Tesla Die Pläne von Elon Musk lassen Experten rätseln

Der Tesla-Chef erwägt, die Firma von der Börse zu nehmen – und behauptet, die Finanzierung sei gesichert. Experten wundern sich darüber.
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Bei einem Aktienkurs von 420 Dollar will der Milliardär Tesla von der Börse nehmen – das twittert er zumindest. Quelle: AFP
Elon Musk

Bei einem Aktienkurs von 420 Dollar will der Milliardär Tesla von der Börse nehmen – das twittert er zumindest.

(Foto: AFP)

New York, Frankfurt, DüsseldorfEs war noch Vormittag in Kalifornien, als Elon Musk am Dienstag per Twitter mal wieder für Aufsehen sorgte. Er erwäge, so schrieb der Tesla-Chef, den E-Auto-Hersteller bei einem Aktienkurs von 420 Dollar von der Börse zu nehmen. „Die Finanzierung ist gesichert“, versprach er. Die Aktie schoss in die Höhe, wurde sogar kurz vom Handel ausgesetzt und endete mit fast elf Prozent im Plus.

Seitdem rätseln Aktionäre und Beobachter, wie ernst die Pläne des 47-Jährigen sind – und wie er den Abgang von der Börse umsetzen will. Schließlich wäre das Unternehmen bei dem angepeilten Aktienkurs mehr als 70 Milliarden Dollar wert.

Dass der mitunter flapsige Tesla-Chef seinen Tweet diesmal durchaus ernst meinen könnte, darauf deuten die folgenden Kurznachrichten und die E-Mail an die Mitarbeiter hin, die Musk im Unternehmensblog veröffentlicht hat. Darin erklärt er, dass die bisherigen Aktionäre in einen Extrafonds beim Privatunternehmen Tesla wechseln könnten.

Ein ähnliches Modell funktioniere bereits bei seinem Raumfahrtunternehmen Space X. „Meine Hoffnung ist, dass alle aktuellen Aktionäre bei Tesla bleiben, auch wenn wir privat sind“, schreibt er.

Als Grund für den Schritt nennt Musk ein besseres Umfeld zum Arbeiten. „Als börsennotiertes Unternehmen sind wir wilden Schwankungen unseres Aktienpreises ausgesetzt, und das kann eine große Ablenkung für alle sein, die bei Tesla arbeiten, die auch alle Aktionäre sind.“ Außerdem sei der Druck der Quartalsergebnisse enorm und führe nicht immer zu den besten Entscheidungen auf lange Sicht.

Die Mitarbeiter hätten als Aktionäre des Spezialfonds alle sechs Monate die Chance, ihre Beteiligungen zu liquidieren oder Anteile zuzukaufen. Das Gleiche gelte für Aktionäre, die dabeibleiben wollten, wenn Tesla die Aktien von der Börse nimmt. Dabei soll der Abschied nicht unbedingt für immer sein.

„In Zukunft, wenn Tesla in die Phase eines langsameren, besser vorhersehbaren Wachstums eintritt, wird es wahrscheinlich wieder sinnvoll sein, an die Börse zurückzukehren“, schreibt er. Musk weist auch darauf hin, dass das Vorhaben erst noch von den Aktionären genehmigt werden muss.

Es gibt aber noch andere offene Punkte. So fragen sich Beobachter, wer die geplante Transaktion finanzieren soll. Nach Abzug des Anteils von Musk würde der Tesla-Deal einer fremdfinanzierten Übernahme von rund 66 Milliarden Dollar entsprechen, erklärt ein US-Investmentbanker. Eine so große Transaktion unter Einsatz von viel Fremdkapital sei auch im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) außergewöhnlich und derzeit kaum zu stemmen.

Banken kämen für die Finanzierung nicht infrage, weil die Verbindlichkeiten von Tesla viel höher sind als der Cashflow. „Auch Private-Equity-Fonds werden sich nicht beteiligen, denn die wollen ebenfalls positive Cashflows sehen“, meint der Investmentbanker. Außerdem brauche man mehrere milliardenschwere Beteiligungsfonds für so eine Transaktion, aber solche „Club-Deals“ seien vollkommen aus der Mode gekommen, weil es schwer sei, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen.

Der Plan an sich sei nicht falsch, meint ein anderer US-Investmentbanker. Tesla habe ein langfristiges Geschäftsmodell in einer Branche mitten im Umbruch. Dazu passten keine Quartalsergebnisse.

„Jetzt muss man den bestehenden Investoren sagen: Ihr bekommt ein illiquides Asset gegen das liquide Asset der Aktie“, so der Banker. „Die Indexfonds machen da nicht mit und gehen raus, langfristige Investoren bleiben an Bord.“ Wahrscheinlich kämen Staatsfonds infrage oder vielleicht ganz große Venture-Fonds.

Auch Überraschungen will der Banker nicht ausschließen, etwa dass Apple einen Anteil übernimmt. Andere Automobilhersteller seien dagegen zu niedrig bewertet für einen Einstieg bei Tesla.

Ein europäischer Investmentbanker meint, dass Wagniskapitalgeber oder Schwergewichte wie Softbank oder auch Staatsfonds infrage kämen. Erst am Dienstag war bekannt geworden, dass sich der saudi-arabische Staatsfonds mit zwei Milliarden Dollar an Tesla beteiligt hat. „Vielleicht wollte Musk auch nur die vielen Shortseller schockieren, die auf weiter fallende Aktienkurse spekulieren“, so der Banker.

Experten: Delisting realistisch

Wiederholt hatte Musk gegen diese Leerverkäufer, aber auch gegen andere Skeptiker gewettert und ihnen Lust am Untergang vorgeworfen. Erst jüngst stichelte er auf Twitter gegen den Milliardär und einflussreichen Hedgefondsmanager David Einhorn. Dieser hatte in einem Brief an seine Anleger eingeräumt, mit fortgesetzten Wetten gegen Tesla schiefgelegen zu haben – eben weil sich die Aktie trotz aller Verluste der Firma immer wieder erholt hatte.

Die Experten von Evercore halten ein Delisting von Tesla für realistisch. Wenn ein Unternehmen in der Lage ist, sich über private Kanäle zu finanzieren, gebe es keinen Grund, noch länger an der Börse zu bleiben. Das Investmenthaus geht in einem ersten Szenario davon aus, dass 50 bis 60 Prozent der bestehenden Tesla-Aktionäre dem Unternehmen bei einer Privatisierung die Treue halten könnten, inklusive Elon Musk mit seinem 20-Prozent-Anteil.

Um die restlichen Anteilseigner bei einem Kurs von 420 Dollar je Aktie auszahlen zu können, müsste Tesla 31 bis 39 Milliarden auftreiben. Evercore hält eine Mischfinanzierung für die wahrscheinlichste Lösung.

So könnte ein strategischer Investor ein Fünftel der Anteile übernehmen, private Investmentfirmen oder Staatsfonds wie jene von Norwegen, Katar oder China mit bis zu zehn Prozent einsteigen und die verbliebenen Milliarden in Form eines Fonds für kleinere Investoren abgedeckt werden. Unterstützer warnen davor, Elon Musk zu früh abzuschreiben.

„Es wird oft unterschätzt, wie viele Investoren bereit sind, Elon zu unterstützen und zu welchen Bedingungen. Soweit ich weiß, hat Tesla seit dem Börsengängig eine lange Liste von Investoren, die sich beteiligen wollen, wenn sie gefragt werden“, sagt Ion Yadigaroglu, Mitgründer der Capricorn Investment Group, die früh in Tesla investiert hat.

Es gibt aber auch kritische Stimmen. „Es ist nie gut, wenn ein Vorstandschef besessen davon ist, Shortseller zu vertreiben, als das Unternehmen zu führen“, warnt Matt Maley, Aktienstratege vom Vermögensverwalter Miller Tabak.

Analyst Frank Schwope von der NordLB sieht in Musks Ankündigungen ein Ablenkungsmanöver: „Es ist immer das gleiche Schema: Mit komischen Marketingaktionen versucht er die Tatsache zu überdecken, dass es in der Produktion von Tesla lange hakte.“

Der Autoexperte zweifelt daran, dass Tesla sein Versprechen, im dritten und vierten Quartal 2018 einen Gewinn auszuweisen, wirklich erfüllen kann. „Es kann zwar sein, dass er in einem Quartal mal mit Ach und Krach ein positives Ergebnis abliefert, aber das dürfte nicht nachhaltig sein. Die Strukturen im Unternehmen scheinen nicht zu stimmen.“

Im ersten Halbjahr 2018 verbuchte Tesla bei 7,4 Milliarden Dollar Umsatz einen Verlust von rund 1,4 Milliarden. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. In den ersten sechs Monaten hat Tesla zudem gut 1,1 Milliarden Dollar verbrannt. Die liquiden Mittel betragen aktuell nur noch 2,2 Milliarden Dollar, dem gegenüber stehen Schulden in Höhe von 22,6 Milliarden. Kritiker fürchten, dass Tesla 2019 schon wieder neues Kapital brauchen werde.

„In einer Zeit, in der Tesla wegen klammer Kassen bei Zulieferern um Rückzahlungen bettelt, halte ich es für unrealistisch, dass sich das Unternehmen von der Börse zurückzieht“, sagt der Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Er sieht in Musks Ankündigungen einen „Testballon“. Der Tesla-Chef sorge damit für Fantasie, weil er eigentlich finanziell mit dem Rücken zur Wand stehe. „Man kann nicht ausschließen, dass er bewusst den Kurs in die Höhe treibt. Denn eine Kapitalerhöhung ist für ein Unternehmen umso attraktiver, je höher der Aktienkurs ist“, erklärt Pieper. Und wann genau Tesla von der Börse soll, hat Musk bisher nicht dargelegt.

Auch die Frage, ob er eine so wichtige Entscheidung per Tweet mitteilen durfte, stellt sich. Tatsächlich erlaubt die SEC Unternehmen, relevante Nachrichten auch über die sozialen Medien zu verbreiten, sofern sie vorher den Aktionären mitgeteilt haben, dass sie diese Kanäle nutzen.

Viel wichtiger ist der Inhalt. So könnte die Behauptung, die Finanzierung sei gesichert, noch rechtliche Folgen haben. Sollte es keine konkrete Finanzierung geben, könnte dies als „Manipulation des Aktienkurses“ gesehen werden, mahnt der Rechtsprofessor der Columbia University John Coffee.

Auch die SEC könnte ein Verfahren wegen Kursmanipulation einleiten, wenn sie überzeugt ist, dass die Behauptung nicht von Fakten gedeckt ist. Wichtig sei hier, mit welcher Absicht Musk getwittert habe, sagte Harvey Pitt, der frühere Chef der Börsenaufsicht SEC, dem US-Börsensender CNBC. „Geht es nur darum, die Aktie nach oben zu treiben, könnte das Manipulation oder Wertpapierbetrug sein“, stellt Pitt klar.

Sollte die Börsenaufsicht eine Untersuchung starten, würden sich Pitts frühere Kollegen unter anderem die interne Kommunikation von Tesla-Managern anschauen, um zu klären, ob es tatsächlich genügend Mittel für die Finanzierung gibt, wie Musk behauptet. „Das sollte besser der Wahrheit entsprechen“, mahnt Pitt.

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