Stahlarbeiter bei Thyssen-Krupp

Hiesinger muss die Fusion mit Tata Steel durchdrücken.

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Stahlbranche Thyssen-Krupp verhandelt Stahldeal mit Tata nach

Vorstandschef Heinrich Hiesinger informiert den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp über die Stahlfusion. Dabei geht es auch um den Preis.
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FrankfurtWenn an diesem Mittwoch die Aufsichtsräte von Thyssen-Krupp zusammenkommen, dann wartet auf sie viel Arbeit. Und das, obwohl auf der Tagesordnung im Kern nur ein Thema steht: Die bevorstehende Fusion der Stahlsparte mit dem Wettbewerber Tata Steel Europe.

Detailliert wolle der Vorstand um den Vorsitzenden Heinrich Hiesinger die Kontrolleure über das geplante Vorhaben informieren, erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen. Den 20 Aufsehern solle erläutert werden, wie sich der Deal auf die Pensionen und die Standorte niederschlagen werde. Und es werde auch über die Bewertung der beiden Fusionspartner gesprochen.

Die Investmentbank Goldman Sachs hat dazu eine umfassende Untersuchung durchgeführt. Auf Basis von Dutzenden Analystenberichten kamen die Banker zu dem Schluss, dass der Wert von Thyssen-Krupp Steel entgegen der ursprünglichen Vereinbarung gestiegen ist. Im Raum stehe ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag, ist aus Finanzkreisen zu hören.

Der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp stellt dem Aufsichtsrat am Mittwoch die Fusionspläne vor. Quelle: Reuters
Heinrich Hiesinger

Der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp stellt dem Aufsichtsrat am Mittwoch die Fusionspläne vor.

(Foto: Reuters)

Die Führung von Thyssen-Krupp verhandelt dem Vernehmen nach bereits mit Tata Steel über eine Nachbesserung des Deals. Unverändert sollen die Partner jeweils 50 Prozent an dem neuen Unternehmen halten, hieß es in den Kreisen. Denkbar sei, dass der Essener Konzern zusätzliche Schulden oder Pensionsverpflichtungen auf die geplante Stahlfirma übertragen könnte. Thyssen-Krupp äußerte sich nicht dazu.

Auf der Aufsichtsratssitzung will das Management mit Hiesinger an der Spitze deutlich machen, dass die Einigung mit Tata Steel noch in diesem Monat geschlossen werden soll. Am Zeitplan will die Führung nicht mehr rütteln – trotz der laufenden Verhandlungen über die Bewertung.

Komplizierter Deal

Die Zusammenführung der Stahlsparten ist ein komplizierter Akt. Der fusionierte Konzern würde mit Hütten in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zum Weltmarktführer Arcelor-Mittal aufschließen. Mit dem Verbund würde ein neuer mächtiger Spieler am Markt entstehen, der bei den Kunden bessere Preise durchdrücken und seine Kosten erheblich senken könnte. Hiesinger ist daher überzeugt, dass der Deal ein Erfolg wird.

Aber es ist ein steiniger Weg. Seit mehr als zwei Jahren verhandelt Hiesinger nun schon mit dem indischen Mutterkonzern Tata, immer wieder gab es Querschüsse. Die Gewerkschaften der drei Länder fürchten um Arbeitsplätze und die Absicherung der Pensionen. Letzteres ist der wesentliche Streitpunkt. Die Renten von mehreren Hunderttausend Stahlarbeitern hängen am Erfolg des neuen Unternehmens. Entsprechend scharf achten die jeweiligen Gewerkschaften auf die Wahrung der Interessen ihrer Mitglieder.

Es sind aber nicht nur die Arbeitnehmer, die immer wieder Zweifel am Sinn der Fusion vorbringen. Zuletzt mischten sich auch die Aktionäre ein.

Der US-Hedgefonds Elliott forderte zunächst den Rücktritt von Hiesinger, weil dieser aus Sicht der Amerikaner mit dem Umbau nicht schnell genug vorankommt. In einem Schreiben an den Vorstandschef präsentierte Elliott dann seine Rechnung für den Stahldeal. Der Fonds schätzt, dass Thyssen-Krupp Steel satte 1,9 Milliarden Euro mehr wert ist als Tata Steel Europe.

Die Elliott-Vertreter stützen ihre Bewertung auf die Ergebnisse der vergangenen zwölf Monate. Die Experten von Goldman Sachs halten dem entgegen, dass die Entwicklung der beiden Unternehmen über die kommenden Jahre hinweg betrachtet werden müsse. Lediglich die Bilanz eines Jahres heranzuziehen, sei zu kurz gesprungen, ist in Finanzkreisen zu hören. Im Aufsichtsrat werde Goldman Sachs dies auch deutlich machen.

Mit seiner kritischen Haltung ist Elliott allerdings nicht allein. Einen schnelleren Umbau fordert auch der Investmentfonds Cevian, mit 18 Prozent zweitgrößter Aktionär nach der Krupp-Stiftung. Cevian-Chef Lars Förberg hatte sich für eine Abspaltung der Aufzugssparte ausgesprochen, des wohl wertvollsten Teils des Konglomerats.

Hiesinger lehnte das ab; er will seinen Weg weitergehen. Mit dem Teilrückzug aus dem Stahlgeschäft ist für den Thyssen-Krupp-Chef der Wendepunkt bei der Sanierung des Industriekonzerns erreicht. Das Unternehmen hatte sich mit dem Bau neuer Stahlwerke in Brasilien und den USA finanziell verhoben, bald zehn Milliarden Euro versenkte der Konzern mit dem Abenteuer.

Seit seinem Amtsantritt im Januar 2011 kämpft Hiesinger gegen die Folgen des Desasters an. Seitdem hat sich der Konzern von Teilen wie dem Edelstahlgeschäft getrennt, die auf einen Jahresumsatz von deutlich über zehn Milliarden Euro kamen. Heute steht Thyssen-Krupp zwar besser da, saniert ist die Gesellschaft aber nicht.

Späte Sanierung

Die Schuld für die miserable finanzielle Verfassung kann Hiesinger nicht mehr nur allein dem früheren Management zuschieben. So ließ er es lange Zeit zu, dass die Sparte Industrial Solutions (IS) vor sich hindümpelte. Mit dem Bau von Fabrik- und Förderanlagen verdiente Thyssen-Krupp gutes Geld – allerdings nur, weil der Bereich lukrative Altaufträge hatte. Diese sind inzwischen ausgelaufen, seitdem steckt die Sparte in der Krise. Der Umbau von Industrial Solutions hat nun zwar begonnen, die Arbeiten dazu hätten aber schon früher anlaufen können, wie Manager beklagen.

Hiesinger hatte den Umbau zurückgestellt, weil er dem Konzern nicht mehr zumuten wollte. Die Probleme müssten eines nach dem anderen gelöst werden, sagte er einmal im kleinen Kreis. Mitarbeiter und Management würden sonst überfordert. Getreu dieser Taktung hat er zunächst die größten Verlustbringer im Unternehmen angepackt: Die Abhängigkeit vom zyklischen Stahlgeschäft soll mit dem Tata-Deal beendet werden.

Wenn Ende Juni der Vertrag mit den Indern finalisiert ist, will Hiesinger nach sieben Jahren endlich aus der Defensive kommen – und seine Strategie für die Zukunft präsentieren. Laut Konzernkreisen plant er keine Revolution, sondern eine Evolution. Da mit dem Joint Venture die Bilanz um milliardenschwere Schulden bereinigt wird, erhöht sich der finanzielle Spielraum.

Kernstück der Strategie soll sein, die Technologiesparten (Aufzüge, Fabriken, Autokomponenten) auszubauen. Neben höheren Investitionen seien Akquisitionen denkbar, hieß es in Konzernkreisen.

Ein weiterer Umbau wird dem Konglomerat aber nicht erspart bleiben. Eine stetige Überprüfung der Sparten werde es weiterhin geben. Konkret steht eine Trennung vom Handelsgeschäft im Raum. Das generiert zwar hohe Umsätze, wird aber selbst in Boomjahren nie mehr als drei Prozent an Rendite abwerfen. Die Sparte könnte laut Branchenkreisen mit der börsennotierten Klöckner-Gruppe fusioniert werden.

Geplant ist zudem ein neuerliches Sparprogramm. Treffen werde dies vor allem die Holding, die knapp 4 000 Menschen beschäftigt. Ohne die Stahlsparte könne die Verwaltung entschlackt werden, hieß es. Der Umfang steht noch nicht fest.

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