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Stahlkonzern Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?

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Immer nah dran an der Macht

Erst Partnersuche, dann Verkauf. Quelle: Thyssen Krupp
Anlagenbau

Erst Partnersuche, dann Verkauf.

(Foto: Thyssen Krupp)

Den Hang hinauf, der Blick über das Ruhrtal und auf den Baldeneysee: Die Villa Hügel thront im Süden von Essen. Jeder in der Gegend kennt sie. Alfred Krupp ließ sie vor 150 Jahren bauen. Die Bezeichnung „Villa“ ist irreführend. Mit seinen Hunderten Zimmern gleicht das Gebäude mehr einem Schloss. Eine in Stein und Glas gebrachte Machtdemonstration des Ruhrbarons, der dort mit seiner Familie und knapp 600 Angestellten lebte. Wie selbstverständlich ließ er ganze Alleen in der Gegend ausheben und in seinem riesigen Park anpflanzen.

Über Jahrzehnte war die Villa Hügel ein Machtzentrum in Deutschland. Im Osten in Berlin wurde Politik gemacht, im Westen im Ruhrgebiet die Kohle, der Stahl und das Geld. Zum Ingenieurskönnen und Geschäftssinn gesellte sich ein anderer Instinkt: Die Ruhrbarone Thyssen und Krupp waren ganz nah dran an den Entscheidern, verdienten kräftig an Rüstung („Kanonen, die bis Paris schießen“) und Staatsaufträgen. „Ein schöpferischer Führer der deutschen Wirtschaft ist von uns gegangen“, verneigte beispielsweise Reichspräsident Paul von Hindenburg beim Tod August Thyssens 1926 sein Haupt.

Noch heute ist die politische Bedeutung zu spüren: In der Krupp-Stiftung finden sich namhafte Mitglieder wie der NRW-Ministerpräsident und mögliche CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet oder Sabine Lautenschläger, scheidendes Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank.

Ein anderes Merkmal des Konzerns: Härte und Husarenstücke. Dafür steht wie kaum ein anderer Gerhard Cromme. Der Krupp-Manager war kein Mann mit schwachen Nerven. 1987 bewarfen ihn Mitarbeiter und Demonstranten mit rohen Eiern, als er das Hüttenwerk in Rheinhausen dichtmachte. Es gab Brückensperrungen – und einen Sturm auf die Villa Hügel. Alles vergeblich.

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Das war erst ein Vorgeschmack von Crommes Chuzpe. Krupp kaufte sich 1992 unter Führung von Cromme unauffällig Aktien des Konkurrenten ‧Hoesch. Es war die erste feindliche Übernahme in Deutschland, die Schlagzeilen waren enorm. Das Manöver gelang, die hochverschuldete Krupp AG kaperte die profitable Hoesch AG. Das nächste Ziel: Thyssen. Das Management von Thyssen lehnte lange eine Verschmelzung mit dem Rivalen aus Essen ab. Krupp galt schon damals als finanzschwach und unberechenbar – doch das Duo Beitz und Cromme setzte sich am Ende mit seiner Aggressivität durch.

Mit der Thyssen-Krupp AG entstand ein Industriegigant. Doch die Führung gab sich allzu schnell mit dem Erreichten zufrieden. Die Fusion wurde ins Handelsregister eingetragen, aber über viele Jahre nie vollzogen. Die einzelnen Teile arbeiteten nebeneinanderher. Überdeckt wurde das Durcheinander nur von den Milliardengewinnen der Stahlsparte. Die Wirtschaft boomte – und die Führung des Konzerns schwelgte im Größenwahn. Der führte Thyssen-Krupp an den Rand der Insolvenz.

Mit neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA wollte der Konzern bei der Tonnage den Anschluss an die Weltspitze halten. Am Ende kosteten die Projekte das Unternehmen mehr als zehn Milliarden Euro. Es ist womöglich die größte Fehlinvestition der deutschen Geschichte. Noch immer lasten Finanzschulden in Höhe von mehr als fünf und Pensionslasten von mehr als acht Milliarden Euro auf den Schultern des Unternehmens.

Das Debakel verbrannte bei Thyssen-Krupp eine Generation an Managern. Im Rückblick war das Brasilien-Abenteuer der Anfang vom Ende des Industrie-Imperiums Thyssen-Krupp. Als Heinrich Hiesinger als Nachfolger von Ekkehard Schulz Anfang 2011 den Vorstandsvorsitz übernahm, war Thyssen-Krupp praktisch pleite. Um die Insolvenz zu vermeiden, verkaufte Hiesinger die Edelstahl‧sparte und die Werke in Brasilien und den USA. Sein Plan war, den Konzern vom Stahl zu befreien – und aus den übrigen Geschäften einen Technologiekonzern zu schmieden.

Doch der Plan ist jetzt Geschichte – wie Hiesinger, der im vergangenen Jahr von Bord ging. Sein Nachfolger Kerkhoff blieb nicht viel länger.

Streit um Sonderdividende

Am Tag seines Rauswurfs vor zwei Wochen weilte Guido Kerkhoff mit jungen Führungskräften von Thyssen-Krupp in Israel. Die Gruppe war zur Gedenkstätte Yad Vashem gereist – wegen seiner Verstrickung mit dem Nationalsozialismus zählt der Konzern zu den langjährigen Förderern des Holocaust-Museums in Jerusalem. In solch andächtiger Stimmung erreichte den 51-Jährigen die Nachricht, dass der Personalausschuss dem Aufsichtsrat eine Vertragsauflösung empfiehlt.

Eigentlich war Kerkhoff 2011 als Finanzchef ins Team von Heinrich Hiesinger gekommen. Doch der zerstritt sich im vergangenen Jahr mit Investoren über die strategische Neuausrichtung. Kerkhoff rückte auf, weil keiner der angesprochenen Kandidaten für die Stelle einspringen wollte. Nun fand sich vor Kerkhoffs Rauswurf wieder kein geeigneter Nachfolger. Deshalb übernahm Merz das Ruder.

Die ehrgeizige Managerin lässt sich nicht einfach dem Cevian-Lager zurechnen. Die 56-Jährige ist finanziell unabhängig und hat ihre Fähigkeiten bei Bosch bereits unter Beweis gestellt. Bei Thyssen-Krupp treibe sie die Aufgabe.

Thyssen-Krupp – Ein Rückblick
1811
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Am 20. November lässt sich der gerade einmal 24-jährige Friedrich Krupp die Gründung einer Gussstahlfabrik bescheinigen – ein Kleinstunternehmen. Erst Sohn Alfred Krupp (Foto) wird zum wahren Gründer des Traditionskonzerns.

(Foto: Universal Images Group/Getty Images)
1891
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Schrittweise hatte August Thyssen (Foto) seine Anteile am Steinkohlen-Bergwerk Gewerkschaft Deutscher Kaiser aufgestockt. 1891 gilt als Gründungsjahr des Thyssen-Konzerns. Einer ganzen Region wird der Unternehmer fortan seinen Stempel aufdrücken.

(Foto: Thyssenkrupp)
1967
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Alfred Krupp vermacht sein Vermögen der gemeinnützigen Krupp-Stiftung, die seither treuhänderisch über das Erbe der Industriellenfamilie wacht und die Dividenden für philanthropische Zwecke verwendet. (Im Bild: Alfred-Krupp-Statue aus der Ausstellung „200 Jahre Krupp“)

(Foto: dpa)
1997
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Die Fried. Krupp AG Hoesch-Krupp in Essen versucht, den wesentlich größeren Thyssen-Konzern feindlich zu übernehmen. Es kommt zu massiven Protesten der Thyssen-Belegschaft. Nach langen und harten Auseinandersetzungen werden die Stahlbereiche in der Thyssen Krupp Stahl AG vereint. (Im Bild: Stahlcoils im Kaltwalzwerk Beeckerwerth der ThyssenKrupp Steel AG in Duisburg)

(Foto: dpa)
1999
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Aus Thyssen und Krupp wird am 17. März 1999 die Thyssenkrupp AG. Das neue Logo (Foto) vereint den „Thyssen-Bogen“ und die „Krupp-Ringe“.

(Foto: dpa)
2006/2007
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Der Konzern expandiert: Im US-Staat Alabama beginnt der Bau eines neuen Walzwerkes, fast zeitgleich entsteht im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro ein neues Stahlwerk (Foto). Wenige Jahre später wird sich herausstellen, dass die beiden Werke zu den größten Fehlinvestitionen der deutschen Industriegeschichte zählen werden. 2017 beendet der Konzern sein teures Abenteuer in den USA und Brasilien. Die gescheiterte Expansion kostet laut Konzernangaben rund acht Milliarden Euro.

(Foto: Ralph Sondermann / VISUM)
2009
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Hart getroffen von der Wirtschaftskrise schließt der Konzern erstmalig seit der Fusion sein Geschäftsjahr mit einem Verlust ab. Der Vorstand muss Stellen abbauen. (Im Bild: Proteste gegen die Umstrukturierungspläne in Hamburg)

(Foto: Jesco Denzel / VISUM)

Wenige Tage zuvor hatte es in vertraulichen Gesprächen zwischen dem Management, einzelnen Aufsichtsräten und Vertretern von Cevian heftig gekracht. Während Kerkhoff einen Teilverkauf der Aufzugsparte favorisierte, soll der Fonds auf einem Komplettverkauf bestanden und gleichzeitig eine hohe Sonderausschüttung für die Aktionäre aus den Erlösen gefordert haben. Mindestens die Hälfte des erwarteten Kaufpreises sollte an die Anteilseigner fließen. Kerkhoff lehnte ab. Gleichzeitig hatte er das Vertrauen wichtiger Aufsichtsräte in eine zügige Umsetzung der Pläne verloren. Der Durchmarsch für Cevian schien endgültig.

Doch nach dem Rauswurf des Vorstandsvorsitzenden schaltete sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet ein – und forderte Cevian-Partner Lars Förberg in einem persönlichen Telefongespräch auf, sich von der Forderung zu distanzieren. In der vergangenen Woche kassierte der Fonds dann den Plan für eine Sonderdividende – und behauptet nun, es habe die Forderung nie gegeben.

Nach Darstellung aus Aufsichtsratskreisen hat sich die Geschichte anders zugetragen. So soll Cevian erst von der Sonderausschüttung Abstand genommen haben, nachdem sich Laschet in den Konflikt einschaltete – und den Schulterschluss mit den Arbeitnehmern demonstrierte.

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1 Kommentar zu "Stahlkonzern: Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?"

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  • Die Gewerkschaft und die Linken haben ein so großes gutes Unternehmen vernichtet. Die maßlosen Forderungen aus dieser Ecke haben wesentlich dazu beigetragen. Sicher ein Untergangshinweis für ganz Deutschland, die Zeit des Wohllebens auf Kosten anderer ist endgültig vorbei. Deutschland verliert ein Unternehmen ohne Not, weil keiner der Beteiligten interessiert ist etwas für die arbeiteten Menschen zu tun (insbesondere der linken Ecke sind die Menschen völlig egal)

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