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Schanghai Motor Show Die deutsche Autobranche geht in China auf Fachkräftejagd

Die Automesse in Schanghai ist ein Pflichttermin für die deutsche Autoindustrie. Für sie ist China nicht mehr nur ein Absatzmarkt, sondern auch ein Fachkräfteparadies.
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Schanghai Motor Show: Autobranche geht in China auf Fachkräftejagd Quelle: Reuters
Chinesische Ingenieure

Deutsche Autokonzerne und Zuliefererfirmen bauen ihre Forschungsabteilungen in China aus.

(Foto: Reuters)

Schanghai, SuzhouHolger Klein muss sich mehrmals wiederholen, bis seine Ankündigung beim Publikum ankommt. „Wir wollen 1000 neue Ingenieure in China einstellen“, sagte das Vorstandsmitglied von ZF Friedrichshafen vergangenen Monat in Schanghai zu den mitgereisten Journalisten aus Deutschland.

Der Automobilzulieferer fährt seit Oktober 2018 einen Expansionskurs in China. Vor allem in den Standort in Schanghai – wo am Dienstag die Motor Show beginnt – investiert das Unternehmen, um „kritische Entscheidungen vor Ort“ zu treffen. Derzeit beschäftigt ZF schon rund 1500 Ingenieure in China.

Mit 28 Millionen verkauften Fahrzeugen war China trotz schwächelnder Konjunktur auch 2018 der größte Auto-Absatzmarkt der Welt. Für die deutschen Autobauer und -zulieferer ist das Land aber nicht nur eine Umsatzgoldgrube. Es spielt auch eine zunehmend zentrale Rolle in der Forschung und Entwicklung von neuen Technologien.

ZF liegt mit den Neueinstellungen im Trend. Auch andere deutsche Konzerne stocken auf. Bosch hat allein in der Sparte „Mobilitätslösungen“ die Zahl der in China angestellten Forscher und Entwickler innerhalb der vergangenen fünf Jahre von 2100 auf 5600 erhöht.

Neben 38 Fertigungsstandorten betreiben die Stuttgarter inzwischen 27 Forschungszentren in China. Mit rund 60.000 Mitarbeitern ist China der zweitgrößte Standort von Bosch. „Die Zukunft der Mobilität braucht Erfinder, keine Verhinderer. Davon bringt China immer mehr hervor“, sagt Bosch-Geschäftsführer Stefan Hartung.

So sieht es auch Volkswagen. Vorstandsvorsitzender Herbert Diess verkündete im Januar, dass sein Konzern in China mehr Forschung und Entwicklung (R&D) aufbauen sowie Kooperationen mit hiesigen Technologiefirmen eingehen wolle: „In Zukunft wollen wir zusammen mit chinesischen Unternehmen Autotechnik für den weltweiten Markt entwickeln“.

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Bereits im vergangenen Jahr gab Audi bekannt, rund 650 Forscher in Peking und im ostchinesischen Wuxi beschäftigen zu wollen, die sich hauptsächlich dem autonomen und vernetzten Fahren widmen. Um global konkurrenzfähig zu bleiben, müsse man die Talente nun in China suchen. Europa fehle es „teilweise an Fähigkeiten und Expertise“, erklärte Diess.

Damit meint der VW-Chef folgendes Problem: die einst von Maschinenbau getriebene Branche braucht immer mehr Software-Ingenieure, die komplexe Systeme programmieren können.

Als Metapher vergleichen Industriekenner das Auto der Zukunft gerne mit einem Smartphone: neben dem Gehäuse und der Kamera käme es immer häufiger auf den Chip, die Sensoren und die Apps an. Schon jetzt haben viele neue Automodelle riesige Bildschirme, die dem Fahrer erlauben, das Auto per Fingerdruck statt Gangknüppel und Hebel zu steuern.

Ein Entwicklungszentrum für die neue Technik ist zum einen das Silicon Valley. Zum anderen findet die Entwicklung in China statt. Hier gibt es Firmen wie Baidu, Alibaba und Tencent, deren Systeme und Apps den digitalen Alltag der Chinesen bestimmen.

Deutsche Hochschulabsolventen, so heißt es von den Vorständen, würden diese aber nicht kennen und wüssten dementsprechend gar nicht, wie man dafür programmieren sollte. „Ich finde es sehr interessant, mir von meinen Mitarbeitern die verschiedenen Apps und ihre Funktionen auf ihrem Smartphone zeigen und erklären zu lassen“, erzählt Holger Klein.

Die deutschen Konzerne haben inzwischen verstanden, wie wichtig der Standort China in all seinen Facetten ist. Die Zulieferer geben zu, dass sie ihr Kundenportfolio verstärkt mit chinesischen Autobauern füllen wollen. Die Chinesen kaufen nämlich 39 Prozent ihrer Fahrzeuge bei heimischen Herstellern. Die Europäer folgen mit 31 Prozent auf Platz zwei.

Diese Tatsache soll sich auch im ZF-Verkauf widerspiegeln, wo deutsche Großkunden noch das Gros des Portfolios ausmachen, so Klein. Bosch ist da schon einen Schritt weiter: bereits jetzt machen die chinesischen Autobauer die Hälfte des Umsatzes aus.

Auch die Produktion und das Personal sollen sich in China etablieren. Schon jetzt seien die meisten Abteilungsleiter bei Bosch gebürtige Chinesen, erzählt Feng Hao, der bei Bosch für die Geschäftsstrategie zuständig ist. Bereits 2006 habe man angefangen, sowohl die Materialbeschaffung, wie auch Herstellung für hiesige Kunden nach China zu verlagern. Derzeit liege man mit beiden Sparten bei 90 Prozent.

ZF eröffnet im Herbst ein neues Getriebewerk

Diese Werte will auch ZF erreichen. So planen die Friedrichshafener ein Getriebewerk für das 8-Gang-Automatgetriebe 8HP – ihrem Tafelsilber – in Schanghai zu eröffnen. Derzeit ist die Halle noch relativ leer. Nur einige deutsche Mitarbeiter aus dem Leitwerk in Saarbrücken lernen gerade ihre chinesischen Kollegen an.

Doch schon im Herbst schon soll das Werk in Betrieb genommen werden und die hiesigen Kunden direkt beliefern: Die Produkte sollen dann zu 80 Prozent aus China kommen. „Nahezu alle unserer Kunden werden ihr Geschäft in China in den kommenden Jahren ausweiten“, rechnet Klein vor. Deshalb mache es Sinn, „unser gesamtes Portfolio vor Ort anzubieten – von Entwicklungsleistungen bis zur lokalen Just-in-Sequence-Belieferung.“

Volkswagen wiederum hat jüngst mit Jetta eine neue Marke speziell für den chinesischen Markt kreiert, die vor allem ausgabenbewusste Erstkunden ansprechen soll. Zum Marktstart im Herbst sind zunächst eine Limousine und zwei SUV geplant.

Doch China ist nicht bloß Großkunde und Absatzmarkt. China wird auch immer mehr zum Impulsgeber. So hat Bosch jüngst mit Great Wall Motors für seine chinesischen Kunden ein Warnsystem für heranfahrende Elektroroller entwickelt. „Wir könnten uns vorstellen, dass auch andere Kunden und andere Länder an dieser Lösung interessiert wären“, sagt Feng. Schließlich kennen viele Länder das Problem, nur mit anderen Fahrzeugen.

Ob es jedoch weiterhin so einfach bleibt, talentiertes Personal zu locken, wird sich zeigen. Klein gibt selbstkritisch zu, dass ZF nicht immer die erste Wahl von Hochschulabsolventen ist, die auch bei Google oder Tencent anfangen könnten. Außerdem gibt es Konkurrenten aus der chinesischen Start-up-Szene.

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