Sprung nach Europa? Siemens-Betriebsrat warnt vor Chinas Bahnriesen CRRC

Siemens-Beschäftigte sehen CRRC als Bedrohung und werben für die geplante Fusion mit der Bahntechniksparte von Alstom. Die EU schätzt die Lage anders ein.
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Der Weltmarktführer aus China drängt nach Einschätzungen von Branchenvertretern auch auf den europäischen Markt. Quelle: Visual China Group/Getty Images
Hochgeschwindigkeitszüge von CRRC

Der Weltmarktführer aus China drängt nach Einschätzungen von Branchenvertretern auch auf den europäischen Markt.

(Foto: Visual China Group/Getty Images)

Berlin, MünchenEU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager treibt die Beschäftigten von Siemens Mobility um. Im Juli hatte sie eine erste und sehr kritische Einschätzung zur geplanten Fusion der Bahntechniksparten von Alstom und Siemens abgegeben.

Bei den Siemensianern weckt das Befürchtungen, dass die Kommission hohe Auflagen machen könnte und „alles von vorn überlegt werden müsste“, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Niedersachsen Thorsten Gröger dem Handelsblatt.

Die Vorsitzende des Konzernbetriebsrates von Siemens, Bettina Haller, wird noch deutlicher. Die Annahme der EU, dass der chinesische Bahnriese CRRC „in absehbarer Zukunft“ nicht nach Europa vordringen werde, sei „weltfremd“. Die Siemens-Beschäftigten sähen CRRC als eine reale Bedrohung. Nun fürchten sie, dass die Wettbewerbshüter in Brüssel die Lage der Branche nicht richtig einschätzen könnten.

Siemens und Alstom hatten vor einem Jahr bekanntgegeben, ihre Bahntechniksparten zu fusionieren. Siemens Mobility soll in den börsennotierten Alstom-Konzern eingebracht werden. Siemens will eine knappe Mehrheit an dem neuen Unternehmen halten, das etwa 15 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften würde.

Im Juni hatten die Konzerne das Vorhaben in Brüssel angemeldet, Mitte Juli äußerte die Kommission dann massive Bedenken hinsichtlich der drohenden Dominanz des neuen Bahntechnikriesen und kündigte eine vertiefende Prüfung an. Das Argument, neue Anbieter aus China seien auf dem Sprung nach Europa, ließ Vestager nicht gelten. Sie hält ein solches Szenario derzeit für „unwahrscheinlich“.

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Falls Brüssel trotz aller Vorbehalte unter Auflagen grünes Licht geben sollte, könnte die Fusion frühestens in der ersten Jahreshälfte 2019 vollzogen werden. Gewerkschafter wie Betriebsräte unterstützen grundsätzlich den Zusammenschluss, auch wenn es „eher eine Vernunftehe als eine Liebeshochzeit“ sei, sagte Haller.

Unter Abwägung möglicher Alternativen sei die Fusion mit Alstom aber „die tragfähigste Lösung, weil sie auf einer realistischen Betrachtung des Marktumfeldes beruht“. Darüber habe es mit dem Management im Vorfeld allerdings „intensive Diskussionen“ gegeben. Siemens hat Arbeitsplatzgarantien für vier Jahre ausgesprochen.

Gröger und Haller sind Mitglieder des gerade gegründeten 16-köpfigen Aufsichtsrates von Siemens Mobility und sollen auch später, nach der Fusion, die Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Die Schienenverkehrsaktivitäten sind seit August in einer neuen GmbH gebündelt, um sie später in Alstom eingliedern zu können.

Europa im Visier

Knackpunkt in Sachen Wettbewerbsverfahren ist die Frage, wie die Ambitionen des chinesischen Weltmarktführers CRRC einzuschätzen sind. CRRC ist mit rund 18 Milliarden Euro Umsatz immer noch größer als die beiden Zugsparten von Siemens und Alstom zusammen. Bislang erwirtschaftet CRRC im Heimatland China 90 Prozent seines Umsatzes. Erklärtes Ziel ist aber der Export und die Eroberung des internationalen Marktes.

Nach Einschätzung von Branchenvertretern haben sich in den vergangenen Monaten die Anzeichen verdichtet, dass CRRC mit aller Macht auf den europäischen Markt drängt. So orderte die Deutsche Bahn im Juni erstmals Rangierloks bei CRRC.

Im August habe CRRC eine technische Zertifizierung für Signaltechnik erhalten, heißt es in der Branche. Zudem ist der Weltmarktführer auf der Suche nach Akquisitionen in Europa. Der Versuch, die tschechische Skoda Transportation zu übernehmen, war erst kürzlich gescheitert. Industriekreise halten es für vorstellbar, dass die Chinesen schon in zwei Jahren 2,5 Milliarden Euro Umsatz in Europa erzielen.

Der Zusammenschluss von Siemens und Alstom ist deshalb auch eine Antwort auf das Vordringen der Chinesen. Die Wettbewerbshüter in Brüssel allerdings prüfen lediglich die aktuelle Marktsituation, industriepolitisch kann Vestager nicht aktiv werden.

Europa brauche aber angesichts der Entwicklungen auf dem Weltmarkt einen starken Player, sagen selbst die Arbeitnehmer. „Wir befinden uns ja nicht in einem europäischen Markt, sondern in einem Weltmarkt“, sagt der Gewerkschafter Gröger.

Auch andere Spieler stellten sich inzwischen global auf. Das gelte für CRRC ebenso wie für die Bahnsparte von General Electric, die mit dem Zulieferer Wabtec zusammengeht. „Deshalb ist es im industriepolitischen Interesse, dass auch in Europa Player unterwegs sind, die innovationsfähig sind.“ Europa brauche eine „vorausschauende Industriepolitik“.

Auch Haller betont: „Die Konsolidierung der Bahnindustrie wird stattfinden, mit und ohne uns.“ Eisenbahnen würden mit Steuergeldern finanziert. Und damit müssten doch Arbeitsplätze in Europa entstehen und gesichert werden, fordert sie.

Siemens hatte – ohne das jemals offiziell zu bestätigen – auch Gespräche mit der kanadischen Bombardier Transportation geführt, diese Fusionsvariante war allerdings verworfen worden. Das Unternehmen zählte vor einigen Jahren noch als Weltmarktführer mit etwa zehn Milliarden Euro Umsatz, steckt nun aber in einer tief greifenden Umstrukturierung.

Digitalisierung wird in der Branche immer wichtiger

Daneben hätte Siemens auch die Möglichkeit, weiter allein als Hersteller von Zügen und Signaltechnik aufzutreten. Für Betriebsrätin Haller wäre das allerdings die schlechteste aller Varianten. „Vor Jahren hatte man noch das Gefühl, Siemens wolle das Geschäft eigentlich loswerden.“ Jetzt bleibe Siemens Mehrheitsgesellschafter. Dafür gebe es zwar keine „Ewigkeitsgarantie, aber zumindest eine mittelfristige Festlegung“.

Die mit Alstom fusionierte Bahntechnik soll neben Siemens Gamesa und den Healthineers das dritte „strategische Unternehmen“ in der neuen Konzernstruktur von Siemens-Chef Joe Kaeser sein. Darunter versteht der Konzern börsennotierte, verselbstständigte Geschäfte, an denen Siemens aber die Mehrheit hält.

Daneben bestehen drei „operative Unternehmen“ – Sparten wie zum Beispiel die digitalen Industrien bilden somit das verbliebene Kerngeschäft des Münchener Technologieunternehmens.

Dass Siemens der Bahntechnik – wenn auch unter dem Dach von Alstom – erst einmal eine Zukunft gibt, hat mehrere Gründe. Zum einen gelang es den Münchenern in den vergangenen Jahren, die einst margenschwache Sparte auf Profitabilität zu trimmen. Im vergangenen Quartal kam Siemens bei Mobility auf eine operative Umsatzrendite von acht Prozent.

Zudem werden die Themen Elektronisierung und Digitalisierung in der Bahnbranche immer wichtiger, hier kann Siemens seine Stärken zum Beispiel mit der Internet-der-Dinge-Plattform Mindsphere ausspielen. Die Bundesregierung schiebt gerade ein Digitalisierungsprogramm für die Deutsche Bahn an, das laut Gutachten für das Verkehrsministerium 30 bis 35 Milliarden Euro umfassen wird.

Auch wenn Brüssel vertieft prüft: Die Arbeitnehmer, Siemenschef Joe Kaeser und Alstom-CEO Henri Poupart-Lafarge, der das Gemeinschaftsunternehmen führen soll, verbinden viele Hoffnungen mit der Fusion. Poupart-Lafarge sagte gerade erst in Berlin, es gebe „keinen Plan B“. Er rechne nicht damit, dass Brüssel den Fusionsplan stoppt. Wettbewerbs-Kommissarin Vestager hat ohnehin versprochen: „Das Prüfverfahren wird ergebnisoffen geführt.“

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