Rettung von Alstom-Werk Frankreichs Regierung kauft Züge

Gebraucht werden sie nicht, trotzdem werden sie gekauft: Frankreichs Regierung gibt fast eine halbe Milliarde Euro für Hochgeschwindigkeitszüge aus. Präsident Hollande will aus politischen Gründen Arbeitsplätze retten.
Der Geschäftsführer des französischen Zugbauers Alstom kann sich über einen millionenschweren Auftrag von der eigenen Regierung freuen. Quelle: AFP
Henri Poupart-Lafarge kann aufatmen

Der Geschäftsführer des französischen Zugbauers Alstom kann sich über einen millionenschweren Auftrag von der eigenen Regierung freuen.

(Foto: AFP)

BelfortMit dem Kauf von 15 TGV-Hochgeschwindigkeitszügen im Wert von rund 450 Millionen Euro will die französische Regierung die vom Hersteller Alstom geplante Schließung eines Werkes in Belfort verhindern. Damit soll der drohende Verlust von 400 Arbeitsplätzen im 1879 gegründeten Lokomotivenwerk abgewendet werden. „Dank des Eingreifens des Staates und des Engagements aller Beteiligten ist das Alstom-Werk in Belfort gerettet“, verkündete Premierminister Manuel Valls am Dienstag über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Entscheidung sieben Monate vor den nächsten Präsidentenwahlen ist die erste, mit der der französische Staat selbst Züge kauft, um Jobs zu erhalten. Staatspräsident François Hollande hatte den Arbeitnehmern versprochen, er werde „alles dafür tun“, dass das Werk in Belfort nicht geschlossen werde.

Wo Fahrer verzweifelt gesucht werden
Fahrtraining im Simulator
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Sie bringen Menschen und Waren jeden Tag von A nach B: Bus-, U- und Straßenbahnfahrer, Lokführer, Kraftfahrer und Piloten. Vor allem im öffentlichen Nahverkehr steige der Bedarf an Fahrpersonal, erklärt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen(VDV) in Berlin. Das Angebot von Bahnen und Bussen werde immer weiter ausgebaut. Viele der Fahrer stehen nach VDV-Angaben jedoch kurz vor dem Ruhestand – für die Stellen mangelt es an Nachrückern.

Quelle: dpa

Lokführer
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In das Führerhäuschen einer Eisenbahn zieht es offenbar nur wenige Menschen. „Es gibt deutlich zu wenig Bewerber“, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Bundesweit fehlten 800 bis 1000 Lokführer. Der Markt sei leer gefegt. Schicht-und Wechseldienst machen den Beruf wenig attraktiv. Zudem seien von den Arbeitgebern in den vergangenen Jahren zu wenige Lokführer ausgebildet worden, kritisiert die GDL.

Bewerber sind Mangelware
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Die Deutsche Bahn kündigte an, in diesem Jahr 1200 Lokführer einzustellen. Über alle Ausbildungsjahre hinweg gebe es derzeit rund 1000 Lokführer-Azubis, sagt eine DB-Sprecherin. Das Unternehmen hoffe, dass alle Stellen besetzt werden können. Ob das klappt, zeige sich aber erst gegen Jahresende. Generell gebe es viele Bewerbungen und Interesse an den Jobs. Gerade in Ballungsräumen wie Stuttgart und München fehlen nach Angaben der Sprecherin jedoch Bewerber.

Straßen- und U-Bahn-Fahrer
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Besser sieht es in den Fahrerkabinen von Straßen- und U-Bahnen aus. „Wir haben genügend Bewerber“, sagt eine Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das Durchschnittsalter der rund 6000 BVG-Fahrer liege jedoch knapp unter 50 Jahren. „Wir sind immer auf der Suche nach jungen Leuten.“

Schwieriges München
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Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bekommt ebenfalls pro Jahr mehr als 2000 Bewerbungen. „Wir bilden auch laufend selber aus“, sagt ein MVG-Sprecher. Der Bedarf an Fahrern steige jedoch weiter – da für viele der Ruhestand näher rückt. Erschwerend hinzu käme bei der Suche nach Azubis aber die angespannte Wohnungssituation in der bayerischen Landeshauptstadt, so der MVG-Sprecher. Einige Bewerber schrecke das ab.

Busfahrer
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Viele Plätze hinter Lenkrädern könnten bald leer bleiben. Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) verzeichnet Bewerbermangel. „Es fehlen akut 2000 Busfahrer“, sagt ein Sprecher des Verbands, der nach eigenen Angaben 3000 private und mittelständische Unternehmen aus dem Bereich Personennahverkehr, Bustouristik und Fernlinienbus vertritt.

10.000 Fahrer fehlen
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In den nächsten Jahren gebe es sogar 10.000 Busfahrer zu wenig - Grund sei der Fachkräftemangel, erklärt der BDO-Sprecher. „Die Situation war absehbar, da viele ältere Busfahrer in den Ruhestand gehen.“ Mit der Kampagne „Beweg was - Werd Busfahrer“ versucht der Verband derzeit, mehr jungen Bewerbern eine Ausbildung als Berufskraftfahrer schmackhaft zu machen.

Die staatlich kontrollierte Bahngesellschaft SNCF hat bisher stets erklärt, sie habe keinen Bedarf für die nun von der Regierung angeschafften Züge. Die neuen Hochgeschwindigkeitszüge sollen nach den Vorstellungen von Hollandes Regierung „in Vorwegnahme des späteren Ausbaus“ auf Strecken eingesetzt werden, auf denen nur normales Tempo gefahren werden kann. SNCF soll sie betreiben.

Die Anschaffung der 15 TGV-Züge ist der wichtigste Teil eines Pakets, mit dem das Werk im ostfranzösischen Belfort zumindest bis zum Jahr 2020 gesichert werden soll. Im Staatshaushalt ist diese Investition nicht vorgesehen. Alstom wollte das Werk ursprünglich bis 2018 fast völlig schließen.

Aus einer Mitteilung von Industrie-Staatssekretär Christophe Sirugue geht hervor, dass SNCF sich ferner so rasch wie möglich mit Alstom über den Preis für die schon länger geplante Anschaffung von sechs TGV-Zügen für eine Strecke zwischen Paris und Mailand einigen soll. In Branchenkreisen wird das Auftragsvolumen auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt. Zudem wird SNCF 20 Diesel-Lokomotiven bestellen, mit denen auch TGV-Züge abgeschleppt werden können. Alstom werde insgesamt bis 2020 rund 40 Millionen Euro in diverse Vorhaben in Belfort investieren, davon 30 Millionen Euro in eine neue Lokomotive.

Die Opposition kritisierte die Entscheidung. Senatspräsident Gérard Larcher von den gaullistischen Republikanern sprach von „wahltaktischem Flickwerk“: „Die eigentliche Aufgabe der Regierung sollte es sein, für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu sorgen.“ Der konservative Ex-Premierminister François Fillon, der sich um eine Präsidentschaftskandidatur bemüht, sagte: „Wenn die SNCF diese Züge nicht braucht, dann wird sich ihre schon jetzt unbeherrschbare finanzielle Lage noch weiter verschlechtern.“

  • dpa
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