Sprudel-Firma Soda-Club Das zischende Imperium zieht weiter

In vielen deutschen Küchen findet er sich wieder: Der Sprudler von Soda-Club. 60 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen in Deutschland. Doch nun bedroht ein Rechtsstreit das Geschäft mit dem Mineralwasser auf Knopfdruck. Anfang dieser Woche verbot das Bundeskartellamt Soda-Club sein Vertriebssystem.
Der Engländer Peter Wiseburgh hat den Soda-Club 1991 gegründet.

Der Engländer Peter Wiseburgh hat den Soda-Club 1991 gegründet.

TEL AVIV. Leitungswasser rein, Zischknopf drücken, Mineralwasser fertig – überall sind es die gleichen Handgriffe, die die Sprudler von Soda-Club zum Zischen bringen. Deutsche nutzen den Trinkwassersprudler des Weltmarktführers wegen des Komforts: kein Pfandflaschen-Gerenne. Engländer zischen aus Tradition mit: Sie sind die Erfinder des Sodaspritzers. Israelis sprudeln der häuslichen Unabhängigkeit wegen: Bei Terror können sie einfach zu Hause bleiben.

Drei Länder, ein Erfolg: Der Engländer Peter Wiseburgh hat Soda-Club 1991 in Israel gegründet und von dort die Wasserwelt erobert – vor allem in Deutschland. 60 Prozent seines Umsatzes macht Soda-Club hier.

Doch auf dem wichtigsten Markt bedroht ein Rechtsstreit Wiseburghs Geschäft. Anfang dieser Woche verbot das Bundeskartellamt Soda-Club sein Vertriebssystem. Anders als Konkurrenten wie DS-Produkte mit seiner Marke „Wasser Maxx“ verkauft Soda-Club die Gaspatronen seiner Sprudelgeräte nicht, sondern vermietet sie. Nachfüllen durfte sie nur Soda-Club selbst – ein Grund für die marktbeherrschende Stellung von Soda-Club in Deutschland, findet das Kartellamt. Künftig muss die Firma auch Konkurrenten das Nachfüllen erlauben. Soda-Club hat Beschwerde eingelegt beim Oberlandesgericht Düsseldorf.

Der Rechtsstreit dürfte Jahre dauern. Dass sein Geschäft an die Grenzen des Wachstums stößt, weiß Firmengründer Wiseburgh längst. Die neue Strategie steht: Entwicklungsländer. Seine Vision: „Der Inder schüttet Ganges-Wasser in unser Gerät, und heraus kommt Trinkwasser“, sagt der mittelgroße 65-Jährige mit den kurzen, grauen Haaren.

Seit Ende der 90er-Jahre lässt Wiseburgh im Soda-Club-Labor am Firmensitz in der Nähe des Ben-Gurion-Flughafens bei Tel Aviv an einem neuen Gerät tüfteln, das auch Entwicklungsländern Sprudelwasser beschert. Eine Wasseraufbereitungsanlage für Großkunden wie Krankenhäuser und Schulen, die aus verunreinigtem Wasser Trinkwasser gemäß den Standards der Weltgesundheitsorganisation macht, gibt es nun im Soda-Club-Sortiment.

Nach sieben Jahren Entwicklung und 15 Millionen Dollar Investitionen verhandelt Wiseburgh mit der indischen Bluestar Group über die Produktion der Geräte in Indien. Bis zu 10 000 Liter Trinkwasser pro Monat – also rund zwei Liter pro Minute – bereiten die kühlschrankgroßen Geräte auf. Zum Einsatz kommen sollen die ersten Ende dieses Jahres in Pune, einer Industriestadt nordöstlich von Mumbai.

Mit Gin Fizz beginnt Ende des 19. Jahrhunderts die Soda-Club-Story. George Gilby, Spross der Londoner Gin-Brennerei „W&A Gilby“, weiß, wie sehr seine Landsleute prickelnde Drinks schätzen. Er weiß aber auch, wie schnell die Patronen der Siphons für Sodawasser leer sind. 1903 erfindet er den „Sodastreamer“. In Casinos und Clubs wird der „Prince of Wales“, so tauft Gilby das erste Gerät, zum Liebling reicher Genießer.

Als in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts ein preiswertes Gerät auch in Krämerläden verkauft wird, öffnet sich ein Riesenmarkt. 1985 erkennt der britische Getränkekonzern Cadbury Schweppes das Potenzial und übernimmt Markenrechte und Technik von Sodastream. Doch dem Fertiggetränkekonzern fehlt die Leidenschaft für das Selbstsprudeln. Die Investitionen in die Weiterentwicklung der Kohlensäurezylinder fließen nur spärlich. Ende der 80er-Jahre häufen sich technische Probleme mit einer neuen Maschine, die Plastikflaschen füllen soll: Die Sodastreamer sprotzen, die Flaschen bersten.

Peter Wiseburgh, Sodastream-Repräsentant in Israel, erkennt seine Chance: „Explosionen in der Küche, das ist ja wie die Intifada vor der Haustür – so geht es nicht weiter!“ Mit einem Team von Technikern entwickelt der Vater von sechs Kindern ein neues Sprudlergerät. Das Zeitalter des Zischens beginnt.

Soda-Club wächst rasant. Von Anfang an setzt Wiseburgh auf den Export, schließlich ist der Heimatmarkt mit nur sechs Millionen Einwohnern sehr klein. „Export“, sagt er, „ist für ein israelisches Unternehmen keine Kür, sondern Pflicht“.

1992 folgt der Markteintritt in Südafrika, 1993 in der Schweiz, 1994 in Deutschland. 1998 schluckt Soda-Club schließlich seinen einstigen Lieferanten Sodastream.

Die Rendite beziffert Wiseburgh nicht. Dass diese bei einem Jahresumsatz von zuletzt rund 100 Millionen Euro aber stimmt, dafür spricht das voll integrierte Geschäftsmodell. Vom Bau der Sprudler über die Entwicklung der Geschmacksrichtungen bis zur Wiederbefüllung der Gaspatronen – alles macht Soda-Club selbst. Vor zwei Jahren entstand ein neues Werk südlich von Tel Aviv.

Nur: Massenmärkte wie China, Indien oder der Kontinent Afrika blieben dem expansionswilligen Mittelständler bisher verschlossen. Zum Sprudeln braucht es bisher sauberes Leitungswasser. Deshalb will Wiseburgh ins Geschäft mit der Trinkwasseraufbereitung einsteigen.

Experten stehen dem Projekt allerdings kritisch gegenüber. In Ländern wie Indien würde derzeit eher versucht, eine zentrale Wasserversorgung aufzubauen. Erfahrungen in entwickelten Ländern hätten gezeigt, dass eine zentrale Wasserversorgung die geringsten Risiken berge. Für Andreas Kuck, Leiter des Wassersektors bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn, hängt der Geschäftserfolg vor allem von den Kosten ab: „Ähnliche Geräte haben sich in Entwicklungsländern bisher nicht flächendeckend durchgesetzt, da die Betriebs- und Folgekosten für Strom und Wartung zu hoch waren.“

Dass Kosten von drei Eurocent pro Liter für den ganz großen Durchbruch zu hoch sind, weiß auch Soda-Club-Gründer Wiseburgh. Seine Zielgruppe sei deshalb die indische Mittelschicht – rund 200 000 Menschen, die überwiegend in Stadtgebieten leben, sagt er. Bis das Geschäft von Soda-Club auch in Entwicklungsländern zischt und zischt und zischt, wird also noch viel Wasser den Ganges hinunterfließen.

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