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Strafzölle in den USA Europas Stahlhersteller verurteilen Trumps „nackten Protektionismus“

Die europäischen Stahlhersteller reagieren empört auf die bevorstehenden Strafzölle in den USA. Ihre größte Sorge: Eine Stahlschwemme in den Heimatmärkten.
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Die Aktien von deutschen Stahlherstellern reagierten mit Verlusten auf die angekündigten US-Strafzölle. Quelle: AP
Thyssen-Krupp

Die Aktien von deutschen Stahlherstellern reagierten mit Verlusten auf die angekündigten US-Strafzölle.

(Foto: AP)

DüsseldorfNach mehreren Drohungen macht US-Präsident Donald Trump nun ernst – und belegt Stahl- und Aluminiumimporte aus der Europäischen Union, Kanada und Mexiko mit Strafzöllen. Wer entsprechende Produkte importiert, wird künftig Preisaufschläge in Höhe von zehn Prozent auf Aluminium beziehungsweise 25 Prozent auf Stahl zahlen müssen.

Betroffen sind in Europa vor allem deutsche Hersteller: Für sie sind die USA das größte Abnehmerland außerhalb der EU. Von den rund 33 Millionen Tonnen Stahl, die die deutschen Hersteller pro Jahr produzieren, gehen rund 1,3 Millionen Tonnen in die USA – das sind rund vier Prozent. Wie viel davon künftig noch nach Amerika geliefert werden kann, ist derzeit noch unklar.

Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl) schimpft: „Damit wird Stahlunternehmen aus Deutschland und der EU der Zugang zum wichtigen US-Markt erschwert.“ Trumps Maßnahmen seien ein protektionistischer Eingriff in den Welthandel – und mit dem Recht der Welthandelsorganisation (WTO) nicht vereinbar, so Kerkhoff.

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Noch schärfere Worte findet Axel Eggert, Generaldirektor des europäischen Stahlverbands Eurofer: „Die US-Maßnahmen sind nackter Protektionismus. Heute ist ein schlechter Tag für das Welthandelssystem.“

Tatsächlich musste Trump einen Kniff vornehmen, um die Zölle einführen zu können. Er erklärte die Stahl- und Aluminiumproduktion zur Frage der nationalen Sicherheit – und hebelte so die Regeln der WTO, die den Schutz entsprechender Güter grundsätzlich erlaubt, einfach aus.

Kerkhoff erwidert: Der Vorwurf, EU-Importe bedrohten die nationale Sicherheit der USA, sei grotesk. Unterstützung erhält er von Gabriel Felbermayr, Leiter des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft: „Es ist zweifelhaft, wie die Zölle gerechtfertigt werden können.“

Laut WTO-Regeln müsse für entsprechende Zölle ein kurzfristiger Anstieg der Importmenge nachgewiesen werden. Doch: „Eine Importschwemme ist bei Stahl und Aluminium nicht zu beobachten.“ Zwar habe es einen starken Anstieg seit 2009 gegeben – allerdings nur bezogen auf das Niveau von 2006, kurz vor der Wirtschaftskrise.

Auch US-Unternehmen leiden unter den Zöllen

An der Börse wurden Trumps Worte umgehend vernommen. Zwar heißt es schon länger aus den Unternehmen, die direkten Folgen der Zölle seien angesichts der gelieferten Mengen zu vernachlässigen. Aktien von deutschen Produzenten wie Thyssen-Krupp und Salzgitter verloren am Donnerstag dennoch 1,2 beziehungsweise zwei Prozent an Wert. Papiere von Herstellern wie Arcelor-Mittal hingegen, die selbst Werke in den USA betreiben, blieben nahezu unverändert.

Trotz der Bedeutung des US-Markts für deutsche Hersteller: In Europa werden nun weniger sinkende Einnahmen als viel mehr Handelsumlenkungen aus anderen Ländern befürchtet, die durch die Abschottung des US-Markts nun nach Europa exportieren könnten.

Es sei nun deshalb wichtig, die europäischen Hersteller vor Stahlimporten zu schützen, die sonst traditionell in die USA geliefert wurden, erklärt Kerkhoff. Im Sinn hat er dabei sogenannte Safeguard-Maßnahmen, nach denen die EU selbst Zölle einführen könnte.

Schon im März brachte die EU ein entsprechendes Programm auf dem Weg, mit dem die Handelsströme für Stahl und Aluminium gemessen werden. Verändert sich die Importmenge aus einem Land plötzlich, kann die EU mit Zöllen oder Importquoten reagieren – und so die heimischen Hersteller vor einer Stahlschwemme aus anderen Ländern schützen.

Der derzeit größte Stahllieferant der USA ist Kanada, gefolgt von Brasilien, Südkorea, Mexiko, Russland und der Türkei. Vor allem die letzten beiden könnten wegen der geografischen Nähe schnell auf den europäischen Markt drängen – zusammen machen sie etwa 14 Prozent der US-Importe aus, das sind fast fünf Millionen Tonnen.

Zu kämpfen haben künftig aber auch US-Unternehmen: 2017 führten sie rund 34,6 Millionen Tonnen Stahl in die USA ein. Eurofer schätzt, dass die US-Importe nach dem Inkrafttreten der Handelsbeschränkungen „von heute auf morgen“ um 50 Prozent einbrechen könnten – diese Menge könnte wohl nicht ohne Zeitverzug in den USA produziert werden. Wegen des knappen Angebots dürften die Preise kurzfristig steigen.

Hinzu kommt: Manche hochqualitativen Stahlsorten sind in den USA gar nicht zu bekommen. Auch wer auf diese Sorten angewiesen ist, dürfte künftig also mindestens 25 Prozent mehr bezahlen, wenn die Zölle unvermindert an die US-Kunden weitergegeben werden.

Angst vor Eskalation des Konflikts

Der westdeutsche Hersteller Saarstahl hatte bereits vor Trumps Ankündigung Gespräche mit US-Kunden darüber geführt, ob sie im Falle eines Zolls von 25 Prozent weiter bestellen würden. Das Ergebnis: 75 Prozent seiner US-Exporte wird Saarstahl aller Voraussicht nach erst einmal weiter abliefern – allerdings mit entsprechendem Preisaufschlag. Abgesagt hatten nur fünf von 30 US-Kunden des Konzerns.

Langfristig aber werde die Exportmenge in die USA für Saarstahl infolge der Zölle womöglich auf die Hälfte schrumpfen, wenn die US-Hersteller ihre Kapazitäten entsprechend ausbauen, so die Kalkulation des Unternehmens. Ob das tatsächlich passiert, ist allerdings fraglich.

So rechnet etwa Nicole Voigt, Stahlexpertin und Partnerin bei der Strategieberatung Boston Consulting vor: „Wenn ein Unternehmen beschließt, ein Stahlwerk zu bauen, gibt es einen Planungshorizont von zehn bis 15 Jahren.“ Trump ist allerdings im Höchstfall noch sieben Jahre im Amt – das macht größere Investitionen zu einem unkalkulierbaren Risiko.

Als weiteres Risiko sehen viele Unternehmen auch eine mögliche Eskalation des Konflikts. So haben Mexiko, Kanada und auch Europa bereits Vergeltungszölle auf US-Produkte als Antwort ins Spiel gebracht.

Thilo Brodtmann, Geschäftsführer beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), fordert allerdings: „Die EU sollte nun umso energischer für einen regelbasierten Freihandel im Rahmen der WTO eintreten.“ Gegenmaßnahmen seien hinsichtlich ihrer Angemessenheit zu überprüfen. „Wir brauchen ein schlankes Freihandelsabkommen, das Zölle abbaut.“ Auch Hans Jürgen Kerkhoff vom WV Stahl fordert: „Es muss schnellstmöglich eine WTO-Entscheidung herbeigeführt werden.“

Allerdings: Sollte die Europäische Union eine Klage gegen die USA vor der WTO erwägen, gebe es ein Problem, so Marc Bungenberg, Professor für Handelsrecht am Europa-Institut der Saarland-Universität. Denn die USA dürften dagegen Einspruch einlegen – und das Schlichtungsgremium der WTO könnte im kommenden Jahr seine Beschlussfähigkeit verlieren. Seit Monaten blockieren die USA die Neubesetzung der entsprechenden Posten.

Und so bleibt die Hoffnung auf ein Schlichtungsverfahren vor der WTO in ferner Zukunft womöglich nur ein frommer Wunsch. Die Zölle hingegen sind Realität – ab Freitag, 0 Uhr, Ortszeit Washington.

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