Steffen Hoffmann Bosch bleibt trotz Brexit in Großbritannien – Chef der britischen Tochter „bedauert Entscheidung der Briten sehr“

Der Chef der britischen Bosch-Tochter erklärt, welche Probleme der Brexit für den Autozulieferer mit sich bringt, hält aber fest: Bosch wird Großbritannien deshalb nicht verlassen.
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Der 52-Jährige leitet die britische Bosch-Tochter seit drei Jahren.
Steffen Hoffmann

Der 52-Jährige leitet die britische Bosch-Tochter seit drei Jahren.

DenhamSeit 1898 ist Bosch in Großbritannien tätig und hat seitdem unzählige Autoteile, Heizungen und Waschmaschinen verkauft. Auch die Hydraulikantriebe für die Londoner Tower Bridge stammen vom deutschen Konzern. Der Brexit macht deswegen auch Bosch Probleme. Im Örtchen Denham, rund 25 Kilometer südwestlich von London, äußert sich der Chef der britischen Tochter, Steffen Hoffmann, im Gespräch mit dem Handelsblatt zu den Folgen des geplanten EU-Austritts.

Herr Hoffmann, auch in Großbritannien ist Bosch stark als Zulieferer für die Automobilbranche aktiv. Es heißt immer, dass die Autobranche von dem bevorstehenden Brexit besonders heftig betroffen sein wird. Wie sehr fürchten Sie den Austritt aus der EU?
Wenn Großbritannien aus der Zollunion und dem Europäischen Binnenmarkt austritt und keine Lösung vereinbart wird, welche vergleichbare Bedingungen für den Handel vorsieht, wird das unweigerlich Folgen für die Wirtschaft haben – und damit auch für Bosch. Wir respektieren die Entscheidung der Briten natürlich, bedauern sie aber sehr.

Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie denn?
In Jahrzehnten wurden eng verzahnte Lieferketten zwischen dem Kontinent und Großbritannien aufgebaut – nicht nur, aber vor allem in der Automobilindustrie. Die meisten Unternehmen verarbeiten Produkte nach Anlieferung sofort, also just in time. Wenn man zwei unterschiedliche Zoll- und Regulierungsgebiete hat, muss es dazwischen Warenkontrollen geben. Das kann zu Störungen in den Abläufen führen – und das kostet Zeit und Geld.

Einige Automobilhersteller haben berichtet, dass sie lediglich Bauteile für gut eine Stunde Produktion vorhalten. Wenn dann kein Nachschub kommt oder sich die Anlieferung verzögert, müssen sie die Bänder abstellen. Ist das auch für Bosch ein Problem?
Wir fertigen unsere Produkte für die Automobilindustrie nicht in Großbritannien, daher sind wir in diesem Bereich nicht davon betroffen.

Also gehen Sie davon aus, dass Bosch die größten Probleme durch die Zölle haben wird?
Eine interne Arbeitsgruppe beschäftigt sich schon seit Längerem mit den möglichen Folgen des Brexits aus der Perspektive unterschiedlicher Themen. Bei den meisten Bereichen, wie etwa bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit, ist offen, wie die Regeln in Zukunft aussehen werden. Lediglich beim Thema Handel und Zölle können wir mit Sicherheit sagen, was bei einem No-Deal-Szenario passiert. Denn hier würden wir auf die Regeln der Welthandelsorganisation zurückfallen.

Das hätte welche Folgen für Bosch?
Ein No-Deal-Szenario würde für uns Mehrkosten im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich bedeuten – pro Jahr.

Wodurch entstünden diese Kosten?
Diese Kosten entstehen allein durch die Wiedereinführung von Zöllen sowie deren administrative Abwicklung. Es müssen also Abläufe umgestellt und dafür neue Mitarbeiter eingestellt werden. Weitere Mehraufwände können durch sogenannte nicht-tarifäre Handelshemmnisse hinzukommen, etwa durch unterschiedliche Zulassungsverfahren für Produkte und deren Regulierung.

Inwieweit betrifft das Thema Arbeitnehmerfreizügigkeit Bosch?
Wie viele andere Technologieunternehmen im Land auch haben wir schon jetzt offene Stellen im hochqualifizierten Bereich, die schwer zu besetzen sind. Großbritannien hat eine Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent, das entspricht Vollbeschäftigung. Bislang konnten wir Mitarbeiter für komplexe technische Bereiche auch aus dem EU-Ausland anwerben. Ob das nach dem Brexit noch möglich sein wird, wissen wir nicht. Das ist eine Herausforderung, die nicht nur uns betrifft, sondern die ganze Wirtschaft.

Sie selbst waren als Vertreter der Wirtschaft mehrfach zu Gesprächen mit der Premierministerin eingeladen. Haben Sie den Eindruck, dass die Regierung die Bedürfnisse und Anliegen der Unternehmer beachtet?
Es besteht heute großes Interesse der britischen Regierung an einem intensiven sachlichen Austausch mit der Wirtschaft. Wir sehen es auch positiv, dass die britische Regierung kürzlich einen Vorschlag für die zukünftige Beziehung vorgelegt hat. Das ist eine Basis für weitere Verhandlungen. Ich hoffe, dass diese nun schnell zu einer tragfähigen Lösung für die Wirtschaft führen.

Halten Sie denn die in dem Papier gemachten Vorschläge – etwa zu der unterschiedlichen Verzollung von Produkten je nach Zielbestimmung – für realisierbar?
Es ist Sache der Politik, diese Vorschläge zu bewerten. Einige Vorschläge wirken allerdings aus meiner Sicht sehr komplex.

Was wäre denn aus Boschs Sicht die beste Lösung für den Brexit?
Wir wünschen uns eine Vereinbarung, mit der der Handel zwischen der EU und Großbritannien auch in Zukunft so reibungslos erfolgt, wie das heute der Fall ist. Und das betrifft eben nicht nur Zölle. Wenn in Großbritannien eigene Regulierungsvorschriften eingeführt werden, die nur für diesen Markt gelten, wäre das ein Problem.

Haben Sie konkret schon Auswirkungen des Brexits bemerkt?
Unser Umsatz in Großbritannien im vergangenen Jahr lag bei rund vier Milliarden Euro, wechselkursbereinigt ist er gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent gestiegen. Der Automobilbereich lief gut. Im Konsumgüterbereich war es schwieriger. Das kann auch auf den Brexit zurückzuführen sein. Durch das niedrigere Pfund haben die Verbraucher weniger Geld zur Verfügung.

Wie sind Ihre Prognosen für dieses Jahr?
Wir rechnen für dieses Jahr weiterhin mit einem Wachstum, wenngleich nicht mehr so stark wie 2017.

Haben Sie denn die Preise angehoben?
Wenn eine Währung um 15 Prozent abwertet, muss der Markt und damit auch die Unternehmen reagieren. Auch wir haben dies in einzelnen Fällen getan.

Wie sieht es denn mit Boschs Ausgaben aus? Haben Sie Ausgaben oder Investitionen aufgeschoben?
An laufenden Investitionen für den Betrieb unserer sieben Werke haben wir festgehalten. Allerdings hatten wir geplant, eine neue Regionalzentrale für Großbritannien direkt neben dem jetzigen Gebäudekomplex zu bauen, der teilweise aus einer Lagerhalle der London Film Studios entstanden ist. Dafür wollten wir 35 Millionen Pfund investieren. Diese Investition haben wir jetzt erst einmal zurückgestellt.

Denken Sie denn, dass der Brexit noch rückgängig gemacht wird?
Das ist die 100-Millionen-Pfund-Frage. Die Diskussion bleibt dynamisch, im Grundsatz ist noch alles möglich. Unser Ziel ist es, auch weiterhin die Nachfrage unserer Kunden zu bedienen. Bosch ist seit 1898 in Großbritannien. Wir werden bleiben.

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