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Renata Jungo Brüngger Daimlers Chefjuristin will das nächste Abgasdesaster verhindern – auch mit schärferen Regeln

Renata Jungo Brüngger hat dem Konzern nach dem Dieselskandal ein verändertes Compliance-System verordnet. Das soll langfristig zur Stärke von Daimler werden.
13.12.2020 - 11:49 Uhr Kommentieren
Die Topmanagerin glaubt, den Diesel-Malus von Mercedes langfristig in eine Stärke ummünzen zu können. Quelle: dpa
Daimler-Vorständin Renata Jungo Brüngger

Die Topmanagerin glaubt, den Diesel-Malus von Mercedes langfristig in eine Stärke ummünzen zu können.

(Foto: dpa)

München Es sind Worte, die auch fünf Jahre später nachhallen. „Zum Thema Diesel kann ich mich kurzfassen“, versicherte der damalige Konzernchef Dieter Zetsche im November 2015: „Wir haben bei Daimler nie betrügerische Software eingesetzt, und werden das auch nicht tun.“ Heute ist für die Beamten des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) klar: Der Mercedes-Hersteller hat über Jahre hinweg mehrere Abschalteinrichtungen genutzt, um die Abgaswerte in seinen Modellen zu manipulieren.

Daimler kostete der Dieselskandal bereits mehrere Milliarden Euro, Millionen von Fahrzeugen wurden zurückgerufen. Die Marke hat viel Reputation eingebüßt. Ein Schuldeingeständnis kommt in Stuttgart dennoch niemandem über die Lippen. Vorsätzlich betrogen wie Volkswagen habe Daimler keineswegs. Der Konzern verteidigt seine Technologie weiterhin vor Gerichten rund um den Globus.

Diese Haltung wirkt nach außen hin bockig und uneinsichtig. Dabei ist intern seit Zetsches fragwürdigen Aussagen einiges geschehen. Daimler hat sein Compliance-System gründlich überarbeitet. Hunderte neue Stellen wurden dafür seit 2016 geschaffen, heißt es in Konzernkreisen. Das Ziel dabei: Der Autobauer will ein neuerliches Abgasdesaster um jeden Preis verhindern.

Daimler-Rechtsvorständin Renata Jungo Brüngger geht aber noch einen Schritt weiter. Die Topmanagerin glaubt, den Diesel-Malus von Mercedes langfristig in eine Stärke ummünzen zu können. „Der Dieselskandal hat der gesamten Automobilindustrie vor Augen geführt, dass es unverzichtbar ist, gerade auch die rechtlichen Risiken vorausschauend und systematisch anzugehen, die sich aus der technischen Produktentwicklung ergeben“, sagte Jungo Brüngger dem Handelsblatt.

Die 59-jährige Schweizerin ist sicher: Wenn Unternehmen ihre Ingenieure in schwierigen Situationen mit interdisziplinären Teams unterstützen, statt sie weitgehend sich selbst zu überlassen, können sie mit Risiken an der Schnittstelle zwischen Technik, Recht und Moral besser umgehen. „Ein effektives technisches Compliance Management System ist so zu einem Wettbewerbsvorteil geworden“, konstatiert Jungo Brüngger.

Interdisziplinärer Ansatz

Klar ist: Die regulatorischen Vorgaben in der Branche nehmen zu und werden immer komplexer. „Als global tätiges Unternehmen betreffen uns rund 200 neue Gesetze – pro Tag“, erklärt Jungo Brüngger. Oft eile die Technik aber der Gesetzgebung voraus. Wie können unter solchen Bedingungen heute Entscheidungen getroffen werden, die auch morgen noch rechtssicher sind und von der Gesellschaft akzeptiert werden?

Aus Sicht von Daimlers Chefjuristin geht das nur mithilfe eines Compliance-Systems, das im Idealfall ähnlich funktioniert wie ein Spurhalteassistent im Auto: Drohende Gefahren werden frühzeitig erfasst und abgewendet.

„Dabei stehen drei Aspekte im Mittelpunkt: die richtige Haltung, gezieltes Training und systematische Beratung“, sagt Jungo Brüngger. Während etwa präventive Schulungen von Mitarbeitern gegen Geldwäsche, Korruption oder Kartelle seit Jahren zum Standardrepertoire in großen Konzernen gehören, gleicht die enge Zusammenarbeit von Ingenieuren, Juristen, Betriebswirten und Geisteswissenschaftlern vom Anfang bis zum Ende der Produktentwicklung bei einem Autokonzern einer kleinen Revolution.

In anderen Branchen mag dieser interdisziplinäre Ansatz zwar längst gang und gäbe sein. „In einem Unternehmen, in dem wirtschaftliche Erfolge zu einem erheblichen Teil auf ingenieurtechnischen Hochleistungen beruhen und bis heute ingenieurtechnisches Denken zu Recht zentralen Einfluss auf die Entscheidungsfindung nimmt, kann dies allerdings als Paradigmenwechsel gesehen werden“, sagt Jungo Brüngger.

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Konkret stellt Daimler seinen Forschern seit einigen Jahren ein breites Netzwerk von direkten Ansprechpartnern zur Seite. Diese Multiplikatoren sind vom Start weg in die Entwicklung neuer Antriebe, Softwarefunktionen und anderer Services eingebunden und übernehmen auch einen Teil der Verantwortung. So will der Konzern verhindern, dass potenzielle Konflikte mit Ethik und Gesetz erst nach einigen Jahren auffallen und dann womöglich großen Schaden anrichten.

Offene Punkte werden in speziellen Gremien mit Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen entschieden. „Das hat zudem den Vorteil, dass Entscheidungen präzise dokumentiert werden, was Jahre später dabei helfen kann, diese nachzuvollziehen“, sagt Jungo Brüngger. Die einstige Intention bei der Ausgestaltung der Technik archivarisch festzuhalten ist nicht nur bei strittigen Fragen zur Emissionsregulierung hilfreich, sondern ebenso bei Zukunftstechnologien.

Dieselskandal ist noch nicht ausgestanden

Gerade Innovationen wie das autonome Fahren gehen mit großen Risiken einher. Chauffeurfunktionen und reine Robotertaxis sind dabei gesetzlich noch nicht vollständig erfasst.

„Denken wir zum Beispiel an das Verkehrsschild mit dem springenden Hirsch, das vor einem möglichen Wildwechsel warnt“, erklärt Jungo Brüngger. Dem Menschen signalisiere das Gefahrenzeichen, hier besonders aufmerksam zu sein, auf den Seitenstreifen zu achten und bei Bedarf die Geschwindigkeit zu reduzieren. Es liegt allerdings im persönlichen Ermessen des Fahrers, wie er mit der Warnung umgehe.

Wie lässt sich solch eine Vorschrift in ein autonom fahrendes Fahrzeug programmieren? „Fragestellungen wie diese werden bislang in keinem Gesetz beantwortet, müssen aber schon heute bei der Entwicklung der autonomen Fahrzeuge mitgedacht werden“, erklärt Jungo Brüngger.

Wer sich die Mühe dafür spart, bekommt später mitunter eine teure Rechnung präsentiert. Der Dieselskandal dient Daimler hier als mahnendes Beispiel. Allein im vergangenen Jahr schmälerte das Abgasdesaster den Gewinn des Konzerns um mehr als vier Milliarden Euro. Ausgestanden ist die Causa dennoch nicht.

In den USA ist noch ein Strafverfahren anhängig, das mit einer hohen Geldbuße enden könnte. In Deutschland werden die Gerichte weiterhin von Kundenklagen überschwemmt. Bis dato wurden die meisten Fälle zwar zugunsten von Daimler entschieden. Doch die ersten höchstrichterlichen Entscheidungen stehen noch aus. Ungemach droht Daimler zudem von Aktionären, die sich geschädigt fühlen.

Mehr: „Signal der Verlegenheit“: Daimlers neuer Chefaufseher stößt auf Kritik

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