Serie – Globale Konkurrenten im Check (21) Wie der weltgrößte Kupferproduzent Codelco seinen Spitzenplatz verteidigen will

Der chilenische Kupferkonzern Codelco ist seit Jahrzehnten Weltmarktführer. Nun muss er sich neu erfinden – auch mit der Hilfe von BMW.
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Codelco ist der wichtigste Kupferproduzent weltweit. Der Jahresumsatz betrug zuletzt 14,6 Milliarden Dollar (2017). Quelle: Reuters
Kupferhütte in Ventanas

Codelco ist der wichtigste Kupferproduzent weltweit. Der Jahresumsatz betrug zuletzt 14,6 Milliarden Dollar (2017).

(Foto: Reuters)

SantiagoDurch die Kuppel dringt kaum Tageslicht in die Halle. Wie Gaben auf einem Altar stehen dort auf schwarzen Granitsäulen übergroße Kupferschüsseln, aus denen Wasser plätschert. Im Halbdunkel ist die Skulptur eines Grubenarbeiters mit Schubkarre zu sehen. Inmitten dieses atemberaubenden Walhalla wirkt die Plakette am Empfang fast tröstlich, die darauf hinweist, dass in diesem Unternehmen die Menschenrechte beachtet werden.

Es ist die Zentrale von Codelco im Zentrum von Chiles Hauptstadt Santiago. Der Konzern ist der wichtigste Kupferproduzent weltweit, mit einem Jahresumsatz von zuletzt 14,6 Milliarden Dollar (2017) und einem Gewinn von 4,3 Milliarden Dollar. Der Staatskonzern steht für ein Zehntel des weltweit produzierten Kupfers und besitzt acht Prozent der globalen Reserven.

Das wärme- und stromleitende Metall ist vielseitig einsetzbar: vor allem in der Elektronik, in der Telekommunikation, in der Baubranche sowie für Maschinen und Anlagen. In der Codelco-Zentrale dreht sich alles um das rote Metall: Aufzugtüren, Handläufe, Türknaufe, selbst die Kunst an den Wänden – nichts, was nicht aus Kupfer wäre.

Doch Codelcos Vormachtstellung ist bedroht. Einerseits sinken die Margen. Es ist heute im Schnitt fünfmal so teuer, eine Tonne Kupfer zu fördern, wie vor 15 Jahren. Einige der großen Minen des Konzerns sind alt. Weit haben sich die Abraumbagger etwa in Chuquicamata in die Tiefe gearbeitet.

Nun wird die Grube für viel Geld von Tage- auf Untertagebau umgestellt. Doch der Kupfergehalt im Gestein sinkt. Statt zehn Kilogramm Kupfer aus einer Tonne Abraum gewinnt die Branche in Chile heute noch rund fünf Kilogramm pro Tonne. Neue Minen in Peru, Panama und der Mongolei sind rentabler.

Ein weiteres Problem: Codelco investiert weniger als seine Konkurrenten. Zwar treiben die Chilenen gerade das größte Investitionsprogramm ihrer Geschichte voran: 18 Milliarden Dollar investiert Codelco zwischen 2016 bis 2020. Doch dabei geht es vor allem darum, die Produktion zu sichern, die derzeit rund 1,8 Millionen Tonnen beträgt. Bestehende Minen sollen erweitert werden. Immer größere Summen sind dafür notwendig.

Zum Vergleich: In den Neunzigerjahren investierten die Kupferunternehmen in Chile 40 Milliarden Dollar und verdreifachten die Produktion auf fünf Millionen Tonnen, etwa ein Drittel der weltweiten Menge. In den 2000er-Jahren investierten sie genauso viel, aber erhöhten die produzierte Menge nur noch um zehn Prozent. Derzeit investieren die Konzerne 50 Milliarden Dollar – nur um zu verhindern, dass die Produktion sinkt.

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Neben Codelco produzieren in Chile vor allem die privaten Konzerne BHP (Australien) und Antofagasta (Chile) zusammen zwei Drittel des Kupfers des Landes. Jetzt hat die neue Regierung kurzfristig eine Milliarde Dollar Kapital zugeschossen, um Codelco wettbewerbsfähig zu halten. „Codelco ist Weltmarktführer bei Kupfer“, sagte Finanzminister Felipe Larraín. „Wir wollen, dass das so bleibt.“

Doch das wird schwieriger. Denn im Gegensatz zu den privaten Konkurrenten entscheidet bei Codelco die Regierung mit. „Jede zusätzliche Investition Codelcos konkurriert mit Sozialausgaben, dem Bildungsetat, was in Krankenhäuser oder neue Schulen investiert wird“, beobachtet Jorge Cantallopts, Chefökonom der staatlichen Kupferkommission Cochilco, Thinktank und gleichzeitig Aufsichtsorgan der Branche, hundert Meter von Codelcos Zentrale im Zentrum von Santiago entfernt.

Das hängt mit den gesetzlichen Weichenstellungen zusammen, als der Konzern 1976 gegründet wurde. Damals vereinte die Regierung die sechs Jahre zuvor verstaatlichten US-Kupferkonzerne unter der Holding Codelco. Seitdem gibt der Konzern seinen gesamten Profit an den Staat ab, erhält aber etwa zehn Prozent davon wieder zurück für Investitionen. 2017 führte Codelco rund drei Milliarden Dollar an den Staat ab.

Hoffen auf E-Mobilität

Eine zusätzliche Abgabenlast verdankt der Konzern General Augusto Pinochet, dem damals regierenden Diktator: Codelco muss per Verfassung jährlich zehn Prozent seines Umsatzes an Chiles Militär überweisen – nicht des Gewinns. So kam es, dass im ersten Halbjahr 2016, als Codelco erstmals in seiner Geschichte einen Verlust von 97 Millionen Dollar auswies, trotzdem 400 Millionen Dollar in die Kassen der Streitkräfte flossen.

Seit 2000 haben die Militärs rund 16 Milliarden Dollar erhalten – kein Wunder, dass sie als die bestausgerüsteten Streitkräfte Lateinamerikas gelten. Die Investitionskapazität Codelcos leidet unter dem Aderlass. Vor allem bei niedrigen Kupferpreisen wie zwischen 2011 und 2017.

„Wir können nur überleben, wenn wir uns neu erfinden“, sagt Ivan Valenzuela angesichts der Herausforderungen. Er ist Chef von Ecometales, einem Unternehmen, das auch zu Codelco gehört und dort für den Abbau von giftigen Rückständen wie Arsen zuständig ist.

Valenzuela war früher Personalchef bei Codelco und in der jungen Demokratie nach Pinochet Sekretär im Ministerium für Bergbau. Der Ökonom gilt in Chile als Vordenker der Branche. Drei Alternativen habe Codelco jetzt, um seine Zukunft zu sichern, sagt Valenzuela und zählt auf: „Wir müssen neue Produkte oder Anwendungsmöglichkeiten für Kupfer finden, die Produktivität erhöhen und der weltweite Umweltchampion der Branche werden.“

Und es gibt durchaus Hoffnungen für die Branche. Sie könnten in erneuerbarer Energie und der Elektromobilität liegen. So werden in die Spulen einer Zwei-Megawatt-Windkraftanlage fünf bis zwölf Tonnen Kupfer eingebaut. Selbst eine 25-Kilowatt-Solarplakette enthält bis zu zwölf Kilogramm Kupfer.

Ein Mittelklassewagen mit Verbrennungsmotor braucht heute im Schnitt 25 Kilogramm Kupfer: etwa für Stromkabel, in der Batterie, für die Spulen der zahlreichen Motoren und Legierungen. Das gleiche Auto mit Elektromotor dagegen benötigt 80 Kilogramm Kupfer.

Doch Cantallopts vom Thinktank Cochilco ist skeptisch, ob der wachsende Kupferverbrauch bei alternativen Energien und E-Mobilität bald zu einem Nachfrageschub führen wird. Den gebe es erst, „wenn ein Elektroauto 15.000 Dollar kostet und zum Massenfahrzeug wird“, prognostiziert der Chefökonom und Kupferexperte.

Derzeit bewegt vor allem die Nachfrage aus China den Kupferpreis: Der Riese in Fernost verbraucht die Hälfte des weltweit erzeugten Kupfers. „Ein Rohstoff, der nach dem Weltmarktkurs schwankt, und nur ein großer Kunde – das ist eine riskante Kombination für einen Konzern“, beobachtet Cantallopts.

Automatisierung erfasst die Branche

So setzt Codelco vor allem auf Produktivitätsgewinne. So wie in der Ministro-Hales-Mine, 1300 Kilometer nördlich von Santiago in der Atacama-Wüste. Seit zwei Jahren erst läuft dort der Abbau auf Hochtouren. Es ist die produktivste Kupfermine weltweit, heißt es bei Codelco. Der Verwaltungstrakt sieht aus wie ein Designerhotel in den Alpen. Kühle, hohe Räume mit moderner Kunst. Wenige Menschen arbeiten hier. Auch die 36 gigantischen 400-Tonnen-Lader sollen bald fahrerlos durch die Mine fahren.

Gesteuert wird die Produktion per Computer aus einem Hochhaus im Bankenviertel Santiagos. Dort sitzen ein Dutzend Mitarbeiter in einer Schaltzentrale vor ihren Bildschirmen. Nur eine halbe Sekunde zeitverzögert verfolgen die Techniker den Betrieb in der Mine. Keine quäkenden Walkie-Talkies, kein Staub und keine Detonationen stören die Ruhe.

In der Schaltzentrale regiert Big Data. Alles wird gemessen, ständig adjustiert, optimiert und registriert. Hier ist man stolz darauf, alle Produktivitätsziele vorzeitig erreicht zu haben. Für jede Tonne Kupfer, die von hier verschifft wird, kann Codelco angeben, wo das Erz geschürft, geschmolzen und abtransportiert wurde, welche Ressourcen eingesetzt wurden und welche Emissionen dabei entstanden.

Hier, in der Hauptstadt Chiles, sind externe Experten einfach zu rekrutieren, ganz anders als in der Mine selbst, wo allein für die Anreise ein Tag draufgeht. Wenn in der Röstanlage das Erz feststeckt, dann drücken sie in der gekühlten Zentrale in Santiago Knöpfe und bewegen per Joystick den Pressluftroboter, um Klumpen aufzubohren.

13 Prozent der Mitarbeiter sind weiblich. Das ist ungewöhnlich in der männerdominierten Branche. Die Schichtleiterin, eine Informatikerin, erklärt, dass der Job auch für sie mit kleinen Kindern attraktiv sei. Ein traditioneller Bergbaujob mit wochenlangen Schichten weit weg von zu Hause käme für sie nicht infrage.

Doch die Automatisierung findet nicht reibungslos statt. Gewerkschaften protestieren gegen Entlassungen. Wochenlang bewegt sich dann nichts in den Minen. Der kapitalintensive Bergbau ist kein Jobmotor. Zwar trägt der Bergbau zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung bei und liefert 90 Prozent der Exporte Chile – doch nur drei Prozent der Jobs. Für einen Staatskonzern wie Codelco ist es deshalb schwerer, die Produktivität seiner Mitarbeiter zu steigern.

Bleibt die Nachhaltigkeit. Hier ist Codelco im November 2017 auf der Kupferkonferenz in Schanghai vorgeprescht. Unter dem Stichwort „grünes Kupfer“ stellten die Chilenen ihre „Responsible Copper Initiative“ vor. Anhand von acht Kriterien will der Konzern künftig nachhaltiges Kupfer herstellen – etwa ob die Produktion den Umweltschutz und die Gleichstellung der Geschlechter fördert, ob der Konzern ethisch handelt, transparent produziert, fair gegenüber Mitarbeitern ist und lokal Arbeitsplätze schafft.

BMW als strategischer Partner

Die Initiative gilt in der Branche weltweit als Zäsur. Bei Eisenerz, Zellulose oder Aluminium haben sich die Produzenten schon auf Nachhaltigkeitskriterien einigen können. Bei Kupfer noch nicht. „Wer als Erster einen Standard für Nachhaltigkeit bei Kupfer durchsetzt, hat als Trendsetter einen Wettbewerbsvorteil in der Branche“, sagt Jorge Cantallopts. „Codelco erhofft sich mit nachhaltigem Kupfer einen Vorsprung vor der Konkurrenz“, beobachtet Annika Glatz von der Deutsch-Chilenischen Handelskammer, eine der führenden ausländischen Bergbauexpertinnen in Santiago. Der Konzern setze darauf, für nachhaltiges Kupfer mit Zertifizierungen bald auch höhere Preise zu erzielen.

Als strategischer Partner bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsinitiative kommt Codelco ein deutsches Unternehmen zu Hilfe: BMW fädelte mit Codelco Anfang des Jahres eine strategische Allianz ein. Die ersten 5 000 Tonnen „grünen Kupfers“ will Codelco noch dieses Jahr an den Münchner Autobauer liefern. Das ist zwar nur ein Bruchteil der Menge von 1,842 Millionen Tonnen Kupfer, die Codelco 2017 produzierte. Aber es ist doch eine ganze Menge für einen Abnehmer wie BMW.

Der Autobauer kaufte vergangenes Jahr 42.000 Tonnen des roten Metalls. Das reicht für die Herstellung von knapp 1,7 Millionen Autos. Die Allianz mit Codelco sei „ein Meilenstein in unserer Strategie für Nachhaltigkeit in den Lieferketten“, sagt Thomas Thym, Leiter BMW Group Strategie Einkauf und Lieferantennetzwerk. Damit reagiert BMW auch auf kritische Aktionäre und anspruchsvolle Kunden, die nach sauberen und fair hergestellten Produkten verlangen.

Noch ist offen, ob es Codelco gelingt, eine nachhaltige Wertschöpfungskette für Kupfer aufzubauen. Der Abbau und die Veredelung von Kupfer sind trotz der Fortschritte wie in der Ministro-Hales-Mine weiterhin dreckig, giftig und gefährlich. So sehr sich Unternehmen wie BMW um nachhaltige Rohstoffe und eine soziale Einkaufspolitik bemühen, so schwer ist es, die Prozesse vor Ort anzupassen.

Im Prinzip gehe es bei ‚grünem Kupfer‘ darum, dass man mit dem zugefügten Ingenieur- und Chemiefachwissen den Wert steigere, sagt Experte Valenzuela. Er würde den Bergbaukonzern Codelco daher gerne in den „Ingenieurkonzern“ Codelco verwandeln – schon aus Eigeninteresse. Vor Augen hat er den untergegangenen japanischen Fotokonzern: „Wir wollen nicht als ‚Kodak‘ der Kupferhersteller enden.“

Wie Codelcos Zukunft aussehen könnte, das lässt sich bereits heute bei der Tochter Codelco-Tech beobachten. Dort basteln Naturwissenschaftler seit einem Jahr an Lösungen für die drängendsten Probleme des Konzerns: Anders als in der traditionsbeladenen, düsteren Zentrale könnte die gläserne Filiale auch im Silicon Valley stehen.

Ein Kindergarten für die Mitarbeiter findet sich direkt neben den offenen Gemeinschaftsbüros. Die Cafeteria ist bunt, überall ist Holz, kein Kupfer. Für ein Start-up fehlen eigentlich nur die Hängematten und die Pingpong-Tische. „Wir gehen neue Wege“, sagt Mario Marchese Mecklenburg, Chemiker und Geschäftsführer von Codelco Tech. „So wie bisher kann die Industrie nicht mehr weitermachen.“

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.

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