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Stahlriese in der Krise Poker um Aufzugsparte: Kone fürchtete Insolvenz von Thyssen-Krupp

Rivale Kone zieht sein Gebot für die Aufzugsparte zurück, weil die Finnen Zweifel an der finanziellen Stabilität des Ruhrkonzerns haben. Die Lage spitzt sich zu.
18.02.2020 - 17:43 Uhr Kommentieren
Die Zukunft des Stahlriesen Thyssen-Krupp scheint ungewiss. Quelle: ThyssenKrupp Steel Europe
Aufwärts oder abwärts?

Die Zukunft des Stahlriesen Thyssen-Krupp scheint ungewiss.

(Foto: ThyssenKrupp Steel Europe)

Düsseldorf, Berlin Die Historie von Thyssen und Krupp ist voll von hochtrabenden Worten. „Deutschlands Kanonenkönige“ waren sie, Stahlgiganten und Unternehmen, die sich besonders um ihre Mitarbeiter gekümmert haben. Das ist Geschichte – heute kämpft der verschmolzene Thyssen-Konzern AG gegen den drohenden Absturz. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich am Verkaufsprozess für die Aufzugsparte Elevator.

Weil die Zeit drängt, muss der Ruhrkonzern den rentablen Bereich schnellstmöglich an Finanzinvestoren losschlagen. Ausgeschlagen wird dafür eine deutlich höhere Offerte des Wettbewerbers Kone. Thyssen-Krupp entgehen damit laut Branchenkreisen rund 1,5 Milliarden Euro.

Das stolze Unternehmen steckt nach Fehlinvestitionen, Missmanagement und überhasteten Chefwechseln selbst verschuldet in einer tiefen Krise. Inmitten dieses Sturms steht Martina Merz, die seit Oktober für die Frist von einem Jahr den Vorstandsvorsitz übernommen hat. Früher war die Managerin nach eigenem Bekunden für Problemtöchter von Bosch zuständig. Im Vergleich zu Thyssen-Krupp sind die Firmen nicht nur kleiner, mit Bosch hatten sie auch einen solventen Eigentümer hinter sich.

Bei dem Essener Industriekonzern sind die Kassen leer. Thyssen-Krupp bleibt kaum mehr als der Verkauf seiner wichtigsten Einheit. „Uns war immer klar, dass wir Elevator in einem solchen Moment würden abgeben müssen“, sagte eine hochrangige Führungskraft dem Handelsblatt. Seit einigen Monaten nun müht sich das Management, einen Käufer zu finden.

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    Die Zahl der Interessenten war von Beginn an groß. Die Sparte gehört nach Otis, Kone und Schindler zu den weltweit führenden Anbietern von Aufzügen. Mit seinen soliden Einnahmen aus dem Wartungsgeschäft ist Elevator selbst in Krisenzeiten rentabel. Mehrere Finanzinvestoren sowie einige Wettbewerber reichten Angebote ein. Insbesondere Kone wollte den Zuschlag erhalten. Einige Male besserten die Finnen ihr Angebot nach, auch um mögliche Kartellbedenken zu zerstreuen.

    Letztlich platzierte Kone-Chef Henrik Ehrnrooth eine Offerte von knapp 17 Milliarden Euro inklusive einer üppigen Vorabzahlung für die Thyssen-Krupp-Sparte. Um rund 1,5 Milliarden Euro lag diese nun über denen der Finanzinvestoren. 

    Dass es nun nicht dazu kommen wird, lag offenbar an Zweifeln an der Zukunft von Thyssen-Krupp seitens Kone. „Wir haben uns zurückgezogen, weil wir nicht sicher sein konnten, dass unsere Vorauszahlung auch sicher sein wird“, sagte Ehrnrooth dem Handelsblatt.

    „Nachdem Moody’s Thyssen-Krupp herabgestuft hatte, war das Risiko einer Insolvenz einfach zu groß geworden.“ Wettbewerbsrechtlichen Bedenken trat Ehrnrooth dabei erneut entgegen. „Die kartellrechtlichen Hürden hätten wir überwunden, da der Markt fragmentiert ist“, sagte der Manager.

    Die Kreditwürdigkeit sinkt

    Die Ratingagentur Moody’s bewertet die Anleihen des Ruhrkonzerns seit Montag als „hochspekulativ“, nachdem der Schuldenberg des Ruhrkonzerns im ersten Quartal dramatisch gestiegen ist. Die Bewertung wirft ein Schlaglicht auf die desolate Finanzlage von Thyssen-Krupp. Mit Schulden in Höhe von mehr als 7,1 Milliarden Euro ist das Gearing – also das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital – auf bedrohliche 370 Prozent gestiegen.

    Gleichzeitig steigen wegen der anhaltend niedrigen Zinsen auch die milliardenschweren Pensionsverpflichtungen, die zuletzt bei knapp neun Milliarden Euro lagen. Und zu allem Überfluss verliert der Konzern operativ laufend Geld – allein im vergangenen Quartal waren es 370 Millionen Euro. Vorstandschefin Merz ist gefragt, um diesen finanziellen Abfluss zu stoppen.

    Wichtige Investitionen in das bestehende Geschäft mit Anlagen, Komponenten und Stahl könnte die Gesellschaft nicht mehr aus eigener Kraft stemmen. „Thyssen-Krupp verfügt per Ende Dezember über eine Liquidität von 5,1 Milliarden Euro, die sich aus liquiden Mitteln und freien, fest zugesagten Kreditlinien zusammensetzt. Durch die anstehende Elevator-Transaktion erwarten wir zudem einen erheblichen Mittelzufluss und eine Eigenkapitalstärkung“, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit.

    In Unternehmenskreisen hieß es allerdings, die Finnen seien ausgestiegen, weil Thyssen-Krupp der Forderung nach einem Gutachten über die Finanzkraft des Konzerns nicht nachgekommen sei. Die Wende soll der Elevator-Verkauf bringen. Zwei Konsortien von Finanzinvestoren sind verblieben, mit denen die Mannschaft um Merz die Verhandlungen zu einem Ende bringen will. 

    „Der Einschnitt ist schmerzhaft, aber er macht Thyssen-Krupp wieder manövrierfähig“

    Mit dem Verkauf will Merz Thyssen-Krupp bilanziell sanieren. In Konzernkreisen hieß es, ein großer Teil der erwarteten Erlöse von bis zu 16 Milliarden Euro dürfte für die Senkung der Schulden sowie die Deckung der Pensionsverpflichtungen draufgehen. Bei der Hauptversammlung hatte der Vorstand angekündigt, alles darüber hinaus in die verbleibenden Geschäfte zu investieren – sofern sich hier langfristig rentable Optionen ergeben.

    Stück für Stück sortiert Merz Bereiche aus, in denen sie keinen Spielraum für Verbesserungen sieht. Dazu zählt etwa der Anlagenbau, der verkauft werden soll, wobei potenzielle Interessenten bereits angeschrieben wurden. Teile der Autozuliefersparte dürfte ein ähnliches Schicksal treffen. Findet sich kein Käufer, ist fraglich, wie lange Thyssen-Krupp angesichts der fortlaufenden Verluste noch an den Geschäften festhalten kann.

    Im Fall der defizitären Grobblech-Produktion hat sich der Vorstand um den neuen Stahlchef Bernhard Osburg bereits entschieden: Noch bis zum Juni läuft die Frist, innerhalb derer nach einem Abnehmer für das lange vernachlässigte Geschäft gesucht wird. Gibt es keinen, wird das Werk in Duisburg-Hüttenheim geschlossen. 800 Arbeitsplätze sind davon betroffen. Für den Betriebsrat galt eine Schließung des Bereichs bislang als rote Linie.

    Dass sich ein Käufer findet, scheint unwahrscheinlich. Im Umfeld potenzieller Interessenten war zuletzt zu hören, dass sich die Attraktivität des Geschäfts eher in Grenzen hält. So seien Investitionen seit Jahren verschleppt worden. Größtenteils stammten die Anlagen noch aus den sechziger Jahren, weshalb ein Käufer wohl erst einmal viel Geld in die Hand nehmen müsste, um die Produktion wieder wettbewerbsfähig zu machen.

    Größerer Personalabbau zu erwarten

    Die bevorstehende Schließung des Grobblech-Werks dürfte nicht die letzte Zumutung sein, die der geplante Radikalumbau von Thyssen-Krupp für die Arbeitnehmer bereithält. Zwar ist mit dem Ausstieg von Kone das wohl bedrohlichste Szenario für die IG Metall vom Tisch, da im Falle einer Fusion der beiden Rivalen wohl Tausende Arbeitsplätze den geplanten Synergien zum Opfer gefallen wären. Doch ist noch unklar, ob es im übrigen Konzern bei dem geplanten Abbau von rund 6 800 Stellen bleibt. Oder ob der Kahlschlag nicht doch viel heftiger ausfällt als bislang angekündigt.

    So rechnete etwa Carsten Riek, Analyst bei der Schweizer Großbank Credit Suisse, vor einigen Wochen vor, dass allein im Anlagenbau und der Automobilzulieferung schlimmstenfalls bis zu 21 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, sollte sich kein Interessent für die defizitären Geschäfte finden. Die Kosten für entsprechende Personalmaßnahmen beziffert er auf rund zwei Milliarden Euro, die als zusätzliche Belastung auf den ohnehin schon finanzschwachen Konzern zukommen könnten.

    Spätestens im Mai will Vorstandschefin Martina Merz bekannt geben, wie sie sich die Zukunft des Industriekonzerns vorstellt. Klar ist bislang, dass sich Thyssen-Krupp auf die Werkstoffgeschäfte, also den Stahl und den Materialhandel, fokussieren will. Finanzchef Johannes Dietsch erklärte vor wenigen Tagen in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, etwa 80 Prozent der geplanten Umbaumaßnahmen seien bereits konkretisiert.

    Angesichts der schweren Schieflage können sich die verbleibenden Sparten allerdings nicht darauf einstellen, dass allzu viel aus dem Verkauf von Thyssen-Krupp Elevator für Investitionen übrig bleibt. Schon länger betont Merz daher die Eigenverantwortung der einzelnen Sparten, die ihre Kapitalkosten selbst verdienen sollen. Davon aber sind viele von ihnen weit entfernt. 

    Grafik

    Diese Lücke zu schließen wird die Aufgabe für Merz’ Nachfolger sein. Denn im September will die für zwölf Monate in den Vorstand entsandte Interimschefin wieder auf ihren ursprünglichen Posten im Aufsichtsrat wechseln, für den sie sich bei der vergangenen Hauptversammlung wieder zur Wahl gestellt hatte.

    Trotz der noch zu erwartenden Hürden kommt der Plan des Vorstands bislang gut bei den Investoren an. So äußerte sich Christer Gardell, Mitgründer des schwedischen Investmentfonds Cevian, der rund 18 Prozent an Thyssen-Krupp hält, am Montag positiv über den geplanten Verkauf des Anlagenbaus.

    Auch die avisierte Konsolidierung in der Stahlindustrie sei „eine gute Idee“, sagte der Investor der Nachrichtenagentur Bloomberg. In Branchenkreisen wird der niedersächsische Konkurrent Salzgitter seit Jahren immer wieder als möglicher Fusionspartner genannt.

    Nach dem Verkauf der Aufzugsparte rechnet Gardell mit einem deutlichen Kursanstieg. „Wenn es ein Gebot mit einem sehr bedeutenden Baranteil auf dem in den Medien genannten Niveau gibt, könnte sich der Aktienkurs meiner Meinung nach weit über einen Anstieg von 20 Prozent hinaus bewegen“, so der Großaktionär. In der Vergangenheit hatte der Fonds bereits eine Sonderdividende gefordert, war aber wieder davon abgerückt, nachdem die nordrhein-westfälische Landesregierung vor einigen Monaten Einspruch erhoben hatte.

    In den nächsten Tagen will der Vorstand entscheiden, wer von den verbleibenden Bietern den Zuschlag bekommt. Im Rennen sind nach wie vor zwei Konsortien von Finanzinvestoren, die von Blackstone, Carlyle und dem Canadian Pension Plan Investment Board auf der einen sowie Advent und Cinven auf der anderen Seite angeführt werden. Die Gebote bewegen sich Finanzkreisen zufolge zwischen 15 und 16 Milliarden Euro, wobei das Konsortium um Blackstone bislang vorn liegen soll.

    Bis zur Aufsichtsratssitzung am 27. Februar könnte die Entscheidung über den Verkauf fallen. Vorher müssen die verbleibenden Interessenten auch mit der IG Metall verhandeln, die ein Mitspracherecht bei der Transaktion genießt. NRW-Bezirksleiter Knut Giesler pochte am Dienstag erneut auf eine langfristige Sicherung der Beschäftigung und aller Standorte.

    Mehr: Mit dem Verkauf der Aufzugsparte setzt Thyssen-Krupp auf Sicherheit. Auch das ist riskant.

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