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Stahlkonzern US-Hedgefonds Elliott attackiert Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger

Nach seinem Einstieg bei Thyssen-Krupp übt der Investor Kritik an der „aufgeblasenen Konzernzentrale“ der Essener. Wird es für Konzernchef Hiesinger nun eng?
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Der Hedgefonds konzentriert sich zunehmend auf Europa. Quelle: Ethan Hill/Redux/Redux/laif
Paul Singer

Der Hedgefonds konzentriert sich zunehmend auf Europa.

(Foto: Ethan Hill/Redux/Redux/laif)

New York, DüsseldorfUniper, Stada, Medion, Gea – die Liste der deutschen Beteiligungen von Elliott ist lang. Vor wenigen Tagen stieg der für seine harten Bandagen bekannte US-Hedgefonds auch beim Dax-Konzern Thyssen-Krupp ein. „Vorstandschef Heinrich Hiesinger stellt sich seit sieben Jahren nicht den wichtigen Herausforderungen“, kritisiert ein hochrangiger Fondsmanager von Elliott, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wenn die deutsche Fußballmannschaft so lange kein Spiel mehr gewonnen hätte, wäre dann noch der gleiche Trainer im Amt?“

Die Kritik an Hiesinger ist scharf. In der „aufgeblasenen Konzernzentrale“ würden zu viele Leute sitzen, die „nicht nur viel Geld kosten, sondern auch die Entscheidungen in den einzelnen Geschäftsbereichen behindern“. Im Moment gibt es im Unternehmen die Sparten Stahl, Aufzüge, Automobilteile, Anlagen und Werkstoffhandel. Gesteuert werden sie von der Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen.

Könnte jetzt Hiesinger das gleiche Schicksal wie Klaus Kleinfeld ereilen? Elliott hatte dem ehemaligen Chef des amerikanischen Metallverarbeiters Arconic den schicken Konzernsitz in New York und eine aufwendige Werbekampagne vorgehalten und ihm vorgeworfen, er habe die Kosten nicht ausreichend unter Kontrolle und zu teure Übernahmen getätigt. Allerdings: Ein Jahr nach dem Rauswurf von Kleinfeld notiert die Aktie von Arconic weit unter dem Niveau während seiner Amtszeit.

Es könnte trotzdem eng für Hiesinger werden. Zwar lagerte der Topmanager das Amerikageschäft aus, das ihm seine Vorgänger als Milliardengrab hinterlassen hatten, und baute massiv Schulden ab. Aber der Konzern verdient seit Jahren die Kapitalkosten nicht mehr, in Hiesingers Amtszeit stagnierte die Aktie.

Mit Elliott bekommt Hiesinger einen großen Gegner

In den kommenden Tagen will der Vorstandschef dem Aufsichtsrat ein Konzept für das Stahl-Joint-Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata zur Abstimmung vorlegen. Doch nun muss sich der Manager erst einmal mit Elliott beschäftigen. „Hiesinger hat den Konzern erfolgreich durch einen umfassenden Veränderungsprozess geführt“, sagte ein Sprecher von Thyssen-Krupp in Anspielung auf den Fußballvergleich von Elliott.

„Damit hat er ganz schön viele Spiele gewonnen: Brasilienabenteuer beendet, neun Milliarden Euro Abschreibungen verkraftet, mehr als acht Milliarden Euro investiert und ganz nebenbei das Ebit in den vergangenen sieben Jahren auf 1,9 Milliarden Euro versechsfacht.“

Eins steht fest: Hiesinger hat einen großen Gegner. Mit Geduld, Geschick und Gier gehört Elliott mit zu den erfolgreichsten Aktionärsaktivisten. Satte 35 Milliarden Dollar verwaltet Elliott mit Sitz in New York, stark steigende Tendenz. Allein im vergangenen Jahr sammelte der Fonds in nur 24 Stunden fünf Milliarden Dollar ein. Je mehr Geld Elliott erhält, desto mehr strömt nach Deutschland, Italien oder in die Niederlande.

Der Manager habe den Konzern „erfolgreich durch umfassenden Veränderungsprozess geführt“, heißt es aus der Konzernzentrale. Quelle: Dirk Hoppe für Handelsblatt
Heinrich Hiesinger

Der Manager habe den Konzern „erfolgreich durch umfassenden Veränderungsprozess geführt“, heißt es aus der Konzernzentrale.

(Foto: Dirk Hoppe für Handelsblatt)

Laut Elliott verteilt sich das Kapital im langfristigen Durchschnitt zu 60 Prozent auf Nordamerika, zu 30 Prozent auf Europa und zu zehn Prozent auf Asien. Die Investoren werden weiter ihr Geld bei Elliott unterbringen wollen: Seit Gründung 1977 erzielte Elliott im Schnitt ein Plus von jährlich 13,3 Prozent, in der gleichen Zeit schaffte der S&P 500 nur 11,3 Prozent.

Die Folge: Elliott wird in Europa immer aktiver. Das kann man schon an einer Personalie erkennen: Die Geschäfte in London führt Gordon Singer, der Sohn des Gründers. Der Mittvierziger lebt zurückgezogen in der britischen Hauptstadt, Fotos gibt es wenige. In London steht eines der weltweit drei Büros von Elliott, in dem rund 90 der insgesamt ungefähr 440 Mitarbeiter arbeiten. Von dort aus überwachen sie von Akzo Nobel in Holland über Medion in Deutschland bis zur Telekom Italia ihre weitverzweigten Investments in Europa.

Paul Singers Markenzeichen: keine Angst vor Konfrontation

Unumstrittenes Sagen im Haus hat Paul Singer. Seine Markenzeichen: langer Atem, viel Detailarbeit und keine Angst vor Konfrontation. „Wir steigen da ein, wo wir Einfluss nehmen können und nicht davon abhängig sind, dass die Märkte sich in eine bestimmte Richtung entwickeln“, erläuterte der heute 73-Jährige dem Handelsblatt 2016 in einem seiner seltenen Interviews die Strategie seiner Investments. „Und manchmal“, sagte Singer weiter, „funktionieren sie nur, wenn man bereit ist, für seine Rechte vor Gericht einzustehen.“

 Erst vor wenigen Tagen gewann der Hedgefonds die Kontrolle über den Verwaltungsrat von Telekom Italia, mithilfe von anderen Großaktionären wie Index- oder Pensionsfonds. „Das ist ein Wendepunkt in Europa“, sagte Jim Rossman, Managing Director der Investmentbank Lazard.

Auch Elliott sieht in den vergangenen fünf bis zehn Jahren eine „Evolution in Europa“ zu mehr Aktivismus, vor allem hierzulande. „Kulturell liegt Deutschland viel näher an den USA oder England als am restlichen Europa“, so der Elliott-Manager, der ungenannt bleiben möchte. „Die Regierung will nicht im Markt intervenieren, es herrscht eine Bereitschaft, die Aktionärsstimme zu hören.“ Aktivistische Investoren wie Elliott halte er durchaus für ein Korrektiv, sagt Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Bei Thyssen-Krupp könnte Elliott gemeinsame Sachen mit dem Finanzinvestor Cevian machen, der derzeit 18 Prozent an Thyssen-Krupp hält. Gründer Lars Förberg drängt schon länger darauf, den Ruhrkonzern zu entflechten: Unabhängiger sollen die fünf Geschäftsbereiche werden, selbst ein Verkauf von Sparten solle diskutiert werden. Sein Kalkül: Die Summe des Konzerns sei weniger wert als ihre Einzelteile. „Wir arbeiten nicht mit Cevian zusammen“, sagt der Elliott-Portfoliomanager, „aber wenn sie mit unseren Ansichten übereinstimmen, sind wir zufrieden.“

Manager und Arbeitnehmer leisten Widerstand

Widerstand kommt vom Management und den Arbeitnehmern, deren Vertreter zehn von 20 Mitgliedern im Aufsichtsrat stellen. Zu ihnen hält auch die Krupp-Stiftung, der mit rund 21 Prozent größte Aktionär. Sie könnte ihre dominierende Position an die Aktivisten verlieren. Elliott kaufte bislang weniger als drei Prozent. In der Regel erwirbt der Fonds aber bis zu zehn Prozent. „Kein Kommentar“, heißt es dazu von Elliott.

Kommen Cevian und Elliott gemeinsam über einen Anteil von 25 Prozent, besitzen sie eine Sperrminorität: Sie können bestimmte Beschlüsse auf der Hauptversammlung blockieren – etwa die Abberufung eines Aufsichtsrats oder eine Kapitalerhöhung. Ebenso könnten sie eine Fusion blockieren, beispielsweise die der europäischen Stahlsparten von Thyssen-Krupp und Tata. Dass die Krupp-Stiftung einspringt und ihre Anteile erhöht, gilt als unwahrscheinlich: Schon bei den vergangenen Kapitalerhöhungen musste die Stiftung aussetzen.

Die Fäden im Europageschäft werden in London gezogen. Gordon Singer ist Büroleiter, ihm zur Seite stehen Mark Levine und Franck Tuil. Sie sind die Chefs der rund 90 Mitarbeiter, von denen rund die Hälfte Analysten, Portfoliomanager und andere Investmentprofis sind. Die Hierarchien sind extrem flach, selbst gerade eingestellte Juniormanager können dem aus New York regelmäßig zugeschalteten Paul Singer Investmentideen vortragen.

Die Investitionen gehen querbeet: Arbitrage mit Wandelschuldverschreibungen, Investments in angeschlagene Unternehmen, Aktien- und Zinsarbitrage oder die Engagements als aktivistische Aktionäre. Entschließt sich Elliott zum Einstieg, formt sich ein kleines Team. In der Regel sind das der Portfoliomanager gemeinsam mit einem Assistenten und einem Analysten.

Bei Unternehmen gilt Elliott als ruppig und fordernd

In Deutschland ist Elliott schon lange aktiv. Beim Verkauf 2003 von Wella an Procter & Gamble setzte Elliott nach jahrelangen Prozessen einen höheren Kaufpreis durch. Im Herbst 2013 wollte das Duisburger Familienunternehmen Haniel den Pharmahändler Celesio an den Konkurrenten McKesson für 6,2 Milliarden Euro verkaufen. Das hochverschuldete Familienunternehmen Haniel wollte sich neuen Geschäftsfeldern widmen, Celesio an der Seite eines passenden Partners wachsen, McKesson neue Märkte erschließen.

Aber McKesson hatte seine Rechnung ohne Elliott gemacht. Als sich die Übernahme abzeichnete, deckte sich der Finanzinvestor mit Celesio-Aktien im Wert von knapp einer Milliarde Euro ein. McKesson verfehlte dadurch zunächst die angestrebte Schwelle von 75 Prozent, zwischenzeitlich drohte die Übernahme zu platzen. Die Amerikaner wähnten sich offenbar in trügerischer Sicherheit: „Elliott tritt im amerikanischen Markt nicht so aggressiv auf wie in Europa“, soll Haniel-CEO Stephan Gemkow damals in interner Runde gemahnt haben. McKesson habe die Situation nach dem Einstieg Elliotts unterschätzt. Nur bei Celesios bisherigem Mehrheitsaktionär Haniel erkannte man die Gefahr – und rettete als Zwischenhändler den Deal.

Beteiligte, die das alles mitgemacht haben, regen sich über Elliott als Archetyp des Heuschrecken-Kapitalisten oder schlicht Krawallmacher auf. Für Elliotts Geschäftsgebaren haben sie vor allem eines übrig: Verachtung. „Ihre Art ist sehr ruppig und fordernd“, heißt es in Kreisen von Haniel. „Das haben wir bei keinem anderen Investor jemals so erlebt.“

Auch im Umfeld von Vodafone, das bei Kabel Deutschland ins Gehege mit Elliott kam, ist man nicht gut auf die Amerikaner zu sprechen: „Elliott nutzt juristische Schlupflöcher aus. Das ist alles legal, aber selten im Sinne der beteiligten Unternehmen.“ Noch immer laufen zwei Verfahren rund um die 2013 erfolgt Kabel-Deutschland-Übernahme. „Im Grunde geht es Elliott immer nur um eins“, resümiert ein Beteiligter: „dass der Vorstand die Nerven verliert und einen großen Scheck schreibt.“

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1 Kommentar zu "Stahlkonzern: US-Hedgefonds Elliott attackiert Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger"

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  • Elliott sollte eigentlich "aufgeblasene Konzernzentralen" kennen: Die findet man vornehmlich in Amerika!