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Bergbauschacht im Erzgebirge

Das deutsche Lithium zu bergen ist nicht gerade einfach.

(Foto: Getty Images)

Rohstoffe Das Lithium-Märchen im Erzgebirge steht vor einem ungewissen Ausgang

Im Erzgebirge will eine Firma Lithium im Milliardenwert fördern. Die Region hofft auf eine Renaissance des Bergbaus. Doch die Finanzierung gefährdet das Projekt.
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Zinnwald, DüsseldorfFür das Kamerateam von Pro Sieben zieht Armin Müller gerne den Kopf ein. Der Chef der Deutschen Lithium hat sich eine neongelbe Jacke über das Jackett geworfen und einen blauen Schutzhelm aufgesetzt. Nun läuft er geduckt durch die Gänge des Museumsbergwerks im sächsischen Zinnwald, damit der Kameramann noch ein paar Bilder einfangen kann.

Medientermine sind für Müller Routine, seit sein Unternehmen angekündigt hat, unterhalb der stillgelegten Stollen im Erzgebirge Lithium abbauen zu wollen. Rund 125.000 Tonnen des Leichtmetalls vermutet Müller in der Region 50 Kilometer südöstlich von Dresden, nahe der tschechischen Grenze. Geschätzter Wert des Vorkommens: rund sechs Milliarden Euro.

Das Projekt hat in der gesamten Region Euphorie ausgelöst: „Sensationsfund im Erzgebirge“ titelte die „Bild“-Zeitung. Dem MDR zufolge ist Müller ein „moderner Schatzsucher“. Lokalpolitiker hoffen bereits auf eine Wiederbelebung des seit der Wende brachliegenden Bergbaus in der Region.

Tatsächlich ist das Projekt ambitioniert: Die Deutsche Lithium will 150 Millionen Euro investieren und dafür eine neue Mine und ein Chemiewerk bauen, Hunderte Arbeitsplätze könnten entstehen. Doch ob ab 2021 dort tatsächlich Lithium gefördert wird, ist ungewiss.

Unsichere Eigentumsverhältnisse und ein für Rohstoff-Investments ungünstiges Marktumfeld könnten die Förderung des „weißen Goldes“ beenden, noch bevor sie begonnen hat.

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Dass der Lithium-Fund eine solche Euphorie auslöst, liegt vor allem an der wachsenden Bedeutung des Leichtmetalls. Lithium ist einer der wichtigsten Bestandteile für die Batterien von Elektroautos. Rund 60 Kilogramm stecken dem Analysehaus S&P Platts zufolge in einem Fahrzeug. Das Vorkommen im Zinnwald böte also genug Metall für rund zehn Millionen Elektroautos.

Die Autoindustrie dürfte die Nachfrage nach Lithium zudem weiter treiben: Experten der deutschen Rohstoffagentur (Dera) gehen davon aus, dass sie sich bis 2025 von derzeit 200.000 Tonnen auf mehr als 500.000 Tonnen Lithium-Metall pro Jahr erhöhen wird.

Noch verteilt sich der Markt für den Rohstoff jedoch maßgeblich auf drei Länder: 80 Prozent des weltweit abgebauten Lithiums stammen aus Chile, Australien oder Argentinien. Angesichts der steigenden Nachfrage rücken jedoch auch Lithium-Projekte in Europa in den Fokus – und im Zinnwald ist Müller zufolge eines der größten bekannten Vorkommen auf dem Kontinent.

Geringe Erfolgsaussichten

In Branchenkreisen rechnet man dem Projekt der Deutschen Lithium jedoch keine großen Erfolgschancen zu. Das liegt vor allem an der vergleichsweise geringen Konzentration des Metalls in dem Gestein, das die Deutsche Lithium abbauen will.

Es enthält zu rund 0,3 Prozent Lithium, zeigen Bodenproben, die das Unternehmen ausgewertet hat. Das entspricht ungefähr dem Metallanteil, der sich auch im Schlamm der Salzseen in Chile und Argentinien findet – doch dort ist das Lithium ungleich leichter zu isolieren.

Jahrelang hatten Wissenschaftler nach den Lithium-Vorkommen gesucht. Quelle: Getty Images
Probebohrung in Zinnwald

Jahrelang hatten Wissenschaftler nach den Lithium-Vorkommen gesucht.

(Foto: Getty Images)

Die Festgestein-Minen in Kanada oder Australien, mit denen Zinnwald ebenfalls konkurrieren würde, weisen eine deutlich höhere Lithium-Konzentration von rund einem Prozent im Gestein auf. Wolfgang Bernhart, Rohstoffexperte beim Beratungsunternehmen Roland Berger, warnt daher: „Für Lithium-Abbau in Deutschland sind vor allem die Kosten entscheidend. Die könnten hierzulande deutlich höher liegen als in Australien oder Chile.“

Deutsche-Lithium-Chef Müller hält dagegen: Sein Projekt könne hohe, zweistellige Margen abwerfen, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Gelingen soll das durch ein neues Verfahren, das der Chemie-Professor und sei Team entwickelt haben. Das Lithium soll aus dem Gestein isoliert und in einem chemischen Prozess zu einer Lithiumlösung verarbeitet werden.

Üblicherweise wird aus den in den Minen geförderten Mineralien erst Lithiumkarbonat hergestellt. Diesen Zwischenschritt will Müller überspringen und so die Förderung in Deutschland konkurrenzfähig machen. „Unsere Lösung hat etwa gleiche Kosten wie Lithiumlösungen auf der Basis von südamerikanischem Lithiumkarbonat.“

Dass sich das rechnet, soll eine Machbarkeitsstudie belegen, die Anfang April veröffentlicht werden soll. Ein Branchenkenner, der anonym bleiben will, ist aber skeptisch. Weder die Lithium-Gewinnung aus den in Zinnwald vorkommenden Mineralien, noch der chemische Prozess sei bei Investoren bekannt. „Das Verfahren ist noch nicht erprobt. Da fällt es schwer, Gelder einzusammeln.“

Die Finanzierung des Zinnwald-Projekts steht noch aus einem anderen Grund auf der Kippe: den unsicheren Eigentumsverhältnissen. Die Deutsche Lithium ist ein Joint Venture des britischen Minenentwicklers Bacanora und des insolventen Solarmodulproduzenten Solarworld.

Ein neuer Tiefschlag für Bacanora

Bacanora hat sich die Option gesichert, für 30 Millionen Euro die übrigen 50 Prozent zu übernehmen. Doch das Interesse daran scheint begrenzt: Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte Bacanora-Chef Peter Secker, er plane, die Anteile an der Deutschen Lithium zu reduzieren. „Ich denke, es ist besser, das Unternehmen aus Bacanora herauszulösen.“

Zinnwald könne sich so besser entwickeln. Allerdings wolle Bacanora weiter Anteilseigner und Ratgeber der Deutschen Lithium bleiben. Hinzu kommt, dass Bacanora selbst Finanzierungsprobleme hat. Für das Hauptprojekt, eine Lithium-Mine in Mexiko, konnte das Unternehmen nicht genügend Eigenkapital einsammeln. Seither hat sich der Aktienkurs des in London gelisteten Unternehmens von einem Pfund auf rund 15 Pence reduziert.

Der Preisverfall hat viele teure Lithium-Projekte entmutigt. Grant Sporre, Macquarie-Analyst

Erst am Mittwoch folgte ein neuer Tiefschlag: Zwei Großinvestoren, darunter der US-Vermögensverwalter Blackrock, kündigten an, ihre Anteile an Bacanora zu reduzieren, wie das Unternehmen in einer Pflichtmitteilung einräumte. Bis August muss Bacanora entscheiden, ob es die restlichen Anteile an der Deutschen Lithium erwerben will.

Lässt das Unternehmen die Option verfallen, gehen Müller zufolge alle Anteile zurück an Solarworld. Insolvenzverwalter Horst Piepenburg müsste dann einen neuen Käufer für die Deutsche Lithium finden. Die Suche dürfte umso schwerer werden, da sich das Marktumfeld für Investitionen in Lithium-Projekte extrem eingetrübt hat. Seit 2018 ist der Preis für Lithiumkarbonat auf dem Weltmarkt deutlich eingebrochen.

Dirk Harbecke, Chairman bei Rocktech-Lithium, einem australischen Minenentwickler, sagt: „Die Finanzierungsbedingungen sind immer noch sehr schwierig.“ Grant Sporre, Analyst für den europäischen Minensektor bei Macquarie, bestätigt: „Der Preisverfall hat viele teure Lithium-Projekte entmutigt.“

Zudem planten etablierte Anbieter wie SQM oder Albemarle, ihre Produktion massiv auszuweiten. Am Markt gehe bereits die Angst vor einer Überversorgung um.

Deutsche-Lithium-Chef Müller lässt sich davon nicht beirren: Er geht davon aus, dass in den kommenden zwei Jahren der Lithium-Markt eher knapper wird – genau zu dem Zeitpunkt, wenn er mit der Förderung beginnen will. „Wir werden zur richtigen Zeit am richtigen Fleck sein“, sagt er. Doch Müller weiß, dass er bei möglichen Investoren noch viel Überzeugungsarbeit leisten muss.

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