisiert. Doch dass die Ziele nun bereits in den kommenden drei Jahren erreicht werden sollen, ist ein gutes Zeichen – und wohl auch eine Reaktion auf die Kritik einzelner Investoren, denen die Restrukturierung des Industrie-Konglomerats bisher zu langsam voranging.

So erklärte Kerkhoff, der den Vorstandssitz nach dem überraschenden Rücktritt von Heinrich Hiesinger im Juli interimsweise übernommen hatte: „In den Geschäften von Thyssen-Krupp steckt erhebliches Potenzial. Das müssen wir freilegen.“ Bis 2020/21 soll der Free Cashflow vor M&A von erwarteten minus 800 Millionen Euro in diesem Jahr auf mindestens eine Milliarde Euro steigen.

Auch in der Konzernzentrale, die zum Kontostand vor allem die Kosten beisteuert, will Kerkhoff sparen: Bis 2021 sollen die Ausgaben von 535 Millionen Euro (16/17) auf „weit unter 400 Millionen Euro“ sinken, hieß es vom Unternehmen.

Auf eine Prognose für den Stahlbereich hat Thyssen-Krupp verzichtet: Das Unternehmen wird in ein Joint-Venture mit der europäischen Stahlsparte von Tata eingebracht.

Das fällt negativ auf

Das Programm von Kerkhoff verspricht einen Kraftakt, wie ein Blick auf die heutigen Zahlen verrät: In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres erzielten die Sparten noch deutlich niedrigere Ebit-Margen (Komponenten 3,9 Prozent; Aufzüge 10,7 Prozent; Werkstoffhandel zwei Prozent). Bei Industrial Solutions liegt die Ebit-Marge bei fast minus sieben Prozent.

Vor allem die Anlagenbau- und Marinesparte steht vor großen Herausforderungen. Kerkhoff will das Geschäft mit Zementfabriken, Düngemittelanlagen und U-Booten neu ausrichten: Der Fokus soll stärker auf kleine und mittelgroße Aufträge gelegt werden als bisher. Auch Service-Aufträge sollen künftig eine größere Rolle spielen.

Für das zuletzt schlechte Abschneiden der Sparte waren vor allem Großaufträge verantwortlich, darunter ein U-Boot-Projekt in der Türkei, das den Konzern deutlich mehr kostet als erwartet. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte das Unternehmen deshalb eine Gewinnwarnung herausgegeben.

Schon vor Wochen war Thyssen-Krupp zudem bei einer Ausschreibung der deutschen Marine für ein Mehrzweckkampfschiff ausgeschieden. Zwar hat der Konkurrent German Naval Yards, der noch im Rennen ist, den Essenern einen Unterauftrag für die Konstruktion angeboten – doch vom Umsatz dürfte so nur ein kleiner Teil bei den Werften des Ruhrkonzerns ankommen.

Dabei sind Kerkhoffs Ambitionen gerade bei Industrial Solutions besonders groß: Legt man den Margen-Zielen für 2020/21 versuchsweise den Umsatzwert von 2016/17 zugrunde, wäre das eine Steigerung des bereinigten Ebit von minus 36 Millionen Euro auf rund 215 Millionen Euro. Kerkhoff setzt deutlich höhere Ziele – und erwartet bis 2020/21 einen Beitrag zum Cashflow von mehr als 800 Millionen Euro.

Was jetzt passiert

Völlig unklar ist, inwieweit Kerkhoff seine Ziele durchsetzen können wird. Denn derzeit sucht der Aufsichtsrat des Unternehmens einen Nachfolger für den im Juni zurückgetretenen Ulrich Lehner. Dieser soll über die weitere Strategie entscheiden. Erst dann wird sich endgültig herausstellen, wie es in dem Industriekonzern weitergeht.

Viele dürften nun auf die Reaktionen der aktivistischen Investoren Cevian und Elliott warten, die zuletzt als Kritiker der bisherigen Konzernstrategie aufgetreten waren. Sie wollen die einzelnen Konzernteile unabhängiger aufstellen und fordern, alle Geschäftsbereiche auf den Prüfstand zu stellen.

Zuletzt allerdings demonstrierte zumindest Cevian Einigkeit mit den Arbeitnehmern und der Krupp-Stiftung, die mit einem Anteil von 21 Prozent größter Aktionär bei Thyssen-Krupp ist. Beide Parteien hatten sich gemeinsam mit Politikern dafür ausgesprochen, dass Thyssen-Krupp als Ganzes erhalten bleibt. Auch Elliott erklärte, dass der Fonds keine Zerschlagung des Unternehmens fordere.

Kerkhoff hatte nach Hiesingers Rücktritt vom Aufsichtsrat den Auftrag erhalten, den bisherigen Kurs fortzusetzen. Das dürfte er einlösen.

Für das laufende Jahr kalkuliert das Unternehmen mit einer leichten Steigung des bereinigten Ebit von 1,7 auf 1,8 Milliarden Euro. Der Free Cashflow vor M&A soll noch einmal negativ ausfallen – aber immerhin deutlich besser als im Vorjahr.

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