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Gerichtszeichnung von Carlos Ghosn im japanischen Fernsehen

Nissan beschuldigt den Ex-Chef, sein Einkommen jahrelang nicht vollständig angegeben und Firmengelder für private Zwecke veruntreut zu haben.

(Foto: AFP)

Renault-Chef In Frankreich wachsen Zweifel an der Anklage gegen Carlos Ghosn

Bei einer Gerichtsanhörung weist der Ex-Nissan-Chef alle Betrugsvorwürfe zurück. Aus Paris erhält Ghosn unterdessen demonstrativ Rückendeckung.
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Düsseldorf, Paris Die monatelange Haft ist an Carlos Ghosn nicht spurlos vorübergegangen. Zehn Kilo soll er seit seiner Festnahme Mitte November verloren haben. Entsprechend abgemagert und mit eingefallenen Wangen trat der frühere Nissan-Chef am Dienstagmorgen in einem Tokioter Bezirksgericht auf. Zwei Bewacher führten ihn in Handschellen und mit einem Strick um die Hüften ins Gericht.

Mehr als 1000 Menschen hatten zuvor versucht, einen der 14 begehrten Zuschauerplätze für diese außergewöhnliche Anhörung zu ergattern. Lange Schlangen hatten sich vor dem Gerichtsgebäude gebildet. Die meisten bemühten sich vergeblich. Der französische Botschafter hingegen bekam Einlass. Carlos Ghosn ist schließlich französischer Staatsbürger – und offiziell immer noch Vorstandschef von Renault.

Ghosn selbst hatte um diesen Gerichtstermin gebeten. Das Gericht sollte öffentlich erklären, warum er seit Wochen in einem Gefängnis in Tokio festgehalten wird. Der Vorsitzende Richter Yuichi Tada sagte, der Manager sitze im Gefängnis, weil große Fluchtgefahr bestehe. Zudem könne er Beweismittel vernichten.

Nissan beschuldigt Ghosn, der den japanischen Autohersteller vor mehr als zehn Jahren durch die Kooperation mit Renault vor einer Pleite bewahrte, sein Einkommen jahrelang nicht vollständig angegeben und Firmengelder für private Zwecke veruntreut zu haben. Dem gebürtigen Brasilianer mit französischem und libanesischem Pass droht in Japan eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Bei der Anhörung wies der 64-Jährige die Anschuldigungen entschieden zurück. „Ich bin zu Unrecht angeklagt und ungerechterweise verhaftet worden“, sagte der einstmals hochgeschätzte Automanager vor dem zuständigen Bezirksgericht.

Er habe – anders als von der Staatsanwaltschaft behauptet – von Nissan nie Bezüge erhalten, die nicht auch öffentlich gemacht worden seien. Er sei zudem davon überzeugt, in seinem Amt bei Nissan stets „ehrenhaft, legal und mit Wissen und Zustimmung“ der zuständigen Führungskräfte gehandelt zu haben. Das gelte auch für seine Bezahlung.

Die erste Anhörung vor Gericht brachte keinen weiteren Hintergrund über die Festnahme von Carlos Ghosn zutage. Besonders in Frankreich gibt es Zweifel daran, dass die japanische Justiz rechtmäßig gegen den früheren Nissan-Chef vorgeht.

Im Umfeld von Renault wird der Verdacht geäußert, dass es in dem Fall weniger um Ghosn persönlich geht. Vielmehr steht die Vermutung im Raum, dass die Position von Nissan im Bündnis mit Renault durch die Verhaftung von Ghosn nachdrücklich gestärkt werden solle.

Die Härte der japanischen Justiz sorgt zumindest für Unverständnis. Die Pariser Arbeitsministerin Muriel Pénicaud erklärte als Reaktion auf die Anhörung in Japan: „Man muss an der Unschuldsvermutung festhalten.“ Sie sagte auch, dass in Frankreich viele Jobs an der Allianz mit Nissan hingen, deshalb lasse man Ghosn nicht fallen. Der französische Staat ist mit 15 Prozent an Renault beteiligt.

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Auch im Wirtschaftsministerium hält man an Ghosn fest, er soll Renault-Chef bleiben. Mit Thierry Bolloré ist lediglich ein Interimschef berufen worden. Aus Quellen des Wirtschaftsministeriums war zu hören, dass die Allianz halten könne, Ghosn habe man noch nicht abgeschrieben.

Bei Renault wurde auf Forderung der Gewerkschaften eine Untersuchung eingeleitet, um die Zahlungen an Ghosn und andere Vorstände zu überprüfen, so die französische Regierung. Die Gewerkschaften hatten erklärt, die Bezahlung sei zu undurchsichtig. Ein Teil könnte über die Niederlande gelaufen sein, vorbei am französischen Fiskus, spekulieren Medien wie Franceinfo. Die Untersuchung wird von Claude Baland geleitet, ehemaliger Präfekt und Direktor der nationalen Polizei und seit 2015 Ethikberater von Renault.

Nissan profitiert von der Renault-Schwäche

Auch wenn Ghosn offiziell noch nicht bei Renault abgelöst worden ist, hat seine Festnahme doch mittelbare Konsequenzen. Er sollte in den kommenden Monaten eigentlich ein Projekt zu einer engeren Verzahnung von Renault und Nissan vorantreiben. Dieses Projekt ist vorerst gestoppt worden, denn Ghosn war der Schlüssel zur Allianz von Renault und Nissan.

Nissan hingegen profitiert von der aktuellen Renault-Schwäche. Auf japanischer Seite war öfter ein Ungleichgewicht in der Allianz kritisiert worden. Die japanische Gruppe hält 15 Prozent an Renault, während Renault 43 Prozent an Nissan hält.

Auch in der Familie von Ghosn wächst die Empörung. Seine Töchter sprachen in einem Interview mit der „New York Times“ von einem „Komplott“ von Nissan gegen ihren Vater, um ein mögliches Projekt der Fusion mit Renault zu vereiteln. Sein Sohn Anthony Ghosn kritisierte in der französischen Zeitung „Le Journal du Dimanche“ den Umgang mit seinem Vater in Japan. Man wolle ihn zwingen, ein Geständnis zu unterschreiben. Das sei die Bedingung, um freizukommen. Doch das Geständnis sei auf Japanisch verfasst. Und die Sprache spreche sein Vater nicht.

Während Ghosns Mitangeklagter Greg Kelly am 25. Dezember gegen eine Kaution freigelassen wurde, sehen Ghosns Anwälte kaum Chancen für ein Ende der Untersuchungshaft nach der bis zum 11. Januar laufenden Frist. Die Verteidiger wollten die Freilassung gegen eine Kaution beantragen. Bei Angeklagten, die alle Vorwürfe bestreiten, wird eine Kautionszahlung jedoch in aller Regel nicht akzeptiert.

Für den 11.  Januar erwarten die Anwälte deshalb eine weitere Anklage. Damit wächst der Druck auf die Führung von Renault. Vielleicht muss Ghosn auch bald seinen Chefposten in Frankreich aufgeben.

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