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Siemens-Konkurrent Mit dem Abgang von Ulrich Spiesshofer endet bei ABB ein Machtkampf

Der Druck der Aktionäre hat Folgen: Mitten im Umbau muss Ulrich Spiesshofer bei ABB gehen. Vorübergehend übernimmt Verwaltungsratschef Peter Voser.
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ABB-Chef Ulrich Spiesshofer tritt überraschend zurück Quelle: AP
Ulrich Spiesshofer

Der Manager gibt seinen Chefposten bei ABB mit sofortiger Wirkung ab.

(Foto: AP)

Frankfurt, München, ZürichDie Entscheidung fiel am Dienstagabend: ABB und Ulrich Spiesshofer gehen getrennte Wege. Nach mehr als fünf Jahren an der Spitze verlässt der deutsch-schweizerische Manager überraschend den Konzern.

„Es war kein dramatisches Ereignis“, versuchte Verwaltungsratspräsident Peter Voser, die Wogen zu glätten. Doch die Tatsache, dass es keinen Nachfolger gibt und Voser vorübergehend die operative Leitung übernimmt, spricht eine andere Sprache.

Tatsache ist: Der Schweizer Industriekonzern wechselt mitten im Umbau den Chef aus. ABB stellt den Schritt zwar als einvernehmliche Lösung dar. Doch Spiesshofers Abgang ist das Ende eines Machtkampfs zwischen dem langjährigen Chef und den Aktionären des Konzerns, die endlich greifbare Erfolge sehen wollen.

Als Spiesshofer vor zwei Monaten sein Konzept einer „neuen“ ABB vorstellte, sah die Welt in Oerlikon noch anders aus. Ein bisschen erinnerte Spiesshofers Vorstellung an die spektakulären Verkaufsshows amerikanischer Tech-Konzerne: In einer alten Fabrikhalle präsentierte der Manager seine Vision für die Zukunft des Konzerns – und sparte nicht mit Superlativen.

Die Zukunft sei „großartig“, die Chancen „einmalig“. Spiesshofer ließ durchblicken, dass er diese Zukunft selbst gestalten will: „Die Arbeit macht Spass, ich stehe gerne weiter zur Verfügung“, sagte er im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Nun ist davon keine Rede mehr. „It’s time to say goodbye“ twitterte Spiesshofer.

Sein abrupter Abgang zeigt, dass sich die Investoren durchgesetzt haben, die den ABB-Chef zu Abspaltungen, drastischen Umbauten und besseren Ergebnissen drängten. Am Dienstag sei der Verwaltungsrats zu dem Schluss gekommen, dass Spiesshofer schlicht der falsche Mann für die neue ABB sei, heißt es im Umfeld des Konzerns.

Der Wechsel wird auch vom größten Aktionär der Schweizer mitgetragen: der Familie Wallenberg. Die Schweden halten mit ihrer „Investor AB“ rund elf Prozent der ABB-Aktien. „Wir unterstützen die Entscheidung des Verwaltungsrats, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine neue Person am Ruder ist, um die Ausführung der neuen Strategie zu beschleunigen und die Finanzziele zu erreichen“, heißt es aus Schweden.

Druck der Anteilseigner

Dabei hatte Spiesshofer einiges versucht, um für mehr Wachstum zu sorgen – doch der erhoffte Erfolg ließ auf sich warten. Der Ex-Berater setzte ein Sparprogramm um, stemmte zwei Übernahmen und forcierte die Digitalisierung. Lange beharrte Spiesshofer auf dem Konzept eines integrierten Technologiekonzerns.

Doch am Ende kam er seinen Kritikern ein großes Stück entgegen und trennte sich von der Stromnetzsparte. Jahrelang hatte der aktivistische Investor Cevian gefordert, sich von dem Geschäftsbereich zu trennen. Dem konnte sich auch Spiesshofer irgendwann nicht mehr entziehen. Ende des vergangenen Jahres kündigte er den Verkauf der Stromnetzsparte an.

Deren Mehrheit geht für knapp acht Milliarden Dollar an das japanische Elektrotechnikunternehmen Hitachi. ABB trennt sich damit von rund 30 Prozent seines Konzernumsatzes – und von Tausenden von Mitarbeitern. Der Erlös des Deals soll bis 2020 an die Aktionäre gehen. Doch die Euphorie der Aktionäre hielt sich in Grenzen.

Spiesshofer glaubte, dass er mit dem Verkauf der Netze den Investoren genug entgegengekommen sei, meint ein Berater, der nah an ABB dran ist. Mancher Investor sehe das aber nur als ersten Schritt, dem im Sinne einer Salamitaktik weitere folgen müssten. „Manche glauben, dass ABB mit dem Filetieren mehr Erfolg hat.“

Cevian hält rund fünf Prozent der ABB-Aktien. Doch die Beteiligung entwickelte sich anders als von Firmenchef Lars Förberg erhofft. Dabei können die Schweden, die in Deutschland auch bei Bilfinger und Thyssen-Krupp mitmischen, einen Erfolg dringend gebrauchen. „Die Nervosität des Großaktionärs wirkt riesengroß“, sagt ein Insider.

Denn auch bei Thyssen-Krupp läuft es für Cevian derzeit nicht rund. Zwar hat Cevian durchgesetzt, dass der Ruhrkonzern nun einer umfangreichen Neustrukturierung unterzogen wird – ähnlich der Aufspaltung, wie ABB sie vollzieht. Doch noch scheinen die Börsen nicht so recht an das neue Konzept zu glauben, an dessen Ende es zwei eigenständige Thyssen-Krupps geben soll: ein Werkstoffunternehmen und einen Technologiekonzern.

Beim Industriedienstleister Bilfinger läuft es ebenfalls schwach: Zwar befindet sich der Mannheimer Konzern, der vom Briten Tom Blades geführt wird, derzeit im Aufwind. Doch im Vergleich zu 2011, als der Fonds erstmals einstieg, ist die Aktie kaum noch die Hälfte wert.

Weitere Umbauten nicht geplant

Den Abgang von Spiesshofer will Cevian nicht kommentieren. „Wir unterstützen die strategische Neuausrichtung von ABB und haben volles Vertrauen in Peter Voser und das Managementteam, die Transformation von ABB umzusetzen“, lässt Cevian-Chef Förberg mitteilen.

Auf weitere Umbauten drängt Cevian derzeit nicht – im Gegensatz zu anderen Aktionären. Anfang der Woche forderte der US-Investor Artisan, der drei Prozent an ABB hält, konkrete Schritte. Schlüssel für den Erfolg sei es, „über den Verkauf der Division Stromnetze hinauszugehen“, sagte Artisan-Portfoliomanager David Samra der „Finanz und Wirtschaft“.

ABB solle sich in mindestens zwei weitere Geschäftseinheiten teilen. Eine weitere Aufspaltung aber hätte Spiesshofer wohl nicht mitgemacht, sagt einer, der ihn kennt. Nicht nur der Druck dürfte eine Rolle gespielt haben, sondern auch die neue ABB-Struktur. Mit dem Milliardendeal haben sich die Schweizer von der komplizierten Matrixstruktur verabschiedet, die das ABB-Reich nach Regionen und Geschäftsbereichen gliederte.

Der Aufbau der „neuen“ ABB gibt den Divisionen mehr Macht – und ähnelt damit dem Beispiel von Siemens. Die Chefs der Sparten Elektrifizierung, Industrieautomation, Robotik & Fertigungsautomation sowie Antriebstechnik bekommen mehr Entscheidungsspielraum. Die Konzernleitung wird schlanker.

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Mit dieser neuen Rolle habe sich Spiesshofer nur schwer arrangieren können, sagen Kenner. Verwaltungsratschef Voser unterstrich am Mittwoch die veränderte Firmenkultur. „Wir geben den Geschäften volle Autonomie“, sagte Voser. Dadurch werde sich die Rolle des CEOs ändern. „Die neue ABB braucht an der Spitze eher einen Portfoliomanager statt eines Chefs, der den Divisionen in ihre Arbeit reinredet“, heißt es im Investorenumfeld.

Spiesshofer hatte den Konzern zwar kräftig umgebaut, die selbst gesteckten Ziele verfehlte ABB jedoch regelmäßig. Das „Übergangsjahr“ schien bei den Schweizern zur Konstante zu werden. 2018 legten die Umsätze um vier Prozent auf 27,7 Milliarden Dollar zu.

Damit erreichte der Konzern erstmals seit 2013 das eigene Ziel eines Anstiegs von drei bis sechs Prozent. Im ersten Quartal 2019 hielt das Wachstumstempo zwar an, allerdings sank der Gewinn um sechs Prozent auf 535 Millionen Dollar.

Enttäuschende Kursentwicklung

Auch der Aktienkurs entwickelte sich eher enttäuschend. Als Spiesshofer im Herbst 2013 die Führung des Konzerns übernahm, notierten die Papiere bei rund 21 Franken – und damit etwa auf dem derzeitigen Niveau. Im gleichen Zeitraum hatte der Schweizer Leitindex SMI rund 19 Prozent zugelegt. Verwaltungsratschef Voser zeigte sich selbstkritisch: „Wenn wir unsere Performance über die vergangenen Jahre mit den Wettbewerbern vergleichen, sind wir nicht, wo wir gerne wären.“

Auf den Chefwechsel reagierten die Anteilseigner regelrecht erleichtert: Der Kurs der ABB-Papiere legte bis zum Mittag um mehr als fünf Prozent zu. Vera Diehl von Union Investment sagte: „Der Rücktritt von Herrn Spiesshofer könnte eine Chance für einen neuen CEO sein, bei ABB aufzuräumen – ganz ohne persönliche Befindlichkeiten und ohne längeren Druck durch Cevian.“

Auch bei der DWS sprach man Klartext. „Die Trennung ABBs von CEO Spiesshofer ist aus Sicht der DWS das Resultat langjähriger operativer Underperformance und strategischer Fehlentscheidungen“, sagte Analyst Tobias Hallenberg. Die Neuausrichtung sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Der lange Zeitrahmen als auch Unsicherheiten über die Ausführung führten jedoch dazu, dass auch diese letzten von Spiesshofer initiierten Schritte vom Kapitalmarkt nicht goutiert wurden.“

Ein neuer Chef soll das nun ändern. „Wir suchen nach einer Führung, die fünf Jahre da ist“, erklärte Verwaltungsratschef Voser. ABB habe die Suche eingeleitet und halte intern wie extern Ausschau. Er selbst schloss aus, die Aufgabe dauerhaft zu übernehmen.

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