Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Stahlkonzern Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?

Seite 4 von 4:

Neuer Vorstand grüßt per Video

Sie kündigt Einschnitte an. Quelle: dpa
Vorstandschefin Martina Merz

Sie kündigt Einschnitte an.

(Foto: dpa)

Der Rauswurf von Guido Kerkhoff schockierte viele im Unternehmen. Mit einer Videobotschaft will die neue Führung die Wogen glätten. Jeder Vorstand hat ein eigenes Video aufgenommen und im Intranet veröffentlicht. Für manche im Unternehmen sind einige der Gesichter noch recht neu.

Vorstandschefin Martina Merz eröffnet den Reigen mit einer einfachen Feststellung: „Die vergangenen Wochen waren turbulent.“ Mit Merz und Klaus Keysberg, dem früheren Spartenchef der Werkstoffhandelssparte, sind gerade erst zwei neue Manager in den Konzernvorstand gewechselt. Auch Finanzchef Johannes Dietsch ist erst seit ein paar Monaten dabei. Er war gekommen, um Kerkhoff bei der geplanten Aufspaltung als Finanzchef zu unterstützen – nun muss er den Verkauf der Aufzugsparte vorbereiten.

Aus der alten Garde der Ära Hiesinger ist heute nur noch Personalchef Oliver Burkhard dabei. Schon nach dessen Abgang vor mehr als einem Jahr hatte der frühere IG-Metall-Sekretär alle Hände voll damit zu tun, die Stimmung im Unternehmen nicht vollends kippen zu lassen. Zumindest an seiner Aufgabenstellung hat sich seither kaum etwas verändert.

In seiner persönlichen Botschaft bereitet Burkhard die Belegschaft im Intranet nun auf Stellenstreichungen vor. „Sowohl unsere Organisation als auch die Art, wie wir miteinander arbeiten, ist zu kompliziert“, erklärt der Manager in vertrauensvollem Ton. Thyssen-Krupp müsse einfacher, schneller und flexibler werden. „Zur Wahrheit gehört auch: Das wird nicht ohne Stellenabbau gehen.“ Betriebsbedingte Kündigungen sollen vermieden werden, wo möglich – wenn es geht.

Doch schon seit Jahren kursieren Zahlen im Unternehmen, wie viele Tausend Stellen angeblich in naher Zukunft vor der Streichung stehen. In der Stahlsparte sollten die Arbeitsplätze beispielsweise um 2 000 Stellen reduziert werden, nachdem das Joint Venture mit Tata geplatzt war. Doch bis heute weiß keiner, wie sie sich genau auf die rund 27.000 Mitarbeiter in dem Bereich verteilen.

Die vergangenen Wochen waren turbulent. Martina Merz (Vorstandschefin von Thyssen-Krupp)

Schon lange kritisieren Gewerkschafter wie der Stahlbetriebsratschef Tekin Nasikkol diese Unsicherheit. Dabei weiß der IG-Metaller, wovon er redet. Denn auch Nasikkol selbst war Opfer einer der strategischen Volten des Konzerns: Seit 2016 saß er als einer der mächtigsten Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Thyssen-Krupp-Konzerns. Doch nachdem der Vertrag für das Stahl-Joint-Venture mit Tata unterzeichnet war, verließ er das Gremium, um Mitbestimmungsstrukturen bei dem neuen Unternehmen aufzubauen.

Zur Gründung von Thyssen-Krupp Tata Steel Europe kam es wegen des Vetos aus Brüssel nie. Und so verfolgt der wohl wichtigste Betriebsratschef im Konzern die jüngsten Weichenstellungen von der Seitenlinie aus – und das, obwohl ausgerechnet die Stahlsparte im Zentrum der Neuausrichtung steht.

Nun ist es stattdessen die profitable Aufzugsparte, die den Konzern am besten so schnell wie möglich verlassen soll. In den Wochen vor seiner Abberufung hatte Vorstandschef Guido Kerkhoff gleichzeitig einen Börsengang und einen Teilverkauf an einen Finanzinvestor vorbereitet, um mit den Erlösen die Finanzierung der geplanten Restrukturierung der übrigen Geschäftsbereiche zu stemmen.

Dass er trotzdem gehen musste, noch bevor ein Nachfolger bereitstand, zeigt, unter welchem Druck Aufsichtsratschefin Merz bei der Personalentscheidung stand – und auch als Vorstandschefin immer noch steht. „Wir befinden uns nach wie vor auf rauer See“, sagte nun Merz den Mitarbeitern. „Ich weiß, dass Sie das seit einiger Zeit immer wieder hören. Aber das ist leider die Realität.“

Vor seinem Rauswurf soll er sich mit Großaktionär Cevian angelegt haben. Quelle: Reuters
Ex-Vorstandschef Guido Kerkhoff

Vor seinem Rauswurf soll er sich mit Großaktionär Cevian angelegt haben.

(Foto: Reuters)

Im Topmanagement hat der Personalabfluss bereits seinen Anfang genommen. Noch bevor der Umbau überhaupt begonnen hat, verlässt Spartenchef Marcel Fasswald das Unternehmen. Damit verliert Thyssen-Krupp den Chef seiner Anlagenbausparte, der den Posten gerade erst vor einem Jahr übernommen hatte. Der ehemalige SMS-Group-Manager sollte aus dem defizitären Geschäft eigentlich eine effiziente Einheit formen. Doch mit der geplanten Auflösung der Sparte ist sein Auftrag plötzlich Geschichte.

So ging es zuletzt vielen Führungskräften im Unternehmen. Wegen der vielen strategischen Volten hat der Konzern auf diese oder ähnliche Weise in den vergangenen Jahren viele Spartenchefs verschlissen. Oft fanden die sich hinterher auf prominenten Positionen in anderen Unternehmen wieder – allen voran der frühere Chef der Aufzugsparte, Andreas Schierenbeck, der heute den Energiekonzern Uniper führt.

Es stellt sich die entscheidende Frage: Wird der Plan von Merz aufgehen? Was wird aus Thyssen-Krupp?

Die Zukunft

Konzernkreisen zufolge läuft die Partnersuche für die Bereiche Zement, Chemie und Mining. Denkbar sei, das Geschäft mit einem Wettbewerber zu bündeln – langfristig dürfte sich Thyssen-Krupp aber von diesen Geschäften trennen. „Am Anfang mag es eine Partnerschaft sein, letztlich steht aber der Verkauf“, so drückt es ein Manager aus. Damit werde die Sparte weitgehend abgewickelt.

Ein ähnliches Schicksal dürfte den Komponentenbau treffen. Abgesehen von wenigen profitablen Töchtern wie dem Großwälzlagerhersteller Rothe Erde sollen fast alle Aktivitäten in neue Hände überführt werden. Auch hier könnten die Geschäfte, die Autokomponenten wie Lenksysteme, Federn und Dämpfer umfassen, erst in Partnerschaften eingebracht werden, um dann in einem zweiten Schritt komplett verkauft zu werden. „Als Vorstand wollen wir jetzt die Umsetzungsgeschwindigkeit erhöhen und die Qualität der Umsetzung verbessern“, erklärte Merz. „Ich möchte nichts beschönigen. Es wird zu Einschnitten kommen.“

Bleibt der Stahl. Das Geschäft wird auf Zukäufe angewiesen sein. Denn in den vergangenen Jahren ist Thyssen-Krupp von einem der größten Stahlhersteller der Welt zur Mittelklasse abgerutscht. Das Feld führen heute vor allem Hersteller aus Asien an – allen voran der britisch-luxemburgische Gigant Arcelor-Mittal, der fast fünfmal so viel Stahl kocht wie Thyssen-Krupp.

Vorstandschef Guido Kerkhoff wollte einst das Werkstoffgeschäft vor allem durch zwei Akquisitionen stärken: einerseits die des Stahlhändlers Klöckner, der mit dem Werkstoffhandel der Essener zusammengehen sollte. Andererseits durch eine Fusion mit Salzgitter. Entstanden wäre so eine Deutsche Stahl AG.

Mit Klöckner hatte Kerkhoff bereits Gespräche geführt. Doch nach seinem Rauswurf sind die erst einmal geplatzt. Kurz nachdem der Manager seinen Posten verließ, beendete Klöckner die Fusionsgespräche. Grund dafür sei der plötzliche Personalwechsel gewesen, hieß es im Umfeld des Klöckner-Aufsichtsrats. Und so wird Thyssen-Krupp sein Kerngeschäft zunächst einmal allein weiterführen müssen. An Akquisitionen werde der Konzern in seiner Lage derzeit ohnehin nicht denken, mutmaßte nach dem Aus Klöckner-Chef Gisbert Rühl.

Die Alternative: aufgekauft zu werden. Der Abstieg aus dem Leitindex Dax vor wenigen Wochen gibt die Richtung vor, Thyssen-Krupp ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Unternehmen eines Tages einfach so verschwindet.

Mitarbeit: Andrea Rexer

Mehr zum Thema:

Startseite
Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Stahlkonzern - Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?

1 Kommentar zu "Stahlkonzern: Das Ende eines Riesen – Ist Thyssen-Krupp noch zu retten?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Gewerkschaft und die Linken haben ein so großes gutes Unternehmen vernichtet. Die maßlosen Forderungen aus dieser Ecke haben wesentlich dazu beigetragen. Sicher ein Untergangshinweis für ganz Deutschland, die Zeit des Wohllebens auf Kosten anderer ist endgültig vorbei. Deutschland verliert ein Unternehmen ohne Not, weil keiner der Beteiligten interessiert ist etwas für die arbeiteten Menschen zu tun (insbesondere der linken Ecke sind die Menschen völlig egal)

Serviceangebote