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Siemens-Chef im Interview Joe Kaeser: „Die Digitalisierung wird die Gesellschaft weiter spalten“

Der Siemens-Chef erklärt, warum er zur AfD nicht schweigen kann und was er an Angela Merkel, Sigmar Gabriel und der Klimaaktivistin Luisa Neubauer schätzt.
13.02.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Siemens-Chef Joe Kaeser: „Ich fürchte um die Demokratie“ Quelle: Thomas Dashuber für Handelsblatt
Siemens-Chef Joe Kaeser

„Ich sehe keine rechten Tendenzen bei Siemens.“

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Berlin Siemens-Chef Joe Kaeser hat erstmals ausführlich über die Gründe für sein Engagement gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit gesprochen. Im Interview mit dem Handelsblatt begründete er dies auch mit der eigenen Familiengeschichte.

„Mein Onkel wurde von den Nazis nach Dachau verschleppt und in Mauthausen ermordet, weil er nicht mitmachen wollte“, berichtete Kaeser. Seine Großmutter habe das nie richtig verwunden und sich ein Leben lang Vorwürfe gemacht. „Da lag immer ein Schleier von Traurigkeit über ihr. Das kann ich nicht ausblenden“.

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Bei Siemens mit mehr als 380.000 Mitarbeitern sieht Kaeser keine rechten Tendenzen. „Und wir treten entschieden dagegen ein“, sagte er und verwies auf seinen Tweet zur AfD, in dem er als Antwort auf eine fremdenfeindliche Rede der AfD-Fraktionschefin im Bundestag Alice Weidel schrieb: „Lieber Kopftuchmädchen als Bund deutscher Mädel“. „Es wäre falsch gewesen, einfach zu schweigen“, sagte Kaeser.

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    Der Siemens-Chef plädiert für Weltoffenheit und Toleranz: „Ich stehe für Meinungsfreiheit ein, auch wenn es nicht meine Meinung ist. In den sozialen Medien hört kaum noch jemand die Meinung des anderen. Das ist nicht gut für eine Demokratie“, warnt Kaeser.

    Der Manager sieht zugleich eine Gefahr in der Digitalisierung. Diese werde die Gesellschaft weiter spalten. „Radikalisierter Aktivismus ist ein professionelles Geschäftsmodell und ist extrem straff organisiert. Das macht mir Sorge.“

    Das Sich-Einmischen in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs als Unternehmenslenker hält Kaeser für unverzichtbar. Wenn alle Führungskräfte dem gesellschaftlichen Diskurs fernblieben, so der Manager, verschwände die Wirtschaft als meinungsprägendes Element aus der Gesellschaft. „Ich hielte das nicht für gut, und deshalb werde ich mich weiter äußern.“

    Das komplette Interview lesen Sie hier

    Herr Kaeser, Sie haben sich zur Befreiung des KZs Auschwitz vor 75 Jahren mit dem Schild #WeRemember ablichten lassen. Warum haben Sie das gemacht?
    Ich habe vor Kurzem in einer TV-Dokumentation eine Zeitzeugin des Nationalsozialismus gehört. Die sagte, ihre größte Sorge sei, dass so etwas wieder in Deutschland passieren könne – Antisemitismus, Rassismus, Völkermord. Das hat mich tief bewegt. Diese vielleicht 90-jährige Frau hat keinen Hass gegen die Deutschen gehegt, sie wirkte freundlich gegenüber einem Volk, das ihr und ihrer Familie so viel Leid angetan hat. Die Frage, wie so ein Zivilisationsbruch passieren konnte, beschäftigt mich sehr intensiv.

    Hat die deutsche Wirtschaft sich hier etwas vorzuwerfen?
    Nach der Machtergreifung von Adolf Hitler 1933 war es höchstwahrscheinlich zu spät, sich gegen die Nazis zu stellen, wenn man das nicht mit dem Leben bezahlen wollte. Aber davor hat es ein Zeitfenster gegeben, in dem Widerstand sicher noch möglich gewesen wäre. Meine Lehre aus der Zeit des Nationalsozialismus ist: Wir haben schon einmal zu oft geschwiegen, das darf sich nicht wiederholen.

    Das Thema bewegt Sie offenbar sehr
    Mein Onkel wurde von den Nazis nach Dachau verschleppt und in Mauthausen ermordet, weil er nicht mitmachen wollte. Meine Großmutter hat das nie richtig verwunden. Sie hat sich ein Leben lang Vorwürfe gemacht. Da lag immer ein Schleier von Traurigkeit über ihr. Das kann ich nicht ausblenden.

    Siemens hat mehr als 380.000 Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Kulturen. Können Sie sicher sagen, dass es in Ihrem Unternehmen keine Fremdenfeindlichkeit oder keinen Rassismus gibt?
    Ich sehe keine rechten Tendenzen bei Siemens. Und wir treten entschieden dagegen ein. Schauen Sie sich meinen Tweet zur AfD an…

    … als Sie als Antwort auf eine fremdenfeindliche Rede der AfD-Fraktionschefin im Bundestag Alice Weidel twitterten: „Lieber Kopftuchmädchen als Bund deutscher Mädel“.
    Das war ein Tweet gegen eine Abgeordnete des Deutschen Bundestages, die in schrillen Tönen eine ausgrenzende, diffamierende und diskriminierende Rede hielt. Der Bundesadler als Synonym für Deutschland war immer im TV-Bild zu sehen. Das kann im Ausland eine fatale Wirkung haben. Man muss sich dann nicht wundern, wenn sich viele Menschen weltweit fragen: Was ist da in Deutschland los und viele ungute Erinnerung hochkommen. Deshalb habe ich mich in die Diskussion eingeschaltet. Es wäre falsch gewesen, einfach zu schweigen.

    Sehen Sie sich eigentlich legitimiert als Siemens-Chef in so viele Debatten einzugreifen? Nicht nur der AfD-Tweet hat für Aufsehen gesorgt. Da gab es unter anderem Ihren Besuch bei Wladimir Putin kurz nach der Annexion der Krim, das Lob für die Steuerpolitik von Donald Trump, die Debatte über Ihren Saudi-Arabien-Besuch nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi. Zuletzt mussten Sie sich gegen die Kritik der Klimaaktivistin Luisa Neubauer an der Lieferung von Bahnsignaltechnik wehren, die für den Transport von Kohle aus einem umstrittenen Kohlebergwerk in Australien eigesetzt werden soll. So viel Feind hätte selbst Franz Josef Strauß zur Ehre gereicht.
    Das ist eine gute Frage. Ich habe unsere Mitarbeiter gefragt, ob sich das Unternehmen und damit auch ich als CEO in gesellschaftliche und humanitäre Themen einmischen sollen. 5000 Mitarbeiter haben geantwortet und 89 Prozent haben gesagt: Ja, wir wollen, dass unser CEO in diesen Fragen Stellung bezieht und Verantwortung wahrnimmt. Das Ergebnis ist für mich eine wichtige Legitimation. Das zeigt auch, dass unsere Mitarbeiter sehr weltoffen und politisch interessiert sind, das gilt für die jungen und älteren Mitarbeiter, aus allen Religionen und Kulturen.

    Wie suchen Sie Ihre Themen aus?
    Das ergibt sich anlassbezogen und ist für mich eine Frage von Haltung. Es gibt keine politische Agenda, die ich abarbeite.

    Wenn Sie sich über einen Missstand aufregen, twittern Sie los?
    Dieses Verhalten ist vor allem einem wichtigen Politiker vorbehalten. Da muss ich mich nicht einreihen. Ich überlege, was würden meine Mitarbeiter zu einem aktuellen Thema sagen? Stehen die Interessen des Unternehmens dem entgegen? Es geht aber auch um Werte, die mir ganz persönlich wichtig sind.

    Welche sind das?
    Weltoffenheit und Toleranz. Die Ausgrenzung anderer Menschen finde ich schrecklich. Ich stehe für Meinungsfreiheit ein, auch wenn es nicht meine Meinung ist. In den sozialen Medien hört kaum noch jemand die Meinung des anderen. Was zählt, ist die sich selbst verstärkende eigene Meinung. Das ist nicht gut für eine Demokratie. Zum Schluss ist mir die Integrität der Absicht enorm wichtig.

    Der Siemens-Chef war auch immer auch so etwas wie der Außenwirtschaftsminister, wie etwa Heinrich von Pierer. Sehen Sie sich auch in so einer Tradition?
    Nein. Das hat mit Tradition nichts zu tun.

    Können Sie ein Beispiel nennen, wo die Interessen von Politik und Wirtschaft ideal zusammenpassen?
    Nehmen Sie Afrika. Aus Sicht der Wirtschaft ein Kontinent mit Rohstoffen, einer unheimlich jungen Bevölkerung und letztendlich ein attraktiver Markt mit mehr als einer Milliarde Menschen. Hier finden wir aber auch gemeinsame Interessenlagen mit der Bundesregierung.

    Wie sehen die aus?
    Die Bundesregierung will für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent eine Perspektive im eignen Land schaffen, um die Ursachen für Migration zu bekämpfen. Dieses politische Ziel teile ich auch uneingeschränkt, sonst werden wir diese Herausforderung nie lösen. Heißt konkret, dass Europa Perspektiven für die Menschen in ihrer Heimat schaffen muss, etwa über den Ausbau von Bildung und das Schaffen von Jobs. Eine export-orientierte Volkswirtschaft ist auch gut beraten, immer zu überlegen, was passiert, wenn sich die USA und China immer weiter separieren. Der Begriff „Decoupling“ ist mehr als nur ein Unwort.

    Was ist Ihre Antwort?
    Wir brauchen neue Wirtschaftsräume, die heute noch blockfrei sind. Da gibt es vor allem Indien und Afrika. Insofern gibt es hier viele gemeinsame Interessen.

    Die Interessen innerhalb der Wirtschaft sind oft auch sehr gegensätzlich.
    Das stimmt. Nehmen Sie China. Da wollen die einen eine härtere Linie fahren, die anderen sind zurückhaltend. Da muss ein Kompromiss her. Oder nehmen Sie die Entscheidung, ob man als CEO nach dem Mord an dem Journalisten Khashoggi zu einer Kundenveranstaltung nach Riad fahren darf. Wer dort mehr Geschäft hat, tut sich naturgemäß schwerer. Ich habe deshalb länger überlegt, bis ich abgesagt habe. Es war sicher nicht die mutigste Entscheidung, aber am Ende die beste.

    Früher hatte die Wirtschaft Manager-Persönlichkeiten wie Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, den man als politischen CEO bezeichnen könnte. Heute gibt es kaum noch Unternehmensführer, die sich politisch einmischen. Woran liegt das?
    Zunächst einmal setzt man sich einem hohen Risiko aus, vom stillen Beobachter zur aktiven Zielscheibe zu werden. Wenn Sie Schuhe, Autos oder Versicherungen verkaufen, dann müssen Sie auf die Kundschaft eine andere Rücksicht nehmen, als wenn Sie Turbinen verkaufen. Bei dem einen oder anderen mag auch mitschwingen, dass er noch am Anfang seiner Karriere steht und sich erst mal im Wettbewerb mit den anderen messen will. Das geht für mich völlig in Ordnung.

    Wie gehen Sie mit persönlichen Angriffen um, wenn anderen Ihre Meinung nicht passt?
    Es gibt schon etliche Leute, die meine Meinungen auch gerne mal falsch interpretieren um eine „Story“ zu kreieren. Vor allem in den sozialen Medien gibt es kaum Reflexion, sondern nur Schwarz-Weiß-Kritik. Das führt dann zu vielen Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen. Da kann ich schon verstehen, dass andere Manager sich das nicht antun wollen.

    Kaum zu glauben, dass Sie Morddrohungen kalt lassen.
    Als ich eine Morddrohung von [email protected] bekommen habe, habe ich geantwortet, dass es in der Hölle wohl schon Digitalisierung gibt, weil der Teufel jetzt schon E-Mail hat. Das fand unsere Sicherheitsabteilung nicht so lustig.

    Welcher Politiker oder welche Politikerin beeindruckt Sie am meisten?
    Angela Merkel. Sie hat eine unglaubliche Geduld, kann Krisen mit Umsicht deeskalieren und sucht immer wieder den Dialog. Als es im letzten Jahr Fernsehbilder von Staatsbesuchen gab, auf denen es Frau Merkel augenscheinlich nicht so gut zu gehen schien, wurde ich weltweit von meinen Geschäftspartnern sorgenvoll gefragt: Wie geht es ihr und wird sie Kanzlerin bleiben? Überall auf der Welt.

    „Die Diagnose von Frau Neubauer und ihrer Bewegung zur Klimakrise ist richtig, darüber gibt es keinen Dissens.“ Quelle: dpa
    Klima-Aktivistin Luisa Neubauer vor der Siemens-Hauptversammlung

    „Die Diagnose von Frau Neubauer und ihrer Bewegung zur Klimakrise ist richtig, darüber gibt es keinen Dissens.“

    (Foto: dpa)

    Welche Charaktereigenschaft schätzen Sie an Ihr?
    Die Kanzlerin ist klug und redlich. Das imponiert mir. Das Schlimmste, was man wohl ihr gegenüber machen kann, ist Unaufrichtigkeit. Da bekommen Sie wirklich Stress und Verachtung ist Ihnen sicher.

    Haben Sie das mal probiert?
    Nein, zumindest nicht wissentlich.

    Manager wie Sie verdienen mehrere Millionen Euro im Jahr, die Angela Merkel nur gut 250.000 Euro. Ist die Kanzlerin unterbezahlt?
    Wichtig ist, dass sie selbst das nicht so sieht. Wenn man sich ansieht, was die Kanzlerin leistet, ist sie sicher nicht überbezahlt.

    Haben Sie ein Parteibuch?
    Nein, ich wüsste allerdings genau welches ich nicht nehmen würde. Aber als CEO muss ich mit fast allen Parteien und Regierungen zurechtkommen.

    Würden Sie in die Politik wechseln?
    Ich kenne meine Grenzen. Max Weber hat einmal gesagt, Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern. Mal abgesehen davon, dass es bei Siemens noch viel zu tun gibt, fehlte mir dafür die Geduld. Die Frage stellt sich für mich deshalb jetzt nicht.

    Der frühere SPD-Chef und Außenminister Sigmar Gabriel wechselt nun als Aufsichtsrat zur Deutschen Bank. Das hat viel Kritik ausgelöst. War das eine gute Entscheidung?
    Die Kritik kam vor allem von einigen Medien. Wie Sie wissen, wollten wir Herrn Gabriel schon mal als Aufsichtsrat bei einer Fusion der Zugsparten von Siemens und Alstom gewinnen. Ich bin mir aber sicher, dass Herr Gabriel ein guter Aufsichtsrat bei der Deutschen Bank werden kann. Er muss sie als Aufsichtsrat ja nicht führen, sondern – wie die Funktion schon sagt – beaufsichtigen und beraten. Wir sollten ohnehin souveräner mit Wechseln zwischen Wirtschaft und Politik umgehen.

    Wie denn?
    Es kommt viel auf die Branche an. Aber wenn die Wirtschaft gesellschaftliche Trends besser erkennen will, ist sie gut beraten, auch die Merkmale für Aufsichtsräte neu zu bewerten. Es gibt immer mehr aktivistische Bewegungen und Strömungen – befeuert unter anderem durch die sozialen Medien. Für solche gesellschaftspolitischen Entwicklungen haben Politiker eine bessere Sensorik als die althergebrachten Kompetenzprofile.

    Wollen Sie auch bei Siemens Energy den Aufsichtsrat in dieser Richtung besetzen?
    Wir denken darüber nach und es gibt dazu einen geordneten Prozess. Es wird aber sicher keine traditionelle Besetzung von nur älteren Herren aus der Energiewirtschaft werden. Spätestens im Mai fällt die Entscheidung.

    Der Siemens-Chef spricht im Interview über sein gesellschaftspolitisches Engagement. Quelle: Handelsblatt
    Joe Kaeser mit den Handelsblatt-Redakteuren Sven Afhüppe (r.) und Thomas Sigmund

    Der Siemens-Chef spricht im Interview über sein gesellschaftspolitisches Engagement.

    (Foto: Handelsblatt)

    Das Engagement der Klimaaktivistin Luisa Neubauer für einen Aufsichtsposten hat schon mal nicht wie geplant funktioniert.
    Ich habe schon viel dazu gesagt. Deshalb hier nur so viel. Die Diagnose von Frau Neubauer und ihrer Bewegung zur Klimakrise ist richtig, darüber gibt es keinen Dissens. Wie der Weg zur Erreichung der Klimaschutzziele weltweit aussehen soll, ist aber strittig. Was mich aber wirklich gestört hat, war der Vorwurf vieler Kritiker, ich hätte doch einer so jungen und „kompetenzfreien“ Frau – es gab auch Begriffe wie „Kind“ oder „Göre“ – keinen so wichtigen Posten in einem Aufsichtsgremium anbieten dürfen.

    Warum hat Sie das so gestört?
    Es ist die Arroganz, mit der wir die Jugend behandeln. Man muss sich nicht wundern, wenn der traditionelle Konflikt zwischen Jugend und Alter noch weiter eskaliert. Natürlich wäre es klüger von mir gewesen, wenn ich gleich von einem Beratergremium gesprochen hätte, statt mit „Aufsichtsgremium“ Analogien zu Organschaften zu provozieren. Aber es geht hier doch um ganz etwas anderes: Wie beziehen wir neue, wichtige Interessengruppen in die Lösung unserer Zukunftsaufgaben ein? Wie verhindern wir die weitere Spaltung der Gesellschaft? Die Digitalisierung wird die Gesellschaft weiter spalten. Radikalisierter Aktivismus ist ein professionelles Geschäftsmodell und ist extrem straff organisiert. Das macht mir Sorge. Da werden sich noch ganz viele Unternehmen umschauen.

    Meinungsführern wie Ihnen gelingt es kaum noch in den Debatten durchzudringen. Was muss sich ändern?
    Diese Entwicklung lässt sich wohl kaum aufhalten. In den sozialen Medien können Sie gar nicht vertieft etwas ausdiskutieren. Die Zwischentöne und das ernst gemeinte Ringen um gute Lösungen und Kompromisse bleibt da zwangsweise auf der Strecke. Es besteht die Gefahr, dass wir dadurch eine Veränderung der Gesellschaft bekommen, in der sich populistische Kräfte immer stärker durchsetzen. Ich fürchte gar, dass die Wertebasis der Demokratie sich damit verändern kann.

    Was würden Sie denn einem jungen CEO raten?
    Erstens: Bring erst mal dein Unternehmen in Ordnung und engagier dich für dein direktes Ökosystem. Zweitens: Wenn die Primäraufgabe weitgehend gelöst ist, überlege dir gut, ob und wie du dich in die Gesellschaft einbringst. Am Ende muss das jeder selbst entscheiden. Aber was würde passieren, wenn alle Führungskräfte dem gesellschaftlichen Diskurs fernblieben? Ja, sie würden sich von den Problemen fernhalten. Dann verschwindet die Wirtschaft als meinungsprägendes Element aus der Gesellschaft. Ich hielte das nicht für gut und deshalb werde ich mich weiter äußern.

    Herr Kaeser, vielen Dank für das Interview.

    Joe Kaeser wird an diesem Donnerstag vom Magazin „Politik & Kommunikation“ und der Quadriga Hochschule mit dem Politikaward für den Dax30-CEO des Jahres ausgezeichnet.

    Mehr: Auf der Hauptversammlung attackieren Aktivisten den Siemens-Chef. Aber auch die Investoren sparen nicht an Kritik – und fordern eine baldige Nachfolgeregelung.

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    1 Kommentar zu "Siemens-Chef im Interview: Joe Kaeser: „Die Digitalisierung wird die Gesellschaft weiter spalten“"

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    • Herr Kaeser, die Dame ist gegenüber Ihrem Volk unaufrichtig gewesen. Und ist es immer noch. So kommt das jedenfalls bei Millionen Bürgern an.

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