Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Volkswagen in der Werkstatt

Bis zum 1. September müssen die Autohersteller ihre nachgebesserte Software für die Motorensteuerung dem KBA zur Genehmigung zusenden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Software-Update Warum der Zeitplan für die Diesel-Nachrüstung scheitern wird

Die großen Hersteller wollen die Software ihrer Dieselmodelle nachjustieren. Allmählich wird klar: Die versprochene Frist können sie nicht schaffen.
2 Kommentare

München, Harrislee Zur Bewältigung der Dieselkrise in Deutschland investiert Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer viel Zeit. Ende vergangener Woche ist er eigens von Berlin nach Flensburg zum Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gereist, um den Beamten seine Rückendeckung zu versichern.

Im Vorort Harrislee hat das KBA einen Teststand aufgebaut, in dem mit neuester Technik die Umweltwerte von Autos geprüft werden sollen. Der Gebäudekomplex aus weißem Backstein soll das Bollwerk gegen jene Auswüchse sein, die Deutschlands wichtigste Industrie in die Dieselkrise gestürzt haben.

Scheuer hat sich vor dem geöffneten Rolltor einer Halle platziert, das dunkle Haar glatt nach hinten gezogen. Der 43-Jährige lächelt und verteidigt das KBA mit einer Inbrunst, die Behördenchef Ekhard Zinke den Rücken durchdrücken lässt. Das Amt sei europaweit führend, lobt der Minister. Die Beamten seien fähig und das KBA arbeite transparent, lauten die Kernbotschaften.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn es Probleme gibt, dann liegt das an der Industrie. Zinke hat sich neben seinem obersten Dienstherren platziert und freut sich sichtlich über den Besuch aus Berlin. „Wir haben schon immer ordentliche Arbeit gemacht“, beteuert er. Die Kritik, dass seine Behörde sei zu eng mit der Autoindustrie verbandelt sei, will er vergessen machen. Allerdings, so sagte Zinke, hätten sich die Rahmenbedingungen verändert.

Früher bekam das KBA lediglich die Testergebnisse von den Herstellern geliefert, nun können die Beamten selbst nachprüfen. Daher auch die Testlabore in Harrislee. Überhaupt hat das KBA aufgerüstet, um in einer Zeit bestehen zu können, in der Bits und Bytes im Auto immer wichtiger werden.

Grafik

Auf die mit so viel Rückhalt ausgestatteten Beamten aus Flensburg kommt nun eine gewaltige Aufgabe zu. Die VW-Gruppe, BMW und Daimler hatten der Bundesregierung auf dem Dieselgipfel im August vergangenen Jahres zugesagt, die Software ihrer meisten Dieselmodelle nachzujustieren.

Damit soll der Ausstoß von Stickoxiden um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. Erreicht werden soll die Verringerung des Atemgiftes durch die freiwillige Umrüstung von 5,3 Millionen Diesel bis zum Jahresende.

Ziel der Vereinbarung ist es, einen breiten Bann des Dieselantriebs zu verhindern, wie er mit partiellen Fahrverboten in Stuttgart und Hamburg bereits seinen Anfang nimmt. Sinken die Werte nicht, dann droht eine Ausweitung von Fahrverboten auf viele Städte – mit ungewissen Folgen für die Konzerne, die nach wie vor die Masse ihrer Autos in Deutschland mit Selbstzünder verkaufen.

Umweltverbände und das Umweltbundesamt fordern deshalb die Nachrüstung mit Stickoxidfiltern. Das ist aus Sicht des Ministers und der Industrie zu teuer und habe zu wenig Wirkung.

Die Industrie setzt stattdessen auf die vergleichsweise billige und einfache Dieselnachrüstung per Software. Bis zum 1. September – also bis zum kommenden Samstag – müssen die Autohersteller ihre nachgebesserte Software für die Motorensteuerung dem KBA zur Genehmigung zusenden.

Bei seinem Besuch in Harrislee ließ Scheuer keinen Zweifel aufkommen, dass die Frist gehalten werden muss. „Wir stehen bereit, die Industrie muss liefern“, sagte der Verkehrsminister.

„Ehrbare Kaufleute“

Im September und wohl auch im Oktober will das KBA die neue Software genehmigen. „Die Techniker der Behörde sind nach dem Abgasskandal inzwischen sehr erfahren, es sollte also schnell gehen“, sagte ein mit der Angelegenheit betrauter Manager.

Bis zum Jahresende soll die neue Software dann bei den betroffenen Fahrzeugen installiert werden. Es ist ein straffer Zeitplan, wie Scheuer selbst einräumte. Er sehe die Vorstandschef der Hersteller aber als „ehrbare Kaufleute“, und die müssten die Frist auch einhalten. Dabei ist jetzt schon klar: Der Zeitplan für die Nachrüstung der Dieselflotte wird nicht einzuhalten sein.

Die Autohersteller werden ihre Software-Nachbesserungen beim KBA zwar weitgehend fristgerecht einreichen, berichteten mehrere Vertreter aus den betroffenen Firmen. Dass, wie beim Dieselgipfel versprochen, bis Ende des Jahres sämtliche Diesel umgerüstet sind, sei aber unrealistisch, heißt es in Industriekreisen. Zudem handele es sich um eine „freiwillige Servicemaßnahme“, es bestehe kein Zwang.

Tatsächlich sind weder Hersteller noch die Fahrzeughalter noch die Industrie zu einer Umrüstung verpflichtet. Ohne einen verordneten Rückruf würden nur wenige Autofahrer in die Werkstätten kommen, um die neue Software aufspielen zu lassen, sagte ein Branchenvertreter. „Beim Reifenwechsel zum Winter oder zum Frühjahr hätten wir wohl die beste Chance, die Halter anzusprechen.“

Die Hoffnung unter den Autobauern ruht nun darauf, dass Scheuer eine Umrüstzeit über den Jahreswechsel hinaus erlaubt. „Das ist denkbar, aber im Moment muss er Härte zeigen“, hieß es in Berlin. Nur zu oft hätten die Unternehmen die Politik an der Nase herum geführt.

Druck bleibt hoch

Der Verkehrsminister wird den Druck auf die Branche also vorerst hoch halten müssen, gerade mit Blick auf den 1. September. Dabei trudeln Softwareupdates schon seit Monaten in Flensburg ein. Aber bislang, so eine Klage aus der Industrie, habe kein Hersteller für seine bereits eingereichten Softwareupdates eine Freigabe bekommen.

Ein BMW-Sprecher sagte, man habe die Updates pünktlich vorgelegt und warte nun auf die Freigabe. Allerdings werde man nicht alle betroffenen Autos umrüsten, da es sich für einige Modelle nicht lohne. Wie viele der BMW am Ende tatsächlich eine neue Software bekommen, bleibt offen.

Marktführer Volkswagen, der vom Skandal um manipulierte Dieselfahrzeuge besonders gebeutelt wurde, hat bereits Millionen Autos umrüsten müssen. Für die verbliebenen Fahrzeuge würden die benötigen Updates fristgerecht zur Genehmigung beim KBA eingereicht, hieß es.

Auch bei der VW-Tochter Audi hat man für die betroffenen rund 370.000 Autos im deutschen Markt „nahezu vollständig“ Softwareupdates verfügbar, man warte nur auf die Freigabe. Anders als bei einem amtlich angeordneten Rückruf sei das Aufspielen der Software für Händler und Kunden freiwillig.

Die Kunden würden nicht aktiv angeschrieben. Audi habe gar keine Adressen der Halter, die liegen in der Regel beim Händler. Daher sei nicht abzusehen, wie viele Autos nach Freigabe der Software tatsächlich umgerüstet werden, erklärte ein Sprecher auf Anfrage.

Erfahrungen mit diesem Vorgehen hat man bislang nur mit einem Modell, dem A6 TDI 3.0 mit Handschaltung, das bislang einzige Modell für das seit Ende 2017 ein Softwareupdate freigegeben ist. Von den 4600 betroffenen Autos sei bis heute erst ein Drittel in der Werkstatt gewesen.

Auch bei Daimler werden bis Ende 2018 nur die wenigsten Autos umgerüstet sein. Zwar werde Daimler „die erforderlichen Anträge für die unterschiedlichen Softwarevarianten bis September einreichen“, sagte ein Sprecher. Die technische Komplexität der Motorsteuerung sei aber sehr hoch.

Daimler hat wie die anderen Hersteller zugesagt, dass die Änderungen weder den Spritverbrauch erhöhen noch Leistung kosten. Und diese Komplexität hat zur Folge, dass der Zeitplan trotz der Freigaben durch das KBA wohl nicht gehalten werden könnte: „Aufgrund der hohen Anzahl wird es eine längere Zeit dauern, bis die Software bei einem Großteil der Fahrzeuge aktualisiert ist“ - da habe Daimler auch nie etwas anderes versprochen, heißt es nun.

Die Stuttgarter müssen Updates für rund 700 Modellvarianten programmieren, insgesamt sollen europaweit rund drei Millionen Autos umgerüstet werden, gut ein Drittel davon in Deutschland. Anders als Audi will Daimler seine Kunden immerhin aktiv angehen und ihnen einen Werkstattbesuch nahelegen.

Bei einer ähnlichen Aktion für Autos der V- und Kompaktklasse, die seit April 2017 läuft, habe man bis heute rund 95 Prozent der Fahrzeuge erreicht. Dabei ist Daimler das Unternehmen, auf das Scheuer ein besonderes Augenmerk gelegt hat.

Öffentlichkeitswirksam hatte der Minister Vorstandschef Dieter Zetsche vor einigen Wochen einbestellt, um sich über unerwartet hohe Abgaswerte bei Mercedes-Diesel zu beschweren und den Rückruf von europaweit 690.000 Autos anzuordnen. Für diese Autos und ihre Besitzer ist es mit der Freiwilligkeit vorbei: Sie müssen in die Werkstatt, sonst droht die Stilllegung.

Für die Industrie steht viel auf dem Spiel, sie muss den Diesel möglichst lange im Geschäft halten, solange das Elektroauto noch nicht marktreif ist. Denn nur mit den bei den Kunden immer noch beliebten Selbstzündern bleibt der Durchschnittsverbrauch der Neuwagenflotte einigermaßen im Lot.

Auch hier steht die Branche im Wort: Bis 2021 soll der Ausstoß von Kohlendioxid auf 95 Gramm pro Kilometer sinken, derzeit sind alle Autohersteller um 20 bis 30 Prozent über dieser Marke.

Startseite

Mehr zu: Software-Update - Warum der Zeitplan für die Diesel-Nachrüstung scheitern wird

2 Kommentare zu "Software-Update: Warum der Zeitplan für die Diesel-Nachrüstung scheitern wird"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Daß ein Fahrzeug bei dem man bei der Zulassung geschummelt hat, einen Mangel hat, der zudem arglistig verschwiegen wurde, dürfte rechtlich klar sein, so daß der Kunde auch nach Ablauf der 2-jährigen Gewährleistungsfrist ein Gewährleistungsrecht beim Hersteller hat, und 2 malige Nachbesserung einfordern kann bevor er zur Wandlung, also Rückgabe des Fahrzeugs auffordert.

    Leider folgt die Regierung unseres Unrechtsstattes nicht dem geltenden Gesetz, sondern entwertet lieber die Fahrzeuge der nicht-geschummelten Hersteller in dem Fahrverbote für voll den KBA Vorgaben entsprechende fahrzeuge ausgesprochen werden.

    Bananenrepublik, Korruption, der Bürger ist wie immer der Dumme, die Firmen werden wie immer geschont.

    "bleibt der Durchschnittsverbrauch der Neuwagenflotte einigermaßen im Lot" Na ja, der Verbrauch war ja gelogen, wie wir Kunden schon seit Jahrzehnten wissen und beobachen wie es immer schlimmer wird, die mit prallen Reifen, abgeklebten Spalten, abgeklemmter Lichtmaschine, raustropfendem Leichtlauföl, hingemogelten Zahlen sind in der Realität nie erreichbar. Der reale Flottenverbrauch und damit CO2 Ausstoss liegt also locker 50-100% über dem Ziel.

  • Der Zeitplan könnte eingehalten werden, wenn das KBA die Anschriften der Fahrzeugbesitzer der Autoindustrie zur Verfügung stellen würde. Die Fahrzeughalter können dann direkt informiert werden und sich mit Ihrer Werkstatt in Verbidung setzen. Diese Praxis würde früher schon mehrfach praktiziert.

Serviceangebote