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Sparkurs Ford streicht 12.000 Stellen in Europa und gibt sechs Werke auf

Ford spart radikal, um wieder profitabel zu werden. 12.000 Arbeitsplätze sollen in Europa gestrichen werden, mehrere Werke werden geschlossen.
Update: 27.06.2019 - 16:58 Uhr Kommentieren
Ford streicht 12.000 Stellen in Europa und gibt sechs Werke auf Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Ford-Produktion in Saarlouis

Auch in Deutschland stehen Tausende Jobs auf dem Spiel.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Düsseldorf, New York Vor gut sechs Monaten hat der US-Autobauer Ford in Europa einen drastischen Sparkurs angekündigt. Die erste Zwischenbilanz ist ziemlich ernüchternd. Etwa 12.000 von 54.000 Arbeitsplätzen werden bis Ende nächsten Jahres gestrichen, die Zahl der konzerneigenen Werke schrumpft in derselben Zeit um sechs auf 18.

Weil die Verluste immer größer geworden waren, hatte der Autokonzern seiner europäischen Tochter den Sparkurs auferlegt – und Ford hat damit wirklich Ernst gemacht. Allein im vergangenen Jahr lag das Minus bei knapp 400 Millionen US-Dollar. Ohne die drastischen Einschnitte wären die Verluste wahrscheinlich noch größer ausgefallen.

Schon in diesem Jahr soll das Sparprogramm nachhaltig Wirkung zeigen. Ford Europa muss die Verlustzone bis zum Dezember wieder verlassen haben. Europa-Präsident Stuart Rowley, erst seit dem Frühjahr im Amt, will das zwar offiziell nicht bestätigen, deutet aber an, dass es genau so geplant ist. „Wir arbeiten hart daran, die schwarzen Zahlen so schnell wie möglich zu erreichen“, sagte er am Donnerstag im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die deutschen Ford-Werke in Köln und Saarlouis sind so etwas wie der Kern des gesamten europäischen Geschäfts von Ford. Auch sie müssen massiv beim Personal sparen. Bis zum Jahresende sollen 5400 Stellen gestrichen werden, damit muss praktisch jeder fünfte deutsche Ford-Mitarbeiter gehen. Alles soll sozialverträglich sein. Ford schnürt deshalb Abfindungspakete und bereitet Vorruhestandsprogramme für ältere Mitarbeiter vor.

„Die Trennung von Mitarbeitern und die Schließung von Werken sind die härtesten Entscheidungen, die wir treffen“, räumte Rowley ein. Ford versuche, die sozialen Folgen so weit wie möglich abzufedern. Aber es gebe keine Alternative zu dem beschlossenen Sparkurs, Ford könne sich die Verluste in Europa nicht länger erlauben.

Ford schreibt zwar insgesamt immer noch Gewinne. Das liegt aber vor allem an seinem noch starken US-Geschäft. Die Amerikaner kaufen dank boomender Wirtschaft und niedriger Steuern immer noch freudig vor allem spritfressende SUVs und Pick-ups. Dabei basiert der Erfolg fast komplett auf dem Riesen-Pick-up F-150. Der ist für 90 Prozent der Gewinne verantwortlich.

Im Rest der Welt sieht es dagegen düster aus. In Südamerika und Asien schreibt der US-Autobauer rote Zahlen. Das Gleiche gilt sogar für China, wo andere Hersteller prächtig verdienen.

Ford ist seit Jahren auf der Suche nach einer neuen Strategie. Nicht nur das Europageschäft, auch der Gesamtkonzern befindet sich mitten in einer Identitätskrise in der neuen Autowelt. Zukunftsthemen wie Elektroautos, autonomes Fahren und Carsharing hat Ford lange Zeit verdrängt.

Stellenabbau ist bereits vorangeschritten

Der seit zwei Jahren amtierende Vorstandschef James Hackett versucht nun, vor allem mit Kooperationen bei diesen Themen aufzuholen. Aus dem Ridesharing dagegen hat Ford sich komplett zurückgezogen und den Mitfahrdienst von Chariot eingestellt.

In den deutschen Werken ist der Stellenabbau schon recht weit vorangeschritten. 3200 Mitarbeiter von Ford haben das Abfindungsprogramm bereits angenommen, wie ein Unternehmenssprecher bestätigte. Zugleich wird die Laufzeit des Programms von Ende Juni bis zum Jahresende verlängert.

Die Ford-Mitarbeiter bekommen damit mehr Zeit, um über einen eigenen Abschied aus dem Unternehmen nachzudenken. Im Werk in Saarlouis werden noch in dieser Woche 900 Mitarbeiter den deutschen Ford-Teil verlassen. Dort war eine Schicht durch die Aufgabe des Minivan-Modells C-Max komplett gestrichen worden.

Ford ist zuversichtlich, dass die eigene Zielvorgabe bis zum Jahresende erreicht wird und dass dann tatsächlich 5400 Menschen das Unternehmen auf Dauer verlassen haben. In Deutschland dürfte der US-Autohersteller damit 500 Millionen Euro jährlich einsparen. Die deutschen Werke tragen etwa die Hälfte des gesamten für Ford Europa geplanten Stellenabbaus. Die angekündigte Streichung von 12.000 Arbeitsplätzen in Europa dürfte zu Kostensenkungen von einer Milliarde Dollar führen.

Ford-Europa-Präsident Rowley gab sich optimistisch, dass der Autohersteller in einigen Jahren eine Umsatzrendite von sechs Prozent erreichen wird. Diese Marge gilt in der Automobilbranche als notwendig, um den eigenen Fortbestand dauerhaft absichern zu können.

Die europäische Ford-Tochter müsste das eigene Ergebnis damit voraussichtlich noch um eine weitere Milliarde Dollar verbessern. In welchem Jahr sechs Prozent Rendite erreicht werden sollen, darüber schweigt sich Ford allerdings aus.

Zukunft der klassischen Pkws ist ungewiss

Ford gibt sich zudem sehr bedeckt darüber, wie die Produktpalette in den kommenden Jahren aussehen soll. In den USA hat der Konzern das eigene Pkw-Programm drastisch zusammengestrichen – auf dem Heimatmarkt setzt Ford vor allem auf SUVs und Pick-ups. Auch in Europa soll das SUV-Programm noch einmal deutlich aufgestockt werden, verspricht Rowley.

Was das für die klassischen Pkws wie Fiesta und Focus bedeutet, die an den deutschen Standorten gefertigt werden, dazu wollte sich Rowley nicht äußern. Fiesta und Focus werden in Köln und Saarlouis voraussichtlich noch bis 2023 und 2024 produziert. „Die Pkws laufen gut, die Produktivität ist hoch“, das waren die einzigen Worte, die der Ford-Europa-Präsident dazu sagen wollte. Die europäische Tochter des US-Autokonzerns werde sich bei der Produktion neuer Modelle immer sehr stark an den Wünschen der Kunden orientieren.

Immerhin hat Ford an diesem Tag für seine Europa-Beschäftigten eine gute Nachricht parat: Eine neue batterieelektrische Familie von Fahrzeugen soll in Zukunft von der europäischen Ford-Tochter produziert werden. Bislang war es noch völlig offen, ob es in Europa überhaupt rein batteriegetriebene Modelle von Ford geben wird. Ford hatte zwar eine Elektrooffensive verkündet, bezog sich damit bislang aber fast ausschließlich auf Hybridfahrzeuge, also Autos mit Elektro- und Verbrennungsmotor.

Ford hat die Option, diese jetzt erstmals angekündigten rein batteriegetriebenen Fahrzeuge komplett eigenständig zu entwickeln oder sich für die Kooperation mit einem anderen Autohersteller zu entscheiden. Genau darüber wird nämlich seit Monaten spekuliert.

Ford hatte sein Interesse signalisiert, den neuen Elektrobaukasten von Volkswagen für den europäischen Markt und für China zu übernehmen. Ford könnte damit Milliarden an Entwicklungskosten sparen und müsste stattdessen Lizenzgebühren an den VW-Konzern entrichten.

Der Europa-Chef von Ford wollte zu der möglichen Kooperation mit Volkswagen nicht viel sagen. „Wir sind in Gesprächen mit VW und werden sie auch fortsetzen“, sagte er. Zu den Erfolgsaussichten dieser Verhandlungen lehnte er jede Stellungnahme ab. Zuletzt war im Volkswagen-Umfeld darüber spekuliert worden, dass möglicherweise noch in diesem Sommer über eine Elektrokooperation von Ford und Volkswagen entschieden wird.

Beobachter bleiben trotzdem skeptisch, ob Ford mit dem jetzt aufgelegten Sparkurs auf Dauer Erfolg haben wird. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilprofessor an der Universität Duisburg-Essen, zweifelt daran, dass es „ausreicht, um langfristig tragbar als eigenständiges Unternehmen im Pkw-Bereich in Europa zu sein“.

Die europäische Ford-Tochter sei in den vergangenen Jahren schon deutlich geschrumpft. Es gebe zu wenige Synergien mit den Autos, die auf dem US-Heimatmarkt von Ford produziert und verkauft werden. Daraus resultiere ein weiteres Kostenproblem für den US-Konzern.

Mehr: Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Ford-Europachef Steven Armstrong, wie der Autohersteller in Europa wieder profitabel werden will.

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