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Stadler Rail Schweizer Konzern sorgt für ein Bahn-Wunder in Rio de Janeiro

In der krisengeschüttelten Metropole liefert Stadler Rail die neue Zahnradbahn zur Christus-Statue. In Rio wird das Projekt euphorisch gefeiert.
15.10.2019 - 15:25 Uhr Kommentieren
Für Rio de Janeiro sind die Bahn und der Cristo Wahrzeichen der Stadt und eines der führenden Touristenziele Südamerikas. Quelle: dpa
Christus-Statue auf dem Corcovado

Für Rio de Janeiro sind die Bahn und der Cristo Wahrzeichen der Stadt und eines der führenden Touristenziele Südamerikas.

(Foto: dpa)

Rio de Janeiro Dichte Regenwolken verhüllen die Christus-Statue. Trotz des Frühlingsbeginns ist es in Rio de Janeiro mit 22 Grad empfindlich kalt. Und doch scheint es, als leuchte ein Lichtstrahl durch die tiefliegenden Wolken, als der Schweizer Bahnbauer Stadler Rail am vergangenen Mittwoch die neuen Züge der Corcovado-Bahn dem Betreiber übergibt.

„Ich bewundere alle Unternehmer, die in Rio bleiben und sogar investieren“, ruft ein Staatssekretär euphorisch beim Festakt in der Talstation. Ein Tourismusbeauftragter der Regierung wünscht sich, dass endlich auch mal gute Nachrichten „wie diese“ über Rio verbreitet werden.

In der von der Krise, Korruption und Kriminalität gebeutelten Stadt am Zuckerhut ist die Tatsache, dass ein Schweizer Bahnbauer eine nagelneue Zahnradbahn fristgerecht entwickelt, liefert und die dann auch noch funktioniert, so etwas wie ein Wunder-

Auch dass die komplexe Finanzierung durch die deutsche Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) steht und der private Betreiber die neuen Züge in Empfang nimmt, ohne selbst bereits angeschlagen oder in irgendwelche Skandale verwickelt zu sein – auch das scheint erstaunlich in einer Stadt, in der mehrere Gouverneure und ein Dutzend der führenden Unternehmer im Knast sitzen und die hier ansässige nationale Entwicklungsbank BNDES wegen fehlender Mittel nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

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    Für Rio de Janeiro sind die Bahn und der Cristo einerseits Wahrzeichen der Stadt und eines der führenden Touristenziele Südamerikas. Andererseits stehen sie auch für den technischen Fortschritt Brasiliens. 1884 wurde die knapp vier Kilometer lange Zugstrecke auf den Berg Corcovado von Kaiser Pedro II eröffnet. Damals noch mit einer Dampflok, mit der dann auch die Bauteile der Christusstatue hochtransportiert wurden.

    Zahlreiche Prominente seien schon in der Bahn gefahren, wirbt die Betreibergesellschaft Esfeco, darunter Papst Johannes Paul II., Prinzessin Diana und Albert Einstein. Es geht also um Tradition, nationale Symbolik und Geschäft – die perfekte Mischung, um ein Projekt zum Scheitern zu bringen. Nicht nur in Brasilien.

    Als der Betreiber 2005 die ersten Gespräche mit Stadler Rail aufnahm, um die seit 1976 genutzte dritte Generation der Züge zu erneuern, da zogen sich die Verhandlungen auch erstmal rund zehn Jahre hin bis zur Auftragsvergabe. Zeitweise waren die Beteiligten nicht mehr sicher, ob das alles funktionieren würde.

    Der Betreiber Esferco wollte mit der Renovierung die Lizenz verlängern und andererseits die Umsätze steigern: Rund 800.000 Besucher nutzen jährlich die Bahn. Eine Fahrt kostet derzeit rund 14 Euro. Eine Million Fahrgäste peilt Sávio Neves, der Sohn der Betreiberfamilie, als Jahresziel an.

    Wegen der langen Schlangen in der Saison und am Wochenende fahren viele Tourveranstalter inzwischen mit Kleinbussen zum Cristo hoch. Dieses Publikum will Neves zurückgewinnen. Doch um überhaupt den Zuschlag für eine verlängerte Lizenz zu bekommen, musste der Betreiber sich verpflichten, die Bahn zu modernisieren.

    So wandte sich Neves an Stadler Rail. Die hatten 1998 die Zahnradbahnbereich der ehemaligen Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) von der Sulzer AG übernommen, welche die Zahnradbahn 1979 für die Strecke produziert hatte. Inzwischen ist Stadler weltweit der einzige Anbieter für Zahnradbahnen.

    Maßgeschneiderte Fertigung

    Die Aufgabe war herausfordernd, sagt Dirk Vogt, der Projektleiter. Die Fahrzeuge durften kaum vergrößert werden, weil der Schienenstrang schmal durch den Regenwald führt und auch die Bahnhöfe unter Denkmalschutz stehen. Außerdem sei die Strecke mit einer Steigung von teilweise mehr als 30 Prozent eine der steilsten weltweit.

    Stadler steigerte die Geschwindigkeit des Zuges, wodurch sich in gleicher Zeit mehr Fahrgäste befördern lassen. Statt mit 15 Stundenkilometer hoch zu zockeln, zieht sich die neue Bahn nun mit 25 km/h aufwärts. Nur noch knapp 15 Minuten braucht sie für die Auffahrt. Bei der Abfahrt wird zudem noch die Bremsenergie eingespeist, was zu einer Ersparnis von 75 Prozent beim Stromverbrauch führt.

    Die Bahn wurde maßgeschneidert für den Betreiber. Fast alle Teile kommen aus der Schweiz. Keine Vorschriften für lokale Herstellung behinderten das Projekt. Auch die sonst üblichen Zölle entfielen, weil es in Brasilien keinen Hersteller gibt.

    Für Stadler Rail war es nach eigenen Angaben das wichtigste Prestigeprojekt. Die Marge bei dem Auftragswert von rund 23 Millionen Euro sei „nicht astronomisch“. Man wolle vermeiden, mit überhöhten Preisen Konkurrenten hochzuziehen, heißt es bei Stadler. Wenn man zu teuer sei, dann bestehe zudem die Gefahr, dass die Bahnstrecke geschlossen oder eine Seilbahn errichtet werde. Auch in China würde an Zahnradtechnik getüftelt.

    Was Betreiber Sávio Neves davon hielt, mit einem Monopolisten zu verhandeln? „Da wird nicht viel verhandelt“, erklärt der charismatische Unternehmer, der auch politische Ambitionen hat und in mehrere Tourismusprojekte Rios investiert hat. „Ich bezahle, was die verlangen.“

    Schwierig war zudem, die Finanzierung zusammenzubekommen. Die wurde erst möglich, nachdem sich Esfeco 2014 die Lizenz für den Weiterbetrieb erneut sichern konnte. Bis 2039 kann er nun das Unternehmen betreiben. Cristian Oppen, Geschäftsführer der LBBW in Brasilien, schusterte die Finanzierung mit Vorlauf über 16 Jahre zusammen. Das sei eher ein Projektfinanzierung als eine Export-Import-Finanzierung.

    Das Wechselkursrisiko liegt jedoch beim Kunden. Auch für die schwäbische Landesbank ist das ein Leuchtturmprojekt. „Wenn wir ein Zementwerk in den Anden finanzieren, dann bekommt das keiner mit – in Rio sind wir sichtbar“, sagt Oppen.

    Als die erste Bahn in der verregneten Abenddämmerung losfährt, ist noch nicht viel zu sehen von dem legendären Blick auf die Stadt am Zuckerhut. Doch dann, oben angekommen, löst sich der Regennebel plötzlich auf und der Art-Déco-Erlöser leuchtet im Scheinwerferlicht wie eine Erscheinung – das Wunder von Rio gibt es doch.

    Mehr: Anweisen, statt selbst anpacken: Viele Familien in Brasilien haben Haushaltshilfen angestellt. Auch heute noch ist der Einfluss des kolonialen Erbes spürbar.

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