Technologiekonzern Starkes Service-Geschäft rettet Siemens die Bilanz

Besonders im Turbinenbau kämpft der Industriekonzern mit Problemen. Immerhin kann sich Siemens auf andere Geschäftssparten verlassen, die die Verluste auffangen.
Update: 08.11.2018 - 17:52 Uhr Kommentieren
Das „sehr, sehr robuste Servicegeschäft“ schützt die defizitäre Kraftwerksparte, sagt der Siemens-Chef. Quelle: AFP
Joe Kaeser

Das „sehr, sehr robuste Servicegeschäft“ schützt die defizitäre Kraftwerksparte, sagt der Siemens-Chef.

(Foto: AFP)

MünchenIn der Rekordzeit von knapp 28 Monaten hat Siemens vor einiger Zeit in der ägyptischen Wüste drei Gas- und Dampfkraftwerke gebaut. Die Gasturbinen liefern nun schon seit anderthalb Jahren Strom. Doch der Rekordauftrag stabilisiert bis heute die Beschäftigung in der Kraftwerkssparte. Es ist das „sehr, sehr robuste Servicegeschäft“, das laut Konzernchef Joe Kaeser die Krisen-Division vor noch größeren Problemen bewahrt.

Anders ausgedrückt: Die Lage bei „Power and Gas“ (PG) ist und bleibt ernst. Das zeigt die Bilanz 2017/18, die Kaeser am Donnerstag vorstellte. Der Umsatz der Division brach um 14 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro ein. Während sechs von acht Siemens-Geschäften ihren Gewinn steigerten, brach das operative Ergebnis im Kraftwerksbau von 1,6 Milliarden Euro auf 377 Millionen Euro ein.

Im Schlussquartal, also zwischen Juli und September, machte PG wegen der Kosten für den geplanten Stellenabbau sogar einen Verlust von 139 Millionen Euro.

GE steht schlechter da

Und doch sprechen manche im Konzern davon, dass die Kraftwerkssparte noch mit einem blauen Auge davongekommen sei. Eine Aussage, die wohl auf einen Vergleich mit dem Konkurrenten General Electric zielt, der nach der Übernahme von Alstom Weltmarktführer bei großen Gasturbinen ist. Dort sackte der Quartalsumsatz im „Power“-Segment um 33 Prozent auf 5,7 Milliarden Dollar ab.

Zudem machte die Sparte einen operativen Verlust von 631 Millionen Dollar, nach einem Gewinn von 464 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum. GE verkündete zugleich eine Abschreibung von 22 Milliarden Dollar in der Energiesparte, die den Konzern in die Verlustzone stürzte.

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Siemens erzielte dagegen bei PG zuletzt immer noch eine operative Umsatzrendite von fünf Prozent – zumindest, wenn man die Kosten für die Personalrestrukturierung herausrechnet. Das könne sich in der Branche sehen lassen, sagte Kaeser. Für eine Abschreibung analog zu der bei GE sieht er keine Notwendigkeit.

Hintergrund der Probleme bei beiden Unternehmen ist der Markteinbruch bei großen Gasturbinen. In Boomzeiten hatten die großen Anbieter Kapazitäten für 400 Stück im Jahr aufgebaut. Im Siemens-Fiskaljahr, das am 30. September endete, verkauften alle Anbieter weltweit gerade einmal gut 100 Stück – Tendenz fallend. Die Folge der Überkapazitäten ist ein gnadenloser Preiskampf.

So macht laut Industriekreisen auch Siemens im Neugeschäft operative Verluste. Ohne den Service dürfte die Sparte laut Branchenschätzungen auf einen hohen dreistelligen Millionenverlust kommen. Siemens hat weltweit den Abbau von 6900 Arbeitsplätzen angekündigt. Von den 2900 in Deutschland betroffenen Jobs entfallen gut 2300 auf die Kraftwerkssparte.

Aktuell profitieren die Standorte allerdings vom Service. In Berlin werden zum Beispiel auch Turbinen gewartet. Etwa 1400 der 3800 Beschäftigten hier arbeiten im Service. Auch Ägypten hatte mit Siemens einen langfristigen Vertrag abgeschlossen. Auf den Service entfallen etwa 30 Prozent des Gesamtauftragsvolumens von acht Milliarden Euro, das auch Windräder beinhaltet.

Siemens sicherte sich vor wenigen Wochen zudem den Betrieb der Kraftwerke. Insgesamt hat Siemens bei PG derzeit einen Auftragsbestand von etwa 40 Milliarden Euro – davon ein Großteil Service.

Wie es langfristig mit der Siemens-Kraftwerkssparte weitergeht, ist offen. Finanzvorstand Ralf Thomas deutete an, dass die Nachfrage am Ende darüber entscheiden werde, wie viel man in die Innovationskraft investieren werde.

In Branchenkreisen wird schon länger diskutiert, ob es für Anbieter wie Siemens und GE mit Alstom sinnvoll ist, in die kostspielige Entwicklung von riesigen Gasturbinen zu investieren, die dadurch vielleicht noch einen kleinen Tick effizienter werden. Siemens hatte zuletzt mit der sogenannten H-Klasse einen Weltrekord bei der Effizienz erzielt, dann legte GE nach – allerdings mit Problemen im Betrieb der neuen Anlagen.

Zukunft der Turbinen offen

Manche Branchenkenner fragen sich auch, ob die großen Gasturbinen auf lange Sicht überhaupt noch ins Portfolio des immer digitaleren Siemens-Konzerns passen. Ein Verkauf der Sparte ist aber derzeit kaum vorstellbar, da alle Anbieter mit eigenen Überkapazitäten kämpfen.

Siemens steht hier auch nicht unter Druck, da die übrigen Geschäfte zumeist gut laufen. „Es ist nun schon das fünfte Jahr in Folge, dass wir die Prognose erreichen oder übertreffen, selbst wenn wir sie unterjährig angehoben hatten“, lobte sich Kaeser bei der Bilanzvorlage selbst. Sein Vorgänger Peter Löscher hatte 2013 nach mehreren Gewinnwarnungen gehen müssen.

Unter Kaeser erreichte Siemens dagegen auch 2017/18 die selbst gesteckten Ziele. Der Umsatz legte um vergleichbar zwei Prozent auf 83 Milliarden Euro zu. Kaeser hatte einen leichten Anstieg der Erlöse angekündigt. Der Auftragseingang wuchs sogar um acht Prozent auf 91,3 Milliarden Euro.

Der moderate Wachstumskurs sollte sich also allen konjunkturellen Unsicherheiten zum Trotz fortsetzen. Im Schlussquartal steigerte Siemens den Umsatz um fünf Prozent auf 22,6 Milliarden Euro.
Damit kann sich der Konzern im Branchenvergleich sehen lassen.

Bei GE war der Umsatz im dritten Quartal um vier Prozent auf 29,6 Milliarden Dollar gesunken. Der Schweizer Konkurrent ABB steigerte die Erlöse dagegen unter anderem wegen Zuwächsen in der Robotersparte um drei Prozent auf 9,3 Milliarden Dollar.

Auch beim Gewinn macht Siemens insgesamt Fortschritte. Glänzend liefen vor allem die Geschäfte in der Division Digitale Fabrik. Auch in Sparten wie der Bahn- und der Gebäudetechnik lief es gut. Das operative Ergebnis im industriellen Geschäft sank zwar von 9,3 auf 8,8 Milliarden Euro. Doch das lag vor allem an den Kosten für den Stellenabbau.

Mit einer Ergebnismarge von 11,3 Prozent lag Siemens innerhalb der eigenen Prognose, die von elf bis zwölf Prozent reichte. Diese Spannbreite ist auch die Vorgabe für das laufende Geschäftsjahr, bei moderat steigendem Umsatz. Kaeser wird den Ehrgeiz haben, seine Ziele auch im sechsten Jahr zu erreichen.

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