Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Stahlkonzern Thyssen-Krupp muss Börsen-Oberliga verlassen – Was der Dax-Abstieg mit Unternehmen macht

Nachdem sich der Aktienkurs innerhalb eines Jahres halbiert hat, läuft die Zeit des Ruhrkonzerns im Dax ab. Doch ein Abstieg in den MDax kann heilsam sein.
01.09.2019 - 13:55 Uhr Kommentieren
Der Stahlkonzern prägte die Industriegeschichte in NRW. Quelle: KIEN HOANG LE/The New York Times/Redux/laif
Krupp-Ofen in Dortmund

Der Stahlkonzern prägte die Industriegeschichte in NRW.

(Foto: KIEN HOANG LE/The New York Times/Redux/laif)

Düsseldorf In der Essener Villa Hügel zeugen die Ausstellungsstücke vom Glanz vergangener Tage. Fotos von Staatsbesuchen säumen die hohen, zum Teil holzvertäfelten Wände des früheren Stammsitzes der Familie Krupp.

Gerahmte Titelseiten alter Zeitungen und vergilbte Dokumente künden von den wichtigsten Stationen des einstigen Familienunternehmens: der Gründung im Jahr 1811, der drohenden Zerschlagung durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg und zum Schluss von der Fusion mit Thyssen, durch die 1999 der heutige Weltkonzern Thyssen-Krupp entstand.

Wenn am Mittwoch die Deutsche Börse die neue Zusammensetzung ihres wichtigsten Aktienindex bekannt gibt, wird die bewegte Geschichte des Ruhrkonzerns um ein Kapitel reicher. Dann endet nach gut 30 Jahren die Mitgliedschaft von Thyssen-Krupp im Dax, der Gruppe der 30 wichtigsten deutschen Börsenunternehmen.

Der Kursverlauf der vergangenen Monate beschreibt das Kapitel des Niedergangs. Um rund 50 Prozent brach die Marktkapitalisierung ein, seit Chefkontrolleur Ulrich Lehner und Vorstandschef Heinrich Hiesinger das Unternehmen im Sommer 2018 verlassen haben.

Maßgeblich für einen Dax-Abstieg ist einerseits die Börsenkapitalisierung des Unternehmens, andererseits das Volumen der gehandelten Aktien. Liegt ein Dax-Unternehmen in einem der beiden Kriterien im Vergleich mit anderen deutschen Börsenkonzernen hinter Platz 40 und erfüllt ein MDax-Konzern gleichzeitig die Aufstiegskriterien, steigt das Unternehmen ab. Schon vor zwei Wochen lag Thyssen-Krupp bei der Börsenkapitalisierung auf Platz 45 – und hat sich seither nicht erholt.

Prestige geht verloren

Vorstandschef Guido Kerkhoff bereitet sich gedanklich schon länger darauf vor, die erste Börsenliga zu verlassen. Bereits bei der Vorlage der Quartalszahlen vor wenigen Wochen sagte der Vorstandschef, die Zugehörigkeit zu einem Index gehöre angesichts der vielfältigen sonstigen Probleme des Konzerns derzeit nicht zu den Prioritäten des Managements. „Es geht nicht um Eitelkeiten“, hatte er zuvor mehrfach betont. Es gehe vielmehr darum, den Ruhrkonzern endlich wieder zukunftsfähig aufzustellen.

Dennoch geht mit der Dax-Mitgliedschaft auch ein Stück Prestige verloren – nicht nur für Thyssen-Krupp, sondern auch für die Region. „Das ist Ausdruck des Wandels in der Wirtschaft“, sagte etwa NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) dem Handelsblatt. „Digitale Unternehmen erreichen höhere Marktbewertungen als die traditionelle Industrie.“ Auch wenn dieser allgemeine Trend an den Finanzmärkten nicht die Tatsache schmälere, „dass Thyssen-Krupp eine starke Marke ist und die Chance hat, sich trotz mancher Herausforderung neu auszurichten und weiterzuentwickeln“, so der Politiker.

Thyssen-Krupps Abstieg aus dem Dax ist Ausdruck des Wandels in der Wirtschaft. Andreas Pinkwart, NRW-Wirtschaftsminister

In der Villa Hügel sieht man dem bevorstehenden Abstieg gelassen entgegen. Dort, wo früher die Krupp-Dynastie ihr Zuhause hatte, wacht heute die gemeinnützige Krupp-Stiftung über das Vermächtnis der Industriellenfamilie. Mit einem Anteil von 21 Prozent am Börsenkapital von nunmehr knapp sieben Milliarden Euro ist sie der wichtigste Aktionär. Auf Anfrage heißt es: „Für die Stiftung steht das Wohl des Unternehmens im Vordergrund – nicht, in welchem Index es gelistet ist.“

Und weiter: „Eine Leistungssteigerung ist dringend erforderlich.“ Es sei der Wille der Stiftung, dass das Unternehmen wettbewerbsfähig aufgestellt sei, „mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen und einer nachhaltigen Dividendenfähigkeit“.

Dass ein Abstieg aus dem Dax dabei sogar helfen kann, zeigt ein Blick in die Historie des Index. Denn nicht immer geht damit auch ein wirtschaftlicher Absturz des Unternehmens einher.

Von den 30 Gründungsmitgliedern, die bei der ersten Berechnung des Dax am 1. Juli 1988 vertreten waren, sind nach dem Ausscheiden von Thyssen-Krupp nur noch zwölf Mitglieder übrig – darunter die Allianz, BMW, Siemens und Volkswagen. Andere wie der frühere Papierhersteller Feldmühle Nobel oder der Industriekonzern Deutsche Babcock sind vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Dabei war der Dax in seinen ersten Jahren, bezogen auf seine Zusammensetzung, ein besonders stabiler Index. So gab es in den ersten sieben Jahren nur zwei Wechsel: Die Metallgesellschaft ersetzte Feldmühle Nobel, und Preussag kam für Nixdorf. Anschließend kamen und gingen die Unternehmen immer schneller. Zuletzt hatte mit der Commerzbank vor einem Jahr ebenfalls ein Dax-Konzern der ersten Stunde die Top-Börsenliga verlassen, der Zahlungsdienstleister Wirecard stieg dafür auf.

Es sind Wechsel mit Folgen. Die Dax-Mitgliedschaft bedeutet nicht nur Prestige samt höherer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und vor allem bei Anlegern. Die immer größer werdende ETF-Branche mit ihren passiv gemanagten Fonds ist gemäß ihrem Selbstverständnis gezwungen, in den Dax-Indexfonds die Aktien entsprechend ihrem Börsengewicht zu kaufen. Folglich müssen sie bei einem Abstieg verkaufen. ETF-Marktführer Blackrock ist mittlerweile größter Aktionär bei vielen Dax-Konzernen und hält rund fünf Prozent an allen 30 Dax-Konzernen.

Doch eine Auswertung der jüngsten zehn Absteiger – neben der Commerzbank traf es etwa Lanxess, Salzgitter, den Lkw-Hersteller MAN und Pro Sieben Sat 1 – zeigt: Kurzfristig, also in den drei Monaten nach Aufnahme im MDax, entwickelten sich die betroffenen Aktien im Schnitt ganz ähnlich wie der Gesamtmarkt. Langfristig dagegen reagieren die Notierungen, die dahinterstehenden Unternehmen und ihre Führungsspitze sehr unterschiedlich auf den Abstieg.

Bei der Commerzbank, die schon im Dax mehr als 90 Prozent an Wert verloren hatte, setzt sich der Niedergang fast ungebremst fort. Auch Pro Sieben Sat 1 verlor im MDax weiter an Wert. Anleger erkennen bei diesen Unternehmen offenbar weder im Dax noch im MDax ein zukunftsversprechendes Geschäftsmodell.

Abstieg hat auch Chancen

Dagegen hat Hannover Rück 370 Prozent an Wert gewonnen, seitdem das Finanzinstitut vor zehn Jahren durch Infineon im Dax ersetzt wurde. Der Rückversicherer fokussiert sich seit Jahren, so wie viele MDax-Unternehmen, auf wenige, dafür hochprofitable Geschäftssegmente. Mit dieser Strategie zählt die Firma zu den erfolgreichsten Titeln im MDax. Auch der abgestiegenen Eon-Abspaltung Uniper und der Bayer-Ausgliederung Lanxess bekommt die Neumitgliedschaft in der zweiten Börsenliga besser als die Notierung im großen Dax.          

Grafik

Bei Thyssen-Krupp ist indes noch offen, ob es gelingt, den Konzern langfristig profitabler zu machen. „In den letzten Jahren wurde das Geschäftsmodell nicht gegen konjunkturelle Schwächephasen wetterfest gemacht“, sagte etwa Ingo Speich, Leiter Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka, dem Handelsblatt. „Der Abstieg zeigt den Vertrauensverlust der Investoren und die mangelnde Transformationsfähigkeit des Unternehmens.“

Vorstandschef Kerkhoff will den Konzern nach der geplatzten Stahlfusion mit Tata Steel Europe nun auf das Geschäft mit Werkstoffen ausrichten und führt dazu derzeit Fusionsgespräche mit dem Duisburger Stahlhandelskonkurrenten Klöckner. Die profitable Aufzugssparte soll verkauft werden, um die Expansion im Kerngeschäft zu finanzieren. Kommen die Aufzüge allein an die Börse, hätte die Firma sogar eine Chance auf einen Einstieg in den Dax: Analysten schätzen den Wert der Sparte auf bis zu 17 Milliarden Euro – und damit deutlich über dem Börsenwert der jetzigen Aufstiegskandidaten MTU und Deutsche Wohnen.

Comeback gelingt selten

Doch nur wenigen Unternehmen wie dem Halbleiterhersteller Infineon gelang bislang der Wiederaufstieg in den Dax. Der Autozulieferer Continental schaffte dies als einziges Unternehmen gleich zweimal. Lang ist hingegen die Liste derjenigen, die am Comeback scheiterten – wie der Handelskonzern Metro oder der Chemiehersteller Lanxess.

Als Metro den Dax 2012 für Lanxess verlassen musste, sprach Konzernchef Olaf Koch damals von einer „schmerzhaften Entscheidung“ – und nahm sich vor, „umgehend“ das Vertrauen der Kapitalmärkte zurückzugewinnen. Der Manager sah durchaus die Chance, eines Tages wieder in die Riege der deutschen Top-30-Börsenwerte zurückzukehren. Nach der Abspaltung von Ceconomy musste Metro kurzzeitig allerdings sogar den MDax verlassen, wurde aber nach wenigen Wochen wieder aufgenommen. Koch unterstrich damals aber auch, dass das Unternehmen selbst mit einer MDax-Notierung einen größeren Investorenkreis erschließen könne, etwa Indexfonds.

Auch der Aufenthalt von Metros damaligem Nachfolger Lanxess im Dax war nur von kurzer Dauer. Bei der Aufnahme in den Index sprach der damalige CEO Axel Heitmann noch von einem „stolzen Augenblick“. Doch wenig später schlitterte der Konzern in die Krise. Heitmann hatte Lanxess voll auf den Ausbau des Geschäfts mit Kautschuk gelenkt, der vor allem für Autoreifen gebraucht wird. Der Preiskampf in dem harten Massengeschäft trieb das Unternehmen in die roten Zahlen.

Drei Jahre später, im September 2015, war der Ausflug in den Dax-30 schon wieder vorbei. Es war ein Tag, der dem 2014 angetretenen Lanxess-Chef Mattias Zachert einen kleinen Stich versetzte, wie er sagt. „Das ist natürlich auch ein emotionaler Moment“, bemerkte er damals im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Aber für uns ist es viel wichtiger, dass wir unsere Neuausrichtung schaffen — egal in welchem Index.“

Tatsächlich hat sich für Lanxess der Abstieg in der Börsenbewertung nicht bemerkbar gemacht. Vielmehr sprang der Kurs auf alte Höhen von 2012, als Lanxess im Jahr 2016 die Krise für beendet erklärte und wieder auf Wachstum schaltete. Im Konzern heißt es, der Abstieg aus dem Dax habe keine Spuren hinterlassen.

Die Investor-Relations-Manager von Lanxess haben eigenen Angaben zufolge keine abruptes Desinteresse an der Aktie oder eine spürbare Veränderung in der Aktionärsbasis festgestellt. Für Zachert war es ohnehin nie erklärtes Ziel, im Dax-30 notiert zu sein: „Wir fühlen uns im MDax sehr wohl“, sagt er.

Mehr: Konzernchef Kerkhoff will die fünf Geschäftsbereiche des Industriekonglomerats in zwei Unternehmen zerlegen. Das ist nicht seine einzige Baustelle, zeigt der Handelsblatt-Bilanzcheck.

Startseite
Mehr zu: Stahlkonzern - Thyssen-Krupp muss Börsen-Oberliga verlassen – Was der Dax-Abstieg mit Unternehmen macht
0 Kommentare zu "Stahlkonzern: Thyssen-Krupp muss Börsen-Oberliga verlassen – Was der Dax-Abstieg mit Unternehmen macht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%