Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Stahlbranche Wie es zur Fusion von Thyssen-Krupp und Tata Steel kam

Erst am Samstag erhielt Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger die entscheidende Nachricht. Die Fusion mit Tata Steel ist durch. Bis zuletzt gab es Widerstand.
01.07.2018 - 18:58 Uhr Kommentieren
Gebündelt kann die neue Gemeinschaftsfirma die Kosten jährlich um geschätzt 500 Millionen Euro senken. Quelle: dpa
Fusion

Gebündelt kann die neue Gemeinschaftsfirma die Kosten jährlich um geschätzt 500 Millionen Euro senken.

(Foto: dpa)

Berlin, Düsseldorf Auf die erlösende Nachricht hat Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender von Thyssen-Krupp, länger warten müssen als gedacht. Erst am Samstagmorgen um 6.30 Uhr kam das Fax seiner Abgesandten aus Amsterdam. Erst dann war der Vertrag mit Tata Steel über die Fusion des europäischen Stahlgeschäfts unterzeichnet. Die Juristen beider Seiten hatten das Vertragswerk wieder und wieder durchkämmt, bevor sie es schließlich zur Unterschrift freigaben.     

Stunden zuvor, am Freitagabend, hatte der Aufsichtsrat dem Deal mit Tata Steel zugestimmt. Was folgte, war eine kurze Nacht für den Chef von Thyssen-Krupp. Körperlich müde sei er, aber nicht im Inneren, bekannte Hiesinger am Samstag, wenige Stunden nach der Vertragsunterschrift, bei einer Telefonkonferenz mit Investoren. Und er dürfte auch erleichtert sein.

Mehr als zwei Jahre lang hatten Hiesinger und Finanzvorstand Guido Kerkhoff mit Vertretern der indischen Tata-Gruppe über die Verschmelzung ihrer Stahltöchter verhandelt. Die Verhandlungen dauerten ungewöhnlich lange. Das lag vor allem an externen Faktoren wie dem Votum der Briten für einen Austritt aus der EU, aber auch an einem Chefwechsel bei der Tata-Gruppe.

Am Sinn der Fusion hatte niemand Zweifel. Gebündelt kann die neue Gemeinschaftsfirma die Kosten jährlich um geschätzt 500 Millionen Euro senken und die Standorte in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien besser auslasten. Als starke Nummer zwei hinter Marktführer Arcelor-Mittal soll das neue Unternehmen Thyssen-Krupp Tata Steel die Schwankungen auf dem Stahlmarkt besser abfedern können. „Mit dem Joint Venture sichern wir uns langfristig eine wettbewerbsfähige Position in der europäischen Stahlindustrie“, sagte Hiesinger.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Davon zeigten sich zum Schluss auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat überzeugt, die Zusammenschlüssen wegen des zu erwartenden Jobabbaus meistens skeptisch gegenüberstehen. Dank umfangreicher Jobgarantien und externer Gutachten stimmten sie am Ende aber zu.

    Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp Steel Europe, Tekin Nasikkol, der im Aufsichtsrat sitzt, erklärte die Vereinbarung am Samstag zu einem „großen Erfolg“ für die Mitbestimmung: „Am Anfang war für die Beschäftigten nichts geregelt. Gemeinsam haben wir weitreichende Zugeständnisse erkämpft, einen Tarifvertrag erzielt und diesen gemeinsam abgestimmt.“ Er sei froh, dass es nun Klarheit gebe und die Beschäftigten nun wüssten, „wohin die Reise geht“, sagte er dem Handelsblatt.

    Bei allen erkennbaren Vorteilen – im Aufsichtsrat gab es auch Widerstand gegen das Vorhaben. Mindestens zwei Mitglieder des 20-köpfigen Gremiums votierten auf der Sitzung am Freitag nicht für die Fusion mit Tata Steel Europe, erfuhr das Handelsblatt aus dem Umfeld des Aufsichtsrates. Dazu zählte Jens Tischendorf, der als Vertreter der Investmentfirma Cevian im obersten Kontrollgremium des Industriekonzerns sitzt.

    Cevian ist nach der Krupp-Stiftung der zweitgrößte Aktionär von Thyssen-Krupp und hatte sich in der Vergangenheit tendenziell eher für die Stahlfusion ausgesprochen. Tischendorfs Widerstand dürfte daher seine Ursache in dem schon länger schwelenden Konflikt mit dem Management haben. Der Großaktionär verlangt einen schnellen und drastischen Umbau des Ruhrkonzerns. So sollen aus Sicht von Cevian Bereiche wie das profitable Aufzugsgeschäft abgegeben und die Holding aufgelöst werden.

    Cevian-Gründer Lars Förberg erklärte am Sonntagmorgen , Thyssen-Krupp sei mit der Strategie des Konglomerats gescheitert. „Jetzt muss für jede der Sparten konsequent geprüft werden, welche Struktur und welche Eigentumsverhältnisse am besten geeignet sind“, sagte der Investor. Maßgabe hierfür müsse die industrielle Logik sein, „nicht Tabus, geschichtliche Entwicklungen, Emotionen oder persönliche Ambitionen“.

    Eine radikale Aufspaltung des Industriekonzerns, der außer Stahl auch Aufzüge, Anlagenbau und Werkstoffhandel zu seinem Portfolio zählt, lehnt Vorstandschef Hiesinger allerdings ab. Er will Thyssen-Krupp zwar vom zyklischen Stahlgeschäft lösen, aber als Konglomerat erhalten. Wie genau seine Pläne für die Weiterentwicklung des Traditionskonzerns sind, darüber will er den Aufsichtsrat in der kommenden Woche informieren.

    Bei einem weiteren Treffen soll das Gremium seiner künftigen Strategie zustimmen. Dabei gehe es weniger um einen radikalen Wandel, sondern eher um eine maßvolle Anpassung der bestehenden Strategie, wie es in Konzernkreisen hieß. Eine Evolution, keine Revolution ist zu erwarten.

    Weiteres Sparprogramm

    Das Ziel dürfte eine Fokussierung auf die bestehenden Technologiesparten sein – also Aufzüge, Anlagenbau und Komponentenfertigung. Durch die Auslagerung von Pensionslasten in Höhe von vier Milliarden Euro verdoppelt sich das Eigenkapital des Konzerns auf etwa 15 Prozent. Mit dem so verbesserten finanziellen Spielraum dürften für diese Felder auch wieder Akquisitionen möglich sein, hieß es.

    Im Gegenzug werde sich Thyssen-Krupp wohl von seiner Handelssparte trennen und nach einer Lösung für die Werftensparte suchen. Mit dem Bau von Schiffen und U-Booten fährt der Konzern derzeit Verluste ein, die sich in Zukunft potenzieren dürften, wie ein Manager berichtete: „Für die Werften müssen wir eine Lösung finden.“

    Dem Aufsichtsrat werde der Vorstand um Hiesinger auch Pläne für ein weiteres Sparprogramm vorlegen. Das Volumen soll im dreistelligen Millionenbereich liegen. „Mit der Abgabe der Stahlsparte sinkt der Verwaltungsbedarf, viele Stellen werden damit überflüssig“, sagte der Manager.

    Womöglich beruhigt dieser Plan Cevian: Der Investor hatte die Holding mit ihren 4000 Mitarbeitern mehrfach als überdimensioniert bezeichnet. Am Sonntag wiederholte Investor Förberg seine Kritik: „Die Geschäftsbereiche der Gruppen können nur dann überleben und erfolgreich sein, wenn sie schlank und effizient aufgestellt sind und sich ohne die überzogenen Kosten und die Bürokratie der Zentrale entfalten können.“

    Trotz der anhaltenden Diskussion über die weitere Strategie ist der Vertrag mit Tata für den Vorstand von Thyssen-Krupp ein großer Erfolg. Seit seinem Antritt 2011 trieb der frühere Siemens-Manager Hiesinger die Trennung vom Stahl schrittweise voran, verkaufte erst die Edelstahlsparte, dann die Werke in Brasilien und den USA.

    Mit dem Joint Venture hat der Manager nun einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zum Technologiekonzern erreicht: Die Bilanz ist befreit vom schwankungsanfälligen Stahlgeschäft, das in guten Jahren hohe Gewinne abwirft, in schlechten aber tiefe Löcher in die Kalkulation reißt. Damit muss sich nun das neue Management von Thyssen-Krupp Tata Steel beschäftigen.

    Startseite
    Mehr zu: Stahlbranche - Wie es zur Fusion von Thyssen-Krupp und Tata Steel kam
    0 Kommentare zu "Stahlbranche: Wie es zur Fusion von Thyssen-Krupp und Tata Steel kam"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%