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Quartalszahlen Milliarden-Belastung durch Glyphosat-Vergleich: Bayer macht Rekordverlust

Rückstellungen für den Glyphosat-Vergleich und Schadensersatzklagen im Pharmageschäft sorgen für rote Zahlen. Auch der operative Ausblick hat sich verschlechtert.
04.08.2020 Update: 04.08.2020 - 12:22 Uhr 3 Kommentare
Alles in allem wird das Geschäft des Leverkusener Konzerns weiterhin stark von der Klagewelle um Glyphosat überschattet. Quelle: Reuters
Bayer-Chef Werner Baumann

Alles in allem wird das Geschäft des Leverkusener Konzerns weiterhin stark von der Klagewelle um Glyphosat überschattet.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Der Bayer-Konzern hat das zweite Quartal 2020 wegen der Kosten für den Vergleich in den Glyphosat-Schadensersatzverfahren und anderer Rechtsstreitigkeiten mit einem Rekordverlust von 9,5 Milliarden Euro abgeschlossen. Zugleich musste der Leverkusener Konzern seinen Ausblick für das laufende operative Geschäft leicht nach unten korrigieren. Sowohl das Pharma- als auch das Agrogeschäft entwickeln sich schwächer als bisher geplant. Beide Sparten werden durch die Covid-19-Pandemie belastet.

Der Umsatz des Konzerns dürfte daher nach der neuen Prognose währungs- und portfoliobereinigt nur noch um ein Prozent auf 43 bis 44 Milliarden Euro zulegen, der bereinigte operative Gewinn vor Abschreibungen und Sondereinflüssen (Ebitda) soll etwa 12,1 Milliarden Euro erreichen anstatt wie bisher geplant 12,3 bis 12,6 Milliarden Euro. Auch für den bereinigten Gewinn je Aktie hat das Bayer-Management den Ausblick um etwa 30 Cents nach unten korrigiert, auf 6,70 bis 6,90 Euro je Aktie.

Investoren reagierten leicht verstimmt auf die neuen Zahlen und Prognosen des Konzerns. Die Rückstellungen für Rechtsstreits um die Mittel Glyphosat und Dicamba bewegten sich im Rahmen der Erwartungen, der reduzierte Ausblick sei jedoch eine Enttäuschung, kommentierte Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, die Zahlen.

Die Bayer-Aktie verlor am Dienstagmorgen mehr als drei Prozent an Wert und war damit schwächster Wert im Dax. Seit Jahresbeginn liegt der Kurs damit mehr als 20 Prozent im Minus.

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    Unterm Strich, das heißt inklusive aller Sonderlasten, dürfte Bayer auch im Gesamtjahr rote Zahlen schreiben. Der hohe Aufwand für die Rechtsstreitigkeiten wird dabei aber durch einen Veräußerungsgewinn aus dem Verkauf der Tierarznei-Sparte an den US-Konzern Elanco teilweise ausgeglichen. Diese Transaktion wurde am Montag vollzogen und brachte Bayer einen Erlös von knapp 5,2 Milliarden Euro und außerdem einen Anteil von 15 Prozent an Elanco, der im kommenden Jahr verkauft werden soll.

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    Alles in allem wird das Geschäft des Leverkusener Konzerns damit weiterhin stark von der Klagewelle um Glyphosat überschattet. Ende Juni hatte Bayer im Rechtsstreit wegen des angeblich krebserregenden Unkrautvernichters mit den Anwälten der Kläger eine Vereinbarung zur Beilegung von rund 125.000 eingereichten und noch erwarteten Schadensersatzklagen abgeschlossen.

    Sie sah Gesamtzahlungen von bis zu 10,9 Milliarden Dollar (rund 9,3 Milliarden Euro) vor. Rund 1,25 Milliarden Dollar sind im Rahmen einer gesonderten Sammelklägervereinbarung dabei für mögliche zukünftige Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Glyphosat vorgesehen. Gegen diese Regelung machte der zuständige Richter jedoch Bedenken geltend, woraufhin Bayer und die Anwälte den Genehmigungsantrag für diesen Teil des Vergleichs zurückzogen. Weitere 300 Millionen Dollar hat Bayer für Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit dem Herbizid Dicamba zurückgestellt.

    Zudem wird der Konzern neben den Rechtsfällen in der Agrosparte auch durch Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit dem Verhütungsprodukt Essure erheblich belastet, das rund 32.000 Frauen in den USA für Gesundheitsschäden verantwortlich machen.

    Nachdem man auch in diesem Fall inzwischen Gespräche über einen Vergleich intensivierte, hat Bayer 1,24 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten im Pharmabereich zurückgestellt. Insgesamt addierten sich damit die Sonderaufwendungen für Rechtsfälle im zweiten Quartal auf rund zwölf Milliarden Euro. Hinzu kommen weitere rund 500 Millionen Euro für Restrukturierungen und Wertkorrekturen. Für das Gesamtjahr kalkuliert Bayer mit rund 14 Milliarden Euro an Vergleichskosten und anderen Sonderbelastungen.

    Etwa 4,5 Milliarden Euro davon werden nach Erwartung von Bayer noch in diesem Jahr ausgezahlt und damit den Cashflow belasten. Die Nettoverschuldung des Konzerns dürfte sich damit nur auf 33 Milliarden Euro reduzieren, und nicht, wie zuvor geplant auf 27 Milliarden Euro.

    Pharmageschäft wird durch Covid-19 gebremst

    Im operativen Geschäft hat sich der Konzern unterdessen vergleichsweise solide entwickelt, wird dabei aber zusehends durch Effekte der Covid-19-Pandemie gebremst. Der Konzernumsatz sank im zweiten Quartal insgesamt um sechs Prozent auf zehn Milliarden Euro. Das um Rechtskosten und sonstige Sonderaufwendungen bereinigte Betriebsergebnis (Ebit) verbesserte sich nach Angaben von Bayer dagegen um knapp sieben Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Das bereinigte Ebitda stieg um knapp sechs Prozent auf 2,9 Milliarden Euro, der bereinigte Gewinn je Aktie legte um fünf Prozent auf 1,59 Euro zu. Beide Ertragsgrößen lagen damit leicht über den Erwartungen des Marktes.

    Vor allem im Pharmageschäft von Bayer hat die Corona-Pandemie im zweiten Quartal jedoch deutliche Spuren hinterlassen. Denn sie führte zu einer deutlich niedrigeren Zahl an Behandlungen, die nicht akut nötig waren, wovon nach Angaben von Bayer vor allem der Absatz von Medikamenten im Bereich Frauengesundheit, Augenheilkunde und Radiologie betroffen war. In China wurde das Pharmageschäft nach Angaben des Konzerns zudem durch eine volumenbasierte Einkaufspolitik belastet, was wiederum zu deutlichen Preisreduzierungen führte.

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    Der Umsatz mit dem Blutverdünner und Bestseller Xarelto sowie einigen neueren Krebsmitteln legte zwar weiter zu. Doch konnte das die Einbußen im übrigen Geschäft nicht voll kompensieren. Alles in allem sank damit der Umsatz der Bayer-Pharmasparte im zweiten Quartal um 8,8 Prozent auf knapp vier Milliarden Euro.

    Im gesamten ersten Halbjahr lag der Umsatz mit 8,5 Milliarden Euro währungsbereinigt um 2,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Damit hat Bayer im Pharmageschäft schlechter abgeschnitten als die meisten Konkurrenten, die zwar ebenfalls von Covid-19 betroffen waren, im Schnitt aber noch etwa zwei Prozent Wachstum ausweisen konnten.

    Der Betriebsgewinn der Pharmasparte sank durch die Rechtskosten um fast zwei Drittel auf 924 Millionen Euro im Halbjahr, lag bereinigt um die Sondereffekte aber mit 2,46 Milliarden Euro noch leicht über dem Vorjahreswert. Für das Gesamtjahr erwartet Bayer nunmehr statt drei bis vier Prozent Wachstum einen Umsatzrückgang von etwa einem Prozent im Pharmageschäft. Der Konzern hofft dabei aber, die bereinigte Ebitda-Marge um einen bis zwei Punkte auf 34 bis 35 Prozent zu verbessern.

    Schwächerer Ausblick für die Agrosparte

    Die Sparte Crop Science, die das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut umfasst und vor zwei Jahren mit der 63 Milliarden Dollar teuren Akquisition von Monsanto ausgebaut wurde, steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr um knapp fünf Prozent. Damit ist sie etwas stärker gewachsen als die Agrosparte von BASF, legte aber nicht so stark zu wie der Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta, der ein Umsatzplus von zehn Prozent berichtet hat.

    Das bereinigte Ebit von Bayer Crop Science verbesserte sich im Halbjahr sogar um ein Fünftel auf 2,4 Milliarden Euro. Inklusive der Rückstellungen für die Glyphosat- und Dicamba-Verfahren wies die Sparte jedoch einen Betriebsverlust von gut acht Milliarden Euro aus.

    Zudem hat sich der Ausblick verschlechtert. Man rechne mit einem verhaltenen Start in die neue Saison 2021 in Nordamerika. Bayer führt das vor allem auf eine pandemiebedingt niedrigere Nachfrage nach Bioenergie, Futtermitteln und Fasern zurück, was zu einem Rückgang der Anbauflächen führen dürfte. Zudem verweist der Konzern auf einen anhaltenden Wettbewerb im Sojamarkt. Die Sparte wird nach der neuen Schätzung des Konzerns daher statt der bisher erwarteten vier Prozent nur um zwei Prozent wachsen. Die Ebitda-Marge dürfte mit 25 Prozent einen Punkt niedriger ausfallen als ursprünglich geplant.

    Etwas günstiger sieht dagegen der Trend für die Sparte Consumer Health aus, die das Geschäft mit rezeptfreien Arzneien und Gesundheitsprodukten umfasst. Sie verbuchte im zweiten Quartal auf vergleichbarer Basis zwar ein Umsatzminus in Höhe von zwei Prozent auf 1,2 Milliarden Euro, was Bayer aber vor allem auf Lagerhaltungseffekte nach dem sehr guten Verlauf im ersten Quartal zurückführt.

    Für das zweite Halbjahr erwartet der Konzern eine Normalisierung, für das Gesamtjahr damit rund vier Prozent Umsatzwachstum und eine stabile Ebitda-Marge von 22 bis 23 Prozent. Insgesamt ist das Consumer-Geschäft von Bayer damit – nach mehrjähriger Schwächephase – offenbar wieder auf einen soliden Wachstumskurs zurückgekehrt.

    Mehr: Bayer erzielt im Glyphosat-Berufungsverfahren nur einen Teilerfolg.

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    3 Kommentare zu "Quartalszahlen: Milliarden-Belastung durch Glyphosat-Vergleich: Bayer macht Rekordverlust"

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    • @ Helmut Metz

      Da bin ich mir leider ganz sicher und dies ist eines der Probleme des deutschen Aktienrechts (AktG) in Verbindung mit den D&O Versicherungen. Selbst bei schreienden Fehlleistungen muss regelmäßig kein Mitglied des Vorstandes Konsequenzen befürchten - solange man nicht vorsätzlich handelt. Die D&O Versicherung springt in den allermeisten Fällen ein und der finanzielle/persönliche Schaden ist nicht vorhanden, gleichgültig was man anrichtet. Dazu dann noch die großzügig ausgelegte Business Judgement Rule, unterfüttert mit mindestens zwei Gutachten von Großkanzleien und es kann nichts passieren. Das AktG schreibt ja noch nicht einmal vor, dass ein Vorstand, dem die Entlastung von der Hauptversammlung verweigert wird, abberufen werden muss, sondern das steht im Ermessen des Aufsichtsrats: Die Eigentümer (Aktionäre) haben das Vertrauen verloren, können aber den Vorstand nicht loswerden. Darum darf man als Herr Baumann ruhig auch die Augen vor allen Problemen und Bedenken verschließen, sich alles schönrechnen, Scheinlösungen für entdeckte Probleme ermitteln lassen, lieber nicht ganz so genau Rechtsrisiken einschätzen, ein Heer von Beratern für Gefälligkeitsgutachten bezahlen, jeden absurden Kaufpreis rechtfertigen (Synergien ist immer gut) und dann Milliardenwerte vernichten.
      Geht es schief, s.o.

      So haben ausgezeichnete Strategen schon ThyssenKrupp versenkt - auch dort hielt sich jemand für den größten Stahlbaron aller Zeiten und wollte auf dem Höhepunkt des Stahlzyklusses Werke im Sumpf von Brasilien und Alabama errichten: Den Untergrund hat man nicht so genau untersucht (die Bauten sackten bei Beginn der Arbeiten ab), die Kokerei hat man nicht etwa von der Tochtergesellschaft, sondern einer chinesischen Firma bauen lassen, die leider keine Ahnung hatte (musste wieder abgerissen werden), Währungsrisiken hatte man nicht einkalkuliert, usw. Konsequenz für den Vorstand? Wie bei Baumann: Keine. ThyssenKrupp nur noch ein Zombie.


    • @ Peter Freitag

      Ich bin mir sicher, dass für Herrn Baumann persönlich die Übernahme durchaus einen (finanziellen) Sinn gemacht hat. ;-)
      Das ist eben der Unterschied zwischen CEO´s (großer) Aktien- und Chefs von Familienunternehmen - wie es sie in Deutschland zum Glück (noch) zahlreich gibt: Familienunternehmer denken in der Regel langfristiger und sind daher nicht so stark auf kurzfristigen Erfolg aus.

    • Und wann ziehen Herr Baumann und seine Vorstandsmitglieder, welche so maßgeblich die Übernahme von Monsanto betrieben haben die Konsequenzen aus ihrem Scheitern? Und der Aufsichtsratsvorsitzende? Herr Baumann wurde von der Hauptversammlung im Jahr 2019 nicht entlastet - ein einmaliger Vorgang in der Unternehmensgeschichte großer, im DAX gelisteter Konzerne. Der von ihm durchgedrückte Kauf von Monsanto - unter Missachtung des gesunden Menschenverstandes, gegen alle Warnungen, unter sträflicher Missachtung der öffentlichen Meinung, welche die Politik nun einmal stark beeinflusst (Vebote in der EU), in Ignoranz des US-amerikanischen Rechtssystems und der enormen Klagerisiken - erweist sich als existenzgefährdendes Milliardengrab. Baumann hat es geschafft, Monsanto zu einem (schon damals erkennbar) horrenden Kaufpreis zu übernehmen, dem bis dahin grund soliden Bayer Konzern enorme Schulden aufzuladen und unfassbare Rechtsrisiken ins Haus zu holen. Die Summe von ca. 10 Mrd. Euro muss ja nochmals zum damaligen Kaufpreis addiert werden! Und wer sagt, dass das das Ende der Fahnenstange ist, zumal immer neue Klagen gegen andere Produkte erhoben werden? Wer zahlt die Zeche? Der Standort Deutschland, die Arbeitnehmer, die Aktionäre. Angeblich hält sich Baumann für einen tollen M&Aler - der Kauf von Monsanto beweist das Gegenteil und es wäre interessant, an welchen gescheiterten Deals er noch mitgewirkt hat (Coppertone?).
      Fast jeder Passant in der Fußgängerzone hätte Baumann erklären können, dass es keinen Sinn ergibt, ein derart riskantes und in Europa verpöntes Unternhemen wie Monsanto zu kaufen, weil man sich damit nur Klagerisiken und Reputationsschäden einkauft (zu einem horrenden Preis). Und ja, auch die öffentliche Meinung, das politische Klima, die absehbaren Verbote gerade wegen der miserablen Meinung bezüglich Monsanto hätte Baumann erkennen und auswerten müssen. Zeit, dass Baumann endlich Verantwortung übernimmt und zurücktritt! Genug des Teflons und Pattex!

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