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RAG-Chef Müller Glück ab!

Firmenboss Werner Müller wird auch den neuen RAG-Konzern leiten und das Konglomerat aus Chemie, Energie und Immobilien bis Mitte nächsten Jahres an die Börse bringen. Doch das ist nicht die Position, die er haben wollte – und seine Probleme im Unternehmen sind damit noch nicht gelöst.
Der Vorstandsvorsitzende der Ruhrkohle AG (RAG), Werner Müller, ist seine Probleme noch lange nicht los. Foto: dpa Quelle: dpa

Der Vorstandsvorsitzende der Ruhrkohle AG (RAG), Werner Müller, ist seine Probleme noch lange nicht los. Foto: dpa

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. „Mein Überleben hängt nicht davon ab, ob ich Stiftungsvorsitzender werde“, sagte Vorstandschef Werner Müller auf der Bilanzpressekonferenz der RAG am 29. März 2007 in Essen. Den Beweis erbringt er am vergangenen Freitagmorgen kurz nach elf im Kanzleramt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Werner Müller nach Berlin zu einer Tasse Kaffee gebeten. Unter vier Augen will die promovierte Physikerin die berufliche Zukunft des promovierten Sprachwissenschaftlers klären. Nach dem monatelangen Streit über den Börsengang der RAG stellt die Kanzlerin Müller vor die Wahl: Falls er seine Ambitionen aufgebe und auf die Leitung der Kohlestiftung verzichte, könne er Chef des an die Börse strebenden Industriekonzerns bleiben. Sonst nicht.

Der passionierte Teetrinker Müller leert artig seine Kaffeetasse – und akzeptiert nach einer Stunde die Entscheidung der Regierungschefin. Seiner persönlichen Lebensplanung entspricht das indes nicht. Chef eines börsennotierten Konzerns wollte der 61-Jährige nie werden. Aber Müllers Karrierewille siegt. Der Widerstand gegen ihn als Chef der geplanten Kohlestiftung ist so massiv geworden, die öffentliche Demontage so weit fortgeschritten, dass als Alternative nur das Pensionärsdasein geblieben wäre. Das aber wollte sich der umtriebige Politmanager ersparen. Nun wird er den Industriekonzern bis Mitte nächsten Jahres an die Börse bringen. Gestern meldete dann das Magazin Focus, dass Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz der Favorit der Kanzlerin für den Vorsitz der Bergbaustiftung sei. Offiziell bestätigt wurde dies zunächst von keiner Seite.

Klar dürfte Müller aber auch sein: Seine Schwierigkeiten in diesem Konzern sind damit noch lange nicht vorbei. Die neue RAG ist nicht nur ein bunt zusammengewürfeltes Konglomerat mit völlig unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Schwer zu regieren ist es obendrein. Das haben die vergangenen Monate bewiesen – ein Rückblick, der zugleich auch ein Ausblick ist.

Noch vor vier Monaten, am 7. Februar, ist Müller obenauf. Nach monatelangem Gezerre haben die Spitzen der Koalitionsregierung in Berlin, der Kohleländer Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie der Gewerkschaft IG BCE Müllers Konzept für den Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlenbergbau zugestimmt. Wie selbstverständlich geht Müller davon aus, dass er als geistiger Vater des so genannten Stiftungsmodells an die Spitze der neuen Kohlestiftung rücken wird.

Um genau zu sein: Das Ausstiegsszenario entstammt einer Idee der Unternehmensberatung Boston Consulting. Kaum hatte Müller im Juni 2003 den Chefposten in Essen übernommen, ließ der ehemalige Bundeswirtschaftsminister mehrere Berater antreten. Die sollten Konzepte entwerfen, wie man das „etwas barocke Unternehmen RAG“, so Müller in seiner gewohnt ironischen Art, auf Vordermann bringen könnte. Denn eines ist klar: Bergbau, Fördertechnik, Spezialchemie Kraftwerke und ein riesiger Wohnungsbestand im Ruhrgebiet passen nicht zusammen. Zumal der so genannte weiße Bereich Geld verdient, die Kohle als schwarzer Bereich dagegen mit Subventionen in Milliardenhöhe über Wasser gehalten werden muss.

Müller entwickelt aus dem Grobkonzept einen komplizierten, aber tragfähigen Plan für den Ausstieg aus der Steinkohle: Das Vermögen der RAG wird an eine Stiftung übertragen. In einem zweiten Schritt wird der bisherige Haftungsverbund zwischen dem schwarzen Bereich Steinkohle und dem weißen, kohlefernen Bereich aufgelöst. Der profitable Industriekonzern mit den Sparten Spezialchemie (Degussa), Strom (Steag) und Immobilien soll als eine Einheit an die Börse kommen.

Noch firmiert diese künftige Börsenfirma unter „Newco“. Den neuen Namen hat Müller aber schon fest im Tresor verschlossen. Bis es so weit ist, laufen die Kicker von Borussia Dortmund mit einem Ausrufezeichen auf der Brust über den Rasen. Die RAG ist Hauptsponsor des Traditionsclubs aus dem Ruhrgebiet.

Der Erlös aus dem Börsengang von voraussichtlich mehr als fünf Milliarden Euro soll an die Stiftung fließen. Diese soll das Geld sicher und rentabel anlegen, damit sich das Stiftungsvermögen im Laufe eines Jahrzehnts auf 8,5 Milliarden Euro vermehrt. Die Summe ist nötig, um ab dem Jahr 2018 die Ewigkeitskosten des Bergbaus zu finanzieren. Dahinter verbergen sich beispielsweise Kosten für das Abpumpen des Grundwassers in längst geschlossenen Kohleschächten, weil sonst das ganze Ruhrgebiet in einem riesigen See versinken würde.

Müller scheint sich durchzusetzen. Die Aktionäre der RAG, die Ruhrkonzerne Eon, RWE und Thyssen-Krupp sowie der luxemburgische Stahlriese Arcelor Mittal spielen mit – nach anfänglichem Zögern. Sie erklären sich bereit, ihre Anteile zum symbolischen Preis von einem Euro abzugeben, wenn sie im Gegenzug von den Haftungsrisiken des Bergbaus freigestellt werden.

Müller hatte dafür in bewährter Manier hinter den Kulissen ganze Arbeit geleistet. Er kennt sich aus: Schon als Wirtschaftsminister der ersten rot-grünen Regierungskoalition unter Kanzler Gerhard Schröder von 1998 bis 2002 führte er einen politisch brisanten Auftrag aus: den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergienutzung. Müller hält zwar die Kernenergie für wichtig, er akzeptiert aber früh ihre geringe Akzeptanz in der Bevölkerung. Der frühere Veba-Manager (heute Eon) brachte etwas zu Stande, was viele für unmöglich hielten.

Müller hatte sich bei dieser Gelegenheit aber nicht nur Freunde gemacht. Das rächte sich nun. Viele seiner Gegner traf der gebürtige Essener bei seiner Rückkehr ins Revier wieder. Und einige nahmen es ihm übel, dass er schon wieder mit einem politischen Spezialauftrag antrat. Sein härtester Widersacher: der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU).

Müllers Spezialauftrag ist allerdings auch äußerst schwierig: Diesmal soll der bekennende Kohlefreund das leidige Thema Kohlesubventionen ein für alle Mal beenden. Und zugleich mit einer langen Tradition im Revier brechen. Die SPD-Seite ist von einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Steinkohlenbergbau in Deutschland im Jahr 2018 zu überzeugen. Der mächtigen Gewerkschaft IG BCE muss Müller versichern, dass bei der Abwicklung der letzten deutschen Zechen keiner der noch 34 000 Kohlekumpel ins Bergfreie fällt.

Außerdem muss ihm noch der Nachweis gelingen, dass die voraussichtlichen Einnahmen aus dem Börsengang ausreichen werden, um die Altlasten des Bergbaus abzudecken.

Da sollte sich Müllers Kunstfertigkeit erweisen, selbst größte Kritiker zu überzeugen. Denn Müller beantwortet keine Fragen, stellt auch keine Gegenfragen. Müllers Verhandlungsstrategie beginnt sehr häufig mit dem Satz: „Nun stellen Sie sich doch einmal vor ...“ – und am Ende sind jegliche Zweifel zerstreut, sein Gedankengang könne abwegig sein.

Untermalt von klassischer Musik, umnebelt vom Rauch edler Zigarren, knicken sogar hartgesottene Gegner ein. Selbst Politiker in den Reihen von CDU und FDP würdigen, wie freundlich und zugleich zielstrebig Müller seine Ziele durchsetzt.

So wie schon einmal, im Herbst 2005. Da war eine Lösung der Kohlefrage greifbar nahe gerückt, sagen Beteiligte. Doch dann habe Franz Müntefering (SPD) – Vizekanzler, Arbeitsminister und aus Nordrhein-Westfalen – die Idee vom „Sockelbergbau“ geboren. Um nicht vollends von ausländischen Importen abhängig zu werden, schlug Müntefering vor, zumindest zwei oder drei Kohlebergwerke dauerhaft zu erhalten. Seine Partei nahm die Idee gerne auf, die in diesem Fall von ihren nordrhein-westfälischen Teilen und der – damals noch designierten – Landesvorsitzenden Hannelore Kraft getrieben wurde.

Die geschwächte Landes-SPD wieder auf die Beine zu bringen war nicht bloß das Ziel der Oppositionspolitikerin in Düsseldorf, sondern auch das des Parteivorsitzenden Kurt Beck. Müller hatte wieder zu arbeiten, und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) soll damals einige klärende Gespräche mit der nächsten Spitzenkandidatin seiner Partei bei der Landtagswahl 2010 geführt haben. Münteferings Vorstoß habe schon „einige Monate gekostet“, heißt es in Müllers Umfeld.

Im März 2007 dann fühlt sich Müller aber endgültig am Ziel – und begeht einen folgenschweren Fehler: Siegesgewiss stellt er nun die Forderung, Chef der milliardenschweren Stiftung zu werden – und klare Gehaltsvorstellungen hat er auch. Das Salär eines Dax-Vorstands findet Müller angemessen.

Das ruft seine Widersacher auf den Plan. Ministerpräsident Rüttgers versucht, Müllers Börsenpläne zu torpedieren und bringt als Käufer für Degussa den Chemiekonzern Lanxess ins Spiel. Immer wieder denkt er laut darüber nach, dass ein Einzelverkauf der RAG-Unternehmen aus Sicht des Steuerzahlers doch viel lukrativer wäre als ein Börsengang. Einen SPD-nahen „Sonnenkönig an der Ruhr“ als Chef der Kohlestiftung lehnt Rüttgers ab. Müller hatte im Landtagswahlkampf 2005 eindeutig Partei ergriffen für den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Steinbrück, was Rüttgers ihm noch heute ankreidet.

Rüttgers holt sich zudem Rückendeckung bei Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Der verkündet Pfingsten Müllers Verzichts auf den Stiftungsvorsitz und legt am vergangenen Wochenende nochmals nach. Müller sei weder als Chef der Stiftung noch als Vorstandschef des künftigen RAG-Konzerns tragbar.

Dabei hatte Müller bereits seit Freitagmorgen Gewissheit – nach dem Machtwort der Kanzlerin, die ihn als Chef des neuen RAG-Konzerns demonstrativ unterstützt. Diesem Vorschlag muss allerdings der Aufsichtsrat des Unternehmens noch zustimmen. Denn nur die RAG-Aktionäre entscheiden, wer Vorstandsvorsitzender ist – und bleibt. Müllers Vertrag endet Ende Mai 2008 und damit etwa zur selben Zeit, in der er mit der RAG an die Börse gehen will.

Seine äußerliche Gelassenheit darf nicht darüber hinwegtäuschen: Die Attacken der vergangenen Monate sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nach den gezielten Indiskretionen, Falschmeldungen und Gerüchten dürfte sich der gewiefte Taktiker Müller ein ums andere Mal gefragt haben: „Wozu eigentlich muss ich mir das überhaupt noch antun?“ Da konnte er sich nur mit seinem Motto retten: „Das Leben geht weiter.“

Dafür, dass es für ihn weitergeht, sorgte gestern auch der Aufsichtsrat der RAG, der um 17 Uhr zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentrat. Dabei musste Müller seinen Aufsehern Rede und Antwort stehen wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Aktiengesetz. Für Müller stand viel auf dem Spiel: Der Vorwurf der Pflichtverletzung, erhoben vom Großaktionär RWE, war ein schweres Geschütz und hätte ihn auch aus dem Amt hebeln können. RWE behauptete, der Vorstandschef habe den RAG-Anteilseigner Arcelor Mittal materielle Vergünstigungen im Zusammenhang mit dem möglichen Verkauf des Versorgers Saar Ferngas eingeräumt.

Der Aufsichtsrat schlug sich aber auf Müllers Seite und genehmigte die von ihm mit Arcelor getroffenen Sondervereinbarungen im Nachhinein. Das Gremium konnte sich dabei aber den öffentlichen Hinweis nicht verkneifen, dass ihm die Vereinbarung zur Zustimmung hätte vorgelegt werden müssen.

Schon Anfang nächster Woche soll auf einem Kohlegipfel in Berlin endgültig die Entscheidung fallen, wer an die Spitze der Kohlestiftung aufrückt. Und am nächsten Mittwoch schließlich steht Müllers Vertragsverlängerung als RAG-Chef an. Dann kann er sich wenigstens für kurze Zeit gelassen zurücklehnen und Urlaub machen. Der Anblick des mächtigen Gipfeldreigestirns von Eiger, Mönch und Jungfrau fasziniert ihn immer noch.

Hierhin, in seine bevorzugte Urlaubsregion in den Schweizer Alpen, hatte sich Müller auch über Pfingsten zurückgezogen, um nachzudenken – über seine Anfeindungen und seine persönliche Zukunft. Dann erreichte ihn der Anruf der Kanzlerin zum Kaffeeklatsch – und nahm ihm die Entscheidung ab.

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