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Stahlkonzern Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?

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Schweigen der Stiftung

Der Ausverkauf ganzer Sparten gilt vielen als Kapitulation der Krupp-Stiftung. Quelle: Reuters
Krupp-Stiftungschefin Ursula Gather

Der Ausverkauf ganzer Sparten gilt vielen als Kapitulation der Krupp-Stiftung.

(Foto: Reuters)

In der Essener Villa Hügel zeugen die Ausstellungsstücke vom Glanz vergangener Tage. Fotos von Staatsbesuchen säumen die hohen Wände des früheren Stammsitzes der Familie Krupp. Gerahmte Titelseiten alter Zeitungen und vergilbte Dokumente künden von den wichtigsten Stationen des einstigen Familienunternehmens.

Doch die Hüter dieses Vermächtnisses sitzen ein Gebäude weiter. Es ist die gemeinnützige Krupp-Stiftung, die nicht nur über das wohl größte Einfamilienhaus der Bundesrepublik wacht. Sondern auch über 21 Prozent am Industriekonzern Thyssen-Krupp. Es war Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der letzte Krupp-Erbe, der die Firma 1967 nach seinem Tod in eine gemeinnützige Stiftung einbrachte. Damit wollte er verhindern, dass Familienstreitigkeiten in der weit verästelten Industriellendynastie irgendwann zur Zerschlagung der Firma führen könnten. Gleichzeitig sollten die Gewinne wohltätigen Zwecken zufließen.

Verwaltet wurde das Familienerbe über viele Jahre von Krupps Weggefährten und Testamentsvollstrecker Berthold Beitz, der eng in alle Entscheidungsprozesse eingebunden war. Die Familie blieb sowohl im Hinblick auf die Eigentümerstruktur als auch hinsichtlich der Entscheidungsgewalt im Unternehmen komplett außen vor – Beitz konnte die Stiftung praktisch im Alleingang regieren.

Als Beitz im Alter von 99 Jahren starb, sollte eigentlich Reimar Lüst sein Nachfolger werden. Doch der hochbetagte Astrophysiker verzichtete auf das Amt. Jemand Jüngeres solle den Posten übernehmen und einen Neuanfang ermöglichen, sagte Lüst einmal im kleinen Kreis. Die Wahl fiel letztlich auf Ursula Gather, die Rektorin der Technischen Universität Dortmund.

Gather galt in der Wissenschaft als exzellent vernetzt – und damit als gut geeignet, den philanthropischen Auftrag der Stiftung zu erfüllen. Unter Beitz waren die Fördergelder eher nach persönlichen Interessen verteilt worden. Gleichzeitig sollte ein separater Stiftungsvorstand die Aufsicht über Thyssen-Krupp übernehmen. Es solle keinen zweiten Beitz nach ihm geben, hatte der Firmenpatriarch einmal gesagt.

Zur Wahrheit gehört auch: Das wird nicht ohne Stellenabbau gehen. Oliver Burkhard (Personalvorstand Thyssen-Krupp)

Bis heute hat sich an der Konstruktion wenig geändert. 2018 trat Gather in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp ein und wechselte dabei auch Stiftungsvorstand Ralf Nentwig aus. Wie damals Beitz bildet sie ein Machtzentrum im Unternehmen. Beaufsichtigt wird sie nur vom Stiftungskuratorium, dem neben ihr als Vorsitzender und Armin Laschet als nordrhein-westfälischem Ministerpräsidenten auch Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur angehören.

Mit dem ehemaligen VW-Chef Wolfgang Pischetsrieder gehört der Stiftung seit einiger Zeit auch ein Experte für Unternehmensführung an. Unter zahlreichen Wissenschaftlern und anderen Experten ist Pischetsrieder in dem Gremium aber ziemlich allein. Schon länger gibt es erhebliche Zweifel, ob die Stiftung mit ihrer Aufstellung dem unternehmerischen Auftrag gerecht werden kann. Der heißt laut Satzung: „Die Einheit des Unternehmens für die fernere Zukunft zu wahren und mit den ihr aus dem Unternehmen anfallenden Erträgnissen philanthropischen Zwecken zu dienen“. Doch was bedeutet im Verlauf so vieler Jahrzehnte und voller Zu- und Verkäufe „die Einheit des Unternehmens“?

Auf dem Höhepunkt des Streits um die Sonderdividende meldete Diana Friz sich deshalb mit ihren Cousins Friederich und Eckbert von Bohlen und Halbach zu Wort. „Dass die Stiftung ihren testamentarisch hinterlegten Auftrag, die Einheit des Unternehmens zu bewahren, nicht in diesem Sinne ehrlich verfolgt, ist schon ungeheuerlich genug“, klagten die Krupp-Nachfahren. Noch schlimmer sei aber, dass sie die Zerschlagung des Unternehmens aktiv gefördert habe und derzeit stillschweigend dulde.

Mit dieser heftigen Kritik an der Stiftung ist die ansonsten machtlose Gründerfamilie nicht allein. Schon nach dem plötzlichen Abgang Heinrich Hiesingers im vergangenen Jahr meldeten sich Mitarbeiter in einem bitterbösen Brief zu Wort, in dem sie mit Stiftungschefin Ursula Gather abrechneten. Von Trauer, Enttäuschung und Wut war darin die Rede – weil die Stiftung, so der Vorwurf, Hiesinger auf dem Höhepunkt des Konflikts mit dem Investor Cevian nicht ausreichend unterstützt habe. Allerdings hat die Stiftung im Vergleich zu früheren Jahren erheblich an Einfluss verloren. Ein „Durchregieren“ lassen die Eigentumsverhältnisse schlicht nicht mehr zu.

Schon unter Hiesinger forderte Cevian die Trennung von der Aufzugsparte – doch wie nun Kerkhoff weigerte sich damals auch Hiesinger, die Ertragsperle aus dem Unternehmen herauszulösen. Am Ende warf Hiesinger das Handtuch – und der Konzern stand über viele Monate kopflos da.

Was nach dem Abgang folgte, war eine der bemerkenswertesten Episoden der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Ein Dax-Konzern sucht einen Chef – und die Kandidaten sagen reihenweise ab. Der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders und Osram-Chef Olaf Berlien gehörten dazu. Abgelehnt haben auch der frühere Kuka-Chef Till Reuter und der ehemalige ABB-Chef Ulrich Spiesshofer.

Fast alle Aktivitäten sollen in neue Hände überführt werden. Quelle: Quirin Leppert
Komponentenbau

Fast alle Aktivitäten sollen in neue Hände überführt werden.

(Foto: Quirin Leppert)

Auch im Aufsichtsrat kam es in der Folge reihenweise zu Abgängen. Erst war es Aufsichtsratschef Ulrich Lehner. Dann der frühere Telekom-Chef René Obermann, der ehemalige BDI-Präsident Hans-Peter Keitel – und nun auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr, der auf sein Mandat verzichtet, um Interessenkonflikte mit Merz, die auch im Lufthansa-Aufsichtsrat sitzt, zu vermeiden.

Bis heute weiß niemand wirklich, was die Stiftung antreibt. Mit einer deutlichen Aussage hätte Gather damals für klare Verhältnisse sorgen können. Doch sie schweigt – und das nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern gelegentlich auch im Aufsichtsrat, wie manche Kontrolleure berichten. Gather hingegen spinne die Fäden gern im Hintergrund, heißt es.

Gather lässt das nicht gelten. Sie betont, dass das Wohl der Stiftung ja an ihrer einzigen Unternehmensbeteiligung hänge – also an Thyssen-Krupp. Was sie damit sagen will: Die Stiftung hat kein Interesse daran, dem Unternehmen zu schaden.
Es ist möglich, dass das in der neuen Konstellation besser funktioniert.

Merz’ Vorteil ist, dass sie sich mit Gather gut versteht – und ihre Entscheidungen frei treffen kann. „Der Aufsichtsrat steht jedenfalls voll und ganz hinter ihr“, so berichten es Konzernkreise. Auch soll sie für ein besseres Klima in dem Gremium gesorgt haben.

Zudem scheint die Unklarheit über den Kurs der Stiftung derzeit beseitigt. Aus Aufsichtsratskreisen verlautete, dass für Gather und die Stiftung weiterhin die Devise gelte: Nichts werde gegen die Arbeitnehmer entschieden. Zum Schwur wird es kommen, wenn es um den Verkauf der Aufzugsparte geht. Die IG Metall hat hier bereits eine rote Linie eingezogen. „Wenn man sich die Eigenkapitalquote und die Verschuldung anschaut, dann macht ein Teilverkauf Sinn, nicht aber ein Komplettverkauf“, sagte NRW-Bezirksleiter Knut Giesler. „Wer das propagiert, der versteht nichts von Bilanztechnik, Industriepolitik und Betriebswirtschaft.“

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  • Die Gewerkschaft und die Linken haben ein so großes gutes Unternehmen vernichtet. Die maßlosen Forderungen aus dieser Ecke haben wesentlich dazu beigetragen. Sicher ein Untergangshinweis für ganz Deutschland, die Zeit des Wohllebens auf Kosten anderer ist endgültig vorbei. Deutschland verliert ein Unternehmen ohne Not, weil keiner der Beteiligten interessiert ist etwas für die arbeiteten Menschen zu tun (insbesondere der linken Ecke sind die Menschen völlig egal)

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