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Arbeiter am Hochofen

Die Branche gerät zunehmend unter Druck.

(Foto: dpa)

Stahlindustrie Warum Europas Stahlhersteller zunehmend unter Druck geraten

Nach der Erholung der vergangenen Jahre droht der europäischen Stahlbranche nun der Abschwung. Analysten rechnen mit Gewinnwarnungen im zweiten Halbjahr.
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Düsseldorf In der italienischen Hafenstadt Tarent hat sich der weltgrößte Stahlhersteller Arcelor-Mittal ein Mammutprojekt vorgenommen. Mehr als zwei Milliarden Euro investiert der Konzern dort derzeit in die Modernisierung eines maroden Stahlwerks. Mit einer Produktionsmenge von bis zu zehn Millionen Tonnen Stahl pro Jahr soll Tarent eines Tages der größte Stahlstandort in Europa werden. Die rund 8200 Mitarbeiter, die zuvor beim Konkurrenten Ilva beschäftigt waren, übernahm Arcelor gleich mit.

Doch statt die Investitionen so schnell wie möglich wieder reinzuholen, trat der Konzern vor einigen Wochen erst einmal auf die Bremse – und setzte Tausende italienische Stahlkocher auf Kurzarbeit. „Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht“, erklärte Geert van Poelvoorde, der europäische CEO der Flachstahlsparte, den Schritt. „Doch mit der Maßnahme reagieren wir auf die anhaltend schwache Nachfrage in Europa.“

So wie dem globalen Branchenprimus geht es derzeit vielen europäischen Stahlherstellern. Während die Konkurrenz in Indien und anderen Schwellenländern von einem Absatzrekord zum nächsten eilt, schrumpfen die Auftragsvolumina in Europa. Gleichzeitig steigen die Kosten für Eisenerz, den wichtigsten Rohstoff für die Stahlproduktion. Zusammen mit dem ohnehin schon großen Überangebot auf dem globalen Stahlmarkt entsteht für die hiesigen Hersteller eine gefährliche Mischung.

„Es gibt einen Nachfragerückgang aus der Auto- und der Maschinenbauindustrie, den auch wir spüren“, berichtet Frank Koch, Geschäftsführer der Georgsmarienhütte-Holding, dem Handelsblatt. „Nachdem im ersten Halbjahr vor allem die Auswirkungen des WLTP-Prüfverfahrens auf die Autohersteller spürbar waren, merken wir jetzt eine allgemeine Konjunkturschwäche in China.“ Auch die Transformation zur E-Mobilität sorge für Unsicherheit.

Dabei ist die Stahlindustrie von den Autoherstellern besonders abhängig: Mehr als ein Viertel des deutschen Stahlbedarfs entsteht in der wichtigsten Industriebranche des Landes, weitere elf Prozent gehen in den Maschinenbau. Der Rest teilt sich auf die Sektoren Bau (35 Prozent), Metallwaren (12 Prozent), Rohre (9 Prozent), Haushaltswaren (2 Prozent) und Sonstige (5 Prozent) auf.

Noch vor einem halben Jahr hatten viele Firmen die Hoffnung, dass sich die konjunkturelle Lage im Laufe des Jahres wieder erholt. Doch langsam zeigt sich, dass dieser Optimismus wohl verfrüht war. So gehen wichtige Kundenindustrien der Stahlbranche inzwischen von einem handfesten Rückgang der Nachfrage aus.

Zum Beispiel die deutschen Maschinenbauer: Ging der Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) im vergangenen Jahr noch von einem Produktionsplus von zwei Prozent für 2019 auf, revidierten die Ökonomen des Verbands ihre Voraussage zum ersten Mal im April auf ein Minus von einem Prozent. Anfang Juli ging es noch weiter runter: Inzwischen hat sich der Rückgang auf zwei Prozent sogar mehr als verdoppelt.

Ähnlich sieht es in der Autoindustrie aus. Mit Daimler hat einer der wichtigsten Hersteller vor wenigen Tagen seine zweite Gewinnwarnung innerhalb eines Jahres herausgegeben. Der Autobauer rechnet seit der vergangenen Woche mit einem sinkenden Betriebsergebnis, nachdem zuvor zumindest das Ergebnis des Vorjahres gehalten werden sollte.

Auch der Autozulieferer Bosch rechnet für das laufende Jahr mit einem branchenweiten Rückgang der Autoproduktion von 4,5 Prozent. Ursprünglich hatte das Unternehmen nur mit einem Minus von drei Prozent kalkuliert.

Mit dem Chemiehersteller BASF sowie dem Maschinenbauer Aumann haben wichtige Zulieferer ihre eigenen Gewinnprognosen für das laufende Jahr bereits kassiert. Es sei angesichts der jetzigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen damit zu rechnen, dass in den kommenden Wochen auch der ein oder andere Stahlhersteller seine Erwartungen für 2019 wird senken müssen, sagt Commerzbank-Analyst Ingo Martin Schachel dem Handelsblatt.

Dabei dürfte die anhaltende Flaute die konjunkturanfällige Branche noch schwerer treffen als etwa die ebenfalls zyklischen Chemiehersteller. Denn während letzteren der Nachfragerückgang wohl die stärksten Probleme bereitet, kommt bei den meisten Stahlherstellern noch ein drastischer Preisanstieg für Eisenerz hinzu.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben sich die Kosten für den Ausgangsrohstoff von rund 56 Euro auf fast 110 Euro je Tonne nahezu verdoppelt. Doch weil gleichzeitig die Nachfrage ausblieb, konnten die Hersteller diese Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben.

Dabei sind Firmen wie Georgsmarienhütte, die bei ihrer Produktion statt Eisenerz recycelten Schrott einsetzen, im Vorteil: Hier haben die Preise zuletzt sogar leicht nachgegeben. So meldete der Bundesverband Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen für Juni 2019 einen Preis von rund 210 Euro je Tonne Altschrott, nach mehr als 240 Euro je Tonne im Vorjahr.

Gewinnwarnung bereits eingepreist

Schon jetzt richten sich die großen Hüttenwerke auf die bevorstehende Dürreperiode ein. Mit Arcelor-Mittal hat der größte Hersteller der Welt bereits angekündigt, seine Produktion in Europa spürbar zu drosseln. Ein Werk in Polen wird vorübergehend stillgelegt, ein weiteres in Spanien fährt seit einigen Wochen auf Sparflamme.

Insgesamt sollen 2019 so drei Millionen Tonnen weniger Stahl produziert werden als angenommen. Auch das verlangsamte Hochfahren des Werks in Italien trägt zu der reduzierten Gesamtmenge bei.

Auch die europäische Nummer Zwei, der Essener Industriekonzern Thyssen-Krupp, hat in den vergangenen Monaten regelmäßig seine Annahmen angepasst. Ging der Konzern im Februar noch von einer Seitwärtsbewegung auf dem europäischen Automarkt aus, revidierte der Ruhrkonzern diese Annahme wenige Wochen später bei der Vorlage der Halbjahreszahlen wieder. Seit Mai rechnet Thyssen-Krupp nun mit einem Produktionsrückgang in der europäischen Automobilindustrie.

Spätestens bei Vorlage der Quartalszahlen Ende August wird Thyssen-Krupp seine Vorhersage für das laufende Geschäftsjahr erneut aktualisieren. Verschlechtern sich die Aussichten weiter, ist wohl mit einer Gewinnwarnung zu rechnen.

DZ-Bank-Analyst Dirk Schlamp bezeichnete eine solche Entwicklung in einer Studie vom Montag als „wahrscheinlich“ – und wies sogleich darauf hin, dass Investoren eine Senkung des Ergebnisziels um 20 bis 25 Prozent in den aktuellen Kurs von knapp zwölf Euro je Aktie bereits eingepreist hätten.

Dass sich die Lage in naher Zukunft bessert, ist daher nicht zu erwarten. So ist etwa auch Georgsmarienhütte-Chef Frank Koch pessimistisch, was den weiteren Jahresverlauf betrifft. „Auch wir gehen inzwischen nicht mehr davon aus, dass sich die Lage im zweiten Halbjahr entspannt“, sagt der Manager.

Im Gegenteil droht der Branche sogar weiteres Ungemach: Anfang Juli wurden die Zollkontingente erhöht, mit denen die EU derzeit versucht, Handelsumlenkungen infolge der US-Stahlzölle zu begrenzen. Das bedeutet, ausländische Unternehmen dürfen wieder mehr nach Europa importieren. Als eine „äußerst schlechte Nachricht für die Stahlunternehmen in Deutschland“ bezeichnete Stahlpräsident Hans Jürgen Kerkhoff den Schritt. Es ist eine von vielen.

Mehr: Wasserstoff statt Koks: Die Zeit der Hochofenroute neigt sich dem Ende zu. Der Klimaschutz stellt die Stahlindustrie vor besonders große Herausforderungen.

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