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Roundup von Monsanto Startvorteil für Bayer – Was vom zweiten Glyphosat-Prozess zu erwarten ist

Am Montag beginnt der zweite Prozess um mögliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup. Bayer hat neue Verteidiger engagiert – und ein „Geschenk“ vom Richter erhalten.
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Rechtsexperten rechnen im zweiten Glyphosat-Prozess mit einem Startvorteil für den Bayer-Konzern. Quelle: Reuters
Roundup der Bayer-Tochter Monsanto

Rechtsexperten rechnen im zweiten Glyphosat-Prozess mit einem Startvorteil für den Bayer-Konzern.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Von diesem Montag an schauen Management, Mitarbeiter und Investoren von Bayer gebannt nach San Francisco: Um 17.30 Uhr deutscher Zeit beginnt im Phillip Burton Federal Building der zweite Prozess um mögliche Krebswirkungen des Unkrautvernichters Glyphosat.

Es ist zwar nur einer von mehreren anstehenden Prozessen. Doch er dürfte Signalwirkung für die gesamte Causa Glyphosat haben – und damit für die Belastungen, die Bayer im Zuge der Klagewelle gegen das Mittel drohen. Richter Vince Chhabria wird im Gerichtssaal 4 im 19. Stock des Bürogebäudes das Verfahren „Edwin Hardeman gegen Monsanto“ eröffnen und die Anwälte für die Eingangsplädoyers vor der Laien-Jury aufrufen.

Vier bis fünf Wochen hat der Richter angesetzt, verhandelt wird beinahe jeden Werktag. Bayer hat sich mit der neuen Tochter Monsanto akribisch auf das zweite Verfahren vorbereitet. Die Niederlage im ersten Prozess im vorigen Jahr, in dem Bayer zu einer Schadenersatzzahlung von 79 Millionen US-Dollar verurteilt wurde, kam nicht nur für den Konzern überraschend: Investoren verkauften ihre Aktien, weil sie milliardenschwere Rechtsbelastungen fürchten.

Bayer verlor 30 Milliarden Euro an Börsenwert. Die Leverkusener machen keinen Hehl daraus, dass die Prozessführung durch Monsanto ungeschickt verlief. Bayer hat für den zweiten Prozess ein neues, junges Verteidigungsteam installiert, mit dem der Konzern in anderen Fällen gute Erfahrungen gemacht hat: Brian Stekloff und Julie Rubenstein von der Kanzlei Wilkinson Walsh Eskovitz, die in den USA als aufstrebend im Bereich der Produktsicherheit gilt.

Stekloff hat die Bayer AG und deren Vertriebspartner Johnson & Johnson schon in Prozessen um den Blutgerinnungshemmer Xarelto vertreten, dem wichtigsten Medikament im Bayer-Portfolio. Die bisherigen Verfahren um den Vorwurf der Patientenschädigung durch mögliche Nebenwirkungen des Mittels haben die Leverkusener gewonnen.

Diesen Erfolg soll das neue Team nun im Glyphosat-Fall wiederholen. Rechtsexperten sehen für Bayer und Monsanto aufgrund der vom Richter vor Prozessbeginn getroffenen Entscheidungen einen Startvorteil. Absehbar ist, dass die Anwälte vor der Laien-Jury eine Schlacht um die Studien zu den Risiken von Glyphosat führen werden.

Wichtige Fragen und Antworten zum Prozess

Im zweiten Prozess geht es um eine weitere von mehr als 9300 Klagen, die gegen Monsanto anhängig sind. Welche Vorwürfe werden erhoben?
Grundsätzlich sind es die gleichen Vorwürfe wie im ersten Prozess, den Monsanto gegen den krebskranken Hausmeister Dewayne Johnson verlor. Der aktuelle Kläger Edwin Hardeman hat über viele Jahre hinweg privat das glyphosathaltige Unkrautmittel Roundup von Monsanto in seinem Garten eingesetzt. 2015 erkrankte er an Lymphdrüsenkrebs und macht dafür Roundup verantwortlich. Er wirft Monsanto vor, auf dem Produktblatt nicht vor den Risiken gewarnt zu haben, obwohl sich der Konzern angeblich der Gefahren bewusst war.

Worin unterscheidet sich der zweite Prozess vom ersten?
Vor allem durch seinen Ablauf. Richter Chhabria folgte Monsantos Antrag, das Verfahren in zwei Phasen zu teilen. In der ersten Phase geht es nur um zwei Fragen: Gibt es wissenschaftlich belastbare Beweise dafür, dass Glyphosat ursächlich mit Krebs in Verbindung gebracht werden kann? Und ist der Lymphdrüsenkrebs von Edwin Hardeman zweifelsfrei auf Glyphosat zurückzuführen? Darüber fällt die Jury nach rund zwei Wochen ein Urteil. Nur wenn sie diese Fragen bejaht, startet die zweite Phase. Dann geht es um die Vorwürfe, dass Monsanto Zulassungsbehörden und Wissenschaftler beeinflusst hat.

Was bedeutet diese Zweiteilung?
So etwas kommt sehr selten in US-Prozessen vor. Für Bayer bietet es den Vorteil, dass die Bewertung der Krebswirkung durch Glyphosat vor Gericht überwiegend auf wissenschaftlichen Fakten geführt werden muss. Dokumente, mit denen die Kläger Monsanto als böses und manipulierendes Unternehmen darstellen wollen, sind in der ersten Phase weitgehend ausgeschlossen. Aus Sicht von US-Rechtsexperten ist das ein Geschenk für Bayer und Monsanto.

Was sagt die Wissenschaft?
Aus Sicht von Bayer gibt es keine von Glyphosat ausgehende Krebsgefahr. Der Konzern beruft sich auf zahlreiche Studien sowie Einschätzungen der Zulassungsbehörden. Wichtigstes Beweismittel ist die seit Jahrzehnten laufende Agricultural Health Study (AHS), die bei mehr als 50.000 Landwirten die Gesundheitsgefahren durch Pflanzenschutzmittel bewertet. Laut der AHS geht von Glyphosat keine Krebswirkung aus. Die Kläger bestreiten dies und führen mehrere epidemiologische Studien an, die das Gegenteil beweisen sollen. Die Laien-Jury wird in dem Prozess mit Experteneinschätzungen von beiden Seiten bombardiert werden.

Welche Rolle spielt es, dass die Internationale Krebsforschungsagentur IARC Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft?
Das ist die Grundlage der Klage. Allerdings werden die Klägeranwälte die Einstufung der IARC nur bedingt als Beweismittel vorbringen können. Der Richter lässt nur die Ergebnisse von Primärstudien zu, nicht aber die Interpretationen dieser Studien durch Dritte. Die IARC aber fußt ihr Urteil auf die Bewertung vorliegender Studien. Diese Vorgabe des Richters macht den Prozess komplex, es kann aber ein Vorteil für Bayer sein.

Welche Bedeutung hat der zweite Prozess für weitere Verfahren?
Das Urteil hat keine bindende Wirkung. Jedes einzelne Verfahren wird neu verhandelt und entschieden. Dennoch geht von dem nun startenden Prozess eine Signalwirkung aus. Denn es handelt sich um den ersten sogenannten Bellwether-Fall, was so viel wie „Leithammel“ bedeutet: Er soll beiden Parteien zeigen, welche Ergebnisse für weitere Verfahren absehbar sind. Darauf aufbauend können sie über ihr weiteres Vorgehen entscheiden. Insgesamt sind drei Bellwether-Verfahren angesetzt.

Was passiert, wenn Bayer verliert?
Der Konzern will in jedem Fall in Revision gehen. Bayer setzt darauf, dass die auf Wissenschaft beruhende Verteidigung bei professionellen Richtern besser zündet, als bei den mit Laien besetzten Jurys, die in jedem Verfahren die erste Instanz bilden. Aber auch die Klägeranwälte werden bei Niederlagen in Revision gehen.

Wann ist damit zu rechnen, dass die Rechtssache Glyphosat für Bayer beendet ist?
Das kann mehrere Jahre dauern. Es handelt sich hier um sogenannte Mass-Tort-Verfahren. Dabei können einzelne Klagen zwar zusammengefasst werden, aber nur um etwa die Beweismittel für einzelne Prozesse zu vereinheitlichen. In der Causa Glyphosat wird es keine Sammelklage geben, weil jeder Fall einzeln bewertet werden muss. Sammelklagen sind im US-Rechtssystem nur möglich, wenn die Kläger aus dem gleichen Grund an einem bestimmten Ort geschädigt wurden, etwa bei einem Flugzeugunfall.

Mit welchem Zeitraum rechnet Bayer selbst?
Der Konzern geht von mindestens drei Jahren mit Prozessen rund um Glyphosat aus, also bis in das Jahr 2022 hinein. Bayer hat dafür Rückstellungen in Höhe der absehbaren Verteidigungskosten gebildet. Sobald Schadenersatzzahlungen in letzter Instanz absehbar sind, muss der Konzern dafür bilanziell vorsorgen. Eine Tendenz in die eine oder andere Richtung kann sich aber schon in den nächsten Monaten durch die drei Bellwether-Fälle abzeichnen.

An der Börse sind im Bayer-Kurs mögliche Belastungen zwischen sieben und zehn Milliarden US-Dollar eingepreist. Ist das realistisch?
Möglich ist vor US-Gerichten alles. Die Erfahrung aus den in den USA weitverbreiteten Produkthaftungsprozessen zeigt jedoch, dass nach jahrelanger Prozessführung solche theoretischen Maximalbeträge nie erreicht werden. Allerdings gilt: Auch wenn Bayer nicht schuldig gesprochen wird, kann es sein, dass sich der Konzern außergerichtlich mit Klägern einigt – etwa, wenn die weiteren Verteidigungskosten höher ausfallen werden als mögliche Zahlungen an die Kläger. In Pharmaprozessen, die Bayer in den USA praktisch ständig führt, ist das oft zu beobachten.

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