Stefan Bratzel Autoexperte kritisiert Vorgehen bei neuen Abgastests

Der Autoexperte Stefan Bratzel gibt den Herstellern recht, die beklagen, der Verbrauchsstandard WLTP sei überstürzt eingeführt worden.
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„Die Umsetzung von WLTP erweist sich am Ende als viel aufwendiger als ursprünglich von der Politik gedacht.“ Quelle: PR
Stefan Bratzel

„Die Umsetzung von WLTP erweist sich am Ende als viel aufwendiger als ursprünglich von der Politik gedacht.“

(Foto: PR)

DüsseldorfDas neue WLTP-Zulassungsverfahren stellt die Autoindustrie vor große Probleme, konstatiert Stefan Bratzel, Professor und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Herr Bratzel, um zu messen, wie viel Kraftstoff ein Auto verbraucht und ob es die Abgasgrenzwerte einhält, schreibt der Gesetzgeber genormte Prüfverfahren vor. Von September an dürfen EU-weit nur noch Autos zugelassen werden, die den neuen WLTP-Test durchlaufen haben. Viele Hersteller beklagen die kurze Vorlaufzeit vor der Einführung. Wie konnte es dazu kommen?
Ich würde schon sagen, dass die Dieselkrise dafür letztlich der Auslöser gewesen ist. Vieles wird heute schneller gemacht, als es ursprünglich einmal angedacht war. Man kann sogar von einer gewissen Tragik im Zusammenhang mit dem WLTP-Verfahren sprechen.

Das müssen Sie erklären.
Die Umsetzung von WLTP erweist sich am Ende als viel aufwendiger als ursprünglich von der Politik gedacht. Die Politik, im Fall WLTP also die EU-Kommission, ist unter Druck. Sie will sich nicht dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie unternehme zu wenig und werde über den Tisch gezogen. Beim Diesel ist die Sache schon nach hinten losgegangen.

Sie geben der Industrie also recht, WLTP sei überstürzt eingeführt worden und die Politik schuld an den Lieferengpässen?
Das kann man so sehen: Die Industrie nimmt die Autos doch nicht aus masochistischen Gründen aus der Produktion, sondern weil sie einfach keinen anderen Ausweg sieht. Jeder will doch, dass am Ende ausreichend Fahrzeuge aus den Fabriken kommen.

Was hat die EU-Kommission angetrieben?
Die Automobilindustrie leidet unter einem Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Mit dem WLTP-Verfahren soll wieder neues Vertrauen hergestellt werden.

Könnte die EU der Branche noch irgendwie helfen?
Die EU-Kommission könnte der Autoindustrie rein theoretisch noch eine zusätzliche Übergangszeit von vielleicht sechs Monaten einräumen. Allerdings glaube ich, dass es dafür jetzt zu spät ist. Der Zug lässt sich nicht mehr anhalten.

Lässt sich daraus etwas lernen?
Politik und Industrie sollten einen Strich unter die Sache machen und einen Neuanfang versuchen. Um eben wieder mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu schaffen. Man muss sich wechselseitig aufeinander verlassen können.

Und wie soll dieser Neuanfang gelingen?
Vielleicht schon bei den neuen Kohlendioxid-Grenzen, über die jetzt diskutiert wird und die voraussichtlich nach 2025 gelten sollen. Die aktuellen Vorschläge sind noch nicht richtig durchdacht. Bei einer Umsetzung könnte die Industrie noch stärker dazu gezwungen werden, den Verbrennungsmotor zurückzufahren. Das hätte industriepolitische Konsequenzen, die doch eigentlich niemand will.

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